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Full text of "Menschheitsdammerung; symphonie jungster dichtung herausgegeben von Kurt Pinthus"

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;Dü Kä^l mich hoch geheut 

Du gibst mein Haupt in Deinen Schoß* 

tief meine Glieder in den Staub der Erde. 

All memo Stimmen jauchten Dir entgegen, 
Ich fühle tausend Segen niederrauschen, 
am fernsten Ohr der Welt lauscht meine Seele» 
Von Dir erhoben knie ich an der Sternentür: 
Herr, kröne mich mit Dir! 

Gott, 

Bruder, spricht dh stille Stimme in der Nacht. 
Mein Bruder, alle Wahrheit ist erwacht, 
aus Schutt und Asche glüht : ein Flammenturm empor, 
o Bruder, Menschen knien Dir am Ohr m brausenden Ge- 
beten! 
Menschen-Gott, 
gib viele Sünden, Dich au finden! 

KÜRT IIEYNICKB: GEDICHT 

Aufreißen will ich meinen Gang im Kreise, 

ein klarer Stein, der goldno Kette bricht, 

ich lebe nicht, 

ich bin schon lange tot im Bausch der Tage. 

Hoch heben meine Nachte ihre Stunden in die Ferne, 

aus blauen Schleiern glühen weiße Sterne 

und diamantne Schlangen schwimmen in umsonnten Hohen, 

In moiidbeglänzien Gärten tarnen goldne Farben, 

ihr Beigen wird äu süßen Abendmelodien. 

Das sind die Nächte, 

wo mich Liebe überströmt, 

Lieht» Liebe« Menschenliebe, Einsamkeiten. 

Das sind die Nächte, 

wo mich Gott sm Gaste hält 

Das ist die Welt, 

die hinter fernen Toren ihre Heimat hat 

Das sind die Stunden, 

die sich einsam heben, 

hoch ihre Augen in dm Ihspmng Gottes, 

das ist das Lehen, wenn dh Sinne fallen, 

und Gott entsteigt dm fernsten Nachtgestirnen. 

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MENSCHHEITS 
DÄMMERUNG 

SYMPHONIE 
JÜNGSTER DICHTUNG 

Herausgegehen von 

KURT PINTHUS 



BERLIN 
ERNST ROWOHLT VERLAG 




THE OHIO STATE 

UNIVERSITY 

LIBRARIES 



MENSCHHEITS 
DÄMMERUNG 

Symphonie jüngster Dichtung 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

KURT PINTHUS 



ERNST ROWOHLT VERLAG . BERLIN 



15. — 20. TAUSEND 



ZUVOR 

Der Herausgeber dieses Buches ist ein Gegner von Antho- 
logien ; — deshalb gibt er diese Sammlung heraus. 

Nicht werden hier — nach bisherigem Brauch' der Antho- 
logien — viele Dichter, die zufällig zur selben Zeit leben, in 
alphabetischer Folge je mit ein paar Gedichten aneinander- 
gereiht. Auch nicht sollen Gedichte zusammengestellt werden, 
die alle ein gemeinschaftliches Thema bindet (etwa Liebes- 
gedichte oder Revolutions-Lyrik). Dies Buch hat nicht den 
pädagogischen Ehrgeiz, Musterbeispiele guter Poesie zu bieten; 
es flicht nicht nach der Mode biederer Großväterzeit Blüten 
der Lyrik, noch Perlen der Dichtung zum Kranz. 

Sondern: Dies Buch nennt sich nicht nur „eine Samm- 
lung ". Es ist Sammlung!: Sammlung der Erschütterungen 
und Leidenschaften, Sammlung von Sehnsucht, Glück und 
Qual einer Epoche .— - unserer Epoche. Es ist gesammelte Pro- 
jektion menschlicher Bewegung aus der Zeit in die Zeit. Es 
soll nicht Skelette von Dichtern zeigen, sondern die schäu- 
mende, chaotische, berstende Totalität unserer Zeit. 

Stets war die Lyrik das Barometer seelischer Zustände, der 
Bewegung und Bewegtheit der Menschheit. Voranzeigend kün- 
dete sie kommendes Geschehen . . ., die Schwingungen der Ge- 
meinschaftsgefühle . . ., das Auf, Ab und Empor des Denkens 
und Sehnens. Dies empfand man in Deutschland so deutlich, 
daß man die Kultur ganzer Epochen nach der Art ihrer Dich- 
tung charakterisierte: Empfindsamkeit, Sturm und Drang, 
Romantik, junges Deutschland, Butzenscheibenpoesie. 

Die Geisteswissenschaften des ersterbenden 19. Jahrhunderts 
— verantwortungslos die Gesetze der Naturwissenschaften auf 
geistiges Geschehen übertragend — begnügten sich, in der 
Kunst nach entwicklungsgeschichtlichen Prinzipien und Be- 
einflussungen nur das Nacheinander, das Aufeinander sche- 
matisch zu konstatieren; man sah kausal, vertikal. 

Dieses Buch will auf andere Weise zur Sammlung kommen : 
Man horche in die Dichtung unserer Zeit. . ., man horche quer 
durch, man blicke rund herum, . . . nicht vertikal, nicht nach- 
einander, sondern horizontal; man scheide nicht das Aufein- 
anderfolgende auseinander, sondern man höre zusammen, zu- 
gleich, simultan. Man höre den Zusammenklang dichtender 



Stimmen : man höre symphonisch. Es ertönt die Musik unserer 
Zeit, das dröhnende Unisono der Herzen und Gehirne. 

Ebensowenig wie die Anordnung der Gedichte nach dem 
äußerlichen Schema des Alphabets erfolgte, durfte sie des- 
halb nach der Chronologie der einzelnen Gedichte oder Dich- 
ter, nach der Gruppierung literarischer Cliquen, nach der Fest- 
stellung gegenseitiger Beeinflussung oder formaler Gemein- 
samkeiten geschehen. Keine mechanische, historische Folge 
ward angestrebt, sondern dynamisches, motivisches Zusammen- 
klingen: Symphonie! 

Man möge also nicht nur auf die einzelnen Instrumente 
und Stimmen des lyrischen Orchesters lauschen: die auf- 
schwebende Sehnsucht der Violinen, die herbstlich-klagende 
Melancholie der Celli, die purpurnen Posaunen der Erweckung, 
das ironische Staccato der Klarinetten, die Paukenschläge des 
Zusammensturzes, das zukunftlockende Marciale der Trom- 
peten, das tiefe, dunkle Raunen der Oboen, den brausenden 
Sturzbach der Bässe, das rapide Triangelgeklingel und die 
bleckenden Beckenschläge genußgierigen Totentanzes. Sondern 
es kommt darauf an, aus den lärmenden Dissonanzen, den 
melodischen Harmonien, dem wuchtigen Schreiten der Akkorde, 
den gebrochensten Halb- und Vierteltönen — die Motive und 
Themen der wildesten wüstesten Zeit der Weltgeschichte her- 
auszuhören. Diese bewegenden Motive (zeugte sie ein inneres 
Geschehen aus uns heraus, oder ließ nur ein gleichgültiges 
Werden sie ungeheuer in uns erklingen?) variieren sich je 
nach Wesen und Wollen der Dichter, rauschen empor zum 
zersprengenden Fortissimo oder schwinden hin im beglücken- 
dem Dolice. Das Andante des Zweifels und der Verzweiflung 
steigert sich zum befreienden Fortissimo der Empörung, und 
das Moderato des erwachenden, erweckten Herzens erlöst sich 
zum triumphalen Maestoso der menschenliebenden Menschheit. 

Wenn in diesem Buche weder wahllos und ungesichtet die 
Stimmen der in unserer Zeit Dichtenden ertönen, noch die 
Dichtungen einer bewußt sich zusammenschließenden literari- 
schen Gruppe oder Schule gesammelt sind, so soll dennoch 
ein Gemeinsames die Dichter dieser Symphonie einen. Diese 
Gemeinsamkeit ist die Intensität und der Radikalismus des 
Gefühls, der Gesinnung, des Ausdrucks, der Form; und diese 
Intensität, dieser Radikalismus zwingt die Dichter wiederum 
zum Kampf gegen die Menschheit der zu Ende gehenden 

VI 



Epoche und zur sehnsüchtigen Vorbereitung und Forderung 
neuer, besserer Menschheit. 

Man erwarte also weder ein Gesamtbild der lyrischen Dich- 
tung unserer Zeit, noch eine nach (lügnerischen) absoluten 
Maßstäben der Qualitätsbeurteilung zusammengestellte Aus- 
wahl der besten zeitgenössischen Gedichte. Sondern charak- 
teristische Gedichte jener Jugend, die recht eigentlich als die 
junge Generation des letzten Jahrzehnts zu gelten hat, weil 
sie am schmerzlichsten an dieser Zeit litt, am wildesten klagte 
und mit; leidenschaftlicher Inbrunst nach dem edleren, 
menschlicheren Menschen schrie. 

Demnach mußten nicht nur alle epigonischen und eklek- 
tischen Dichter wegfallen, nicht nur die unzähligen, die sich 
damit beschäftigen, Gefühl, das nicht aus der Tiefe, sondern 
aus dem Herkömmlichen entspringt, in herkömmliche Reime 
zu bringen, sondern es war nötig, auch jene sehr begab teri 
Dichter auszuscheiden, die, willentlich jenseits oder über der 
Zeit stehend, schöne und große Gefühle zu ästhetisch voll- 
kommenen Gebilden oder zu klassischen Strophen formen. 
Ausgeschieden werden mußten auch alle die, deren Dichtung 
Kunstgewerbe des Worts, Ornament der Anschauung, gereimte 
Historie ist, ferner solche, die nur Zeitereignisse besingen oder 
freudig begleiten, kleine Spezialbegabungen und alle die, 
welche zwischen den Generationen stehen oder nicht den Mut 
zur selbständigen Formung haben. Aber wie die Epigonen der 
älteren Dichtung, so durften auch die Nachläufer der jüng- 
sten Dichtung nicht aufgenommen werden, die glauben, neu 
und jung zu sein, wenn sie problematische Vorbilder program- 
matisch nachahmen. 

Die Entscheidung darüber, welche Dichter zur vielfältigen 
Gemeinsamkeit der jungen Generation unserer Zeit zu zählen 
sind, kann nicht eine Angelegenheit der Altersfeststellung ein- 
zelner Dichter, noch eine Sache objektiv kritischer Analyse 
sein, sondern muß letzten Endes durch intuitives Gefühl und 
persönliches Urteil getroffen werden. Gerade weil diese per«^ 
sönliche Entscheidung nötig war, darf der Herausgeber aus 
seiner Anonymität hervortreten und zur weiteren Klärung 
einiges Persönliche sagen, um dann um so schneller ins All- 
gemeine führen zu können. 

Seit 10 Jahren las ich fast alle gedruckten lyrischen Bücher 
und sehr viele ungedruckte. Es schien nicht leicht, aus dieser 

VII 



Unzahl die Dichter zu bezeichnen, welche jene eigentliche 
Generation unserer Epoche ausmachen. Aber als ich inmitten 
der menschendurchtobten Stadt noch einmal die Hunderte von 
Gedichtbänden durchsah, konnte ich schließlich fast mit auto- 
matischer Sicherheit die für diese Generation wesentlichen 
Dichter vereinigen (auch wenn sie selbst sich dieser Gemein- 
samkeit nicht bewußt waren). Nachdem diese Abgrenzung ge- 
schehen war, gab es zwei Möglichkeiten der Sammlung: ent- 
weder ich konnte möglichst .viele Dichter dieser Generation 
aufnehmen, so daß jeder nur mit ganz wenigen Gedichten 
erschien; oder ich konnte möglichst wenige Dichter auswählen 
und jeden einzelnen mit möglichst vielen Gedichten auftreten 
lassen. Ich entschied mich für das zweite Prinzip, da es nicht 
nur ein vollständiges Bild der Zeitbewegung, sondern auch 
einen möglichst vollkommenen Umriß von der Begabung, 
Eigenart, Spannweite der einzelnen Dichter gewährte (so daß 
man an der Hand des alphabetischen Registers, trotzdem die 
Gedichte jedes Einzelnen durch das ganze Buch verstreut sind, 
sich wiederum von jedem Dichter urteilsgestattende, ge- 
schlossene Gestalt verschaffen kann). Deshalb wurden nach 
langem Abwägen aus der großen Schar dieser Generation, die 
sich oft selbst als gemeinsame Phalanx aufrief, für das Buch 
die selbständigsten und charakteristischsten ausgewählt, damit 
jene Mannigfaltigkeit der Motive und Formen entstehen 
konnte, aus der die geistige Symphonie der zerrissenen Tota- 
lität unserer Zeit zusammenstrahlt. 

Gegen zwei Dichter allerdings könnte man einwenden, daß 
sie jenseits dieser Generation stehen. Aber Else Lasker-Schüler 
läßt als Erste den Menschen ganz Herz sein, — und dehnt 
dennoch dies Herz bis zu den Sternen und zu allen Buntheiten 
des Ostens. Und Theodor Däubler gehört nicht zu denen, die 
den Kosmos schlechtweg besingen, sondern er durchwirkt die 
Welt so sehr mit Geist und Idee, daß er Natur und Mensch- 
heit noch einmal zu strotzend-unmateriellem Leben erschafft; 
er findet tiefe Möglichkeiten der Sprache, die nicht nur neu 
sind, sondern überraschend weit hinein in Wesen und Zu- 
sammenhang des Geschehens leuchten. 

Die ausgewählten Gedichte dieser etwa zwei Dutzend Dich- 
ter fügten sich schnell, beinahe von selbst, nach wenigen 
großen Motiven zu jener Symphonie zusammen, die „Mensch- 
heitsdämmerung" genannt wurde. Alle Gedichte dieses Buches 

VIII 



entquellen der Klage um die Menschheit, der Sehnsucht nach 
der Menschheit. Der Mensch schlechthin, nicht seine privaten 
Angelegenheiten und Gefühle, sondern die Menschheit, ist das 
eigentliche unendliche Thema. Diese Dichter fühlten zeitig, 
wie der Mensch in die Dämmerung versank . . ., sank in die 
Nacht des Untergangs . . ., um wieder aufzutauchen in die sich 
klärende Dämmerung neuen Tags. In diesem Buch wendet sich 
bewußt der Mensch aus der Dämmerung der ihm aufgedräng- 
ten, ihn umschlingenden, verschlingenden Vergangenheit und 
Gegenwart in die erlösende Dämmerung einer Zukunft, die 
er selbst sich schafft. 

Die Dichter dieses Buches wissen wie ich: es birgt unsere 
Jugend; freudig beginnendes, früh verschüttetes, zerstörtes 
Leben. Was in den letzten Jahren der Menschheit gar nicht 
oder nur dumpf bewußt war, was nicht in Zeitungen und 
Abhandlungen zu lesen stand: das ward in dieser Generation 
mit unbewußter Sicherheit Wort und Form. Das wissenschaft- 
lich nicht Feststellbare im Menschen — hier trat es prophe- 
tisch wahr und klar ans Licht. 

Deshalb ist dies Buch keine angenehme und bequeme Lek- 
türe, und der Einwand läßt sich leicht erheben, daß im 
letzten Jahrzehnt manche reiferen, vollkommeneren, qualitativ 
besseren Gedichte entstanden sind. Aber kann eine Dichtung, 
die Leid und Leidenschaft, Willen und Sehnsucht dieser Jahre 
zu Gestalt werden läßt, und die aus einer ideenlosen, ideal- 
losen Menschheit, aus Gleichgültigkeit, Verkommenheit, Mord 
und Ansturm hervorbrach, — kann diese Dichtung ein reines 
und klares Antlitz haben? Muß sie nicht chaotisch sein wie 
die Zeit, aus deren zerrissenem, blutigem Boden sie erwuchs? 

Ein virtuoser Philolog würde eine vollständige Charakteristik 
dieser Dichtung nur aus Zitaten dieses Buches mosaikartig zu- 
sammenstellen können. Doch soll nicht im voraus gesagt wer- 
den, was jeder wissen wird, wenn er das Buch gelesen hat. 
Auch sollen nicht die einzelnen Dichter der Reihe nach charak- 
terisiert werden; denn die meisten von ihnen sind zu reich 
und vielgestaltig, als daß sie für immer mit einigen einengen- 
den Schlagworten belastet einhergehen sollen. Aber ich will 
einen Querschnitt durch diese Poesien versuchen, so daß aus 
der grausamen Wunde des Schnittes das Wesentliche ent- 
strömt, was sie eint zur Dichtung dieser Epoche. 

Die Jünglinge dieser Generation fanden sich in einer Zeit, 

IX 



aus der jedes Ethos geschwunden war. Es galt, in jeder Si- 
tuation Haltung zu bewahren; möglichst umfangreich und 
mannigfaltig mußte die Menge des genießerisch Rezipierten 
sein; Kunst wurde ganz nach ästhetischem, Leben ganz nach 
statistisch materiellem Maß gemessen; und der Mensch und 
seine geistige Betätigung schienen nur da zu sein, um psycho- 
logisch, analytisch betrachtet, nach historischen Maximen de- 
finiert zu werden. Wenn einer der jungen Dichter versuchte, 
tiefer von der Oberfläche in sich einzudringen, zerbrach er 
unter der Last der Umwelt (Walter Gale). Zwar empfand 
man die Notwendigkeit, von der realistischen Schilderung der 
Umwelt, vom Auffangen der vor üb er jagenden Impressionen 
sich zu entfernen — und kam doch nur zur äußersten Diffe- 
renzierung und Sublimierung der zerlegten Genüsse, wodurch 
wiederum der Genuß vernichtet wurde(Hardekopf , Lautensack). 

Aber man fühlte immer deutlicher die Unmöglichkeit einer 
Menschheit, die sich ganz und gar abhängig gemacht hatte von 
ihrer eigenen Schöpfung, von ihrer Wissenschaft, von Technik, 
Statistik, Handel und Industrie, von einer erstarrten Gemein- 
schaftsordnung, bourgeoisen und konventionellen Bräuchen. 
Diese Erkenntnis bedeutet zugleich den Beginn des Kampfes 
gegen die Zeit und gegen ihr© Realität. Man begann, die 
Um-Wirklichkeit zur Un- Wirklichkeit aufzulösen, durch die 
Erscheinungen zum Wesen vorzudringen, im Ansturm des 
Geistes den Feind zu umarmen und zu vernichten. Und ver- 
suchte zunächst, mit ironischer Überlegenheit sich der Umwelt 
zu erwehren, ihre Erscheinungen grotesk durcheinander zu 
würfeln, leicht durch das schwerflüssige Labyrinth hindurch- 
zuschweben (Lichtenstein, Blaß) — oder mit varietehaften Zy- 
nismus ins Visionär© zu steigern (van Hoddis). 

Doch schon fühlten die gereizten und überempfindlichen 
Nerven und Seelen dieser Dichter deutlich auf der einen Seite 
das dumpfe Heranrücken der liebe- und freudeberaubten pro- 
letarischen Massen, von der andern Seite den heranrollenden 
Zusammenbruch einer Menschheit, die ebenso hochmütig wie 
gleichgültig war. Aus der strotzenden Blüte der Zivilisation 
stank ihnen der Hauch des Verfalls entgegen, und ihre ahnen- 
den Augen sahen bereits als Ruinen eine wesenlos auf- 
gedunsene Kultur und eine ganz auf dem Mechanischen und 
Konventionellen aufgetürmte Menschheitsordnung. Ein un- 
geheurer Schmerz schwoll empor — und am frühesten und 



klarsten in denen, die in dieser Zeit, an dieser Zeit starben: 
Heym hämmerte (nach Rimbauds und Baudelaires strengem 
Vorbild) Visionen des Todes, des Grauens, der Verwesung in 
zermalmende Strophen; Trakl glitt, nichiachtend der realen 
Welt, hölderlinisch in ein unendlich blaues Strömen tödlichen 
Hinschwindens, das ein Herbstbraun vergeblich zu rahmen 
trachtete; Stadler sprach und rang mit Gott und der Welt, 
sehnsuchtsgemartert, inbrünstig wie Jakob mit dem Engel ; Lich- 
tenstein quirlte in leidvoller Heiterkeit die Gestalten und Stim- 
mungen der Stadt zu bitterlustigen Tränken pchon in der bese- 
ligenden Gewißheit „groß über alles wandelt mein Mensch en- 
angesiicht"; und Lotz unter Wolken, aus Drangsal bürgerlichen 
Daseins, rief nach Glanz und Aufbruch. Immer fanatischer 
und leidenschaftlicher donnerte zerfleischende Klage und An- 
klage. Die Verzweiflungen Ehrensteins und Bechers rissen die 
düstere Welt mitten entzwei; Benn höhnte die faulende Ab- 
gebrauchtheit des Kadavermenschen und pries die unge- 
brochenen Ur-Instinkte; Stramm löste seine Leidenschaft vom 
Trugbild der Erscheinungen und Assoziationen los und ballte 
reines Gefühl zu donnernden Ein-Worten, gewitternden Ein- 
schlägen. Der wirkliche Kampf gegen die Wirklichkeit hatte 
begonnen mit jenen furchtbaren Ausbrüchen, die zugleich die 
Welt vernichten und eine neue Welt aus dem Menschen heraus 
schaffen sollten. 

Man versuchte, das Menschliche im Menschen zu erkennen, 
zu retten und zu erwecken. Die einfachsten Gefühle des Her- 
zens, die Freuden, die das Gute dem Menschen schafft, wurden 
gepriesen. Und man ließ das Gefühl sich verströmen in alle 
irdische Kreatur über die Erdoberfläche hin; der Geist ent- 
rang sich der Verschüttung und durchschwebte alles Ge- 
schehen des Kosmos, — oder tauchte tief in die Erscheinungen 
hinab, um in ihnen ihr göttliches Wesen zu finden. (So ver- 
knüpft sich die Jugend Hasenclevers, Stadlers, Werfeis, 
Schickeies , Klemms , Golls , Heynickes mit der Kunst der 
Älteren Whitman, Rilke, Mombert, Hille.) Immer deutlicher 
wußte man: der Mensch kann nur gerettet werden durch 
den Menschen, nicht durch die Umwelt. Nicht Einrichtungen, 
Erfindungen, abgeleitete Gesetze sind das Wesentliche und 
Bestimmende, sondern der Mensch! Und da die Rettung nicht 
von außen kommen kann — von dort ahnte man längst vor 
dem Weltkrieg Krieg und Vernichtung — , sondern nur aus 

XI 



den inneren Kräften des Menschen, so geschah die große Hin- 
wendung zum Ethischen. 

Während im Weltkrieg der gewußte Zusammenbruch sich in 
der Realität ereignete, war bereits die Dichtung wiederum 
der Zeit vorangestürmt : Aus den Ausbrüchen der Verfluchung 
brachen die Schreie und Aufforderungen zur Empörung, zur 
Entscheidung, zur Rechenschaft, zur Erneuerung (Becher, Ru- 
biner, Hasenclever, Zech, Leonhard, Heynicke, Otten, Werfel, 
Goll, Wolfenstein), nicht aus Lust an der Revolte, sondern um 
durch die Empörung das Vernichtende und Vernichtete ganz 
zu vernichten, so daß Heilendes sich entfalten konnte. Auf- 
rufe zum Zusammenschluß der Jugend, zum Aufbruch einer 
geistigen Phalanx ertönten; nicht mehr das Individuelle, son- 
dern das allen Menschen Gemeinsame, nicht das Trennende, 
sondern das Einende, nicht die Wirklichkeit, sondern der Geist* 
nicht der Kampf aller gegen alle, sondern die Brüderlichkeit 
wurden gepriesen. Die neue Gemeinschaft wurde gefordert. 
Und so gemeinsam und wild aus diesen Dichtern Klage, Ver- 
zweiflung, Aufruhr aufgedonnert war, so einig und eindring- 
lich posaunten sie in ihren Gesängen Menschlichkeit, Güte, Ge- 
rechtigkeit, Kameradschaft, Menschenliebe aller zu allen. Die 
ganze Welt und Gott bekommen Menschenangesicht : die Welt 
fängt im Menschen an, und Gott ist gefunden als Bruder — , 
selbst die Steinfigur steigt menschlich herab, die Stadt der 
Qualen wird zum beglückenden Tempel der Gemeinschaft, und 
triumphierend steigt das erlösende Wort empor: Wir sind! 

Jeder erkennt, wie ungeheuer weit der Bogen ist von Gales 
Verzweiflung „Und keine Brücke ist von Mensch zu 
Mensch" . . ., von Werfeis „Fremde sind wir auf der Erde 
alle" ... bis zu Bechers : „Keiner dir fremd, / Ein jeder dir 
nah und Bruder" . . . Klemms : „Wir kommen uns so nahe, 
wie sich nur Engel kommen können" . . . Heynickes : „Ich 
fühle, / endelos, / daß ich nicht einsam bin ... so nahe bist 
Du, / Bruder Mensch" . . . „Doch das Lächeln schlägt Bogen 
von mir zu Dir / . . . wir schenken einander das Ich und das 
Du — / ewig eint uns das Wort: / MENSCH." 

Es scheint, daß nachbetrachtende Darstellung stets den di- 
rekten Einfluß der Dichtung auf die realen Zeit- und Volks- 
ereignisse überschätzte. Die Kunst einer Zeit ist nicht Ver- 
ursacher des Geschehens (wie man das z. B. allzusehr von der 
revolutionären Lyrik aller Zeiten annahm), sondern sie ist 

XII 



voranzeigendes Symptom, geistige Blüte aus demselben Hu- 
mus wie das spätere reale Geschehen, — sie ist bereits selbst 
Zeit-Ereignis. Zusammenbruch, Revolution, Neuaufrichtung 
ward nicht von der Dichtung dieser Generation verursacht; 
aber sie ahnte, wußte, forderte dies Geschehen. Das Chaotische 
der Zeit, das Zerbrechen der alten Gemeinschaftsformen, Ver- 
zweiflung und Sehnsucht, gierig fanatisches Suchen nach 
neuen Möglichkeiten des Menschheitslebens offenbart sich in 
der Dichtung dieser Generation mit gleichem Getöse und glei- 
cher Wildheit wie in der Realität . . . , aber wohlgemerkt : nicht 
als Folge des Weltkriegs, sondern bereits vor seinem Beginn, 
und immer heftiger während seines Verlaufs. 

So ist allerdings diese Dichtung, wie manche ihrer Program- 
matiker forderten (und wie wurde dieser Ruf mißverstan- 
den !) : politische Dichtung, denn ihr Thema ist der Zustand der 
gleichzeitig lebenden Menschheit, den sie beklagt, verflucht, 
verhöhnt, vernichtet, während sie zugleich in furchtbarem Aus- 
bruch die Möglichkeiten zukünftiger Änderung sucht. Aber — 
und nur so kann politische Dichtung zugleich Kunst sein — dm 
besten und leidenschaftlichsten dieser Dichter kämpfen nicht 
gegen die äußeren Zustände der Menschheit an, sondern gegen 
den Zustand des entstellten, gepeinigten, irregeleiteten Men- 
schen selbst. Die politische Kunst unserer Zeit darf nicht ver- 
sifizierter Leitartikel sein, sondern sie will der Menschheit 
helfen, die Idee ihrer selbst zur Vervollkommnung, zur Ver- 
wirklichung zu bringen. Daß die Dichtung zugleich dabei mit- 
wirkte, gegen realpolitischen Irrsinn und eine entartete Ge- 
sellschaftsordnung anzurennen, war nur ein selbstverständ- 
liches und kleines Verdienst. Ihre größere überpolitische Be- 
deutung ist, daß sie mit glühendem Finger, mit weckender 
Stimme immer wieder auf den Menschen selbst wies, daß sie 
die verloren gegangene Bindung der Menschen untereinander, 
miteinander, das Verknüpftsein des Einzelnen mit dem Unend- 
lichen — zur Verwirklichung anfeuernd — in der Sphäre des 
Geistes wiederschuf. 

Demgemäß ist es natürlich, daß dies die Worte sind, die 
sich am meisten in ihr finden: Mensch, Welt, Bruder, Gott. 
Weil der Mensch so ganz und gar Ausgangspunkt, Mittel- 
punkt, Zielpunkt dieser Dichtung ist, deshalb hat die Land- 
schaft wenig Platz in ihr. Die Landschaft wird niemals hin- 
gemalt, geschildert, besungen; sondern sie ist ganz vermenscht: 

XIII 



sie ist Grauen, Melancholie, Verwirrung des Chaos, ist das 
schimmernde Labyrinth, dem Ahasver sehnsuchtsvoll sich 
entwinden will; und Wald und Baum sind entweder Orte 
der Toten, oder Hände, die zu Gott, zur Unendlichkeit hin- 
suchen. Mit rasender Schnelligkeit bewegt sich diese Dichtung 
vom fanatischen Kampfruf zum Sentimentalen, vom anarchi- 
schen Toben zur Didaktik des Ethischen, Wenig nur ist Freude 
und Glück in ihr; Liebe ist Schmerz und Schuld, — Arbeit 
wird zu gefühl vernichtender Qual; noch das Trinklied ist 
dumpfes Schuldbekenntnis ; und lichtere, frohere Töne erklin- 
gen nur aus der Sehnsucht nach dem Paradies, das verloren 
ist, und das doch vor uns liegt. 

Niemals war das Ästhetische und das L'art pour Fart-Prinzip 
so mißachtet wie in dieser Dichtung, die man die „jüngste" 
oder „expressionistische" nennt, weil sie ganz Eruption, Ex- 
plosion, Intensität ist — sein muß, um jene feindliche Kruste zu 
sprengen. Deshalb meidet sie die naturalistische Schilderung 
der Realität als Darstellungsmittel, so handgreiflich auch diese 
verkommene Realität war; sondern sie erzeugt sich mit ge- 
waltiger und gewaltsamer Energie ihre Ausdrucksmittel aus 
der Bewegungskraft des Geistes (und bemüht sich keineswegs, 
deren Mißbrauch zu meiden). Sie entschleudert ihre Welt . . . 
in ekstatischem Paroxismus, in quälender Traurigkeit, in 
süßestem musikalischen Gesang, in der Simultanität durchein- - 
anderstürzender Gefühle, in chaotischer Zerschmetterung der 
Sprache, grausigster Verhöhnung menschlichen Mißlebens, in 
flaggelantischschreiender, verzückter Sehnsucht nach Gott und 
dem Guten, nach Liebe und Brüderlichkeit. So wird auch das 
Soziale nicht als realistisches Detail, objektiv etwa als Elends- 
malerei dargestellt (wie von der Kunst um 1890), sondern es 
wird stets ganz ins Allgemeine, in die großen Menschheitsideen 
hingeführt. Und selbst der Krieg, der viele dieser Dichter zer- 
schmetterte, wird nicht sachlich realistisch erzählt; — er ist 
stets als Vision da (und zwar lange vor seinem Beginn), schwelt 
als allgemeines Grauen, dehnt sich als unmenschlichstes Übel, 
das nur durch den Sieg der Idee vom brüderlichen Menschen 
aus der Welt zu schaffen ist. 

Die bildende Kunst dieser Jahre zeigt dieselben Motive und 
Symptome, zeigt das gleiche Zersprengen der alten Formen und 
das Durchlaufen aller formalen Möglichkeiten bis zur Konse- 
quenz völliger Auflösung der Realität, zeigt den gleichen Ein- 

XIV, 



bruch und Ausbruch des Menschlichen und den gleichen Glau- 
ben an die lösende, bindende Macht des menschlichen Geistes, 
der Idee. Es geschah bereits, daß manche Versuche und Ent- 
artungen für nachahmende Nichtkönner zur leeren Form, zur 
Formel, zur geschäftsmäßigen Phrase wurden. Und Pathos, 
Ekstase, große Gebärde brechen nicht nur hervor und empor, 
sondern stürzen oftmals zusammen im Krampf, weil sie zur 
Form sich nicht verwesentlichen können. Immer wieder aber 
bläst in die ungeheure Eruption des Gefühls klärend und rei- 
nigend der Geist; erschallt aus dem Zerfallenden der Ruf nach 
der Gemeinsamkeit des Menschlichen; schwebt über dem ziel- 
losen Chaos der Gesang der Liebe. 

Und immer wieder muß gesagt werden, daß die Qualität 
dieser Dichtung in ihrer Intensität beruht. Niemals in der Welt- 
dichtung scholl so laut, zerreißend und aufrüttelnd Schrei, 
Sturz und Sehnsucht einer Zeit, wie aus dem wilden Zuge dieser 
Vorläufer und Märtyrer, deren Herzen nicht von den romanti- 
schen Pfeilen des Amor oder Eros, sondern von den Peinigungen 
verdammter Jugend, verhaßter Gesellschaft, aufgezwungener 
Mordjahre durchbohrt wurden. Aus irdischer Qual griffen ihre 
Hände in den Himmel, dessen Blau sie nicht erreichten; sie 
warfen sich, sehnsuchtsvoll die Arme ausbreitend, auf die Erde, 
die unter ihnen auseinanderbarst; sie riefen zur Gemeinschaft 
auf und fanden noch nicht zueinander; sie posaunten in die 
Tuben der Liebe, so daß diese Klänge den Himmel erbeben 
ließen, nicht aber durch das Getöse der Schlachten, Fabriken 
und Reden zu den Herzen der Menschen drangen. 

Freilich wird die Musik dieser Dichtung nicht ewig sein 
wie die Musik Gottes im Chaos. Aber was wäre die Musik 
Gottes, wenn ihr nicht die Musik des Menschen antwortete, 
die sich ewig nach dem Paradies des Kosmos sehnt . . . Von 
den vielen, vielen Dichtungen dieser Generation werden 
fast alle mit den verebbenden Stürmen ihrer Epoche unter- 
gegangen sein. Statt einiger großer leuchtender wärmender 
Gestirne wird Nachlebenden ihre Menge wie die von unzäh- 
ligen kleinen Sternen erschimmernde Milchstraße erscheinen, 
die fahlklärenden Glanz in wogende Nacht gießt. 

Keiner dieser Dichter kokettiert mit der Unsterblichkeit, 
keiner wirft sich den Triumphmantel mit distanzierend heroi- 
scher Gebärde um, keiner will als Olympier in edler Haltung 
entschweben; und wenn diese Dichter in ausschweifender Weit- 

XV 



schweif igkeit, in unmäßigem Fortissimo psalmodieren, stöh- 
nen, klagen, schreien, fluchen, rufen, hymnen — so geschieht 
es niemals aus Hochmut, sondern aus Not und Demut. Denn 
nicht sklavisches Kriechen, untätiges Warten ist Demut; son- 
dern es ist Demut, wenn einer hintritt und öffentlich aus- 
sagt, bekennt und fordert vor Gott und den Menschen, und 
seine Waffen sind nur sein Herz, sein Geist und seine Stimme. 

Als einer, der mitten unter ihnen stand, vielen durch Freund- 
schaft und allen durch Liebe zu ihren Werken verbunden, trete 
ich vor und rufe : Laßt es genug sein, die Ihr Euch selbst nicht 
genügtet, denen der alte Mensch nicht mehr genügte; laßt es 
genug sein, weil Euch diese zerklüftete, ausbrechende, zer- 
wühlende Dichtung nicht genügen darf I Laßt es nicht genug 
sein! Sondern helft, alle, voraneilend dem Menschheitswillen, 
einfacheres, klareres, reineres Sein zu schaffen. Denn jener 
Augenblick wird, muß kommen, da aus Beethovens Sympho- 
nie, die uns den Rhythmus unserer Jugend gab, im wildesten 
Chaos der tobenden Musik plötzlich die vox humana empor- 
steigt: Freunde, nicht diese Töne! Lasset uns ander« anstim- 
men und freudenvollere! 

Ihr Jünglinge aber, die Ihr in freierer Menschheit her- 
anwachsen werdet, folget nicht diesen nach, deren Schicksal 
es war, im furchtbaren Bewußtsein des Unterganges inmitten 
einer ahnungslosen, hoffnungslosen Menschheit zu leben, und 
zugleich die Aufgabe zu haben, den Glauben an das Gute, Zu- 
künftige, Göttliche bewahren zu müssen, das aus den Tiefen 
des Menschen quillt! So gewiß die Dichtung unserer Zeit diesen 
Märtyrer weg wandeln mußte, so gewiß wird die Dichtung der 
Zukunft anders sich offenbaren: sie wird einfach, rein und 
klar sein müssen. Die Dichtung unserer Zeit ist Ende und zu- 
gleich Beginn. Sie hat alle Möglichkeiten der Form durch- 
rast — , sie darf wieder den Mut zur Einfachheit haben. 
Die Kunst, die durch Leidenschaft und Qual der unseligsten 
Erdenzeit zersprengt wurde, — sie hat das Recht, reinere For- 
men für eine glücklichere Menschheit zu finden. 

Diese zukünftige Menschheit, wenn sie im Buche „Mensch- 
heitsdämmerung" („Du Chaos -Zeiten schrecklich edles Mo- 
nument") lesen wird, möge nicht den Zug dieser sehnsüch- 
tigen Verdammten verdammen, denen nichts blieb als die Hoff- 
nung auf den Menschen und der Glaube an die Utopie. 

Berlin, Herbst 1919. K.P. 

XVI 



STURZ UND SCHREI 



JAKOB VAN HODDiS : WELTENDE 

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, 
In allen Lüften hallt es wie Geschrei. 
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei, 
Und an den Küsten — liest man — steigt die Flut. 

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen 
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. 
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. 
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken. 



GEORG HEYM: UMBRA VITAE 

Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen 
Und sehen auf die großen Himmelszeichen, 
Wo die Kometen mit den Feuernasen 
Um die gezackten Türme drohend schleichen,, 

Und alle Dächer sind voll Sternedeuter, 
Die in den Himmel stecken große Röhren, 
Und Zauberer, wachsend aus den Bodenlöchern, 
Im Dunkel schräg, die ein Gestirn beschwören. 

Selbstmörder gehen nachts in großen Horden, 
Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen, 
Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden, 
Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen. 

Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile. 
Die Haare fallen schon auf ihren Wegen. 
Sie springen, daß sie sterben, und in Eile, 
Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen, 

Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere 
Stehn um sie blind und stoßen mit dem Hörne 
In ihren Bauoh. Sie strecken alle Viere, 
Begraben unter Salbei und dem Dorne. 

Die Meere aber stocken. In den Wogen 
Die Schiffe hängen modernd und verdrossen, 
Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen, 
Und aller Himmel Höfe sind verschlossen. 



Die Bäume wechseln nicht die Zeiten 
Und bleiben ewig tot in ihrem Ende, 
Und über die verfallnen Wege spreiten 
Sie hölzern ihre langen Finger-Hände. 

Wer Stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben, 
Und eben hat er noch ein Wort gesprochen, 
Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben? 
Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen. 

Schatten sind viele. Trübe und verborgen. 
Und Träume, die an stummen Türen schleifen, 
Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen, 
Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen. 

WILHELM KLEMM: MEINE ZEIT 

Gesang und Riesenstädte, Traumlawinen, 
Verblaßte Länder, Pole ohne Ruhm, 
Die sündigen Weiber, Not und Heldentum, 
Gespensterbrauen, Sturm auf Eisenschienen. 

In Wolkenfernen trommeln die Propeller« 
Völker zerfließen. Bücher werden Hexen. 
Die Seele schrumpft zu winzigen Komplexen. 
Tot ist die Kunst. Die Stunden kreisen schneller. 

O meine Zeit! So namenlos zerrissen. 
So ohne Stern, so daseinsarm im Wissen 
Wie du, will keine, keine mir erscheinen. 

Noch hob ihr Haupt so hoch niemals die Sphinx! 

Du aber siehst am Wege rechts und links 

Furchtlos vor Qual des Wahnsinns Abgrund weinen! 

JOHANNES R. BECHER: VERFALL 

Unsere Leiber zerfallen, 
Graben uns singend ein: 
Berauschte Abende wir, 
Nachtsturm- und meerverscharrt 
Heißes Blut vertrocknet, 
Eitergeschwür verrinnt. 



Mund Ohr Auge verhüllet 

Schlaf Traum Erde der Wind» 

Gelblich träger Würmer 

Enggewundener Gang. 

Pochen rollender Stürme, 

Wimpern blutrot lang. 

. . . „Bin ich zerbröckelnde Mauer s 

Säule am Wegrand die schweigt? 

Oder Baum der Trauer, 

Über den Abgrund geneigt?" . • « 

Süßer Geruch der Verwesung, 

Raum Haus Haupt erfüllend. 

Blumen, flatternde Gräser. 

Vögel, Lieder quillend. 

„Ja -— , verfaulter Stamm.,." 
Schimmel Geächz Gestöhn. 
Unter wimmelnder Himmel Flucht 
Furchtbarer Laut ertönt: 
Pauke. Tube Gedröhn. 
Donner. Wildflammiges Licht» 
Zimbel. Schlagender Ton. 
Trommelgeschrill. Das zerbricht» — 

Der ich mich dir, weite Welt, 
Hingab, leicht vertrauend, 
Sieh, der arme Leib verfällt, 
Doch mein Geist die Heimat schaut. 
Nacht, dein Schlummer tröstet mich s 
Mund ruht tief und Arm. 
Heller Tag, du lösest mich 
Auf in Unruh ganz und Harm. 

Daß ich keinen Ausweg finde, 
Ach, so weh zerteilt! 
Blende bald, bald blind und Binde« 
Daß kein Kuß mich heilt I 
Daß ich keinen Ausweg finde. 
Trag wohl ich nur Schuld: 
Wildstrom, Blut und Feuer wind 
Schande, Ungeduld. 



Tag, du herbe Bitternis 1 

Nacht, gib Traum und Rat! 

Kot Verzerrung Schnitt und Riß — * 

Kühle Lagerstatt . . . 

Alles muß noch ferne sein, 

Fern, o fern von mir — 

Blüh empor im Sternenschein, 

Heimat, über mir! 

Einmal werde ich am Wege stehn, 
Versonnen, im Arischaun einer großen Stadt* 
Ümronnen von goldener Winde Wehn. 
Licht fällt durch der Wolken Flucht matt. 
Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt . . « 
Meine Hände rühren 
An Himmel, golderfüllt, 
Sich öffnend gleich Wundertüren. 

Wiesen, Wälder ziehen herauf. 
Gewässer sich wälzen. Brücken. 
Gewölbe. Endloser Ströme Lauf. 
Grauer Gebirge Rücken. 
Rotes Gedonner entsetzlich schwillt. 
Drachen, Erde speiend. 
Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt. 
Empörung Lachen Geschrei. 

Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack. 

Knäuel. Gemetzel weit ... 

. .. „Wann erscheinest du, ewiger Tag? 

Oder hat es noch Zeit? 

Wann ertönest du, schallendes Hörn, 

Schrei du der Meerflut schwer? 

Aus Dichioht, Moorgrund, Grab und Dorn 

Rufend die Schläfer her?". . . 

GEORG HEYM: DER GOTT DER STADT 

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. 
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. 
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit 
Die letzten Häuser in das Land verirrn. 



Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal, 

Die großen Städte knieen um ihn her. 

Der Kirchenglocken ungeheure Zahl 

Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer. 

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik 

Der Millionen durch die Straßen laut. 

Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik 

Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut* 

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen. 
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt. 
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen 
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt. 

Er streckt ins Dunkel seine Fl eis eher f aus t„ 
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt 
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust 
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt. 



JOHANNES R. BECHER: BERLIN 

Der Süden wird verbluten in der Sonne Stunden. 
Der Taten Gott erzürnt aus Lavagrüften schlug. 
Es kreiset um das Land der Berge Flammenrunde. 
Da brachen auf wir schwarz, ein dünner Tolenzug. 

Der Süden ist bestimmt zu ewiger Trauer Schlafe. 
Wir haben unserer Träume Barken ausgebrannt. 
Wir winken mit den Fackeln nach dem stillen Hafen, 
Die streichet aus der Finsternisse Mutter hand. 

Des Südens Atem klebt an unseren krummen Rücken 
Mit Winden lau und dumpfer Glocken Grabgedröhn. 
Betrübet euch! Des Abends rote Nebelmücken 
Bestürmen euch mit Sang. Laßt uns vorübergehn! 

Maultiere brechen hart von schartigem Messergrate. 
Lawinen übertünchen uns mit Liebe weißem Fächer. 
Wildbäche überblitzen hoch der Brücken Drahte. 
Geysir e platzen aus der brüchigen Felsen Köcher,, 



Wir sanken morgens in der Spalten grüne Kammern. 
Wir tauchten mittags ein in Gletschermühle Becken. 
Es sauste nieder des Erdrutsches Keulenhammer. 
Des Winters Sturm riß uns aus wohlichtem Verstecke. 

In Höhlenlöchern warteten die zarten Wunder. 
Mit Gerten schlugen wir uns Labung aus dem Stein. 
Wir stürzten ab mit nasser Büschel Fleckenschrundee 
Wir starben in den Kelchen der- Enziane klein. 

Wir tauten auf beim Hirtengruß und dem Geblöke 
Der Herden. Aus der Blumen Grunde warmem Lauch 
Sog uns zu Funkengärten schräger Purpurkegel. 
Es trug uns Raub der neuen Heimat Wirbelhauch. 

Aus Dächerfirnen strahlt der Meere Glanzgebreite, 
Urwälder sind in Schlot und Balken hochgewachsen. 
Der Rauche rußiger Hain beschattet die Gemäuer. 
Der Krater Trichter schrumpften, schiefe Aschenzacken. 

Der Wiesen Fluren tanzen um als Wimmelplätze. 
In langer Straßen Schluchten weinen Abendröten. 
Ein Quellenstrudelschwarm zum Himmel hetzet 
Bei Keller tunnelnot und Krach der Speicherböden . . . 

Berlin! Du weißer Großstadt Spinnenungeheuer 1 
Orchester der Äonen 1 Feld der eisernen Schlacht l 
Dein schillernder Schlangenleib ward rasselnd aufgescheuert, 
Von der Geschwüre Schutt und Moder überdacht 1 

Berlin! Du bäumst empor dich mit der Kuppeln Faust, 
Um die der Wetter Schwärme schmutzige Klumpen ballen 1 
Europas mattes Herze träuft in deinen Krallen! 
Berlin! In dessen Brust die Brut der Fieber haust! 

Berlin! Wie Donner rattert furchtbar dein Geröchel! 
Die heiße Luft sich auf die schwachen Lungen drückt. 
Der Menschen Schlamm umwoget deine wurmichten Knöchel. 
Mit blauer Narben Kranze ist dein Haupt geschmückt! 

Wir wohnen mit dem Monde in verlassener Klause, 
Der wandelt nieder auf der Firste schmalem Joche. 
Der Tage graue Gischt zu sternenen Küsten brauset. 
Auf Winkel treppe ward ein Mädchen wüst zerstochen« 

8 



Wir lungern um die Stäatsgebäude voll Gepränge. 
Wir halten Bomben für der .Waagen Fahrt bereit. 
Die blonde Muse längs sich dem Kanäle schlängelt, 
Quecksilberlicht aus Läden lila sie beschneit. 

Auf Pflaster Nebeldämpfe feuchte Wickel pressen. 
Auf trägem Damme erste Stadtbahnzüge schnaufen. 
Die alten Huren mit den ausgefransten Fressen, 
Sie schleichen in den bleichen Morgen, den zerrauften . . . 

Stadt der Schmerzen in Verzweiflung düsterer Zeitl 
Wann grünen auf die toten Bäume mit Geklinge? 
Wann steigt ihr Hügel an in weißer Schleier Kleid? 
Eisflächen, wann entfaltet ihr der Silber Schwinge? 

Auf prasselnder Scheiter Haufen brennet der Prophet. 
Der Kirchen Türme ragen hager auf wie Galgen. 
Die Haare Flachs. Sein Leib auf Messingfüßen steht, 
Im Ofen heiß wie glühender Erzkoloß zerwalket. 

Und seine Stimme schwillt wie Wasserrauschen groß, 
Da löschet aus des Brandes Qual auf heiliges Zeichen. 
Ein fahles Schiff, das löset sich vom Ufer los, 
Sich das Gerüste hebt und in die Nacht entweichet. — 

Einst kommen wird der Tag! ... Es rufet ihn der Dichter, 
Daß er aus Ursprungs Schächten schneller her euch reise I 
Des Feuers Geist ward der Geschlechter Totenrichter. 
Es zerren ihn herauf der Bettler Orgeln heiser. 

Einst kommen wird der Tag! . . . Die himmlischen Legionen, 
Sie wimmeln aus der Wolken Ritze mit Geschmetter. 
Es schlagen zu mit Knall der Häuser Särgebretter. 
Zerschmeißen euch. Es hallelujen Explosionen. 

Einst kommen wird der Tag ! . . . Da mit des Zorns Geschrei 
Der Gott wie einst empört die milbige Kruste sprengt. 
Im Scherbenhorizonte treibt ein fetter Hai, 
Dem blutiger Leichen Fraß aus zackichtem Maule hängt. 

o 



ALFRED WOLFENSTEIN : STÄDTER 

Nah wie Löcher eines Siebes stehn 
Fenster beieinander, drängend fassen 
Häuser sich' so dicht an, daß die Straßen 
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn. 

Ineinander dicht hineingehakt 
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden 
Leute, wo die Blicke eng ausladen 
Und Begierde ineinander ragt. 

Unsre Wände sind so dünn wie Haut, 
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine, 
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle: 

Und wie stumm in abgeschloßner Höhle 

Unberührt und ungeschaut 

Steht doch jeder fern und fühlt: alleine. 

JAKOB VAN HODDIS: DIE STADT 

Ich sah den Mond und des Ägäischen 
Grausamen Meeres tausendfachen Pomp. 
All meine Pfade rangen mit der Nacht. 

Doch sieben Fackeln waren mein Geleit 
Durch Wolken glühend, jedem Sieg bereit. 

„Darf ich dem Nichts erliegen, darf mich quälen 
Der Städte weiten Städte böser Wind? 
Da ich zerbrach den öden Tag des Lebens!" 

Verschollene Fahrten! Eure Siege sind 
Zu lange schon verf lackt. Ah! helle Flöten 
Und Geigen tönen meinen Gram vergebens. 



ALFRED WOLFENSTEIN-: BESTIENHAUS 

Ich gleite, rings umgittert von den dunklen Tieren, 
Durchs brüllende Haus am Stoß der Stäbe hin und her, 
Und blicke weit in ihren Blick wie weit hinaus auf Meer 
In ihre Freiheit . . die die schönen nie verlieren. 



IO 



Der harte Takt der engen Stadt und Menschheit zählt 
An meinen Zeh'n, doch lose schreiten Einsamkeiten 
Im Tigerknie, und seine baumgestreiften Seiten 
Sind keiner Straße, nur der Erde selbst vermählt. 

Ach ihre reinen heißen Seelen fühlt mein. Wille 
Und ich zerschmelze sehnsuchtsvoller als ein Weib. 
Des Jaguars Blitze gelb aus seinem Sturmnachtleib 
Umglühn mein Schneegesicht und winzige Pupille. 

Der Adler sitzt wie Statuen still und scheinbar schwer 
Und aufwärts aufwärts in Bewegung ungeheuer! 
Sein Auftrieb greift in mich und spannt mich in sein Steuer — 
Ich bleibe still, ich bin von Stein, es fliegt nur er. 

Es steigen hoch der Elefanten graue Eise, 

Gebirge, nur von Riesengeistern noch bewohnt: 

Von Wucht und Glut des wilden Alls bin ich umthront 

Und ich steh eingesperrt in ihrem freien Kreise. 



ALFRED LICHTENSTEIN: DIE DÄMMERUNG 

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich. 
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen. 
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich, 
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen. 

Auf lange Krücken schief herabgebückt 

Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme. 

Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt. 

Ein Pferdchen stolpert über eine Dame. 

An einem Fenster klebt ein fetter Mann. 
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen. 
Ein grauer Glown zieht sich die Stiefel an. 
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen. 



II 



ERNST STADLER: ABENDSCHLVSS 

Die Uhren schlagen sieben. Nun gehen überall in der Stadt 

die Geschäfte aus. 
Aus schon umdunkelten Hausfluren, durch enge Winkelhöfe 

aus protzigen Hallen drängen sich die Verkäufe^ 

rinnen heraus. 
Noch ein wenig blind und wie betäubt vom langen Eingen 

schlossensein 
Treten sie, leise erregt, in die wollüstige Helle und die sanfte 

Offenheit des Sommerabends ein. 
Griesgrämige Straßenzüge leuchten auf und schlagen mit 

einem Male helleren Takt, 
All© Trottoirs sind eng mit bunten Blusen und Mädchenge^ 

lächter vollgepackt. 
Wie ein See, durch den das starke Treiben eines jungen Flusses 

wühlt, 
Ist die ganze Stadt von Jugend und Heimkehr überspült. 
Zwischen die gleichgültigen Gesichter der Vorübergehenden 

ist ein vielfältiges Schicksal gestellt; — 
Die Erregung jungen Lebens, vom Feuer dieseir Abendstunde 

überhellt, 
In deren Süße alles Dunkle sich verklärt und alles Schwere 

schmilzt, als wäre es leicht und frei, 
Und als warte nicht schon, durch wenige Stunden getrennt, 

das triste Einerlei 
Der täglichen Frohn — als warte nicht Heimkehr, Gewinkel 

schmutziger Vorstadthäuser, zwischen nackte Miets- 
kasernen gekeilt, 
Karges Mahl, Beklommenheit der Familienstube und die enge 

Nachtkammer, mit den kleinen Geschwistern geteilt, 
Und kurzer Schlaf, den schon die erste Frühe aus dem Gold- 
land der Träume hetzt — 
All das ist jetzt ganz weit — von Abend zugedeckt — und 

doch schon da, und wartend wie ein böses Tier, das 

sich zur Beute niedersetzt, 
Und selbst die Glücklichsten, die leicht mit schlankem Schritt 
Am Arm des Liebsten tänzeln, tragen in der Einsamkeit der 

Augen einen fernen Schatten mit. 
Und manchmal, wenn von ungefähr deT Blick der Mädchen im 

Gespräch zu Boden fällt, 

12 



Geschieht es, daß ein Schreckgesicht mit höhnischer Grimasse 
ihrer Fröhlichkeit den Weg verstellt. 

Dann schmiegen sie sich enger, und die Hand erzittert, die 
den Arm des Freundes greift, 

Als stände schon das Alter hinter ihnen, das ihr Leben dem 
Verlöschen in der Dunkelheit entgegenschleift. 



THEODOR DÄUBLER: DIADEM 

Die Bogenlampen krönen Sonnenuntergänge, 
Ihr lila Scheinen wird den Abend überleben, 
Sie geistern schwebend über lärmendem Gedränge. 
Es muß verglaste Früchte andrer Welten geben l 

Beschwichtigt nicht ihr Lichtgeträufel das Getöse? 
Ich kann das Wesen dieser Lampen schwer vernehmen. 
Die Sterne scheinen klug, der Mond wird gerne böse. 
iWarum erblaßt du unter Sternendiademen? 



THEODOR DÄUBLER: 
FLÜGELLAHMER VERSUCH 

Es schweift der Mond durch ausgestorbne Gassen, 
Es fällt sein Schein bestimmt durch bleiche Scheiben. 
Ich möchte nicht in dieser Gasse bleiben, 
Ich leid es nicht, daß Häuser stumm erblassen. 

Doch was bewegt sich steil auf den Terrassen? 
Ich wähne dort das eigenste Betreiben, 
Als wollten Kreise leiblich sich beschreiben, 
Ich ahne Laute, ohne sie zu fassen. 

Es mag sich wohl ein weißer Vogel zeigen, 
Fast wie ein Drache trachten aufzusteigen, 
Dabei sich aber langsam niederneigen. 

Wie scheint mir dieses Mondtier blind und eigen, 
Es klopft an Scheiben, unterbricht das Schweigen 
Und liegt dann tot in Hainen unter Feigen» 

i3 



GEORG HEYM: DIE DÄMONEN DER STÄDTE 

Sie wandern durah, die Nacht der Städte hin, 
Die schwarz sich ducken unter ihrem Fuß. 
Wie Schifferbär te stehen um ihr Kinn 
Die Wolken schwarz vom Rauch und Kohlenruß. 

Ihr langer Schatten schwankt im Häusermeer 
Und löscht der Straßen Lichterreihen aus. 
Er kriecht wie Nebel auf dem Pflaster schwer 
Und tastet langsam vorwärts Haus für Haus* 

Den einen Fuß auf einen Platz gestellt, 
Den anderen gekniet auf einen Turm, 
Ragen sie auf, wo schwarz der Regen fällt, 
Panspfeifen blasend in den Wolkensturm» 

Um ihre Füße kreist das Ritornell 

Des Städtemeers mit trauriger Musik, 

Ein großes Sterbelied. Bald dumpf, bald grell 

Wechselt der Ton, der in das Dunkel stieg. 

Sie wandern an dem Strom, der schwarz und breit 

Wie ein Reptil, den Rücken gelb gefleckt 

Von den Laternen, in die Dunkelheit 

Sich traurig wälzt, die schwarz den Himmel deckt, 

Sie lehnen schwer auf einer Brückenwand 
Und stecken ihre Hände in den Schwärm 
Der Menschen aus, wie Faune, die am Rand 
Der Sümpfe bohren in den Schlamm den Arm. 

Einer steht auf. Dem weißen Monde hängt 
Er eine schwarze Larve vor. Die Nacht, 
Die sich wie Blei vom finstern Himmel senkt, 
Drückt tief die Häuser in des Dunkels Schacht. 

Der Städte Schultern knacken. Und es birst 
Ein Dach, daraus ein rotes Feuer schwemmt. 
Breitbeinig sitzen sie auf seinem First 
Und schrein wie Katzen auf zum Firmament, 

i4 



In einer Stube voll von Finsternissen 
Schreit eine Wöchnerin in ihren Wehn, 
Ihr starker Leib ragt riesig aus den Kissen, 
Um den herum die großen Teufel stehn. 

Sie hält sich zitternd an der Wehebank. 
Das Zimmer schwankt um sie von ihrem Schrei, 
Da kommt die Frucht. Ihr Schoß klafft rot und lang, 
Und blutend reißt er von der Frucht entzwei. 

Der Teufel Hälse wachsen wie Giraffen. 

Das Kind hat keinen Kopf. Die Mutter hält 

Es vor sich hin. In ihrem Rücken klaffen 

Des Schrecks Froschfinger, wenn sie rückwärts fällt. 

Doch die Dämonen wachsen riesengroß. 
Ihr Schlaf enhorn zerreißt den Himmel rot. 
Erdbeben donnert durch der Städte Schoß 
Um ihren Huf, den Feuer überloht. 



GOTTFRIED RENN: KLEINE ASTER 

Ein ersoffener Rierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. 

Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster 

zwischen die Zähne geklemmt. 

Als ich von der Rrust aus 

unter der Haut 

mit einem langen Messer 

Zunge und Gaumen herausschnitt, 

muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt 

in das nebenliegende Gehirn. 

Ich packte sie ihm in die Brusthöhle 

zwischen die Holzwolle, 

als man zunähte. 

Trinke dich satt in deiner Vasel 

Ruhe sanft, 

kleine Aslerl 

i5 



JAKOB VAN HODDIS: TRISTITIA ANTE... 

Schneeflocken fallen. Meine Nächte sind 
Sehr laut geworden, und zu starr ihr Leuchten. 
Alle Gefahren, die mir ruhmvoll deuchten, 
Sind nun so widrig wie der Winterwind. 

Ich hasse fast die helle Brunst der Städte. 

Wenn ich einst wachte und die Mitternächte 
Langsam zerflammten — bis die Sonne kam — , 
Wenn ich den Prunk der weißen Huren nahm, 
Ob magrer Prunk mir endlich Lösung brächte, 

War diese Grelle nie und dieser Gram. 



ERNST STADLER: TAGE 

Gelöbnis der Sünde! AU' ihr auferlegten Pilgerfahrten in 

entehrte Betten I 
Stationen der Erniedrigung und der Begierde an verdammten 

Stätten ! 
Obdach beschmutzter Kammern, Herd in der Stube, wo die 

Speisereste verderben, 
Und die qualmende Öllampe, und über der wackligen Kom-^ 

mode der Spiegel in Scherben 1 
Ihr zertretnen Leiber! du Lächeln, krampfhaft in gemalte; 

Lippen eingeschnitten! 
Armes, ungepflegtes Haar! ihr Worte, denen Leben längst 

entglitten — 
Seid ihr wieder um mich, hör' ich euch meinen Namen 

nennen ? 
Fühl' ich aus Scham und Angst wieder den einen Drang nur 

mich zerbrennen: 
Sicherheit der Frommen, Würde der Gerechten anzuspeien, 
Trübem, Ungewissem, schon Verlornem mich zu schenken, 

mich zu weihen, 
Selig singend Schmach und Dumpfheit der Geschlagenen zu 

fühlen, 
Mich ins Mark des Lebens wie in Gruben Erde einzuwühlen. 

16 




Ludwig Meidner 



Jakob van Hoddis 



ALFRED WOLFENSTEIN : 

VERDAMMTE JUGEND 

Von Hause fort, durch Straßen fort, 
Euch unbekannt und jedem Ort, 
Nur wie der Himmel rasch und hoch 
Durch fremden Lärm und ohne Wort! 

Wie schön allein, und dies verwühlt 
Und keiner drin, der mich befühlt, 
Der voll Verwandtschaft dumm und dicht 
In meiner Brust verhaßt sich suhlt! 

Hier ist nicht Heim, hier ist es auf, 
Nicht Liebe plump, nur Kampf und Kauf! 
Ah fließt die Straße strotzend aus 
Zu andern ein in riesigem Lauf. 

Ah sprüht es schroff pferdlos vorbei 
Und brodelt schwarz der Menge Brei 
Und Häuser flattern hingepeitscht 
Von Licht, Geläut, Gezisch, Geschrei. 

Die Steine ziehn in falscher Ruh, 
Gehackt vom Schlag des Heers der Schuh, 
Den fahlen Köpfen funkeln wund 
Von schneller Glut die Lampen zu. 

Hier Antlitze wie Tiere fremd 
Und Augen wie in Eis geklemmt 
Und Augen, die nur sich besehn, 
Hier Antlitze, von nichts gehemmt! 

Du Gottlose, mein Haupt zerstäub — 
Entmenschlichte, mein Herz zerstäub — 
Mich ohne Heimat, ohne Weg 
Du Straße ja betäubt betäub l 

PAUL ZECH: FABRIKSTRASSE TAGS 

Nichts als Mauern. Ohne Gras und Glas 
zieht die Straße den gescheckten Gurt 
der Fassaden. Keine Bahnspur surrt. 
Immer glänzt das Pflaster wassernaß. 



J 9 



Streift ein Mensch dich, trifft sein Blick dich kalt 
bis ins Mark; die harten Schritte haun 
Feuer aus dem turmhoch steilen Zaun, 
noch sein kurzes Atmen wölkt geballt. 

Keine Zuchthauszelle klemmt 

so in Eis das Denken wie dies Gehn 

zwischen Mauern, die nur sich besehn« 

Trägst du Purpur oder Büßerhemd — : 
immer drückt mit riesigem Gewicht 
Gottes Bannfluch : uhrenlose Schicht, 

PAUL ZECH: SORTIERMÄDCHEN 
(1911) 

Pilzbeschuppte Mauern, dunkler Winkel am Kanal, 
überrauscht von Drehgekreisch der hitzigen Kräne: 
blinder Fenster Zwielicht kriecht in einen Arbeitssaal. 

Bleiche Mädchen, schon zu reif für Traum und Träne, 
angestarrt von des Entsagens trocknem Grind 
und an Schwielen Wucherung verschollener Pläne, 

bleiche Mädchen hinter Mauern, am Kanal, halb blind, 
bleiche Mädchen, ach, was fragt ihr viel nach Bann und Bäumen 
eines Winds in Gärten, die wie Abend sind» 

Wasser, dje um den gespitzten Kiel der Schlepper schäumen, 

sangen nie von blitzenden Regatten, nie vom Mond, 

der auf Lieb esins ein tropft und nie von Kais, die Bäder säumen. 

Wasser, das um Fensterluken spült und kühl den Raum be- 
wohnt, 
Atmet den Geruch von Teer und Aas und Gerberlaugen, 
und noch nie hat euch Gebrüll von Untergängen zart geschont. 

Über die zerwühlten Ballen von Metallen, die nichts taugen 

zu Geräten, hängt ihr das verknöcherte Gesicht: 

dumpfer Wille in den Händen und gestumpftes Weiß in Augen. 

Manchmal bricht ein Lied, das sich dem Radgeräusch verflicht, 
aus den Munden, die an Fäulnis der Gebisse kranken . . * 
bricht ein Lied — und du, Maria, hörst es nicht? 

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An den Fenstern aber schwanken 

Schatten boshaft wie die Nächte, die das Stroh' 

eurer Laken mit verwelktem Knospenrot beranken. 

Und ihr zuckt zurück und fingert wütend roh 
an den Brüsten, an der Schenkel brüchige Ruinen, 
und die Augen saugen Blitze her von irgendwo. 

So verhaßt wie die belarvten, überstählten Mienen 

des blutjungen Meisters euch erscheinen, ist kein Ding; 

nicht die Syphilitiker und Säufer in Kantin en. 

Eingesponnen in des Uhrwerks engen Ring: 
was nützen Gifte ausgelaugt aus Fetzen 
einer Jugend, die unfruchtbar verging 1 

Während eure Brüder Unerfülltes scharf an Aufruhr wetzen, 
Schwestern jenseits des Kanals sich rosa drehn im Tanz, 
müßt ihr heftige Gedanken auf Metalle hetzen. 

Und nur einmal fällt von Blut und Schnee ein Kranz 
in die grau verfilzten Strähnen eurer Scheitelbahnen, 
wenn ihr, süß berauscht vom Funkeln der Monstranz, 
eure Lippen drücken dürft auf Säume von Soutanen. 

PAUL ZECH: FRÄSER 

Gebietend blecken weiße Hartstahl-Zähhe 

aus dem Gewirr der Räder. Mühlen gehn profund, 

s,ie schütten auf den Ziegelgrund 

die Wolkenbrüche krauser Kupferspäne. 

Die Gletscherkühle riesenhafter Birnen 

beglänzt Fleischnackte, die von Öl umtropft 

die Kämme rühren; während automatenhaft gestopft 

die Scheren das Gestänge dünn zerzwirnen. 

Ein Fäusteballen hin und wieder und ein Fluch, 
Werkmeisterpfiffe, widerlicher Brandgeruch 
an Muskeln jäh empor geleckt: zu töten 1 

Und es geschieht, daß sich 1 die bärtigen Gesichter röten, 
daß Augen wie geschliffene Gläser stehn 
und scharf, gespannt nach innen sehn. 

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ALFRED LIGHTENSTEIN: NEBEL 

Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört. 
Blutlose Bäume lösen sich in Rauche 
Und Schatten schweben, wo man Schreie hört 
Brennende Biester schwinden hin wie Hauch. 

Gefangne Fliegen sind die Gaslaternen. 
Und jede flackert, daß sie noch entrinne. 
Doch seitlich lauert glimmend hoch in Fernen 
Der giftge Mond, die fette Nebelspinne. 

Wir aber, die, verrucht, zum Tode taugen, 
Zerschreiten knirschend diese wüste Pracht. 
Und stechen stumm die weißen Elendsaugen 
Wie Spieße in die aufgeschwollne Nacht. 

ALFRED LIGHTENSTEIN: DER AUSFLUG 

Du, ich halte diese festen 
Stuben und die dürren Straßen 
Und die rote Häusersonne, 
Die verruchte Unlust aller 
Längst schon abgeblickten Bücher 
Nicht mehr aus. 

Komm, wir müssen von der Stadt 

Weit hinweg. 

Wollen uns in eine sanfte 

Wiese legen. 

Werden drohend und so hilflos 

Gegen den unsinnig großen, 

Tödlich blauen, blanken Himmel 

Die entfleischten, dumpfen Augen, 

Die verwunschnen, 

Und verheulte Hände heben. — 

THEODOR DÄUBLER: 
HÄTTE ICH EIN FÜNKGHEN GLÜCK 

Hätte ich ein Fünkchen Glück, wäre alles anders! 
Wollte blauer Tauwind hold meine Segel schweelen, 
Blitzte gleich durch mich der Geist eines kühnen Landers, 
Und ich müßte immer mehr, mich ums Mehr zerquälen* 

22 



Wäre wenig anders nur : hätte ich ein Fünkchen Glück, 
Träumt ich nicht voll Brunstgewalt in die nackte, kalte Nacht, 
Denn ich fühlte mich im Weib, bis in meinen Grund zurück : 
Würde je mein Graun getilgt, hätt ich keinen Sturm durch- 
wacht ! 

Wüßte ich, warum ich fromm, daseinsscheu und seltsam bin, 
Ahnte ich, weshalb um mich nirgends grünes Glück gedeiht, 
Hätte dieses kleine Sein plötzlich schrecklich vielen Sinn! 
Nirgends fände ich den Zweck und ich stürbe doch vor Leid. 

Dennoch höre, Erde mich : ich bin auch ein Kind von dir ! 
Erde, ach, ich liebe dich. Liebe ist mein Erdensang. 
Erde, liebe deinen Sohn, wie die Pflanze, wie das Tier 1 
Erde, warum bin ich hier liebesarm und totenbang? 

Hätte ich ein Fünkchen Glück, hielt ich rein das Glück! 
So ist oft mein Traumgesicht wild auf Lust erpicht. 
Alles bleibt in mir Versuch. Nie gelingt ein Stück. 
Sing ich das, so glaube ich, daß mein Herz mir bricht. 



ALBERT EHRENSTEIN 
SO SCHNEIT AUF MICH DIE TOTE ZEIT 

Hofft nichts von mir. 

Ich habe niemals Sonne gehabt, 

Ich habe den Steinen mein Leid gebracht 

Ich hoffte Glück vom Tier. 

An mir vorüber sprang der Wunsch der rasselosen Dirnen, 
Und nie klang mir das deutsche Wort: ich liebe dich! 
Sie recken dem Kommis die grundlos eiteln Stirnen, 
Boshaft gähnt mich das Weib an: ich betrübe dich. 

So schneit auf mich die tote Zeit, 

Danklos trinkt sie den Wein, und was sich beut, 

Mein Sehnen darf erlahmen; 

Sie wahrt, um Fleisch besorgt, mit plötzlich keuscher Eile 

Des Anstands lange Langeweile, 

: Weib wird Zeit. 

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AUGUST STRAMM: UNTREU 

Dein Lächeln weint in meiner Brust 

Die glutverbissenen Lippen eisen 

Im Atem wittert Laubwelk 1 

Dein Blick versargt 

Und 

Hastet polternd Worte drauf. 

Vergessen 

Bröckeln nach die Hände! 

Frei 

Buhlt dein Kleidsaum 

Schlenkrig 

Drüber ruber! 



THEODOR DÄUBLER: WAS?, 

Ist es wirklich wahr, 

Ruft in jeder Stimme, 

Wenn sie noch so leise klingt, 

Ursprungslos und wunderbar 

Gott in seinem Grimme: 

Wenn dir DAS zu Herzen dringt, 

Menschenkind, so glimme! 

Was, oh was? ich horche ja! 
Horche manchem Leben, 
Bin dem Winde immer nah, 
Winde mich zum Nichts zurück, 
Selbst mich zu erheben: 
Trachte, als von Gott ein Stück, 
Frei vor Gott zu beben! 

Stürme umarmen mich, 
Halsen uns alle und rufen: 
„Als mir noch niemand glich 1 , 
Blieb ich so still in dir; 
Als wir uns schufen, 
Wurden wir Wind und Tier 
Und mußten verstufen". 



24 



Böen ereignet euch! 

Höhen vernehmt eure Höhe! 

Dann heul ich euch nach. Ich der Geist. 

Dann zerr ich an jedem Gesträuch 

Und wehe: wehe, wenn ich entflöhe! 

Dann würdet ihr, die ihr vereist, 

Nicht wissen, daß ihr zerreißt. 

Menschen, so fasset euch: 

Lauscht in die stürmenden Stimmen! 

Helft mir, begreift einen Schrei! 

Die Seelen durchfegt ein Gekeuch! 

Ihr löscht nicht das Gottesergrimmen : 

Ach, würde ein einziger frei, 

So müßten wir klimmen, erglimmen! 

Der Wirrwarr ver wirbelt nicht mehr. 
Wir waren vielleicht nie beisammen. 
Wie schwer wird der Geist jedem Meer, 
Und dem Geiste die Schöpfung wie leer! 
Wir müssen uns fliehend verdammen: 
Jungfräulich doch immer entstammen: 
Zusammen geht alles ursprünglich einher. 

THEODOR DÄUBLER: EINSAM* 

Ich rufe! Echolos sind alle meine Stimmen. 

Das ist ein alter, lauteleerer Wald. 

Ich atme ja, doch gar nichts regt sich oder hallt. 

Ich lebe, denn ich kann noch lauschen und ergrimmen. 

Ist das kein Wald? Ist das ein Traumerglimmen? 

Ist das der Herbst, der schweigsam weiter wallt? 

Das war ein Wald! Ein Wald voll alter Urgewalt. 

Dann kam ein Brand, den sah ich immer näher klimmen. 

Erinnern kann ich mich, erinnern, bloß erinnern. 
Mein Wald war tot. Ich lispelte zu fremden Linden, 
Und eine Quelle sprudelte in meinem Innern. 

Nun starr ich in den Traum, das starre Waldgespenst. 
Mein Schweigen, ach, ist aber gar nicht unbegrenzt. 
Ich kann in keinem Wald das Echo-Schweigen finden. 

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ALFRED LICHTENSTEIN: 
SOMMERFRISCHE 

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle. 
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel — 
Friedliche Welt, du große Mausefalle, 
Entkam ich endlich dir ... hätt ich Flügel — 

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten. 
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze. 
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten, 
Hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce. 

War doch ein Wind . . . zerriß mit Eisenklauen 

Die sanfte Welt. Das würde mich ergetzen. r 

War doch ein Sturm . . . der müßt den schönen blauen 

Ewigen Himmel tausendfach zerfetzen. 



ALFRED WOLFENSTEIN; 
NACHT IM DORFE 

Vor der verschlungnen Finsternis stöhnt 
Stöhnt mein Mund. 
Ich, an Lärmen unruhig gewöhnt, 
Starre suchend rund: 

Berge von Bäumen behaart ruhn 
Schwarz wüst herein, 
Was ihre Straßen nun tun 
Äußert kein Schein, kein Schrein. 

Aber ein wenig sich zu irrn 
Wünscht, wünscht mein Ohr, 
Schwänge nur eines Käfers Schwirrn 
Mir ein Auto vor. 

Wäre nur ein Fenster drüben bewohnt, 
Doch im gewölbten Haus 
Nichts als Sterne und hohlen Mond 
— Halt ich nicht aus — 



26 



Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allmächtig umstellt, 

Fremd, fremd und nah — 

Durch den See noch näher geschwellt 

Liegt es lautlos da. 

Aber glaubt mich nicht schwach, 
Daß ich — soeben die Stadt noch gehaßt — 
Nun das Land flieh — \i es ist nur die Nacht, 
Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefaßt — 

Wie du tot oder tausendfach unbekannt 
Mein schwarzes Bett umlangst, 
Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand, 
Gottlose Angst. 



GEORG TRAKL: DE PROFUNDIS 

Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt. 
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht. 
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist — 
Wie traurig dieser Abend. 

Am Weiler vorbei 

Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein. 
Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung 
Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams. 

Bei der Heimkehr 

Fanden die Hirten den süßen Leib 

Verwest im Dornenbusch. 

Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern. 

Gottes Schweigen 

Trank ich aus dem Brunnen des Hains, 

Auf meine Stirne tritt kaltes Metall. 

Spinnen suchen mein Herz. 

Es ist ein Licht, das in meinem Mund erlöscht. 

Nachts fand ich mich auf einer Heide, 
Starrend von Unrat und Staub der Sterne. 
Im Haselgebüsch 
Klangen wieder kristallne Engel. 



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GEORG TRAKL: RUH UND SCHWEIGER 

Hirten begruben die Sonne im kahlen Wald, 

Ein Fischer zog 

In härenem Netz den Mond ans frierendem Weiher» 

In blauem Kristall 

Wohnt der bleiche Mensch 1 , die Wang' an seine Sterne geleimt; 

Oder er neigt das Haupt in purpurnem Schlaf. 

Doch immer rührt der schwarze Flug der Vögel 

Den Schauenden, das Heilige blauer Blumen, 

Denkt die nahe Stille Vergessenes, erloschene EngeL 

Wieder nachtet die Stirne in mondenem Gestein; 

Ein strahlender Jüngling 

Erscheint die Schwester in Herbst und schwarzer Verwesung. 

GEORG TRAKL: IN DEN NACHMITTAG GEFLÜSTERT 

Sonne, herbstlich dünn und zag, 
Und das Obst fällt von den Bäumen. 
Stille wohnt in blauen Räumen 
Einen langen Nachmittag. 

Sterbeklänge von Metall; 
Und ein weißes Tier bricht niedere 
Brauner Mädchen rauhe Lieder 
Sind verweht im BlätterfalL 

Stirne Gottes Farben träumt, 
Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel. 
Schatten drehen sich am Hügel 
Von Verwesung schwarz umsäumt. 

Dämmerung voll Ruh und Wein; 
Traurige Gitarren rinnen. 
Und zur milden Lampe drinnen 
Kehrst du wie im Traume ein. 

ALBERT EHRENSTEIN: VERZWEIFLUNG 

Wochen, Wochen sprach ich kein Wort; 
Ich lebe einsam, verdorrt. 
Am Himmel zwitschert kein Stern. 
Ich stürbe so gern. 

28 



Meine Augen betrübt die Enge, 
Ich verkrieche mich in einen Winkel, 
Klein möchte ich sein wie eine Spinne, 
Aber niemand zerdrückt mich. 

Keinem habe ich Schlimmes getan, 
Allen Guten half ich ein wenig. 
Glück, dich soll ich nicht haben. 
Man will mich nicht lebend begraben. 



ALBERT EHRENSTEIN: LEID 

Wie bin ich vorgespannt 

Den Kohlenwagen meiner Trauer! 

Widrig wie eine Spinne 

Bekriecht mich die Zeit. 

Fällt mein Haar, 

Ergraut mein Haupt zum Feld, 

Darüber der letzte 

Schnitter sichelt. 

Schlaf umdunkelt mein Gebein. 

Im Traum schon starb ich, 

Gras schoß aus meinem Schädel, 

Aus schwarzer Erde war mein Kopf. 



ALBERT EHRENSTEIN: 
AUF DER HARTHERZIGEN ERDE 

Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu s 

Mich freut der weiße Tanz der Gestirne, 

Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes, 

Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn, 

Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache, 

Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig. 

Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde, 

Ferne Wege gehe ich durch das Fejd hin. 

Ich zertrat das Gebot 

„Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den. 
Andern i" 



Düster umwandle ich mich, 

Vermeidend die Mädchen und Männer, 

Seit mein weiches, bluttränendes Herz 

Im Staube zerstießen, die ich verehrte. 

Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn 

Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte. 

Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch. 

Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste. 



GOTTFRIED BENN: DER JUNGE HEBBEL 

Ihr schnitzt und bildet: den gelenken Meißel 

in einer feinen weichen Hand. 

Ich schlage mit der Stirn am Marmorblock 

die Form heraus. 

Meine Hände schaffen ums Brot. 

Ich bin mir noch sehr fern. 

Aber ich will Ich werden! 

Ich trage einen tief im Blut, 

der schreit nach seinen selbsterschaffenen 

Götterhimmeln und Menschenerden. — 

Meine Mutter ist eine so arme Frau, 

daß ihr lachen würdet, wenn ihr sie sähet, 

Wir wohnen in einer engen Bucht, 

ausgebaut an des Dorfes Ende. 

Meine Jugend ist mir wie ein Schorfs 

eine Wunde darunter. 

Da sickert täglich Blut hervor. 

Davon bin ich so entstellt. — 

Schlaf brauche ich keinen. 

Essen nur so viel, daß ich nicht verrecke! 

Unerbittlich ist der Kampf 

und die Welt starrt von Schwertspitzen. 

Jede hungert nach meinem Herzen« 

Jede muß ich, Waffenloser, 

in meinem Blut zerschmelzen* 

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JE. M. Engen 



Georg Heym 



ALFRED WOLFENSTEIN: 
DIE GOTTLOSEN JAHRE 

Musik nicht will ich machen, sondern schreiten 

Und zeigen meine Schritte. 

Musik nicht gibt das hart geballte Reiten 

Der Heere von Seelen, die streiten 

Um meine Mitte. 

Und ist kein Boden mehr, kein Traum zu schreiten, 

So sollt ihr noch mein Stehn verspüren, 

Ich laß wie ein Gebirge mich nicht gleiten, 

So gut befreundet immer noch mit Möglichkeiten, 

Kein Schicksal soll mir meine Stirn entführen. 

Am scharfen Rande ausgesogner Weiten, 

Auf nichts als meinen zitternd spitzen Zehen, 

Erwachsen, sehend nur mein Sehen, 

Entstürzt dem ersten Garten und mit keiner zweiten 

Musik als meinem Warten - — : spürt mich stehen. 

ALBERT EHRENSTEIN: DER WANDERER 

Meine Freunde sind schwank wie Rohr, 
Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz, 
Keuschheit kennen sie nicht; 
Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern. 

Mädchen, das ich liebe, 
Seele der Seelen du, 
Auserwählte, Lichtgeschaffene, 
Nie sahst du mich an, 
Dein Schoß war nicht bereit, 
Zu Asche brannte mein Herz. 

Ich kenne die Zähne der Hunde, 
In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich, 
Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte, 
Schimmel freut sich an den Wänden, 
Gute Ritzen sind für den Regen da. 

„Töte dich!" spricht mein Messer zu mir. 
Im Kote liege ich; 

Hoch über mir, in Karossen befahren 
Meine Feinde den Mondregenbogen. 



33 



KURT HEYNIGKE: ERHEBE DIE HÄNDE 

Erhebe die Hände, 

Angesicht, 

urnamenlos 

über mein Haupt, 

das feucht ist von Wein und Lachen! 

Ich stürze in blitzende Stunden, 

reiße mein Blut hoch in blühende Frauen, 

und wiege dahin in singende Geigen — 

siehe — 

es neigen sich alle Stunden, 

ich könnte jung sein, 

und mein Herz ein Sommer — 

aber tief in mir schluchzt ein Gedanke — 

fern 

verhaltenes Weinen steigt dunkelher 

und umarmt meine Jugend . . . 

Dies ist ewig: 

Das Nein. 

Hätte ich alle Lust, 

fremd höben sich meine Schultern, 

meine Lippe wäre Verachtung: 

Ich bin ein Wanderer 

und darf nicht verweilen . « . 



FRANZ WERFEL: 
FREMDE SIND WIR AUF DER ERDE ALLE 

Tötet euch mit Dämpfen und mit Messern, 
Schleudert Schrecken, hohe Heimatworte, 
Werft dahin um Erde euer Leben! 
Die Geliebte ist euch nicht gegeben. 
Alle Lande werden zu Gewässern, 
Unterm Fuß zerrinnen euch die Orte. 

Mögen Städte aufwärts sich gestalten, 
Niniveh, ein Gottestrotz von Steinen! 
Ach, es ist ein Fluch in unserm Wallen . . . 



84 



Flüchtig muß vor uns das Feste fallen, 
Was wir halten, ist nicht mehr zu halten, 
Und am Ende bleibt uns nichts als Weinen. 

Berge sind, und Flächen sind geduldig . . . 
Staunen, wie wir auf und nieder weichen. 
Fluß wird alles, wo wir eingezogen. 
Wer zum Sein noch Mein sagt, ist betrogen. 
Schuldvoll sind wir, und uns selber schuldig, 
Unser Teil ist: Schuld, sie zu begleichen! 

Mütter leben, daß sie uns entschwinden. 
Und das Haus ist, daß es uns zerfalle. 
Selige Blicke, daß sie uns entfliehen. 
Selbst der Schlag des Herzens ist geliehen! 
Fremde sind wir auf der Erde Alle, 
Und es stirbt, womit wir uns verbinden. 



WALTER HASENCLEVER: 

TRITT AUS DEM TOR, ERSCHEINUNG 

Tritt aus dem Tor, Erscheinung, namenlose! 
Kommt, ihr geheimnisvollen frühen Triebe! 
Kehr wieder, Sonntag! Schlafe mit mir, Rose 
Am weißen Kleide meiner ersten Liebe! 
Und wenn ich von euch ritt auf einem Pferde 
Schwarz in die Dunkelheit des Meers — was war ich! 
Ein Strahl des Lichts, ein Stück von meiner Erde, 
Ein Abenteuer, bunt, verbrannt und fahrig. 
Mein altes Haus, wer deine Ruhe fände! 
sag mir nicht, daß auf den fremden Inseln 
Jetzt Affen schrein und Papageien winseln — 
Ich könnte wieder rei&en ohne Ende! 



WILHELM KLEMM: PHILOSOPHIE 

Wir wissen nicht was das Licht ist 

Noch was der Äther und seine Schwingungen — 

Wir verstehen das Wachstum nicht 

Und die Wahlverwandtschaften der Stoffe» 

35 



Fremd ist uns, was die Sterne bedeuten 

Und der Feier gang der Zeit. 

Die Untiefen der Seele begreifen wir nicht 

Noch die Fratzen, unter denen sich die Völker vernichten. 

Unbekannt bleibt uns das Gehen und Kommen. 
Wir wissen nicht, was Gott ist! 
Oh Pflanzenwesen im Dickicht der Rätsel 
Deiner Wunder größtes ist die Hoffnung 1 



AUGUST STRAMM: SCHWERMUT 

Schreiten Streben 
Leben sehnt 
Schauern Stehen 
Blicke suchen 
Sterben wächst 
Das Kommen 
Schreit! 
Tief 

Stummen 
Wir. 



ALBERT EHRENSTEIN: SCHMERZ 

Gott, du alter Epimethide, 

Warum hast du deinen Zahn 

In mich gebohrt? 

Immer noch, immer noch umringt mich die Wehmut, 

Endlos dröhnen die Klagen, 

Gedenk ich langsam zerfallender Zeiten 

Und der unersättlichen Schenkel, 

Die mich nicht sättigen wollen. 

Siehe, die Dinge sind lieb und wollen mich trösten, 

Die Bäume grünen aufs neue, 

Unermüdlich kündet die Uhr mir die Zeit, 

Und nächtlich besuchen die Ärmsten der Tiere, 

Alte Wanzen mein Lager, 



36 



Sich erbarmend meines Alleinseins. 

Aber was weiß ein Weib von Herz und Sitte?! 

Nimmer glaub' ich an Musen. 

Nicht wiegt mein Vers, 

: Bemannt mit vergänglich ihr näheren Menschen 

Treibt sie dahin. 

Gott, noch niemals fleht ich Dich an, 

Nicht betet der Stolz, 

Nun bitt' ich: 

Beschütze mein Herz vor Liebe, 

Genug schon litt 

Meine unsterbliche Seele. 



ALBERT EHRENSTEIN: 
ICH BIN DES LEBENS UND DES TODES MÜDE 

Und ob die großen Autohummeln sausen, 

Äroplane im Äther hausen, 

Es fehlt dem Menschen die stete, welterschütternde Kraft. 

Er ist wie Schleim, gespuckt auf eine Schiene. 

Und löst sich selbst die Klammer um die fernste Ferne, 
Erdklammer, die uns noch nicht läßt, 
Weist dereinst an der Ecke ein heiliger Weltenschutzmann 
Zum nächsten Nebelstern kürzeste Wege, 
— Sterblich vor allen ist die Erinnerung, 
Die staubabwischende Göttin; 

Schöne Laubfrösche wuchsen der Dämmernden auf 
Und starben dann. 

Die brausenden Ströme ertrinken machtlos im Meer. 
Nicht fühlten die Siouxindianer in ihren Kriegstänzen Goethe, 
Und nicht fühlte die Leiden Christi der erbarmungslos ewige 
Sirius ! 

Nie durchzuckt vom Gefühl, 
Unfühlend einander und starr 
Steigen und sinken 
Sonnen, Atome: die Körper im Raum. 



3 7 



AUGUST STRAMM: VERZWEIFELT 

Droben schmettert ein greller Stein 

Nacht grant Glas 

Die Zeiten stehn 

Ich 

Steine. 

Weit 

Glast 

Du! 

WILHELM KLEMM': LICHTER 

Lichter brennen auf wachsverwehten Kerzen, 
Stille Versammlung weißer, schlanker Apostel, 
Ruhige Flammen des Geistes auf schmalen Häuptern, 
Die leise züngeln unter dem Hauch der Nacht. 

Lichter brennen. Lodernd« Opferglut 

Im, Dome der Nacht. Sturmzeichen, was willst du verkünden? 

Feuersbrunst, flammengehörntes Fanal, 

Oh, wie dein rasendes Herz mich durchglüht! 

Lichter schwinden. Wie Grubenlampen, die langsam 
In finstren Stollen verwischen, wie letzte Funken 
Verträumt schwelen in Rauch und schwarzen Ruinen, 
Erinnerung, deren Erinnerung schwindet. 

Lichter verlöschen. Nacht und Verlassenheit 
Stürzen herein. Unsere Herzen schauern tiefer — ■ 
Blinde Engel fahren verstört empor — 
Flügelgeflatter und Wimmern ohne Ende. 

KURT HEYNICKE: GETHSEMANE 

Alle Menschen sind der Heiland. 

In dem dunklen Garten trinken wir den Kelch. 

Vater, laß ihn nicht vorübergehn. 

Wir sind alle einer Liebe. 

Wir sind alle tiefes Leid. 

Alle wollen sich erlösen. 

Vater, deine Welt ist unser Kreuz. 

Laß sie nicht vorübergehe 

38 



ALBERT EHRENSTEIN: UNENTRINNBAR 

Wer weiß, ob nicht 

Leben Sterben ist, 

Atem Erwürgung, 

Sonne die Nacht? 

Von den Eichen der Götter 

Fallen die Früchte 

Durch Schweine zum Kot 8 

Aus dem sich die Düfte 

Der Rosen erheben 

In entsetzlichem Kreislauf, 

Leiche ist Keim, 

Und Keim ist Pest. 



GEORG HEYM: DER KRIEG 



Aufgestanden ist er, welcher lange schlief, 
Aufgestanden unten aus Gewölben tief. 
In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt, 
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand. 

In den Abendlärm der Städte fällt es weit, 
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit. 
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis. 
Es wird still. Sie sehn sioh um. Und keiner weiß«. 

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht. 
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht. 
In der Ferne zittert ein Geläute dünn, 
Und die Barte zittern um ihr spitzes Kinn. 

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an, 

Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an! 

Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt, 

Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt. 

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut, 
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut. 
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt, 
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt. 



3g 



In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein, 
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein. 
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt, 
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt. 

Und mit tausend hohen Zipfelmützen weit 
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut, 
Und was unten auf den Straßen wimmelnd flieht, 
Stößt er in die Feuer wälder, wo die Flamme brausend zieht. 

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald, 
Gelbe Fledermäuse, zackig in das Laub gekrallt, 
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht 
In die Bäume, daß das Feuer brause recht. 

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch, 
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch« 
Aber riesig über glühnden Trümmern steht, 
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht 

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein, 
In des toten Dunkels kalten Wüstenein, 
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr, 
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh. 



ERNST STADLER: DER AUFBRUCH 

Einmal schon haben Fanfaren mein ungeduldiges Herz blutig 
gerissen, 

Daß es, aufsteigend wie ein Pferd, sich wütend ins Gezäum 
verbissen. 

Damals schlug Tamburmarsch den Sturm auf allen Wegen, 

Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen. 

Dann, plötzlich, stand Leben stille. Wege führten zwischen, 
alten Bäumen. 

Gemächer lockten. Es war süß, zu weilen und sich versäumen, 

Von Wirklichkeit den Leib so wie von staubiger Rüstung zu 
entketten, 

Wollüstig sich in Daunen weicher Traumstunden einzubetten. 

Aber eines Morgens rollte durch Nebelluft das Echo von Si- 
gnalen, 

4o 



Hart, scharf, wie Schwerthieb pfeifend. Es war wie wenn im 

Dunkel plötzlich Lichter aufstrahlen. 
Es war wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren, 
Die Schlafenden aufspringen und die Zelte abschlagen und die 

Pferde schirren. 
Ich war in Reihen eingeschient, die in den Morgen stießen, 

Feuer über Helm und Bügel, 
Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht, mit vorgehaltnem 

Zügel. 
Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen, 
Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen. 
Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken 
Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und 

glühend trinken. 

WALTER HASENCLEVER: 
DIE LAGERFEUER AN DER KÜSTE 

Mai 1914 
Die Lagerfeuer an der Küste rauchen. 
Ich muß mich niederwerfen tief in Not. 
Leoparden wittern mein Gesicht und fauchen. 
Du bist mir nahe, Bruder, Tod. 
Verworren zuckt Europa noch im Winde 
Von Schiffen auf dem fabelhaften Meer; 
Durch die ungeheure Angst bricht her 
Schrei einer Mutter nach dem kleinen Kinde. 
Es starb mein Pferd heut nacht in meiner Hand. 
Wie hast du mich verlassen, Kreatur! 
Aus dem Kadaver steigt das fremde Land 
Hinauf zu einer andern Sonnenuhr. 

ALBERT EHRENSTEIN: 
DIE NACHTGEFANGENEN 

(Geschrieben am 29. Juni 191 4) 

Als ich ganz zernichtet war* 

Vor Nacht und Hölle und Pest und Erde 

Verging im dunkel tosenden Räume, 

Erschienen die Dinge, 

Trost zu schütten über den Gram. 

ÄI 



Das Licht kam, 

Silberne Möwen schwebend im Reinen, 

Und die Hügel der Sonne: bewaldetes Erz, 

Die Seen und Teiche des Grünen, 

Wege in liebliches Land 

Und verfallen im Abend Ruinen« 

Die Hände über den Augen, wehrt ich entwandelnd ab: 

„Die schwarze Schnecke des Todes kroch 

Mir über den Weg. Auch ich roch 

Einst weißduftenden Klee und liebte die lichtbehauchten 

Wolken. 
Ich freute mich der Räder gesänge 
Der langachsigen Wagen, 
Ich freute mich der eintönig sich wiegenden Pappeln Weg 

entlang, 
Ich freute mich der Sonne wider blitzenden, 
Rastlos vergleitenden Schienen, 
Ich freute mich der staubweißen Bäche 
Meiner ländlichen Straßen. 

Aber ich sah die Nachtgefangenen: 

Dunkles sinnend die Späher des Bösen^ 

Aber ich sah hanakische Bauern, 

Bunte Vogelscheuchen im Feld, 

Den Schnellzug anstaunen, 

Der ihre Grünäcker mit Ruß und Asche bestreut, 

Aber ich sah auf Gibraltar die letzten Affen Europas frierend 

hinsterben, 
Aber ich sah indische Tänzerinnen, gazellengangbegabte, 
Vor dem Champagner und Abschaum 
Eingläserner Jünglinge tanzen, 

Aber ich sah Elefanten, dschungelrohr durchbrechende, 
Sich nach den Brosamen eines Kindes bücken, 
Aber ich sah Dreadnoughts ertrinken, 
Umschwärmt von den tötenden Torpedohaifischen, 
Aber ich sah — und Tränen entstürzten dem Tag — 
Aber ich sah arme Soldaten am Sonntag der Freiheit 
Starr auf Gerüsten hocken, 
Hochsegelnden Fliegern zum Zeichen, 
Aber ich sah einen Turmfalken, 

42 



Gewohnt im Äther zu weiden , 

Sich einwühlen in den Sand eines Breslauer Käfigs, 
— Und ich muß dem Schweiß dieser nächtlichen Tage ent- 
rinnen I 
Nicht bin ich von den traumumspülten Leichen, 
Eingedickt an Schlaf. 

Wenn vom verhängten Luftkreis Schwüle abwärts sintert* 
Wenn Baumwipfel ineinanderstöhnen, sturmzerquält, 
Wenn rollend kommt himmellang gefahren 
Der Gottheit Drache, 

Will ich nicht mehr der* Wetter bitteres Naß, 
Der Wolken Säure, 
Ich will den Blitz in mich!'* 

Der schwere Engel des Todes wuchs vor mich; 

jJEndlich gedenkest du mein, 

Du liebtest mich vorzeiten. 

Werbend um schärfste Lust. 

So werde, was du bist, 

Auf der Erde, die dich frißt 1" 

Mit den Händen griff der Mahner in meinen Staub, 
Entwirhelnd verschwand ich Geraubter 
Im neu ergrünenden Laub. 



FRANZ WERFEL: DER KRIEG 

Auf einem Sturm von falschen Worten, 

Umkränzt von leerem Donner das Haupt, 

Schlaflös vor Lüge, 

Mit Taten, die sich selbst nur tun, gegürtet, 

Prahlend von Opfern, 

Ungefällig scheußlich für den Himmel — - 

So fährst du hin, 

Zeit, 

In den lärmenden Traum, 

Den Gott mit schrecklichen Händen, 

Aus seinem Schlafe reißt 

Und verwirft 



43 



Höhnisch, erbarmungslos, 

Gnadenlos starren die Wände der Welt! 

Und deine Trompeten, 

Und trostlosen Trommeln, 

Und Wut deiner Märsche, 

Und Brut deines Grauens, 

Branden kindisch und tonlos 

Ans unerbittliche Blau, 

Das den Panzer schlägt, 

Ehern und leicht sich legt. 

Um das ewige Herz. 

Mild wurden im furchtbaren Abend 

Geborgen schiffbrüchige Männer. 

Sein goldenes Kettlein legte das Kind 

Dem toten Vogel ins Grab, 

Die ewige unwissende, 

Die Heldentat der Mutter noch regt sie sich. 

Der Heilige, der Mann, 

Hingab er sich mit Jauchzen und vergoß sich. 

Der Weise brausend, mächtig, 

Siehe, 

Erkannte sich im Feind und küßte ihn. 

Da war der Himmel los, 

Und konnte sich vor Wundern nicht halten, 

Und stürzte durcheinander. 

Und auf die Dächer der Menschen, 

Begeistert, goldig, schwebend, 

Der Adler schwärm der Gottheit 

Senkte sich herab. 

Vor jeder kleinen Güte 
Gehn Gottes Augen über, 
Und jede kleine Liebe 
Rollt durch die ganze Ordnung« 

Dir aber wehe, 

Stampfende Zeit! 

Wehe dem scheußlichen Gewitter 

Der eitlen Rede! 

Ungerührt ist das Wesen vor deinem Anreiten, 

Und den zerbrechenden Gebirgen, 



44 



Den keuchenden Straßen, 

Und den Toden, tausendfach, nebenbei, ohne Wert. 

Und deine Wahrheit ist 

Des Drachen Gebrüll nicht, 

Nicht der geschwätzigen Gemeinschaft 

Vergiftetes, eitles Recht! 

Deine Wahrheit allein, 

Der Unsinn und sein Leid, 

Der Wundrand und das ausgehende Herz, 

Der Durst und die schlammige Tränke, 

Gebleckte Zähne, 

Und die mutige Wut 

Des tückischen Ungetüms. 

Der arme Brief von zu Hause, 

Das Durch-die-Straße-Laufen 

Der Mutter, die weise, 

Das alles nicht einsieht» 

Nun da wir uns ließen, 

Und unser Jenseits verschmissen, 

Und uns verschwuren, 

Zu Elend, besessen von Flüchen . • e 

Wer weiß von uns, 

Wer von dem endlosen Engel, 

Der weh über unsern Nächten, 

Zwischen den Fingern der Hände, 

Gewichtlos, unerträglich, niederfallend, 

Die ungeheuren Tränen weint?! 

Geschrieben am 4« August 191 4. 



ALBERT EHRENSTEIN: DER KRIEGSGOTT 

Heiter rieselt ein Wasser, 

Abendlich blutet das Feld, 

Aber aufreckend das wildbewachsene Tierhaupt, 

Den Menschen feind, 

Zerschmettere ich, Ares, 

Zerkrachend schwaches Kinn und Nase, 

Kirchtürme abdrehend vor Wut, 

Euere Erde» 



45 



Lasset ab, den Gott zu rufen* der nicht hört. 

Nicht hintersinnet ihr dies: 

Ein kleiner Unterteufel herrscht auf der Erde, 

Ihm dienen Unvernunft und Tollwut. 

Menschenhäute spannte ich an Stangen um die Städte, 

Der ich der alten Burgen Wanketore 

Auf meine Dämonsschultern lud, 

Ich schütte aus die dürre Kriegszeit, 

Steck' Europa in den Kriegssack« 

Rot umblüht euer Blut 

Meinen Schlächterarm, 

Wie freut mich der Anblick! 

Der Feind flammt auf 

In regenbitterer Nacht, 

Geschosse zerhacken euere Frauen, 

Auf den Boden 

Verstreut sind die Hoden 

Euerer Söhne 

Wie die Körner von Gurken. 

Unabwendbar eueren Kinderhänden 

Rührt euere Massen der Tod. 

Blut gebt ihr für Kot, 

Reichtum für Not;, 

Schon speien die Wölfe 

Nach meinen Festen, 

Euer Aas muß sie übermästen« 

Bleibt noch ein Rest 

Nach Ruhr und Pest? 

Aufheult in mir die Lust, 

Euch gänzlich zu beenden. 

KURT HEYNICKE: DAS BILD 
Welt, 

wie du taumelst! 

An meiner ausgestreckten Hand vorbei, 
bunt und blutbefallen, 
Welt! 



46 



Es stürzt ein Schrei von Mitternacht gen Mitternacht, 
ein Schrei, o Welt, 
dein Schrei 1 

Deiner Mütter Schrei, 

deiner Kinder Schrei * 

Heere wanken an roter Wand, 

rauchend und röchelnd sinkt goldenes Land, 

Heere wanken und steigen und gehn — 

ewig Heere, 

Kriegerheere, 

Mütterheere, 

Menschenheere ! 

Taumeln, Fallen, Gehären und Stehn! 

Hände kämpfen und bluten und flehn, 

Hände, Leiher und Angesichte 

gelb im vergifteten Lichte der Tage 

stürze, o Welt! 

Ich will nicht an den Wänden stehn I 
O, meine Brüder! 
Ich will untergehn! 

WILHELM KLEMM: SCHLACHT AN DER MARNE 

Langsam beginnen die Steine sich zu bewegen und zu reden. 

Die Gräser erstarren zu grünem Metall. Die Wälder, 

Niedrige, dichte Verstecke, fressen ferne Kolonnen. 

Der Himmel, das kalkweiße Geheimnis, droht zu bersten. 

Zwei kolossale Stunden rollen sich auf zu Minuten. 

Der leere Horizont bläht sich empor. 

Mein Herz ist so groß wie Deutschland und Frankreich zu- 
sammen, 
Durchbohrt von allen Geschossen der Welt. 
Die Batterie erhebt ihre Löwenstimme 
Sechsmal hinaus in das Land. Die Granaten heulen. 
Stille. In der Ferne brodelt das Feuer der Infanterie, 
Tagelang, wochenlang. 

47 



AUGUST STRAMM: WACHE 

Das Turmkreuz schrickt ein Stern 

Der Gaul schnappt Rauch 

Eisen klirrt verschlafen 

Nebel Streichen 

Schauer 

Starren Frösteln 

Frösteln 

Streicheln 

Raunen 

Du! 

AUGUST STRAMM -.PATROUILLE 

Die Steine feinden 

Fenster grinst Verrat 

Äste würgen 

Berge Sträucher blättern raschlig 

Gellen 

Tod. 



AUGUST STRAMM: STURMANGRIFF 

Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen 

Kreisch! 

Peitscht 

Das Leben 

Vor 

Sich' 

Hen 

Den keuchen Tod 

Die Himmel fetzen 

Blinde schlächtert wildum das Entsetzen 

ALFRED LICHTENSTEIN: 

DIE SCHLACHT BEI SAARBURG 

Die Erde verschimmelt im Nebel. 
Der Abend drückt wie Blei. 
Rings reißt elektrisches Krachen 
Und wimmernd bricht alles entzwei. 



48 



Wie schlechte Lumpen qualmen 

Die Dörfer am Horizont. 

Ich liege gottverlassen 

In der knatternden Schützenfront. 

Viel kupferne feindliche Vögelein 
Surren um Herz und Hirn. 
Ich stemme mich steil in das Graue 
Und biete dem Morden die Stirn. 

ALBERT EHRENSTEIN: 
DER DICHTER UND DER KRIEG 

Ich sang die Gesänge der rotaufschlitzenden Rache, 

Und ich sang die Stille des waldumbuchteten Sees; 

Aber zu mir gesellte sich niemand, 

Steil, einsam 

Wie die Zikade sich singt, 

Sang ich mein Lied für mich. 

Schon vergeht mein Schritt ermattend 

Im Sand der Mühe. 

Vor Müdigkeit entfallen mir die Augen, 

Müde bin ich der trostlosen Furten, 

Des Überschreitens der Gewässer, Mädchen und Straßen. 

Am Abgrund gedenke ich nicht 

Des Schildes und Speeres. 

Von Birken umweht, 

Vom Winde umschattet. 

Entschlaf* ich zum Klange der Harfe 

Anderer, 

Denen sie freudig trieft. 

Ich rege mich nicht, 

Denn alle Gedanken und Taten 

Trüben die Reinheit der Welt. 

PAUL ZECH: MUSIK DER STERNE 

In Höhlen Schwermut Du, vor Drähten 
der Feindschaft, jedem Stoß gestellt -— : 
horch, wie in den geschoß-gemähnten 
Wipfeln Musik der Sterne schwellt; 

i *9 



wie mit dem immer Dunklerwerden 
des Horizontes und Piadaus 
aus Mauerflanken anderer Erden 
Gott auferbaut ein Orgelbaus« 

Und hebst Du erst die düstere Braue, 
zerbrichst Du Schild und Schwert, 
fällt von Dir ab die altersgraue 
Montur. Du steifst Dich, unbeschwert, 

von dem Geschehenen des Tages, 
am Rand der Gräben wie ein Baum. 
Dein noch vor Stunden wanderzages 
Da-Sein verzweigt sich schon dem Raum. 

Bist Silbermasche jetzt des Flor es, 
aus Stern und Wind und Blatt, 
bist Vorhang eines Tores, 
das keinen Ausgang hat* 

Du bist gefangen 

und irgendwo im Licht 

spurlos zergangen. 

Du fühlst Dich selber nicht. 

Du fühlst nur, wie sich nichts als Noten 
Dir hinreihn, bis die Kette klingt, 
Dich und das Brüderheer der Toten 
der Psalm des Lichte iobsingt, 

aus Stimme Wald und Stimme Sterne 
die große Schöpferfuge braust, 
um die die Weltkaserne 
als toter Neumond saust, 

Zuletzt ist Gott nur noch alleine 
zuckender Puls im All . . . 
Weit über Wind und Wassern hämmert seine 
Urewigkeit wie Flügel von Metall. 



GEORG HEYM: DIE HEIMAT DER TOTEN 

I. 

Der Wintermorgen dämmert spät herauf. 
Sein gelber Turban hebt sich auf den Rand 
Durch dünne Pappeln, die im schnellen Lauf 
Vor seinem Haupte ziehn ein schwarzes Band* 

Das Rohr der Seen saust. Der Winde Pfad 
Durchwühlte es mit dem ersten Lichte grell. 
Der Nordsturm steht im Feld wie ein Soldat 
Und wirbelt laut auf seinem Trommelfell«, 

Ein Knochenarm schwingt eine Glocke laut. 
Die Straße kommt der Tod, der Schifferknecht. 
Um seine gelben. Pferdezähne staut 
Des weißen Bartes spärliches Geflecht 

Ein altes totes Weib mit starkem Bauch, 
Das einen kleinen Kinderleichnam trägt. 
Er zieht die Brust wie einen Gummis chlauch. 
Die ohne Milch und welk herunterschlägt. 

Ein paar Geköpfte, die vom kalten Stein 
Im Dunkel er aus ihren Ketten las. 
Den Kopf im Arm. Im Eis den Morgenschein 9 
Das ihren Hals befror mit rotem Glas. 

Durch klaren Morgen und den Winter tag 
Mit seiner Bläue, wo wie Rosenduft 
Von gelben Rosen, über Feld und Mag 
Die Sonne wiegt in träumerischer Luft. 

Des goldenen Tages Brücke spannt sich weit 
Und tönt wie einer großen Leier Ton, 
Die Pappeln rausciien mit dem Trauerkleid 
Die Straße fort, wo weit, der Abend schon 

Mit Silberbächen überschwemmt das Land, 
Und grenzenlos die ferne Weite brennt. 
Die Dämmerung steigt wie ein dunkler Brand 
Den Zug entlang, der in die Himmel rennt« 



Ein Totenhain, und Lorbeer, Baum an Baum, 
Wie grüne Flammen, die der Wind bewegt, 
Sie flackern riesig in den Himmelsraum, 
Wo schon ein blasser Stern die Flügel schlagt. 

Wie große Gänse auf dem Säulenschaft 
Sitzt der Vampyre Volk und friert im Frost. 
Sie prüfen ihrer EisBnkrallen Kraft. 
Und ihre Schnäbel an der Kreuze Rost. 

Der Efeu grüßt die Toten an dem Tor, 
Die bunten Kränze winken von der Wand. 
Der Tod schließt auf. Sie treten schüchtern vor, 
Verlegen drehend die Köpfe in der Hand. 

Der Tod tritt an ein Grab und bläst hinein. 
Da fliegen Schädel aus der Erde Schoß 
Wie große Wolken aus dem Leichenschrein, 
Die Barte tragen rund von grünem Moos. 

Ein alter Schädel flattert aus der Gruft, 
Mit einem feuerroten Haar beschwingt, 
Das um sein Kinn, hoch oben in der Luft, 
Der Wind zu feuriger Krawatte schlingt. 

Die leere Grube lacht aus schwarzem Mund 
Sie freundlich an. Die Leichen fallen um 
Und stürzen in den aufgerissenen Schlund. 
Des Grabes Platte überschließt sie stumm. 



IL 

Die Lider übereist, das Ohr verstopft 

Vom Staub der Jahre, ruht ihr eure Zeit. 

Nur manchmal ruft euch noch ein Traum, der klopft 

Von fern an eure tote Ewigkeit, 

In einem Himmel, der wie Schnee so fahl 
Und von dem Zug der Jahre schon versteint. 
Auf eurem eingefallenen Totenmal 
Wird eine Lilie stehn, die euch beweint. 



52 



Der Märznacht Sturm wird euren Schlaf betaun. 
Der große Mond, der in dem Osten dampft, 
Wird tief in eure leeren Augen schaun, 
Darin ein großer, weißer Wurm sich krampft. 
So schlaft ihr fort, vom Flötenspiel gewiegt 
Der Einsamkeit, im späten Weltentod, 
Da über euch ein großer Vogel fliegt 
Mit schwarzem Flug ins gelbe Abendrot. 

FRANZ WERFEL: DER RITT* 
Als mich mein Traum verschlug, 
Fand ich mich wandern im schönsten Nachmittag 
Den Hügel nieder, der schwebte und mit Flügeln schlug. 
Zu meinen Füßen lag 
Das Land in goldenem Staat, 

Das Land in Schwaden rauschend der gereiften Saat. 
Ich kam wie aus viel Not, 

Wie einer, der das Hemd der Krankheit von sich warf, 
Und leichter und geschmeidiger sich tragen darf 
Als je; — in Por und Ader pocht 

Begeisterung das dünne Blut, das ihn nicht unterjocht. 
So trat ich heiter ein 

Ins Tal der Ernten, das von Korn und Sonne schwoll. 
Um Brust und Hüfte schwankten Ähren schwer und voll, 
Die fast verwuchsen meinen eiligen Rain. 
Doch leicht für meine Sohlen war der Traum, 
Die vielen Vogelflüge mir zu Häupten sah ich kaum. 
Die Vögel hatten hier wohl einen Sinn . . . 
Und plötzlich war die Erde meinen Sohlen schwer, so schwer, 
Als wirkte mächtiges Metall von unten her; 
Mein Knie, mein Puls, sie stockten her und hin. 
Ich sprach zu mir : Bannt meinen Schritt magnetisches Metall, 
Was fahren diese Vögel schreiend klatschend unterm All ? . . . 
Dies aber sah ich: Überall 
Zerknickt, zerdrückt die Ernte niederlag, 
Wie von Regenschwall, wie von Hagelfall 
Verheert. — Und im golden niederwandelnden Tag 
Rings im Getreide sah ich viele tote Männer hingestreckt, 
Die hatten Sonntagskleider an, doch ihr© Köpfe waren schon 
schwarz gefleckt, 

53 



— Die liegen hier sehr laiig — 

Dacht' ich und schloß das Aug*. Doch wie durch einen Riß 
Sah ich die vielen schwarzen Köpfe, sah manch blinkendes 

Gebiß, 
An aufgetriebenen Westen manche Silber kette blank: 

— Die trugen Diebe nicht und nicht die großen Elstern fort — 
So sagte ich — die Elstern, die so schreien über diesem Ort« 

Ich schüttelte von Schultern nicht 

Den Bann. Wie sehr ich kämpfte auch, ich mußte schaun . . . 
Es froren und es stachen mich die Wurzeln meiner Brau'n. 
Die Toten lagen starr im späten Licht. 
Ich fühlte meinen Leib wie einen ungefügen Sack. 
Doch plötzlich war's, als ritte ich, als trüg mich einer hucke- 
pack. 

Es trug mich einer huckepack. 

Fest meine Schenkel preßten brüchiges Schulternpaar. 
Es flatterte vor mir ein Schopf farbloses Haar. 
Nur manchmal mühsam war, schwarz wie von Lack 
Ein Antlitz fragend hergedreht : Ob ich auch ritte recht . . . 
Der Tote, der mich trug, er grinste schief, wie ein gutmütiger 
Knechte 

Auf dem ich ritt und ritt. 

Er war schnellfüßig, wie nicht leicht 

Ein Rennpferd ist, das nicht schnaubt noch keucht 

Doch plötzlich schwankte er und fiel in Schritt. 

Er stand und wandte mir sein arm zerfreßnes Antlitz her . . . 

Mir aber war's, als ob mein eigen Bild verwest im Spiegel war. 

Er klappte mit dem Mund 
Und sprach : „Mein Bruder du, es ist genug, 
Genug, daß Gott für dich mich fällte und erschlug. 
Ich nahm dein Los auf mich. Du aber bist gesund. 
Nun aber sage mir: Ist so gerichtet denn gerecht, 
Daß du mein Reiter bist und Herr — und ich dein Pferd und 
Knecht ? 

Steig nur aus deinem Sattel gleich, 

Mach mein Genick von deinen Schenkeln frei! 

Ich weiß, dir, guter Bruder, ist es einerlei» 

54 



Dein Aug' ist von Erbarmen naß, dein Mut ist weich. 
Verwes ich nicht für dich, vom Wurm geschwärzt, vom Wind 

gebleicht? 
Komm! Trag mich du ein Stückchen Wegs! Ich bin. so leicht, 

so leicht." 

Ich aber lachte voll Gewalt 

Und spornte seinen Leib mit meinem Schuh. 

„Ich steige nicht von meinem Sitz. Lauf zu! Trab Marsch! 

Lauf zu! 
Und spiegelst du mir noch so sehr die eigene Gestalt, 
Und bröckelt auch in deinem Antlitz ab mein eigenes Gesicht, 
Ich bin dein Reiter, toter Bruder, und ich laß dich nicht! 

Ich habe tief erkannt, 

Ich tauchte auf den Grund der Angst! Die würgt, 

Die sich zur Gnade nie verbürgt, 

Ich fühl' von nun an ewig um den Hals die Hand. 

Ich reite, weil 's mich reitet! Wild bewußt der lückenlosen Not 

Bin ich ihr Herr und Reiter gar auf meinem eigenen Tod!" 

Und lachend riß ich! ab 

Vom Haselbusch die Gerte, und ich schlug 

Des Toten Flanken leicht. Er seufzte auf und trug 

Erst störrisch meine Last, doch bald im. scharfen Trab, 

Und folgte endlich willig meiner heiteren Gewalt. 

So ritt ich in den Abend ein und es umfing uns Wald. 

Und dieser Wald — er war 

Die Harfe meines Lebens übers Abendrot gespannt. 
Und ich griff in die Stränge mit meiner großen Hand, 
Und nannte den Triumph und nannte die Gefahr! 
Es flüsterte des Toten Tritt, zart flüsterten die Eichen mit, 
Ich aber ritt auf meinem Tod und sang den Rausch von diesem 
Ritt 

GOTTFRIED BENN: 

MANN UND FRAU GERN DURCH DIE KREBSBARACKE 

Der Mann: 

Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße 

und diese Reihe ist zerfallene Brust. 

Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich. 

55 



Komm, liebe ruhig diese Decke auf. 
Sieh, dieser Klumpen Fett und faule Säfte 
das war einst irgendeinem Mann groß 
und hieß auch Rausch und Heimat. — 

Komm, sieh auf diese Narbe an der Brust. 

Fühlst du den Rosenkranz von weichen Knoten ? 

Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist weich und schmerzt nicht. 

Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern« 

Kein Mensch hat so viel Blut. — 

Hier dieser schnitt man 

erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß. — 

Man läßt sie schlafen. Tag und Nacht. — Den Neuen 
sagt man: hier schläft man sich gesund. — Nur Sonntags 
für den Besuch läßt man sie etwas wacher. — 

Nahrung wird wenig noch verzehrt. Die Rücken 
sind wund. Du siehst die Fliegen. Manchmal 
wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht. — 

Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett. 
Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort. 
Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft. — 



GEORG HE YM: DIE MORGUE 

Die Wärter schleichen auf den Sohlen leise, 
Wo durch das Tuch es weiß von Schädeln blinkt. 
Wir, Tote, sammeln uns zur letzten Reise 
Durch Wüsten weit und Meer und Winterwind. 

Wir thronen hoch auf kahlen Katafalken, 
Mit schwarzen Lappen garstig überdeckt. 
Der Mörtel fällt. Und aus der Decke Balken 
Auf uns ein Christus große Hände streckt. 

Vorbei ist unsre Zeit. Es ist vollbracht. 
Wir sind herunter. Seht, wir sind nun tot. 
In weißen Augen wohnt uns schon die Nacht 3 
Wir schauen nimmermehr ein Morgenrot, 

56 



Tretet zurück von unserer Majestät. 
Befaßt uns nicht, die schon das Land erschaun 
Im Winter weit, davor ein Schatten steht, 
Des schwarze Schulter ragt im Abendgraun. 

Ihr, die ihr eingeschrumpft wie Zwerge seid, 
Ihr, die ihr runzlig liegt auf unserm Schoß, 
Wir wuchsen über euch wie Berge weit 
In Ewige Todes^Nacht, wie Götter groß. 

Mit Kerzen sind wir lächerlich umsteckt, 
Wir, die man früh aus dumpfen Winkeln zog 
Noch grunzend, unsre Brust schon blau gefleckt, 
Die nachts der Totenvogel überflog. 

Wir Könige, die man aus Bäumen schnitt, 

Aus wirrer Luft im Vogel-Königreich, 

Und mancher, der schon tief durch Röhricht glitt, 

Ein weißes Tier, mit Augen rund und weich. 

Vom Herbst verworfen. Faule Frucht der Jahre, 
Zerronnen sommers in der Gossen Loch, 
Wir, denen langsam auf dem kahlen Haare 
Der Julihitze weiße Spinne kroch. 

Rahen wir aus im stummen Turm, vergessen? 
Werden wir Welle einer Lethe sein? 
Oder, daß Sturm uns treibt um Winteressen, 
Wie Dohlen reitend auf dem Feuerschein? 

Werden wir Blumen sein? Werden wir Vögel werden, 
Im Stolze des Blauen, im Zorne der Meere weit? 
Werden wir wandern in den tiefen Erden, 
Maulwürfe stumm in toter Einsamkeit? 

Werden wir in den Locken der Frühe wohnen, 

Werden wir blühen im Baum, und schlummern in Frucht, 

Oder Libellen blau auf den See- Anemonen 

Zittern am Mittag in schweigender Wasser Bucht? 

Werden wir sein, wie ein Wort von niemand gehöret? 
Oder ein Rauch, der flattert im Abendraum? 
Oder ein Weinen, das plötzlich Freudige störet? 
Oder ein Leuchter zur Nacht? Oder ein Traum? 

- 5 7 



Oder — wird niemand kommen? 
Und werden wir langsam zerfallen* 
In dem Gelächter des Monds, 
Der hoch über Wolken saust. 
Zerbröckeln in Nichts, 

— Daß ein Kind kann zerballen 
Unsere Größe dereinst 

In der dürftigen Faust* 

Wir, Namenlose, arme Unbekannte, 

In leeren Kellern starben wir allein. 

Was ruft ihr uns, da unser Licht verbrannte, 

Was stört ihr unser frohes Stell~Dich-Ein ? 

Seht den dort, der ein graues Lachen stimmt 
Auf dem zerfallnen Munde fröhlich an, 
Der auf die Brust die lange Zunge krümmt, 
Er lacht euch aus, der große Pelikan. 

Er wird euch beißen. Viele Wochen war 
Er Gast bei Fischen. Riecht doch, wie er stinkt. 
Seht, eine Schnecke wohnt ihm noch im Haar, 
Die spöttisch euch mit kleinem Fühler winkt. 

— Ein kleines Glöckchen — -. Und sie ziehen aus. 
Das Dunkel kriecht herein auf schwarzer Hand» 
Wir ruhen einsam nun im weilen Haus, 
Unzählige Särge tief an hoher Wand. 

Was kommt er nicht? Wir haben Tücher an 
Und Totenschuhe. Und wir sind gespeist. 
Wo ist der Fürst, der wandert uns voran, 
Des große Fahne vor dem Zuge reist? 

Wo wird uns seine laute Stimme wehen? 
In welche Dämmerung geht unser Flug? 
Verlassen in der Einsamkeit zu stehen 
Vor welcher leeren Himmel Hohn und Trug? 

Ewige Stille. Und des Lebens Rest 
Zerwittert und zerfällt in schwarzer Luft. 
Des Todes Wind, der unsre Tür verläßt, 
Die dunkle Lunge voll vorn Staub der Gruft, 



58 



Er atmet schwer hinaus, wo Regen rauscht, 
Eintönig, fern, Musik in unserni Ohr, 
Das dunkel in die Nacht dem Sturme lauscht. 
Der ruft im Hause traurig und sonor. 

Und der Verwesung blauer Glorienschein 
Entzündet sich auf unserm Angesicht. 
Ein Ratte hopst auf nacktem Zehenbein, 
Komm nur, wir stören deinen Hunger nicht. 

Wir zogen aus, gegürtet wie Giganten, 
Ein jeder klirrte wie ein Goliath. 
Nun haben wir die Mäuse zu Trabanten, 
Und unser Fleisch ward dürrer Maden Pfad. 

Wir, Ikariden, die mit weißer Schwinge 
Im blauen Sturm des Lichtes einst gebraust, 
Wir hörten noch der großen Türme Singen, 
Da rücklings wir in schwarzen Tod gesaust. 

Im fernen Plan verlorner Himmelslande, 
Im Meere weit, wo fern die Woge flog, 
Wir flogen stolz in Abendrotes Brande 
Mit Segeln groß, die Sturm und Wetter bog* 

Was fanden wir im Glanz der Himmelsenden? 
Ein leeres Nichts. Nun schlappt uns das Gebein, 
Wie einen Pfennig in den leeren Händen 
Ein Bettler klappern läßt am Straßenrain. 

Was wartet noch der Herr? Das Haus ist voll, 
Die Kammern rings der Karavanserei, 
Der Markt der Toten, der von Knochen scholl, 
Wie Zinken laut hinaus zur Wüstenei. 

ALBERT EHRENSTEIN: JULIAN 

Sonne, goldener Diskos des Titanen Helios! 

Helios, der du, knietief watend im grauen Weltall, 

Schleuderst die goldene Scheibe! 

Kletterte ich nicht an des Gebets Mastbaum 

Nach fernem Himmel, 

Weinte ich nicht, und waren die Tränen 

Dir nicht gehorsam? 



59 



Opfernd vergoß ich mein Blut, 

Den trostlosen, rotschluchzenden Mohn. 

Licht: betend starrt* ich dich an, 

Bis im gelben Sonnengespinst die Augen starben. 

Nun entsinkt nicht silberner Punkt, 

Zitterlicht keines Sternes der Nacht. 

Aus zermorschtem, wipfellosem, erdarmem Stamm 

Streckt mich ein Ast 

Auf verfaulter, taufrierender Rinde: 

Des kahlen Holzes letztes, herbstverlorenes Blatt. 



GEORG TRAKL: AN DEN KNABEN ELIS 

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft, 

Dieses ist dein Untergang. 

Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells. 

Laß, wenn deine Stirne leise blutet, 

Uralte Legenden 

Und dunkle Deutung des Vogelflugs. 

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht, 
Die voll purpurner Trauben hängt, 
Und du regst die Arme schöner im Blau. 

Ein Dornenbusch tönt, 

Wo deine mondenen Augen sind. 

0, wie lange bist, Elis, du verstorben» 

Dein Leib ist eine Hyazinthe, 

In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht. 

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen, 

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt 
Und langsam die schweren Lider senkt. 
Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau, 

Das letzte Gold verfallener Sterne. 
60 



GEORG TRAKL: ELIS 
i. 

Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags. 

Unter alten Eichen 

Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen. 

Ihre Bläue spiegelt den Schlummer der Liebenden. 

An deinem Mund 

Verstummten ihre rosigen Seufzer. 

Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein. 

Ein guter Hirt 

Führt seine Herde am Waldsaum hin. 

0! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage. 

Leise sinkt 

An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille, 

Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang. 

Ein goldener Kahn 

Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel. 

2. 
Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis' Brust 
Am Abend, 
Da sein Haupt in schwarze Kissen sinkt. 

Ein blaues Wild 

Blutet leise im Dornenges trüpp. 

Ein brauner Baum steht abgeschieden da; 
Seine blauen Früchte fielen von ihm. 

Zeichen und Sterne 

Versinken leise im Abendweiher. 

Hinter dem Hügel ist es Winter geworden. 

Blaue Tauben 

Trinken nachts den eisigen Schweiß, 

Der von Elis' kristallener Stirne rinnt. 

Immer lönt 

An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind. 

61 



LASKER-SCHOLER: SENNA ROY* 

Seit du begraben liegst auf dem Hügel, 
Ist die Erde süß. 

Wo ich hingehe nun auf Zehen, 
Wandele ich über rein© Wege. 

O deines Blutes Rosen 
Durchtränken sanft den Tod., 

Ich habe keine Furcht mehr 
Vor dem Sterben* 

Auf deinem Grabe blühe ich <schon 

; Mit den Blumen der Schlingpflanzen, 

Deine Lippen haben mich immer gerufen, 
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück. 

Jede Schaufel Erde, die ich barg, 
Verschüttete auch mich. 

Darum ist immer Nacht an mir, 
Und Sterne schon in der Dämmerung. 

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden 
Und ganz fremd geworden. 

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt 
Und wartest auf mich, du Großengel. 

ELSE LASKER-SCHOLER: MEINE MUTTER 
War sie der große Engel, 
Der neben mir ging? 

Oder liegt meine Mutter begraben 
Unter dem Himmel von Rauch — 
Nie blüht es blau über ihrem Tode. 

Wenn meine Augen doch hell schienen 
Und ihr Licht brächten. 

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz, 
fch würde es über ihr Grab hängen. 

Aber ich weiß einen Stern, 

Auf dem immer Tag ist; 

Den will ich über ihre Erde tragen. 

62 



Ich werde jetzt immer ganz aliein sein 
Wie der große Engel, 
Der neben mir ging, 

JAKOB VAN HODDIS: DER TODESENGEL 

I 

Mit Trommelwirbeln gebt der Hochzeitszug, 
In seid'ner Sänfte wird die Braut getragen, 
Durch rote Wolken weißer Rosse Flug, 
Die ungeduldig gold'xie Zäume nagen. 

Der Todesengel harrt in Himmelshallen 
Als wüster Freier dieser zarten Braut. 
Und seine wilden, dunklen Haare fallen 
Die Stirn hinab, auf der der Morgen graut. 

Die Augen weit, vor Mitleid glühend offen 
Wie trostlos starrend hin zu neuer Lust, 
Ein grauenvolles, nie versiegtes Hoffen, 
Ein Traum von Tagen, die er nie gewußt. 

II 

Er kommt aus einer Höhle, wo ein Knabe 
Ihn als Geliebte wunderzart umfing. 
Er flog durch seinen Traum als Schmetterling 
Und ließ ihn Meere sehn als Morgengabe. 

Und Lüfte Indiens, wo an Fiebertagen 
Das greise Meer in gelbe Buchten rennt. 
Die Tempel, wo die Priester Gymbeln schlagen, 
Um Öfen tanzend, wo ein Mädchen brennt. 

Sie schluchzt nur leise, denn der Schar Gesinge 
Zeigt ihr den Götzen, der auf Wolken thront 
Und Totenschädel trägt als Schenkelringe, 
Der Flammenqual mit schwarzen Küssen lohnt. 

Betrunkne tanzen nackend zwischen Degen, 
Und einer stößt sich in die Brust und fällt. 
Und während blutig sich die Schenkel regen, 
Versinkt dem Knaben Tempel, Traum und Welt. 



63 



III 

Dann flog er hin zu einem alten Manne 

Und kam ans Bett als grüner Papagei. 

Und krächzt das Lied: „0 schmähliche Susanne!" 

Die längst vergeßne Jugendlitanei. 

Der stiert ihn an. Aus Augen glasig blöde 
Blitzt noch ein Strahl. Ein letztes böses Lächeln 
Zuckt um das zahnlose Maul. Des Zimmers Öde 
Erschüttert jäh ein lautes Todesröcheln. 

IV 

Die Braut friert leise unterm leichten Kleide. 
Der Engel schweigt. Die Lüfte ziehn wie krank. 
Er stürzt auf seine Knie. Nun zittern beide. 
Vom Strahl der Liebe, der aus Himmeln drang. 

Posaunenschall und dunkler Donner lachen. 
Ein Schleier überflog das Morgenrot. 
Als sie mit ihrer zärtlichen und schwachen 
Bewegung ihm den Mund zum Küssen bot. 

GEORG HEYM: OPHELIA 
I 

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, 
Und die beringten Hände auf der Flut 
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten 
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht. 

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt, 
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein. 
Warum sie starb? Warum sie so allein 
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt? 

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht 
Wie eine Hand die Fledermäuse auf. 
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht 
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wass erlauf, 

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal 
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint 
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint 
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual. 



64 



II 

Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß. 
Der Felder gelbe Winde schlafen still. 
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will. 
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß. 

Die blauen Lider schatten sanft herab. 
Und bei der Sensen blanken Melodien 
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin 
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab. 

Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt 
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt 
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt 
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt 

Hall voller Straßen. Glocken und Geläut. 
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht 
In blinde Scheiben dumpfes Abendrot, 
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut, 

Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann, 
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte kien. 
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn 
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann. 

Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit, 
Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm 
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm, 
Der schattet über beide Ufer breit. 

Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht 
Der westlich hohe Tag des Sommers spät, 
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht 
Des fernen Abends zarte Müdigkeit. 

Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht, 
Durch manchen Winters trauervollen Port. 
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort, 
Davon der Horizont wie Feuer raucht* 

65 



ALBERT EHRENSTEIN: 

DER EWIGE SCHLAF* 

Ich war der siiberschenklige Schenke 

Und schenkte den weltentrückenden Wein. 

Bin ich entwirbelt schon dem Freudentanz der Zeiten, 

Hat schon die Lust sich drehend umgeschwungen 

In Trauer? 

Rollend liegt das reiche Jahr 
Vor meinen Sandalen, 
Ich aber muß verhetzt und wund, 
Bloßfüßig über Stoppelfelder. 

Im Fließen des Wassers seh' ich den Durst, 

Im Leuchten der Sonne Nacht ohne Sterne. 

Genuß verlor mir allen Leib, 

Aus Hören wurden Keren. 

Der Erinnerung Wälder, so todesstille, 

Kamen und Unkenrufe. 

Was wollt ihr Weiber, arm und nackt, 
Schmerz, Liebesfurchen um die jungen Augen? 
Nicht acht' ich eure leichte Landschaft, 
Das windgewiegte Schlummergras. 
Ich höre euer Haar ergrauen 1 

Ich? Wer bin ich? 

Ich bin ein Zeitblock, 

Der bröckelt ab und fällt zurück ins Meer. 

Ich bin ein Winselwind, der Pfützen trübt, 

Ich bin der Blitz, der zuckend verzuckt, 

Ich bin der Schnee, der kommt und vergeht, 

Ich bin die Ruderspur, die im Teiche sich verliert, 

Ich bin der Samen im Schoß einer Hurel 

So laß auch Du die purpurne Gebärde, 

Du bist der gute Tod, 

Ich bin ein Häuflein Erde. 

komme bald und menge mich, 

Erde in die Erde, 



66 




Oskar Kokoschka 



Albert Ehrenstein 



FRANZ WERFEL: TRINKLIED 

Wir sind wie Trinker, 

Gelassen über uns er n Mord gebeugt» 

In schattiger Ausflucht 

Wanken wir dämmernd. 

Welch ein Geheimnis da? 

Was klopft von unten da? 

Nichts, kein Geheimnis da, 

Nichts da klopft an. 

Laß du uns leben ! 

Daß wir uns stärken an letzter Eitelkeit, 

Die gut trunken macht und dumpf I 

Laß uns die gute Lüge, 

Die wohlernährende Heimat! 

Woher wir leben? 

Wir wissen's nicht . . . 

Doch reden wir hinüber, herüber 

Zufälliges Zungenwort. 

Wir wollen nicht die Arme sehn, 

Die nachts aus schwarzem Flusse stehn. 

Ist tiefer Wald in uns, 

Glockenturm über Wipfeln? 

Hinweg, hinweg! 

Wir leben hin und her. 

Reich du voll schwarzen Schlafes uns den Krug! 

Laß du uns leben nur, 

Und trinken laß uns, trinken! 

Doch wenn ihr wachtet! 

Wenn ich wachte über meinem Mord! 

Wie flöhen die Füße mir! 

Unter den Ulmen hier war' ich nicht. 

An keiner Stätte wäre ich. 

Die Bäume bräunten sich, 

Wie Henker stünden die Felsen! 

In jedes Feuer würf ' ich mich. 

Schmerzlicher zu zerglühnl 

69 



Trinker sind wir über unserem Mord. 

Wort deckt uns warm zu. 

Dämmerung und in die Lampe Sehn! 

Ist kein Geheimnis da? 

Nein, nichts dal 

Kommt denn und singt ihr! 

Und ihr mit Kastagnetten, Tänzerinnen l 

Herbei! Wir wissen nichts. 

Kämpfen wollen wir und spielen. 

Nur trinken, trinken laß du unsl 



GEORG TRAKL: HELIAN 

In den einsamen Stunden des Geistes 

Ist es schön, in der Sonne zu gehn 

An den gelben Mauern des Sommers hin. 

Leise klingen die Schritte im Gras; doch immer schläft 

Der Sohn des Pan im grauen Marmor. 

Abends auf der Terrasse betranken wir uns mit braunem Wein. 
Rötlich glüht der Pfirsich im Laub; 
Sanfte Sonate, frohes Lachen. 

Schön ist die Still© der Nacht. 

Auf dunklem Plan 

Begegnen wir uns mit Hirten und weißen Sternen. 

Wenn es Herbst geworden ist, 

Zeigt sich nüchterne Klarheit im Hain. 

Besänftigte wandeln wir an roten Mauern hin 

Und die runden Augen folgen dem Flug der Vögel. 

Am Abend sinkt das weiße Wasser in Graburnen. 

In kahlen Gezweigen feiert der Himmel. 

In reinen Händen trägt der Landmann Brot und Wein 

Und friedlich reifen die Früchte in sonniger Kammer. 

wie ernst ist das Antlitz der teueren Toten, 
Doch die Seele erfreut gerechtes Anschaun. 

Gewaltig ist das Schweigen des verwüsteten Gartens, 

Da der junge Novize die Stirne mit braunem Laub bekränzt, 

Sein Odem eisiges Gold trinkt. 

70 



Die Hände rühren das Alier bläulicher Wasser 

Oder in kalter Nacht die weißen Wangen der Schwestern. 

Leise und harmonisch ist ein Gang an freundlichen Zimmern 

hin, 
Wo Einsamkeit^ ist und das Rauschen des Ahorns, 
Wo vielleicht noch die Drossel singt. 

Schön ist der Mensch und erscheinend im Dunkel, 

Wenn er staunend Arme und Beine bewegt, 

Und in purpurnen Höhlen stille die Augen rollen. 

Zur Vesper verliert sich der Fremdling in schwarzer Noh 

vemberzerstörung, 
Unter morschem Geäst, an Mauern voll Aussatz hin, 
Wo vordem der heilige Bruder gegangen, 
Versunken in das sanfte Saitenspiel seines Wahnsinns. 

wie einsam endet der Abendwind. 

Ersterbend neigt sich das Haupt im Dunkel des Ölbaums. 

Erschütternd ist der Untergang des Geschlechts. 

In dieser Stunde füllen sich die Augen des Schauenden 

Mit dem Gold seiner Sterne. 

Am Abend versinkt ein Glockenspiel, das nicht mehr tönt, 
Verfallen die schwarzen Mauern am Platz, 
Ruft der tote Soldat zum Gebet. 

Ein bleicher Engel 

Tritt der Sohn ins leere Haus seiner Väter. 

Die Schwestern sind ferne zu weißen Greisen gegangen. 
Nachts fand sie der Schläfer unter den Säulen im Hausflur, 
Zurückgekehrt von traurigen Pilgerschaften. 

wie sWrt von Kot und Würmern ihr Haar, 

Da er darein mit silbernen Füßen steht, 

Und jene verstorben aus kahlen Zimmern treten. 

ihr Psalmen in feurigen Milternachtsregen, 

Da die Knechte mit Nesseln die sanften Augen schlugen, 

Die kindlichen Früchte des Holunders 

Sich staunend neigen über ein leeres Grab. 

71 



Leise rollen vergilbte Monde 

Über die Fieberlinnen des Jünglings, 

Eh dem Schweigen des Winters folgt. 

Ein erhabenes Schicksal sinnt den Kidron hinab* 

Wo die Zeder, ein weiches Geschöpf, 

Sich unter den blauen Brauen des Vaters entfaltet, 

Über die Weide nachts ein Schäfer seine Herde führt. 

Oder es sind Schreie im Schlaf, 

Wenn ein eherner Engel im Hain den Menschen antritt, 

Das Fleisch des Heiligen auf glühendem Rost hinschmilzt. 

Um die Lehmhütten rankt purpurner Wem, 

Tönende Bündel vergilbten Korns, 

Das Summen der Bienen, der Flug des Kranichs. 

Am Abend begegnen sich Auferstandene auf Felsenpfaden. 

In schwarzen Wassern spiegeln sich Aussätzige; 
Oder sie öffnen die kotbefleckten Gewänder 
Weinend dem balsamischen Wind, der vom rosigen Hügel 
weht. 

Schlanke Mägde tasten durch die Gassen der Nacht, 
Ob sie den liebenden Hirten fänden. 
Sonnabends tönt in den Hütten sanfter Gesang. 

Lasset das Lied auch des Knaben gedenken, 

Seines Wahnsinns, und weißer Brauen und seines Hingangs, 

Des Verwesten, der bläulich die Augen aufschlägt. 

wie traurig ist dieses Wiedersehn. 

Die Stufen des Wahnsinns in schwarzen Zimmern, 
Die Schatten der Alten unter der offenen Tür, 
Da Helians Seele sich im rosigen Spiegel beschaut 
Und Schnee und Aussatz von seiner Stirne sinken« 

An den Wänden sind die Sterne erloschen 
Und die weißen Gestalten des Lichts. 

Dem Teppich entsteigt Gebein der Gräber, 
Das Schweigen verfallener Kreuze am Hügel, 
Des Weihrauchs Süße im purpurnen Nachtwind. 

72 



O ihr zerbrochenen Augen in schwarzen Münder», 

Da der Enkel in sanfter Umnachtung 

Einsam dem dunkleren Ende nachsinnt, 

Der stille Gott die blauen Lider über ihn senkt. 

ALBERT EHRENSTEIN: DIE GÖTTER 

Uns Gefesselte umringen 
Teufel, die uns tierisch zwingen. 
Mich verfluch* ich, der ich kam, 
Ehe Licht die Erde nahm. 

Kein Segel blüht uns im Winde. 

Sturm ward. Freunde, 

Die Haare verschnitten, die Füße vereist, 

Dem Werk entritten, leib verlöteter Geist, 

Stallwachend beriechen Roßäpfel zur nächtlichen Stunde." 

Oder verstummt in Verstümmlung, 

Die entwandelte Hand vom trauernden Mantelärmel um- 

plodert, 
Krückten sie sich die Wand entlang, 
Bis sie die Erde verschlang. 

Klagend verließ ich sie; 

Niemand liebt mich auf Erden, 

So lechze ich nicht, mein Blut zu vergießen, 

Niemand freut sich der Spende. 

Schmerzgebild aus Grauen und Gram 

Nicht mehr tröstete mich die Wiese, 

Der Heimat zärtlicher Halm, 

Im Traume floh ich ins Dschungel. 

Nicht da, nicht dort! 

Ein Königstiger auf Java, 

Stark und sein eigener Gott, 

— Zerkrümmt verging ich unter seinen Pranken. 

Letzter Atem entsank. Die Seele stieg. Nicht hoch. 

Hinsirrend über fahle Moore, 

Im schwarzen Schwärm der Schatten, 

Fern den herrlichen 

Gestaden Gottes 

Schaute sie nur die Götter. 

Näher stob ich dem flirrenden Reigen, 

Hob mich betend hinan meinem Gott: 

?3 



„Phoibos Apollon, 

Neunfach umtanzt dich der Tag mit rosigen Musen, 

Was klirrt deine schicksalbehangene Schultei ? 

Niemand verletzte den Chryses. 

Deine vergoldeten Priester beleidigen dich? 

Verseuchten Halbdichter den Vers, Zeithunde die Zeitung, 

Schone das schuldlose Volk, 

Gnädig umwandle dein Reich, 

Erstick* uns nicht in Pest und gelber Verwesung I" 

Antwortend umdrang mich unfriedlicher Berggesang: 

„Ihr redet gern vom Glücke, 

Und lebet lustzerschabt, 

Doch hat euch viel geliebt, gelabt, 

War es der Weiber Lücke. 

Euch Zwerge wirbeln die Winde, 
Bis ihr am Felsen zerschellt, 
Ihr torkelt, trunkene Blinde, 
Von Asche zur Asche gefällt. 

Über dem Schiffbruch irdischer Gewalten 

Wehen wir Götter selig dahin, 

Euch frommt nach Feldgreueln brandschwarzes Erkalten, 

Wir sind die Freude, wir sind der Sinn» 

Die ihr Gott und Wort, 
Tatherz verlort, 
Zum Kampf verdammt 
Rafft ihr euch fort, 

Narren, Scharen der Waren! 
Über Felsen der Zeit 
Blutsturz rot rollt, 
Ihr sollt euch töten, Barbaren l" 

Da blickte ich alles versteinert. 

Der greise Zeus verfolgt noch das Kuhweib, 

Wodans Einaug zu Ehren schnarrt das Einglas im Feld. 

Sah Mohammed, ferne dem Gipfel des Sieges, 

Wegmüde zum Berg, der stets weiter zurückweicht» 

Jesus Christus hütet das Holz, 

Starr genagelt ans Kreuz. 



74 



Vergebens war das Gebet der dreißig Gerechten. 

Aus Mordnächten des Nordens 

Scholl unendliche Klage, 

Jammer zerhackte mein Herz, 

Israel winselt im Winter, 

Der Ewige 

Beschneidet sein Volk, 

Gegen den unerbittlichen Dornbusch warf sich die Seele, 

Ob sie dem Zorn sich als Opfer vermähle : 

„In den Marmorbrüchen von Garrara 

Dünkte sich dein Volk geboren, 

Eckstein ward es dann den Hunden, 

Auserkoren I Auserkoren I 

Du hast es gesendet 

Unter die Sichelwagen deines Grimmes I 

In dir ist es beendet, 

Wer hat dich ausgeboren?" 

Nicht nahm er mich an, 

Aus unerforschlichem Nebel-Nirwana 

Überkam mich im Grauen Gruß des Suddhodana: 

„Die ihr herrschet: lebt, ihr kennt mich nicht. 

Was da icht, sieht sein Gesicht. 

Sterbet bis ins wärmste Seelenherz I 

Schmutz ist Leben, Erde Schmerz. 

Raum, du Trübsal, 

Wahn die Zeit, 

Im Weltwirrsal 

Sei der Tod gebenedeit." 

Sprach der Teufel traumesschlau: 

„0, wie leicht verweht selbst dieses Blau! 

Im Wunder seid ihr Götter nicht bewandert. 

Reiner ist Meister des Baus, 

Da immer das Heiligtum hinwelkt. 

Auf den Häuptern der Asketen paaren sich Insekten 1 

Ist euch Vormenschen das Ewige unerreichbar, 

Knirscht nicht vor Göttern um irdische Hilfe. 

Die zeitliche Losung keimt auch in euerem Hirn. 

7 5 



Im Hahnenkampf der Völker 

Anschwillt manch Vaterland. 

Nicht lockt es, namenlos im stumpfen Heerwald 

Mitzuheulen das Erzgebrüll der Schlachten. 

Tiefere Schmerzen pflanzt in Heldenzähne der Geist. 

Weh über die Inf uln-Helme ! 

Abkratzt den jesuitischen Kanonenchristen 

Die bluteiternde Kruste! 

Nicht jung mit den verbrauchten Schatten 

Hinwandern über die Wiese! 

Erst wenn euch Vergehenden der Tod nicht mehr gilt, 

Atmet, Assassinen, die Amokluft 

In Kämpfen mit den wahren Barbarenzaren : 

Aller Welt Geldfürsten. 

Erdherrn, die nach Übermacht dürsten, 

Muß man die Glut 

Löschen mit ihrem Blut. 

Glückt es den Brownings, den Bomben, 

Fallen weniger Heerhekatomben!*' 

Und rettete steil ich mich aus dem Traum hervor, 
Ich, auch ich, ich habe gemordet! 
Bitteres essen die Menschen. 

FRANZ WERFEL: WARUM MEIN GOTT 
Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, 
Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht, 
Und dabin jetzt im Winde meiner Schuld, 
Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, 
Zur Eitelkeit des Worts, 
Und daß ich dies füge, 
Und trage vermessenen Stolz, 
Und in der Ferne meiner selbst 
Die Einsamkeit?! 
Was schufst. Du mich zu dem, mein Herr und Gott? 

Warum, warum nicht gabst Du mir 

Zwei Hände voll Hilfe, 

Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes? 

Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte, 

Und Stirne überhangen 

Von süßer Lampe der Demut? 

76 



Und einen Schritt durch tausend Straßen, 

Am Abend zu tragen alle 

Glocken der Erde 

Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?! 

Siehe, es fiebern 

So viele Kindlein jetzt im Abendbett, 

Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen. 

Und dunkler Sünder starrt 

In seines Himmels Ausgemessenheit. 

Und jede Seele fällt zur Nacht 

Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes. 

Und alle drängen sich um eine Wärme, 

Weil Winter ist 

Und warme Schmerzenszeit. 

Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht, 
Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen, 
Der Hände Kristall auf Fieber zu legen, 
Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?! 
Gegrüßet und geheißen: 

Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütter- 
lich?! 
Und daß ich raste auf den Ofenbänken, 
Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses, 
Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß, 
Und im Gelock den Früh tau Deines Angesichts! 



FRANZ WERFEL: WIR NIGHT 

Ich lauschte in die Krone des Baums; — da hieß es im Laub: 

Noch — nicht! 
Ich legte das Ohr an die Erde; — da klopft's unter Kraut und 

Staub: 

Noch — nicht! 
Ich sah mich im Spiegel ; mein Spiegelbild grinste : 

Du — nicht! 

Das war mein Gericht. 

Ich verwarf mein Lied, 

Und das lüsterne Herz, das sich nicht beschied. 

77 



Ich trat auf die Straße. Sie strömte schon abendlich. 

Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht. 

Doch in allen Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob, 

Und wußte: Auch ich vom lauten Trug entstellt 

Werde nochmals begonnen, weil neu ein Schoß mich hält 

Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod, 

Und weinend pries ich allen Samen in der Welt. 



i3 



ERWECKUNG DES HERZENS 



ALFRED WOLFENSTEIN: DAS HERZ 
Vergessen lag das Herz in unsrer Brust, 
Wie lang! ein Kiesel in des Willens Lust, 
Nur mit den wasserkühlen spiegelnden Händen 
Manchmal berührt, unbewußt. 

Einsiedlerisch in sich geschweift so klein, 

Nicht nötig für den lückenlosen Stein 

Der großen Stadt und für den stählernen Geldihron, 

In spitzes Rad griff volles Herz nicht ein. 

Doch einmal endet der entseelte Lauf, 

Nie steigt aus Umwelt Licht herauf, 

Was uns umscheint, ist Himmel nie ! Der Morgen 

Bricht innen aus dem Menschen auf — 

Das Herz — - das schmal wie eine Sonne brennt, 
Doch Sterne rings nach seinen Strahlen nennt, 
Das kleine Herz blickt unermeßlich 
Aus seiner Menschenseele Firmament! 

O Stirn, das Zeichen dieses Herzens trag, 
Gedanken, tiefer hallt von seinem Schlag, 
Das Herz wird die gewaltige Einheit innen! 
Im Weltall leuchte ts als des Menschen Tag. 

FRANZ WERFEL: DER DICKE MANN IM SPIEGEL 
Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert, 
Der Mensch mit wildbe wachsner Brust und unrasiert. 

Tag war heut so blau, 

Mit der Kinderfrau 
Wurde ja im Stadtpark promeniert. 

Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort 
Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort. 

Eben abgelegt, 

Hängt er unbewegt, 
Klein und müde an der Türe dort. 

Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt, 
Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt, 

Lieblich stand verwundert, 

Der vorher getschundert 
Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt. 

6 8l 



Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht. 
Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht 

Oft zu schnöder Zeit, 

Hör im Traum ich weit 
Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht. 

Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht? 
Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht. 

Wenn sie doch schon käme 

Und es mit sich nähme, 
Das dort oben leise singt, das Licht! 

Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt, 
Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit. 

Nur der dicke Mann 

Schaut mich hilflos an, 
Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt. 



PAUL ZECH: 

AUS DEN FENSTERN EINES KESSELHAUSES 

Schon hat die Glut mich eisern abgeschraubt 
vom Tag. Es war ein karges Gartenglück: 
halb Traum, halb in die Wirklichkeit zurück. 
Und dennoch war ich vom Azur belaubt. 

Dies Blaue, dieses Gott und Kindern gute Tun 
war nur zu kurz, war Diebstahl an dem Blut, 
womit ich dienen muß in harten Schuhn, 
für einen Herrn, daß sich vermehr' sein Gut. 

Er will von mir nicht weniger als das, 
wofür ich bin mit Atem, Muskel, Hirn. 
Was bleibt mir anders noch als roter Haß 
im Herzen, und die Adern auf der Stirn? 

Vergehenden Gesichts, ein Rad in dem Betrieb: 
was bleibt mir anderes noch als mich zu drehn 
auf Noten, die ich blindlings unterschrieb. 
Ich habe nicht mehr Kraft zurückzugehn. 

82 



Das Feuer loht, die Kessel wachsen aus 

im Unterirdischen gewaltig breit. 

Doch im Gewölbe dieses Höllenbaus 

bleibt eine Stunde auf, wo niemand nach mir schreit. 

Ein Fensterloch geschnitten in die Nacht: 
da press' ich mein Gesicht hinein und fühl 
wie ein Gewühl mein Auge weicher macht 
mit wehendem Gehauen, und Tropfen kühl. 

Bist Du es Wald, den immer ich durchmaß 
wenn Nacht die Stämme mauerhaft umschwoll ? 
Ich weiß nur, daß ich einmal dich besaß 
blühenden Grüns im Mai die Fäuste voll. 

Jetzt schließt der Mond dich auf unendlich tief. 
Und Wipfel scheinen weiß und kummerlos. 
Und wie schon einmal mich ein Schauer überlief 
vor einem Auge schwarz, wie eines Gottes groß : 

erschreckt mich des Gewässers dunkles Glas 
herwehend dieser Erde Seele. Mir herzu 
die Jugend wieder, die ich nie besaß, 
nur eines Vaters rutenhartes Du. 

Es rinnt und rauscht und duftet unsichtbar 
und schwemmt das Böse fort: nun bist du alt! 
Schon treffen Zweige mein verwehtes Haar, 
und Flaum der Laubs hat über mich Gewalte 

Die Kesselfeuer löschen alle aus • 
in mir. Die harten Schwielen sie vergehn. 
Gesang der Ferne donnert durch das Haus. 
Vor Sternen sind die Räder nicht zu sehn. 

Da ist nicht Sein . . . und ist doch meine Welt 
mit Lichtern und verklärtem Tun, 
klingt wie aus mir und ist um mich gestellt 
auf einer Insel heilig auszuruhn 



83 



ALFRED LICHTENSTEIN: SPAZIERGANG 
Der Abend kommt mit Mondschein und seidner Dunkelheit. 
Die Wege werden müde. Die enge Welt wird weit. 

Opiumwinde gehen feldein und f eldhinaus. 
Ich breite meine Augen wie Silberflügel aus. 

Mir ist, als ob mein Körper die ganze Erde war. 

Die Stadt glimmt auf: Die tausend Laternen wehn umher. 

Schon zündet auch der Himmel fromm an sein Kerzenlicht. 
. . . Groß über alles wandert mein Menschenangesicht — 

ERNST WILHELM LOTZ: GLANZGESANG 

Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen, 

Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier. 

Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte 

ragen, 
Gehören nicht mehr mir. 

Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten, 
Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt. 
Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte 

geritten, 
Und das Leben war wehend blond. 

Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale, 
Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht, 
Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale, 
Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht. 

So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen, 
In große Kontore, die staubig rochen herein, 
Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen 
Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn. 

Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen, 

Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht, 

Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen, 

Die Häupter gläubig nach Osten gedreht. 

Auf Ozeanen zogen die großen Fronten 
Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt, 
Und breiter Prärien glitzernde Horizonte 
Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt 

84 



Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen, 

Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht, 

Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen um- 

schwungen, 
Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht! 

Amerikas große Städte brausten im Grauen, 

Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei 

In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen, 

Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. — — — 

So hab ich nachbarlich alle Zonen gesehen, 

Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt, 

Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen, 

Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. — — - — 

Da warf ich dem Ghef an den Kopf seine Kladden! 
Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus. 
Und saß durch Tage und Nächte mit satten und glatten 
Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus. 

Und einmal sank ich rückwärts in die Kissen, 
Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. — 
Da sah ich: Daß in vagen Finsternissen 
Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt. 

FRANZ WERFEL: DER SCHÖNE STRAHLENDE MENSCH 

Die Freunde, die mit mir sich unterhalten, 
Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen, 
Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen 
Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten. 

Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten, 
Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen, 
Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen 
Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten. 

Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen, 
Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren, 
Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein. 

Ich will mich auf den Rasen niedersetzen 

Und mit der Erde in den Abend fahren. 

Erde, Abend, Glück, o auf der Welt sein!! 

85 



ERNST WILHELM LOTZ: 
ICH FLAMME DAS GASLICHT AN ... 

Ich flamme das Gaslicht an» 

Aufrollendes Staunen umprallt die vier Zimmerwände. 

Ich fühle mich dünn in der Mitte stehn, 

Verkrampft in Taschen klein meine Hände, 

Und muß dies alles sehn : 

Die Mauern bauchen aus, von Dröhnen geschwellt: 

Die Tafeln von Jahrtausend-Meistern dröhnen in ihren Flanken, 

Von Halleluja-Geistern hinziehend musizierende Gedanken! 

Ich erblicke mich schwimmend klein da hinein gestellt 

Mit winzigem Stöhnen und Krampf 

Vor solchem wogenhaft wuchtenden Tönen 

Und solchem siegsicher schwingenden Wolkenkampf l 

O so Gott zwingende Werke! 

Ein spitzer Pinselstrich zerstiebt mich blind 

Mit machtheiterm Wind und lässiger Stärke! 

Meine Brust empört sich über dies brausende Sein. 

Tief ziehe ich die Luft der Wände ein 

— Diese Flut, diese Glut! — 

Und stoße sie aus mir mit Husten und Speien. 

Blut! Blut! 

Und versinke in eisdurchwehte Nächte. 
Und weiß, der Tod reckt unten seine Arme aus. — 
Doch über mich hin fährt ein Gebraus 

Springender Hufen und Leiber und sonnhafter Pr ächte und 
Mächte! 

WALTER HASENGLEVER: 
GASGLÜHLICHT SUMMT 

Gasgluhlicht summt. Ich weiß, ich bin vorhanden, 

Und meine Seele hangt am Bücher tisch. 

Ich schreibe ein Gedicht. Wo werd ich landen! 

Im Dunst von großen, lauten Städten fanden 

Indessen meine vielen Körper sich. 

Schon tauml ich über harten Finsternissen 

Ins schäumende Verrücktsein, in die Gruft«, 

86 



Ein Nerv in meinem Hirn ist aufgerissen, 
Nun züngelt Beute auf mit Natterbissen — * 
Da tanz ich — • und es strömt die alte Luft 
Wenn Maskenbälle toller sich betäuben, 
Kehrt unser Herz zum Urwald wieder um. 
Doch unsre Seelen, -ob sie gleich zerstäuben 9 
Entschweben langsam nach Elysium. 

WALTER HASENCLEVER: 
DIE NACHT FÄLLT SCHERBENLOS 

Die Nacht fällt scherbenlos ins Unbewußte; 
Erlebnis bröckelt von dir ab wie Kruste. 
Schon schirrt der Tag mit Faß, Laterne, Karren 
Einäugige Pferde, die auf Futter harren. 
Geliebte Fraun! Wo mögt ihr heute träumen 1 
In was für Betten dunkel euch verschäum en. 
Lösch aus, du letzte Kerze, die noch brennt! 
Mit froher Güte will ich mich umsäumen. 
Wer treu ist, kehrt zurück aus Zwischenräumen 
Zu einem gleichen Schicksal, das er kennt. 
Ihn wird der eitle Schmerz nicht mehr betören 
Dessen, der nichts verliert und nichts behält. 
Wer treu ist, wird dem Menschlichsten gehören — * 
Und so erfüllt er sich in ewiger Welt. 

WALTER HASENCLEVER: 
OFT AM ERREGUNGSSPIEL 

Oft am Erregungsspiel in fremden Zonen 
Stockt unser Herz. Doch weiter kreist die Zeit. 
Gib, große Erde, stärkre Sensationen, 
Daß wir, die nur im Unerfüllten wohnen, 
Nicht einsam werden vor Vergänglichkeit! 
Denn wer sich liebt, der muß sich selbst zerstören 
Und krank nach Festen auf der Gasse stehn; 
Sein Ohr vermag den Schrei der Nacht zu hören, 
Und manches Menschen Auge wird ihn sehn. 
Die leere Luft von Kammern und von Zoten 
Würgt ihn am Hals. Sein Durst erstickt im Brand. 
Da rettet ihn der Schlaf. Begrabt die Toten l 
Noch lockt im Osten unbetretnes Land. 



8 7 



WALTER HASENCLEVER: 
KEHR MIR ZURÜCK, MEIN GEIST 

Kehr mir zurück, mein Geist, im Blut verrieben; 
Was du gelöst, das sammle wieder fest 
Und halte mir das Gleichgewicht beim Lieben, 
Sonst sterb ich am Gefühl, wie an der Pest. 
Ich will jetzt mit dir sein und mit dir reisen; 
Wir wollen wie zwei Kugeln uns umkreisen, 
Aus einem hellen Raum ins Dunkel wehn. 
Wenn je dich ein Genuß verzehrt, den töte! 
Verkauf dein Weib, du wirst es übers tehn. 
Gleichviel ob Ekel oder Liebesnöte — 
Am Himmel eilen Wind und Morgenröte* 
Die Scheiben klirren, und die Züge gehn. 

GOTTFRIED RENN: D-ZUG 

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun. Malaiengelb. 
D-Zug Berlin — Tr elleborg und die Osts@ebäder. -- 

Fleisch, das nackt ging. 

Bis in den Mund gebräunt vom Meer. 

Reif gesenkt. Zu griechischem Glück. 

In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer istl 

Vorletzter Tag des neunten Monats schon! — 

Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns. 
Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten, 
die Georginennähe macht uns wirr. — 

Männerbraun stürzt sich auf Frauenbrauns 

Eine Frau ist etwas für eine Nacht. 

Und wenn es schön war, noch für die nächste! 

Oh! Und dann wieder dies Bei-sich-selbst-seinI 

Diese Stummheiten! Dies Getriebenwerden 1 

Eine Frau ist etwas mit Geruch, 

Unsägliches ! Stirb hin ! Resede. 

Darin ist Süden, Hirt und Meer. 

An jedem Abhang lehnt ein Glück, — * 

88 



Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun : 

Halte mich! Du, ich falle! 
Ich bin im Nacken so müde. 
dieser fiebernde süße 
letzte Geruch aus den Gärten. — 

RENfi SCHICKELE: 
BEI DER EINFAHRT IN DEN HAFEN VON BOMBAY 

Ist nicht, was sich da erschlossen hat, 
Ganz aus Wasserdunst gewoben, 
Brandung, Buchten, breiter Strand, 
In den Himmel aufgehoben 
Und in einem Rosenbrand 
Plalb schon wie zerstoben? 
Ist das nicht die himmeloffne Stadt, 
Wo die Feuerblumen wohnen? 

Meer in Sonne schleusende Alleen, 

Drin Paläste rosig tauen, 

Ist das nicht die goldne Spur, 

Halb verweht im Blauen, 

Und ein zitternd Abbild nur, 

Wie sie ihre Hütten bauen, 

Die sich auf dem Weg des Lichts ergehn, 

Ruhnde Wandrer in Äonen? 

WALTER HASENCLEVER: 
DER GEFANGENE 

Keiner, der durch Vorstadt kreisend zieht, 
Weiß, wen er liebt, an welches Weib er denkt. 
Manchmal in Cafehaus-Walzerlied 
Geschieht ein Blick, der ihn beglückt und kränkt. 
Aufschäumt der schönen Jugend Melodie, 
Gesicht und Ruhm und erstes Zeitungswort; 
Schwarzer Fluß mit schmerzlicher Magie 
Erscheint im Westen an dem alten Ort. 
Dort lebt ein Herz, das, vielen zugesellt, 
Sich tiefer senkte auf des Schicksals Grund; 
Ein Herz mit ungeheurer Flamme: Welt — 
Das jetzt trübe steigt in unsern Mund. 



89 



Modi sind Lokale mittemacht-erfüllt, 

Geheul Yon Bürgern, die wir langsam töten. 

Wird sich die ewige Stadt dem Antlitz röten? 

Entschreiten wir der Ebene unverhüllt! 

Schon aus beklommenem Hirn im Nebelschein 

Glüht unterirdisch dumpfer Züge Fliehn. 

Da stürzt der Kreisel in die Sinne ein, 

Morgen steht — der Morgen über Berlin. 

Ihr alle in Gefahr und Liebesgraun: 

Wir wollen nach den weißen Pferden schaun. 

Es schließt der Kreis sich um Gespenst und Jahr; 

Lustfrohe Zeit, auch du, wie wunderbar. 

Der süßen Gegenwart entrückter Sinn 

Erhebt sich östlich zu der Lichtstadt hin, 

Die riesenhaft in singender Gestalt 

Am körperlosen Äther dir erschallt. 

Die Droschke stolpert, wo wir oft gekniet 

Vor einer Dame, welche unbekannt, 

Bis ihre Strümpfe, die man plötzlich sieht s 

Die unbequeme Lust zerriß und fand. 

Als wir müde auf den Korridor 

Hin traten, aufgeweckt, ins Schlummerlands 

Welch ein Gedanke, wenn am fremden Tor 

Noch eine kleine Lampe einsam stand. 

Die Jalousie strömt fort in blauem Glanz; 

Durch spitze Flächen ins Gehirn läuft Tanz. 

Die Transparente über Wölk und Stern 

Sind längst vergangen ... ja, auch du bist fern. 

Bald stirbt die Nacht am rosa Firmament, 

Schon nahen Vögel, die nach Süden ziehn; 

Wo bist du, Volk, das meinen Namen nennt? 

Die Wolke flammt — der Morgen über Berlin. 

FÜR KURTPINTHUS 



RENß SCHIGKELE: DIE LEIBWACHE 

Und ich bin auch in mancher Stunde wie verdammt, 
Ich weiß, daß doch ein Schein von meinem Blut, 
Wo ich mich rühre, wo ich raste, mich umflammt 
Wie eine große Glorie innerlicher Glut. 



9° 



Daxin ist alles das enthalten, was die Väter, 
Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter 
Von ihrem Innersten ins Äußere geglüht, 
Daß es mein eigen Blut noch heute fühlt. 

Denn ja, ich fühl's wie Rüstung, Schild und Feuerwall 

Und Festung, die mich überall umgibt, 

Und wieder so, daß es der Schöpfung wirren Schwall 

Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstäubchen siebt, 

Damit in meiner Augen Nähe kommt, 

Nur, was für Ewigkeiten ihnen frommt, 

Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlagt 

und darin gräbt, wes Wachstum dies mein Herz verträgt; 

Und was es tiefer noch verankert in den Grund, 

Von dem ich nichts weiß, als daß zu Beginn 

Ein heißer* Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund 

Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin. 

Und hei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren! 

Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren, 

Heb ich die Hand, so winken tausend Hände mit, 

Und halte ich, so hält mit mir der Geisterritt«, 

Im Schlaf spür ich sie wie im Biwak urn mich hex 9 

Sie hegen da, die Zügel umgehängt, 

Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer, 

Und manchmal, wenn sich einer an den andern drängt, 

Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen 

In meinem Körper bebt wie Niederfallen 

Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibül. 

Dann ist's, daß ich das Herz der Mütter zittern fühll 

Dann ist's, daß wild und süß die Liebe überfließt 

In mir und jeder Kreatur, 

Rakete um Rakete in den Himmel schießt, 

Im Dunkel still steht jede Uhr. 

Und klare Meere spiegeln lichte Sterne, 

Die Früchte zeigen schamlos ihre Kerne, 

Es strömt ein Licht von mix zum fernsten Land, 

es schlägt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand. 

9* 



Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt, 
Ich weiß trotzdem: ein Schein von meinem Blut, 
Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt 
Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut, 
Darin ist alles das enthalten, was che Väter, 
Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter, 
Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut. 

WALTER HASENCLEVER: DER SCHAUSPIELER 

AN ERNST DEUTSCH 

Brich, Raubtier, aus dee Zweifels Ketten! 
Kulisse fallt. Das Morgenrot von Städten 
Tropft aus der Wunde deiner Leidenschaft. 

Du liebst in Wolken« Stirbst in Betten. 
Musik umschürt den Aufruhr deiner Kraft«, 
Du wirst das Hymnische des Geistes retten, 

Der deinen Körper durch das Wort erschafft. 
Ich grüße dich aus trommelndem Orkan. 
Du Bruder meines Rausches, meiner Träume, 

Wie du dich schwingst durch die gedachten Räume, 
Umkreisend dunkler Völker riesige Bahn: 
Fühl ich mich eins mit dir geboren. 

Du lebst! So sind die Taten nicht verloren. 

Es atmet um die Wiege unsrer Hören 

Der gleiche Schoß von Frauen und von Müttern. 

Entbrenne, Träne, von des Grabes Toren 

Atlantischer Ferne zügellosem Lauf. 

Süßigkeit, die Menschen zu erschüttern! 

Der Vorhang stürzt. Wir brechen auf. 

FRANZ WERFEL: HEKUBA 

Manchmal geht sie durch die Nacht der Erde. 
Sie, das schwerste ärmste Herz der Erde. 
Wehet langsam unter Laub und Sternen, 
Weht durch Weg und Tür und Atemwandern, 
Alte Mutter, elendste der Mütter. 

93 



So viel Milch war einst in diesen Brüsten, 

So viel Söhne gab es zu betreuen. 

Weh dahin! — Nun weht sie nachts auf Erden s 

Alte Mutter, Kern der Welt, erloschen, 

Wie ein kalter Stern sich weiter wälz et. 

Unter Stern und Laub weht sie auf Erden, 
Nachts durch tausend ausgelöschte Zimmer, 
Wo die Mütter schlafen, junge Weiber, 
Weht vorüber an den Gitterbetten 
Und dem hellen runden Schlaf der Kinder. 

Manchmal hält am Haupt sie eines Bettes, 
Und sie sieht sich um mit solchem Wehe, 
Sie, ein dürftiger Wind von Schmerz gestaltet, 
Daß der Schmerz in ihr Gestalt erst findet, 
Und das Licht in toten Lampen weinet. 

Und die Frauen steigen aus den Betten, 
Wie sie fortweht — nackten schweren Schrittes . 
Sitzen lange an dem Schlaf der Kinder, 
Schauen langsam in die Zimmertrübe, 
Tränen habend unbegriffnen Wehes. 

GOTTFRIED BENN: KARYATIDE 

Entrücke Dich dem Stein! Zerbirst 
Die Höhle, die Dich knechtet! Rausche 
Doch in die Flur! Verhöhne die Gesimse — 
Sieh: durch den Bart des trunkenen SiJen 
Aus seinem ewig überrauschten 
Lauten einmaligen durchdröhnten Blut 
Träuft Wein in seine Scham. 

Bespei die Säulensucht: toderschlagene 

Greisige Hände bebten sie 

Verhangenen Himmeln zu. Stürze 

Die Tempel vor die Sehnsucht Deines Knies, 

In dem der Tanz begehrt. 

Breite Dich hin. Zerblühe Dich. Oh, blute 
Dein weiches Beet aus großen Wunden hin: 
Sieh, Venus mit den Tauben gürtet 
Sich Rosen um der Hüften Liebestor — 
Sieh', dieses Sommers letzten blauen Hauch 



93 



Auf Astermeeren an die fernen 
Baumbraunen Ufer treiben; tagen 
Sieh' diese letzte Glück-Lügenstunde 
Unserer Südliclikeit, 
Hochgewölbt. 

ALFRED LICHTENSTEIN: MÄDCHEN 

Sie halten den Abend der Stuben nicht aus. 
Sie schleichen in tiefe Sternstraßen hinaus. 
Wie weich ist die Welt im Laternenwind! 
Wie seltsam summend das Leben zerrinnt . . . 

Sie laufen an Gärten und Häusern vorbei, 
Als ob ganz fern ein Leuchten sei, 
Und sehen jeden lüsternen Mann 
Wie einen süßen Herrn Heiland an. 

JOHANNES R. BECHER : AUS DEN GEDICHTEN UM LOTTE 

Wenn ich Dich nur denke 
: Himmlischster Akkord : 
Arme Fahnen schwenken, 
Nord zieht tönend fort. 

Wenn ich Dich nur fühl 
: Palmen und Oasen : 
Wind streicht Balsam kühl 9 
Engel-Chöre blasen. 

Wenn ich Du bin, Dein 
: Riese und Gewitter: 
Keusch und demut-rein, 
Frei im Käfig-Gitter. 

Und des Siegs gewiß 
: Mensch in Gottes Kraft : 
Schoß nach Sturm und Riß. 
Körper jäh gestrafft 

Auf zum Firmament! 
Rings im Sternen-Plam 
Ja Eroberer, wenn 
Dein ich bin . . . Gesang. 

94 



ERNST WILHELM LOTZ: WIR FANDEN GLANZ 

Wir fanden Glanz, fanden ein Meer, Werkstatt und uns. 

Zur Nacht, eine Sichel sang vor unserm Fenster. 

Auf unsern Stimmen fuhren wir hinauf, 

Wir reisten Hand in Hand. 

An deinen Haaren, helles Fest im Morgen, 

Irr flogen Küsse hoch 

Und stachen reifen Wahnsinn in mein Blut. 

Dann dursteten wir oft an wunden Brunnen, 

Die Türme wehten stählern in dem Land. 

Und unsre Schenkel, Hüften, Raubtierlenden 

Stürmten durch Zonen, grünend vor Gerüchen. 



ERNST WILHELM LOTZ 
VND SCHÖNE RAUBTIERFLECKEN..* 

Bist du es denn? 

Groß aus dem Weltraum nachts, der Spiegel ist, 
Tönt dein zerwehtes Bildnis in meine Seele. 
Die Sterne durchziehen harfend deine Brust. 
Du aber . . . 

Du glänzt vielleicht versehnt im weißen Federbett, 
Traum liegt dir hart im Schoß. — 

Oder ein junger Liebling 

Zieht fühlsam mit zeichnendem Finger 

Die festen Runden deiner Brüste nach. 

Ihr seid sehr heiß. 

Und schöne Raubtier flecken zieren eure Rücken. 



ELSE LASKER- SCHÜLER: EIN LIED DER LIEBE 

(Sascha) 

Seit du nicht da bist, 
Ist die Stadt dunkel. 

Ich sammle die Schatten 
Der Palmen auf, 
Darunter du wandeltest. 



95 



Immer muß ich eine Melodie summen, 
Die hängt lächelnd an den Ästen. 

Du liebst mich wieder — 

Wem soll ich mein Entzücken sagen? 

Einer Waise oder einem Hochzeitler, 
Der im Widerhall das Glück hörto 

Ich weiß immer, 

Wann du an mich denkst — 

Dann wird mein Herz ein Kind 
Und schreit. 

An jedem Tor der Straße 
Verweile ich und träume 

Und helfe der Sonne deine Schönheit malen 
An allen Wänden der Häuser. 

Aber ich magere 
An deinem Bilde. 

Um schlanke Säulen schlinge ich mich 
Bis sie schwanken. 

Überall steht Wildedel 
Die Blüten unseres Blutes; 

Wir tauchen in heilige Moose, 

Die aus der Wolle goldener Lämmer sind. 

Wenn doch ein Tiger 
Seinen Leib streckte 

Über die Ferne, die uns trennt, 
Wie zu einem nahen Stern. 

Auf meinem Angesicht 
Liegt früh dein Hauch. 



96 



ELSE LASKER-SCHÜLER: 
EIN ALTER TIBETTEPPICH 

Deine Seele, die die meine liebet, 
Ist verwirkt mit ihr im Teppich tibet, 

Strahl in Strahl, verliebte Farben, 
Sterne, die sich himmellang umwarben. 

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit, 
Maschen tausendabertausendweit. 

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron, 
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl 
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon? 



AUGUST STRAMM : BLÜTE 

Diamanten wandern übers Wasser I 

Ausgereckte Arme 

Spannt der falbe Staub zur Sonne! 

Blüten wiegen im Haar! 

Geperlt 

Verästelt 

Spinnen Schleier! 

Duften 

Weiße matte bleiche 

Schleier ! 

Rosa, scheu gedämpft, verschimmert 

Zittern Flecken 

Lippen, Lippen 

Durstig, krause, heiße Lippen! 

Blüten! Blüten! 

Küsse! Wein! 

Roter 

Goldner 

Rauscher 

Wein! 

Du und ich! 

Ich und Dul 

Du?l 



97 



AUGUST STRAMM: WUNDER 

Du steht! Du steht! 

Und ich 

Und ich 

Ich winge 

Raumlos zeitlos wäglos 

Du steht! Du steht! 

Und 

Rasen bäret mich 

Ich 

Bär mich selber ! 

Du! 

Du! 

Du bannt die Zeit 

Du bogt der Kreis 

Du seelt der Geist 

Du blickt der Blick 

Du 

Kreist die Welt 

Die Welt 

Die Welt! 

Ich 

Kreis das All! 

Und du 

Und du 

Du 

Stehst 

Das 

Wunder ! 



ERNST STADLER: IN DER FRÜHE 

Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe dunkel vor 

dem trüben Licht 
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, 

hostiengleich mir zugewendet dein Gesicht. 
Da, du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert 

„Ich muß fort" nur an die fernsten Tore, meines 

Traums gereicht — 



98 



Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand, wie sie mit 
leichtem Griff das weiße Hemd die Brüste nieder- 
streicht . . . 

Die Strümpfe . . . nun den Rock . . . das Haar gerafft . . . schon 
bist du fremd, für Tag und Welt geschmückt . . . 

Ich öffne leis die Türe . . . küsse dich ... du nickst, schon fern, 
ein Lebewohl . . . und bist entrückt. 

Ich höre, schon im Bette wieder, wie dein sachter Schritt im 
Treppenhaus verklingt, 

Bin wieder im Gerüche deines Körpers eingesperrt, der ausl 
den Kissen strömend warm in meine Sinne dringt. 

Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und 
Sonne will herein. 

Lärmen quillt auf . . . Musik der Frühe . . . sanft in Morgen- 
träume eingesungen schlaf ich ein. 



WILHELM KLEMM: BEKENNTNIS 

Die Schärpen des Himmels leuchten auf, 

Seine majestätischen Schleppen rafft der Abend, 

Das Panorama zieht sich zurück in den Sonnengrund, 

Ein großer mystischer Adler fliegt vorüber. 

Blutstropfen beginnen zu reden 

Ein Ton wie unbestimmter, zitternder Nebel 

Des Friedens blaue Sunde 

Öffnen sich zwischen tausend goldnen Inseln. 

Gewogen auf der Wage des Willens 
Hab ich den Silberreif der Ewigkeit, 
Aber jeder deiner Küsse wog schwerer. 
Ich liebe dich, ehe ich für lange sterbe! 



AUGUST STRAMM: DÄMMERUNG 

Hell weckt Dunkel 

Dunkel wehrt Schein 

Der Raum zersprengt die Räume 

Fetzen ertrinken in Einsamkeit 

Die Seele tanzt 



99 



Und 

Schwingt und schwingt 

Und 

Bebt im Raum 

Dul 

Meine Glieder suchen sich 

Meine Glieder kosen sich 

Meine Glieder 

Schwingen sinken sinken ertrinken 

In 

Unermeßlichkei t 

Dul 

Hell wehrt Dunkel 

Dunkel frißt Schein! 

Der Raum ertrinkt in Einsamkeit 

Die Seele 

Strudelt 

Sträubet 

Halt! 

Meine Glieder 

Wirbeln 

In 

Unermeßlichkei t 

Du! 

Hell ist Schein! 

Einsamkeit schlürft! 

Unermeßlichkeit strömt 

Zerreißt 

Mich 

In 

Du! 

Du! 

AUGUST STRAMM: ABENDGANG 

Durch schmiege Nacht 

Schweigt unser Schritt dahin 

Die Hände bangen blaß um krampfes Grauen 

Der Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt 

In Schatten 



IOO 



Uns! 

Hoch flimmt der Stern 

Die Pappel hängt herauf 

Und 

Hebt die Erde nach 

Die schlafe Erde armt den nackten Himmel 

Du schaust und schauerst 

Deine Lippen dünsten 

Der Himmel küßt 

Und 

Uns gebärt der Kuß! 



JOHANNES R. BECHER: ABENDGEBET UM LOTTE 

I 

Noch schnarchen kaum die Wärter — 
Da web ich schon in Dir: 
Frucht! O Frühlingsgärten! 
Wie mildesten Zephirs, 

Geliebte, ich vergehe 
In Schwarz und falberem Traum. 
Dein Angesicht geschehe 
Einst herrlichst überm Raum. 

Geliebte, ich verwandelnd 
Mich tiefst in Blätter-Wald. 
Du aber, Du — : Du handele 
Hoch überm Nacht-Turm kalt. 

In ausgebrannten Kratern 
Zerschmolz ich elend-rot. 
Du blitzt aus Wolken-Quadern 
Himmlischster Engel-Bot. 



XOI 



II 

Wo tönst Du süß Geliebte?! 
Ich gleite solchen Schritt. 
Und bin der Wald-Be trübte, 
Deß Ewigkeit ver glitt. 

Der muß die Nacht auch fressen, 
So Quadern für und für, 
Gekrallte Fäuste pressend, 
Sich wälzend Ekel- Vieh. 

Spitze unseres Geistes 1 
Erscheinung wunderbar I 
Wer wir sind . . . Du nur weißt es i 
Gestürzte Engel. Ja. 

KURT HEYNICKE: IN DER MITTE DER NACHT 

Deine Liebe ist ein weißes Reh, 

das in die Mitternacht meiner Sehnsucht flieht, 

ein Baum von Tränen steht im Wald meiner Träume nach dir, 

nun bist du da — 

Erfüllung wirft mir der Mond aus der Schale seines 

Glanzes zu — 
ich liebe dich, 
du, 

und stelle Nelkenduft vor deine Kammer 9 
und werfe Narzissen über dein Bett. 
Ich selber komme silbern wie du 
und wölbe mich hoch, 
ein heiliger Hain 
über dem Altar deiner frommen Seele. 



ELSE LASKER-SCHÜLER: DOKTOR RENN 

Ich weine — 

Meine Träume fallen in die Welt. 

In meine Dunkelheit 
Wagt sich kein Hirte. 

I02 



Meine Augen zeigen nicht den Weg 
Wie die Sterne. 

Immer bettle ich vor deiner Seele; 
Weißt du das? 

War ich doch blind — 

Dächte dann, ich lag in deinem Leib« 

Alle Blüten täte ich 
Zu deinem Blut. 

Ich bin vielreich, 

Niemandwer kann mich pflücke; 

Oder meine Gaben tragen 
Heim. 

Ich will dich ganz zart mich lehren, 8 
Schon weißt du mich zu nennen. 

Sieh meine Farben, 
Schwarz und stern 

Und mag den kühlen Tag nicht, 
Der hat ein Glasauge. 

Alles ist tot, 

Nur du und ich nicht. 



ALBERT EHRENSTEIN: VERLASSEN 

Wo ich auch umgeh, 
Tut mir das Herz weh, 
Sie hat mich verlassen. 

Wenn ich herumsteh, 
Bald hier, bald da geh, 
Ich kann es nicht fassen. 

Mein Lieb, du mein Weh, 
Du mein Kind, du mein Reh, 
Hast mich wirklich verfassen? 



co3 



LASKER-SCHÜLER: EIN LIED 

Hinter meinen Augen stehen Wasser, 
Die muß ich alle weinen. 

Immer möcht ich auffliegen, 
Mit den Zugvögeln fort; 

Buntatmen mit den Winden 
In der großen Luft. 

ich bin so traurig — 

Das Gesicht im Mond weiß es. 

Drum ist viel sammtne Andacht 

Und nahender Frühmorgen um mich. 

Als an deinem steinernen Herzen 
Meine Flügel brachen, 

Fielen die Amseln wie Trauerrosen 
Hoch vom blauen Gebüsch. 

Alles verhaltene Gezwitscher 
Will wieder jubeln 

Und ich möchte auffliegen 
Mit den Zugvögeln fort. 

LASKER-SCHÜLER: ABSCHIED 

Aber du kamst nie mit dem Abend — 
Ich saß im Sternenmantel. 

. . . Wenn es an mein Haus pochte, 
War es mein eigenes Herz. 

Das hängt nun an jedem Türpfosten, 
Auch an deiner Tür; 

Zwischen Farren verlöschende Feuerrose 
Im Braun der Girlande. 

Ich färbte dir den Himmel brombeer 
Mit meinem Herzblut. 

Aber du kamst nie mit dem Abend — 
. . . Ich stand in goldenen Schuhen. 



io4 




E'se Lacket Schüler 



Selbstporträt 



ELSE LASKER-SCHÜLER: VERSÖHNUNG 

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen . . . 
Wir wollen wachen die Nacht, 

In den Sprachen beten, 

Di© wie Harfen eingeschnitten sind. 

Wir wollen uns versöhnen die Nacht — 
So viel Gott strömt über. 

Kinder sind unsere Herzen, 
Die möchten ruhen müdesüß. 

Und unsere Lippen wollen sich küssen 9 
Was zagst du? 

Grenzt nicht mein Herz an deins — 
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot. 

Wir wollen uns versöhnen die Nacht, 
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht. 

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen. 

WALTER HASENCLEVER: BEGEGNUNG 

Sag aus meer- und wolkenhaftem Munde, 
Schon verirrt in deines Bettes Nacht, 
Wo du mit dem andern schliefst im Bunde: 
Welche Stunde bist du aufgewacht? 

Wann begannen dunkel dir zu tönen 
Uhr und Glas auf deines Tisches Rand; 
Wann erhobst du dich aus dumpfem Stöhnen, 
Schauernd unter einer fremden Hand? 

In derselben ängstlichen Sekunde 
Schloß mir jene auf ihr Gartentor, 
Wo ich stand verloren in der Runde 
Schwarzer Bäume und dem Sternenchor. 

Plötzlich allen nächtlichen Verbannten 
War ich nahe in der gleichen Zeit — 
Und da fühlt ich, daß wir uns erkannten 
Tief in Treue aus der Wirklichkeit. 



107 



GEORG HEYM: „DEINE WIMPERN ', DIE LANGEN . 

Deine Wimpern, die langen, 
Deiner Augen dunkele Wasser, 
Laß mich tauchen darein, 
Laß mich zur Tiefe gehn. 

Steigt der Bergmann zum Schacht 
Und schwankt seine trübe Lampe 
Über der Erze Tor, 
Hoch an der Schattenwand, 

Sieh, ich steige hinab, 
In deinem Schoß zu vergessen, 
Fern was von oben dröhnt, 
Helle und Qual und Tag. 

An den Feldern verwächst, 

Wo der Wind steht, trunken vom Korn, 

Hoher Dorn, hoch und krank 

Gegen das Himmelsblau., 

Gib mir die Hand, 
Wir wollen einander verwachsen, 
Einem Wind Beute, 
Einsamer Vögel Flug, 

Hören im Sommer 

Die Orgel der matten Gewitter, 

Baden in Herbsteslicht, 

Am Ufer des blauen Tags« 

Manchmal wollen wir stehn 
Am Rand des dunkelen Brunnens, 
Tief in die Stille zu sehn, 
Unsere Liebe zu suchen« 

Oder wir treten hinaus 

Vom Schatten der goldenen Wälder, 

Groß in ein Abendrot, 

Das dir berührt sanft die Stirn. 

108 



Göttliche Trauer, 
Schwinge der ewigen Liebe* 
Hebe den Krug herauf, 
Trinke den Schlaf. 

Einmal am Ende zu stehen, 
Wo Meer in gelblichen Flecken 
Leise schwimmt schon herein 
Zu der September Bucht. 

Oben zu ruhn 

Im Hause der dürftigen Blumen, 

Über die Felsen hinab 

Singt und zittert der Wind. 

Doch von der Pappel, 
Die ragt im Ewigen Blauen, 
Fällt schon ein braunes Blatt, 
Ruht auf dem Nacken dir aus. 



FRANZ WERFEL: 

ALS MICH DEIN WANDELN AN DEN TOD 
VERZÜCKTE 

Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte 
Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte, 
Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte, 
Mühselig Millionen Unterdrückte? 

Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte, 
War Arbeit um uns und die Erde lärmte. 
Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte, 
Es lebten und es starben Niebeglückte I 

Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben, 

So viele waren, die im Dumpfen stampften, 

An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften. 

Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen! I 
Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben, 
Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!? 



109 



THEODOR DÄUBLER: DER ATEM DER NATUR 

Der Atem der Natur, der Wind, die Phantasie der Erde, 
Erträumt die Götterwolken, die nach Norden wehn. 
Der Wind, die Phantasie der Erde denkt sich Nebelpferde, 
Und Götter sehe ich auf jedem Berge stehnl 

Ich atme auf und Geister drängen sich aus meinem Herzen. 
Hinweg, empor! Wer weiß, wo sich ein Wunsch erkennt! 
Ich atme tief: ich sehne mich, und Weltenbilder merzen 
Sich in mein Innres ein, das seinen Gott benennt. 

Natur ! nur das ist Freiheit, Weltalliebe ohne Ende ! 
Das Dasein aber macht ein Opferleben schön! 
Oh Freinatur, die Zeit gestalten unsere Werkzeugshände, 
Die Welt, die Größe, selbst die Überwindungshöhn 1 

Ein Wald, der blüht, das Holz, das brennend, wie mit Hän-^ 

den, betet, 
Wir alle fühlen uns nur durch das Opfer gut. 
Oh Gott, oh Gott, ich Mensch habe alleine mich verspätet, 
Wie oft verhielt ich meine reinste Innenglut! 

Im Tale steigt der Rauch, als wir aus einer Opferschale, 
So langsam und fast heilig, überm Dorf empor. 
Ich weiß es wohl, die Menschen opfern selbst von ihrem Mahle, 
Da eine Gottheit sich ihr Herdfeuer erkor! 



JOHANNES R. BECHER: DER WALD 

Ich bin der Wald voll Dunkelheit und Nässe. 
Ich bin der Wald, den du sollst nicht besuchen, 
Der Kerker, daraus braust die wilde Messe, 
Mit der ich Gott, das Scheusal alt, verfluche. 

Ich bin der Wald, der muffige Kasten groß. 
Zieht ein in mich mit Schmerzgeschrei, Verlorene! 
Ich bette euere Schädel weich in faules Moos. 
Versinkt in mir, in Schlamm und Teich, Verlorene! 

Ich bin der Wald, wie Sarg schwarz rings umhangen, 
Mit Blätterbäumen lang und komisch ausgerenkt. 
In meiner Finsternis war Gott zugrund gegangen . . • 
Ich nasser Docht, der niemals Feuer fängt«, 

HO 



Horcht, wie es aus schimmlichten Sümpfen raunt 
Und trommelt grinsend mit der Scherben Klapper! 
Versteckt in jauchichtem Moore frech posaunt 
Ein Käfer flach mit Gabelhorn auf schwarzer Kappe. 

Nehmt euch in acht vor mir, heimtückisch-kalt 1 
Der Boden brüchig öffnet sich, es spinnt 
Euch ein mein Astwerk dicht, es knallt 
Gewitter auf in berstendem Labyrinth. 

Doch du bist Ebene . . . Voll Sang, mit flatternder Mähne, 
Von sanftem Luftzug glatt zurückgekämmt. 
Gekniet vor mich, von stechender Hagel Tränen 
Aus klobiger Wolken Schaff grau überschwemmt. 

Ich bin der Wald, der einmal lächelt nur, 
Wenn du ihn fern mit warmem Wind bestreichst. 
Weicher umschlinget dürren Hals die Schnur. 
Böses Getier sich in die Höhlen schleicht. 

Die Toten singen, Vögel aufgewacht, 
Von farbenen Strahlen blendend illuminiert. 
Heulender Hund verreckt die böse Nacht. 
Duftender Saft aus Wundenlöchern schwiert. 

Du bist die Ebene . . . Hoch schwanket die Zitrone 
Verfallenden Mondes über deinem Scheitel grad. 
Du schläferst ein mich Strolch mit schwerem Mohnes 
Du die im Traum ihm, blonder Engel, nahst. 

Ich bin der Wald . . . Goldbäche mir entsprungen, 
Sie rascheln durch Schlinggräser mit Geflüster. 
Wie Schlangen sanft mit langen Nadelzungen. 
Es raset über mir der Sterne Lüster. 

Ich bin der Wald . . . Aufprasseln euere Länder 
In meines letzten Brandes blutigem Höllenschein. 
Es knicken um der eisigen Berge Ränder. 
Gell springt der Meere flüssiges Gestein. 

Ich bin der Wald, der fährt durch abendliche Welt, gelöst 
Vom Grund, verbreitend euch betäubenden Geruch, 
Bis meine Flamme grell den Horizont durchstößt, 
Der löscht, der deckt mich zu mit rosenem Tuch. 

in 



Es ward der Blumen Wiese Gewölbe meines Grabes. 

Aus meiner Trümmer Hallen sprießen empor der bunten 

Sträuße viel. 
Da jene Ebene sank zu mir hinab, 
Wie klingen wir schön, harmonisch OrgelspieL 

Ich bin der Wald . . . Ich dringe leis durch euere Schlafe, 
Da Lästerung und Raub und Mord ward abgebüßt, 
Ich nicht Verhängnis mehr und schneidende Strafe. 
Mein Dunkel euere brennenden Augen schließt. 



IWAN GOLL: WALD 

I 

Durch Disteln war der Gang zu dir, 
Verschlossen du im glühenden Kosmos 
Wie ein Patriarch inmitten Gottes. 

Prunkend schienst du staubigem Wanderer, 

Verklärt und befriedigt, 

Ein heiliger Knecht der Erde; 

Und der Fremde fühlte sich fremder noch. 

Goldene Leuchter troffen von süßem Abend, 

Um die Leiter letzten Sonnenstrahls 

Wirbelten geschäftig die rosa Engel, 

Und die Nymphen, deine Töchter, 

Hingen ihre silbernen Leiber um deine Lade. 

II 

Ein Veilchen fiel 

Mir plötzlich wie ein blauer Stern zu Füßen t 

Ich trug es in den goldnen Abend hin. 

Wir beide mit unsern Augen 

Leuchteten uns an und loderten gewaltig: 

Wir beide hätten so gern geschrieen und geküßt! 

Aber unsre Sprache war so schwach! 

Und die Liebe so unsagbar traurig! 

Wir welkten und wir starben auseinander. 



112 



III 

In deinen tiefen Tieren aber, 

Aus feuchten Augen gleichen Geistes dunkelnd, 

Warst du mir ebenbürtig, Wald! 

O, dein Geschöpf zu sein, 

Nichts als ein Ton 4er Erde, 

Der Schmetterling ein bunter Tropfen Sonne, 

Und schlanke Füchse 

Mit starkem Blut aus nahen Büschen fühlen: 

Hingabe sein und brüderlicher Friede 1 

In deinen tiefen Tieren warst du mir geheiligt. 

Und ich ergab mich dir, 

Ging groß in Trieb und Düften auf. 



PAUL ZECH: DER WALD 

Reißt mir die Zunge aus : so habe ich noch Hände, 
zu loben dieses inselhafte Sein. 
Es wird ganz Ich und geht in mich hinein, 
als wüchsen ihm aus meiner Stirn die Wände, 

wo klar die Berge zu den Wolken steigen. 

Ich will mit dem gerafften Licht 

ins Blaue malen das noch nie geschriebene Gedicht 

und es in alle Himmel klar verzweigen. 

Denn hier ist Eingang zu dem Grenzenlosen; 

hier ward die Welt zum zweiten Male Kind 

aus den gezognen weißen und den schwarzen Losen. 

Tritt ein, der du verwandert bist und blind! 
Wenn einst in Träumen laut war hohes Rufen 
um Gott —i die Bäume sind zu ihm die Stufen. 



THEODOR DÄUBLER: DIE BUCHE 

Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub. 
Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken, 
Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken, 
Ich bin das Laub, die Krone überm Staub. 



:i3 



Dem warmen Aufruf mag ich rasch ver traun. 
Ich fang im Frühling selig an zu reden, 
Ich wende mich in schlichter Art an jeden. 
Du staunst, denn ich beginne rostigbraun 1 

Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh. 
Ich will, daß Nebel sich um Äste legen, 
Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen. 
Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh! 

Die Winterspflicht erfüll ich ernst und grau. 
Doch schütt ich erst den Herbst aus meinem Wesen. 
Er ist noch niemals ohne mich gewesen. 
Da werd ich Teppich, sammetrote Au. 

WILHELM KLEMM: DER BAUM. 

Das Himmlische flicht ins Irdische, 
Wer das eine liebt, kann das andre nicht hassen. 
Ich wuchs unaufhaltsam in meine Form. 
Nun steh ich so, wie du mich gewollt hast* 

Der Leib verwandelt sich im Lauf der Jahre, 

Die Seele sucht ihre tausend Wege, 

Alles, was ich bin, samt den Geschlechtern der Menschen, 

Strömt vorüber und kennt kaum das Ziel. 

Ein Wipfel schwankt über meinem Haupte, 
Wandert hin und her am blauen Himmelsplan, 
Im Winde schmachtend nach Ferne und Abschied, 
Doch im Abendfrieden ruht er am gleichen Ort. 

GEORG HEYM: DER BAUM* 

Sonne hat ihn gesotten, 
Wind hat ihn dürr gemacht, 
Kein Baum wollte ihn haben 3 
Überall fiel er ab. 

Nur eine Eberesche, 
Mit roten Beeren bespickt, 
Wie mit feurigen Zungen, 
Hat ihm Obdach gegeben. 

ii 4 



Und da hing er mit Schweben, 
Seine Füße lagen im Gras. 
Die Abendsonne fuhr blutig 
Durch die Rippen ihm naß, 

Schlug die ölwälder alle 
Über der Landschaft herauf, 
Gott in dem weißen Kleide 
Tat in den Wolken sich auf. 

In den blumigen Gründen 
Singendes Schlangengezücht, 
In den silbernen Hälsen 
Zwitscherte dünnes Gerücht. 

Und sie zitterten alle 
Über dem Blätterreich, 
Hörend die Hände des Vaters 
Im hellen Geäder leicht. . 

THEODOR DÄUBLER: DER BAUM 

Es spielt der Wind mit vielen tausend nassen Blättern, 

Und alle winken immer wieder anderm Wind, 

Und Waldeswalzer höre ich im Schatten schmettern. 

Auch meine Weisen singen, weil sie windwild sind! 
Und viele Lieder wimmeln, wie die winzigen Bienen, 
Um jeden Trieb, der sich der Blumungsglut besinnt. 

Der Mut zu werben ist mir Sterblichstem erschienen; 

A.uf lauter Zweigen taut mein Urerkünden auf, 

Und seiner will Vernunft, wie Bienen, sich bedienen. 

Es horcht der Wind. Denn um zu horchen harrt sein Lauf. 
Im Baum erlauscht, als Traumhauch, er sein lautes Rauschen. 
Drum lauscht: es überbrausen Meere sich zu Häuf! 

Es will, als Baum, die Erde sich am Baum berauschen. 
Und was im Traum geschieht, wird auch ein eigner Traum, 
Denn Träume können uns samt Träumlichem belauschen! 

Verwurzle dich in mir, du Traum von meinem Baum! 
In meiner Ruhe nisten schon die Sehnsuchtslieder, 
Singt doch die Stille durch die Wurzeln bis zum Saum. 



Die Wurzeln greifen fern in die Ergebung nieder I 
Wie ist die Stille tief 1 So tief wie sie entschlief ! 
Doch in der Krone gibt der Baum den Norden wieder. 

Er folgt dem Wind. Er wird was ihn als Baum berief. 

Er stürzt die Liebe in die witternden Geschicke. 

Er wirbt um sich und wirkt als Traum urbaumhaft tief. 

Du Baum, ich weiß, wie ich als Dickicht mich bestricke. 

Du bist von Liebe übervoll, ja liebestoll I 

Du liebst, oh Baum, was ich als Du in mir erblicke. 

Und „Du", nur „Dus", erlausch ich, wo ich rufen soll. 
Das Dunkel aller Ruhe kennt das Du der Dinge l 
Drum ist die Welt so holder Wonneworte voll. 

Oh Sonne, horche wie ich in der Krone singe: 
Der hohe Norden strotzt von mordendem Verstand, 
Das Land aber hat Gold für Sternenschmetterlinge. 

Ihr Dünkelwichte, Dinge im Vernunftgewand, 

Es wickelt Euer Himmelswink euch aus den Wicken. 

Die Schlingen fallen ab : es nagt der Fragebrand. 

Es schlagen Wagnisschlangen auf zu Weltgeschicken I 

Der Urwald leuchtet in das holde Weltenwohl: 

Es glaubt der Baum! Und lauter Witterwipfel nicken 1 

Der Baum umwurzelt seiner Ruhe Wesenspol. 

Er schützt die Nester, schirmt das Schmerzens-Ich der Tiere, 

Denn jedes Blatt ist großer Duldung Erdsymbol. 

So wirkt, daß nimmer sich ein Wirkungswink verliere! 
Die Tiere aber sind schon mehr als Wimmerwind. 
Sie irren sich ja nicht. Sie schwirren um das Ihre. 

Entwirrt euch schier! Das Winzigste ist weltgesinnt I 
Und horcht in eurem Baum aufs Morgen freier Meere. 
Du große Sonne, wie genau ein Tag verrinnt! 

Der Baum ist hoch. Er füllt schon seine Wesensehre. 
Und über ihm begeistert sich ein Sternenkind 
Und lauscht der Leidenschaft der Werdensschwere. 

116 



Wie viele Rehe weinend schon gefallen sind! 

Oh Sternenkind, bewahre ihre Seelenträne 

Und mache uns im Wandel harmlos und gelind! 

Der Wesen Schüchternheit, die ich im Wechsel wähne, 
War einst ein Blatt, ein Tier, das man zu Tod gehetzt: 
Und alles Land entflammt als eine Wahnsinnsmähne. 

Im Namen der Verzweifelten, Welt, sei entsetzt! 

Birg, Erde, jeden Todesschrei in Lichtgebeten: 

Im Baumes Namen, säume nicht! es glüht das „Jetzt" ! 

Der Erde Wahnwitz brennt durch Winde, die entwehten. 

Er ist ein Urwald, der sich flammennackt beseelt. 

Hier stirbt man nicht I Die Tiere schimmern in Kometen ! 

In Riesenschweifen werden sie hinausgeschweelt. 
Sie können kalt in allen Nächten plötzlich tagen, 
Denn kein Gewissen hat den Weg zu sich verfehlt. 

Die Wanderschaften, die den Menschen warnend tragen, 

Erfüllen alle Nordheiten mit Seelenbrunst, 

Und Tiere wittern aus den jungen Glanznachtsagen. 

Zu eignen Wesenheiten reift die letzte Kunst. 

Die Lebensechtheit kann sich nur ekstatisch fassen, 

Dort überm Weltbrandwahnwitz dämmert stumme Gunst. 

Gedanken fangen an, mit kalter Glut zu hassen. 

Der Traum vom Baum verschlingt sich in den blauen Raum. 

Es singen Sternenkinder in den Flammengassen 

Und nisten schuldlos in der Ruhehuld vom Baum. 



THEODOR DÄUBLER: 
MILLIONEN NACHTIGALLEN SCHLAGEN 

Die Sterne. Blaue. Ferne. 

Ein Flammensang der Sterne! 

Millionen Nachtigallen schlagen. 

Es blitzt der Lenz. 

Myriaden Wimpern zucken glühend auf. 

Das grüne Glück von Frühlingsnachtgelagen 

Beginnt sein eigenbrüstiges Geglänz. 



ii 7 



Die lauen Schauer nehmen ihren Zauberlauf: 

Millionen Nachtigallen schlagen. 

Erkenne ich ein freundliches Gespenst? 

Ich werde mich im Ernst darum bewerben. 

Der kleinste Wink will sich ins Wittern kerben: 

Wer weiß, wann meine Träumlichkeit erglänzt? 

Gespenster gleichen unsern sanften Tieren, 

Sie können schnell den Samt der Neigung spüren. 

Sie heben, schweben, weben sich heran, 

Und halten uns unfaßbar sacht im Bann. 

Ich will die Lichtgewimmelstille nicht verlieren, 

Ein altes Walten muß sich bald aus Sanftmut rühren. 

Millionen Nachtigallen schlagen. 

Die ganze Nacht ermahnen uns verwandte Stimmen. 

Es scheint ein Mond geheimnisvoll zu glimmen. 

Doch ist zu warm die Nacht, voll atmendem Behagen! 

Myriaden brunstbewußte Funken suchen sich im Fluge, 

Sie schwirren hin und her und doch im Frühlingszuge. 

Das Lenzgespenst, das Lenzgespenst geht um im Hagel 

Es kann der Laubwald wandern und sich selbst erwarten, 

Das schwankt und walzt nach allen alten Wandelarten; 

Es lacht die Nacht: der Wagen wagt, es wacht die Wage. 

Es blitzen da Myriaden tanzvernarrte Fragen — 

Millionen Nachtigallen schlagen. 



AUGUST STRAMM: VORFRÜHLING 

Pralle Wolken jagen sich in Pfützen 

Aus frischen Leibesbrüchen schreien Halme Ströme 

Die Schatten stehn erschöpft 

Auf kreischt die Luft 

Im Kreisen, weht und heult und wälzt sich 

Und Risse schlitzen jählings sich 

Und narben 

Am grauen Leib 

Das Schweigen tappet schwer herab 

Und lastet! 

Da rollt das Licht sich auf 



118 



ERNST STADLER: VORFRÜHLING 

In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus. 

Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem 

Saatregen. 
Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung ging 

ich weit hinaus 
Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem Herzen 

schwoll ein neuer Takt entgegen. 

In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt. 

Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten. 

Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten einge- 
brannt 

War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weite 
führen sollten. 

Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen. 
Überm Kanal, den junge Aus fahr ts winde wellten, wuchsen 

helle Bahnen, 
In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten 

Sternen. 
In meinem Heizen lag ein Stürmen wie von aufgerollten! 

Fahnen. 



WILHELM KLEMM: HERBST 

Die Jahre überschneiden sich. 

Gehörnte Gräber stieren uns an; 

Der Wind weht dünn. Länder entvölkern sich, 

Gedanken filtern langsam ins Graue. 

Aber die Laube ist immer noch dieselbe, 
Wir trinken einen toten Wein, 
Und folgen den Bewegungen des Vergessens, 
Die süßer sind als die Erinnerung. 

Rauch duftet fern und traurig. 
Duftet so stark, daß man drin einschlafen könnte. 
¥/er wird uns in der Dunkelheit heimsenden, 
Und die Hunde, die so laut bellen ? 



119 



GEORG TRAKL: DER HERBST DES EINSAMEN 

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle, 
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen. 
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle; 
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen. 
Gekeltert ist der Wein, die mild Stille 
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen. 

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel; 
Im roten Wald verliert sich eine Herde. 
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel; 
Es ruht des Landmanns ruhige Geberde. 
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel 
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde. 

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen; 

In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden 

Und Engel treten leise aus den blauen 

Augen der Liebenden, die sanfter leiden. 

Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen, 

Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden. 

ERNST WILHELM LOTZ: IN GELBEN BUCHTEN 

In gelben Buchten sogen wir der Fernen 

Verspülte Lüfte, die von Städten wissen, 

Wo Lüste grünen, angerührt vom Wahnsinn. 

Wir schwammen auf dem Fieberschiff stromauf 

Und sonnten unsre Leiber an dem Buhlen 

Waldheißer Panther, die der Sommer quält. 

Der Klapperschlange nacktes Schlammgeringel 

Wand sich verstört, als wir vorüberkamen, 

Und in verschlafnen Dörfern gurgelte die Lust. 

Ein warmer, satter Wind strich durch die Palmen. — 

Ich sah dich weiß von Schlaf. 

Und als ich von dir ebbte, hoch gehoben. 

Von meinem stolzen, satt gestürmten Blut: 

Sturm der Nächte, der mich Blut-wärts zog 

Zu kühnen, nie entdeckten Ländergürteln: 

O schwül Geliebte! Strom der Geheimnisse! 

Verschlaf enes Land! Im Süden! Sommer-Qual! 



ISO 



THEODOR DÄUBLER: WINTER 

Geduldig ist der Wald, 
Behutsamer der Schnee, 
Am einsamsten das Reh. 
Ich rufe. Was erschallt? 
Der Widerhall macht Schritte» 
Er kehrt zurück zu seinem Weh: 
Das kommt heran wie leise Tritte. 
Er findet mich in meiner Mitte. 
Warum hab ich den Wald gestört? 
Vom Schnee ward nichts gehört. 
Hat sich das Reh gescheut? 
Wie mich das Rufen reut. 

WILHELM KLEMM: AUSGLEICH 

Das Gebirge entfaltet sich. Steinerner Samt 
Sinkt ins Schatten tal, wo Wälder die Flügel breiten. 
Von Gipfel zu Gipfel führen zarte, sinnende Wege, 
Die Silberkrone des ewigen Schnees quillt auf. 

Einsamkeit starrt mich an mit azurnem, Auge, 
Über Abgründe hängt der splitternde Fels. 
Zerbrochner Tafeln wilde Verwüstung 
Tost hinab in die stille Verdammnis. 

Untergang und Auferstehung 

Reichen sich unendliche Hände. 

Der Wasserfall sinkt gelassen in schwarze Klüfte. 

Ein Vogel kreist. Die Quelle lächelt. 

JAKOB VAN HODDIS : MORGENS 

Ein starker Wind sprang empor. 

Öffnet des eisernen Himmels blutende Tore. 

Schlägt an die Türme. 

Hellklingend laut geschmeidig über die eherne Ebene der 

Stadt. 
Die Morgensonne rußig. Auf Dämmen donnern Züge. 
Durch Wolken pflügen goldne Engelpflüge. 
Starker Wind über der bleichen Stadt. 
Dampfer und Kräne erwachen am schmutzig fließenden 

Strom. 

121 



Verdrossen klopfen die Glocken am verwitterten Dom. 

Viele Weäber siehst du und Mädchen zur Arbeit gehn. 

Im bleichen Licht. Wild von der Nacht. Ihre Röcke wehn. 

Glieder zur Liebe geschaffen. 

Hin zur Maschine und mürrischem Mühn. 

Sieh in das zärtliche Licht. 

In der Bäume zärtliches Grün. 

Horch! Die Spatzen Schrein. 

Und draußen auf wilderen Feldern 

Singen Lerchen. 

RENä SCHICKELE: SONNENUNTERGANG 
Ich stieg vom Keller 
Bis unters Dach, 
Immer heller 
War das Gemach, 
Die Stadt, sonst verdrossen, 
Hob Kuppeln aus Gold, 
Es glühten die Gossen 
Wie Adern von Gold. 

Die Felder brandeten, 

Meer in Meer, 
Vögel landeten, 
Von Feuer schwer, 
Auf Korallenwipfeln . 
Schauer von Licht 
Liefen ernsten Gipfeln 
Übers Gesicht . . . 

Den Turm besteigend 
Sah ich die Welt 
Der Nacht sich neigend 
Von Lust erhellt, 
Mit einem Lächeln, 
Das schimmernd stund, 
Ein Flammenfächeln, 
Um ihren Mund, 

Wie Frauen der Wonnen^ 
sie liegen enthüllt, 
noch lange versonnen 
Gedenken erfüllt. 

122 



REiNfi SCHICKELE: DER KNABE IM GARTEN 

Ich will meine bloßen Hände aneinander legen 
und sie schwer versinken lassen, 
da es Abend wird, als wären sie Geliebte. 
Maiglocken läuten in der Dämmerung, 
und weiße Düfteschleier senken sich auf uns, 
-' die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen. 
Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen, 
die Syringen quellen aus den Büschen, 
eine helle Rose schmilzt am Boden . . . 
Wir alle sind einander gut. 
Draußen durch die blaue Nacht 
hören wir gedämpft die Stunden schlagen. 



THEODOR DÄUBLER: DÄMMERUNG, 

Am Himmel steht der erste Stern, 
Die Wesen wähnen Gott den Herrn, 
Und Boote laufen sprachlos aus, 
Ein Licht erscheint bei mir zu Haus, 

Die Wogen steigen weiß empor, 
Es kommt mir alles heilig vor. 
Was zieht in mich bedeutsam ein? 
Du sollst nicht immer traurig sein. 



ALFRED LICHTENSTEIN: IN DEN ABEND.,* 

Aus krummen Nebeln wachsen Köstlichkeiten., 
Ganz winzge Dinge wurden plötzlich wichtig. 
Der Himmel ist schon grün und undurchsichtig 
Dort hinten, wo die blinden Hügel gleiten. 

Zerlumpte Bäume strolchen in die Ferne. 
Betrunkne Wiesen drehen sich im Kreise, 
Und alle Flächen werden grau und weise . . . 
Nur Dörfer hocken leuchtend: rote Sterne — 

123 



PAUL ZECH: 
DIE HÄUSER HABEN AUGEN AUFGETAN . . . 

Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind 
und mauerhart in dem Yor überspülen 
gehetzter Stunden; Wind bringt von den Mühlen 
gekühlten Tau und geisterhaftes Blau« 

Die Häuser haben Augen aufgetan, 
Stern unter Sternen ist die Erde wieder, 
die Brücken tauchen in das Flußbett nieder 
und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn. 

Gestalten wachsen groß aus jedem Strauch, 

die Wipfel wehen fort wie träger Rauch 

und Täler werfen Berge ab, die lange drückten. 

Die Menschen aber staunen mit entrückten 

Gesichtern in der Sterne Silberschwall 

und sind wie Früchte reif und süß zum FalL 

GEORG TRAKL: ABENDLIED 

Am Abend, wenn wir auf dunklen Pfaden gehn, 
Erscheinen unsere bleichen Gestalten Yor uns. 

Wenn uns dürstet, 

Trinken wir die weißen Wasser des Teichs, 

Die Süße unserer traurigen Kindheit» 

Erstorbene ruhen wir unterm Holundergebüsch, 
Schaun den grauen Möven zu. 

Frühlingsgewölke steigen über die finstere Stadt, 
Die der Mönche edlere Zeiten schweigt 

Da ich deine schmalen Hände nahm 
Schlugst du leise die runden Augen auf. 
Dieses ist lange her. 

Doch wenn dunkler Wohllaut die Seele heimsucht, 
Erscheinst du Weiße in des Freundes herbstlicher Landschaft. 

124 



GEORG HEYM: ALLE LANDSCHAFTEN HABEN 

Alle Landschaften haben 

Sich mit Blau erfüllt. 

Alle Büsche and Bäume des Stromes 5 

Der weit in den Norden schwillt 

Leichte Geschwader, Wolken, 
Weiße Segel dicht, 
Die Gestade des Himmels dahinter 
Zergehen in Wind und Licht,, 

Wenn die Abende sinken 

Und wir schlafen ein, 

Gehen die Träume, die schönen, 

Mit leichten Füßen herein. 

Gymheln lassen sie klingen 
In den Händen licht. 
Manche flüstern und halten 
Kerzen vor ihr Gesicht. 

ALBERT EHRENSTEIN: ABENDSEE 

Wir kämmten Wolken, Faun und Fee, 

Im Liebesspiel über Stern und See. 

Nun hat uns Dämmer verschneit, Nebel gezweit, 

Im Leid vergilbt die Lilienzeit. 

Neidwolken, herzschnappende weiße Wölfe, 

Aus Schaumtraum scheuchtet ihr mir die verspielte Tanz elf e. 

Mein Abendlied sinkt im See. 

Die wilde Nacht bespringt mein Reh, 
Die Sterne haben sich abgedreht, 
ödvogel weht sein: „Spät, zu spät!" 
Weh fühle ich, wie ich im Schnee 
Untergeh'. 

ALBERT EHRENSTEIN: FRIEDE 

Die Bäume lauschen dem Regenbogen, 
Tauquelle grünt in junge Stille, 
Drei Lämmer weiden ihre Weiße, 
Sanftbach schlürft Mädchen in sein Bad. 

I2Ö 



Rotsonne rollt sich abendnieder, 
Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben» 
Dunkel über Flut und Flur. 

Frosch-Wanderer springt großen Auges, 
Die graue Wiese hüpft leis mit. 
Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne. 
Der Heimwehwind weht gute Nacht. 

RENfi SCHICKELE: MONDAUFGANG 

Verschüttet Herz, du Mond noch nicht im klaren, 
brich durch, das letzte Licht erlosch im Abendwind , . . 
Bald werden alle meine Gedanken, die Verdammte waren, 
strahlen, weil sie schwebend und einsam sind. 

Nie mehr vor fremden Seelen betteln gehnl 
Nie mehr um die Erfüllung werben ! 
Nicht mehr mit jeder Sehnsucht sterben 
und falschen Herzens auferstehn. 

Gefäß der Zuversicht, du Mond im klaren . . a 

Die Welt verlor den Glanz im Abendwind. 

Es kam die Nacht. Nun strahlen, die erblaßte Sklaven waren, 

die Gedanken, weil sie über Meer und Erde mächtig sind. 

GEORG HEYM: MOND 

Den blutrot dort der Horizont gebiert, 
Der aus der Hölle großen Schlünden steigt, 
Sein Purpurhaupt mit Wolken schwarz verziert, 
Wie um der Götter Stirn Akanthus schweigt, 

Er setzt den großen goldnen Fuß voran 
Und spannt die breite Brust wie ein Athlet 9 
Und wie ein Partherfürst zieht er bergan, 
Des Schläfe goldenes Gelock umweht« 

Hoch über Sardes und der schwarzen Nacht, 
Auf Silbertürmen und der Zinnen Meer, 
Wo mit Posaunen schon der Wächter wacht, 
Der ruft vom Pontos bald den Morgen her« 

126 



Zu seinem Fuße schlummert Asia weit 

Im blauen Schatten, unterm Ararat, 

Des Schneehaupt schimmert durch die Einsamkeit, 

Bis wo Arabia in das weiche Bad 

Der Meere mit den weißen Füßen steigt 
Und fern im Süden, wie ein großer Schwan, 
Sein Haupt der Sirius auf die Wasser neigt 
Und singend schwimmt hinab den Ocean. 

Mit großen Brücken, blau wie blanker Stahl, 
Mit Mauern, weiß wie Marmor, ruhet aus 
Die große Ninive im schwarzen Tal, 
Und wenig Fackeln werfen noch hinaus 

Ihr Licht, wie Speere weit, wo dunkel braust 

Der Euphrat, der sein Haupt in Wüsten taucht. 

Die Susa ruht, um ihre Stirne saust 

Ein Schwärm von Träumen, die vom Wein noch raucht. 

Hoch auf der Kuppel, auf dem dunklen Strom 
Belauscht allein der bösen Sterne Bahn 
In weißem Faltenkleid ein Astronom, 
Der neigt sein Scepter dem Aldebaran, 

Der mit dem Monde kämpft um weißen Glanz, 
Wo ewig strahlt die Nacht und ferne stehn 
Am Wüstenrand im blauen Lichte ganz 
Einsame Brunnen und die Winde wehn 

ölwälder fern um leere Tempel lind, 

Ein See von Silber, und in schmaler Schlucht 

Uralter Berge tief im Grunde rinnt 

Ein Wasser sanft um dunkler Ulmen Bucht. 



GOTTFRIED BENN: O, NACHT — ; 

0, Nacht! Ich nahm schon Kokain, 
Und Blutverteilung ist im Gange. 
Das Haar wird grau, die Jahre flieh*n, 
Ich muß, ich muß im Überschwange 
Noch einmal vorm Vergängnis blühn. 

127 



0, Nacht! Ich will ja nicht so viel. 
Ein kleines Stück Zusammenballung, 
Ein Abendnebel, eine Wallung 
Von Raumverdrang, von IchgefühL 

Tastkörperchen, Rotzellensaum 
Ein Hin und Her, und mit Gerüchen; 
Zerfetzt von Worte- Wolkenbrüchen — : 
Zu tief im Hirn, zu schmal im Traum. 

Die Steine flügeln an die Erde. 
Nach kleinen Schatten schnappt der Fisch. 
Nur tückisch durch das Ding = Gewerde 
Taumelt der Schädel = Flederwisch. 

O, Nacht! Ich mag dich kaum bemühn! 
Ein kleines Stück nur, eine Spange 
Von Ichgefühl — im Überschwange 
Noch einmal vorm Vergängnis blühnl 

O, Nacht, o leih mir Stirn und Haar, 
Verfließ Dich um das Tag- verblüh tel 
Sei, die mich aus der Nervenmythe 
Zu Kelch und Krone heimgebar. 

0, still! Ich spüre kleines Rammeln: 
Es stern t mich an — - Es ist kein Spott — % 
Gesicht, ich: mich, einsamen Gott, 
Sich groß um einen Donner sammeln. 



AUGUST STRAMM: TRAUM 

Durch die Büsche winden Sterne 

Augen tauchen blaken sinken 

Flüstern plätschert 

Blüten gehren 

Düfte spritzen 

Schauer stürzen 

Winde schnellen prellen schwellen 

Tücher reißen 

Fallen schrickt in tiefe Nacht. 



xs8 



Jäh geib und springt 

Und Flecken spritzen ■— 

Verbleicht 

Und 

Pralle Wolken tummeln sich in Pfützen. 



ERNST STADLER: 

FAHRT ÜBER DIE KÖLNER RHEINBRÜCKE BEI NACHT 

Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit entlang. 
Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger, nacht- 

umsehienter Minengang, 
Darein zuweilen Förderstellen blauen Lichtes jähe Horizonte 

reißen: Feuerkreis 
Von Kugellampen, Dächern, Schloten, dampfend, strömend . „ , 

nur sekundenweis . . . 
Und wieder alles schwarz. Als führen wir ins Eingeweid der 

Nacht zur Schicht. 
Nun taumeln Lichter her. . . . verirrt, trostlos vereinsamt . . • 

mehr . . . und sammeln sich . . . und werden dicht. 
Gerippe grauer Häuserfronten liegen bloß, im Zwielicht 

bleichend, tot — etwas muß kommen . . . o, ich fühl 

es schwer 
Im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut. Dann dröhnt der 

Boden plötzlich wie ein Meer: 
Wir fliegen, aufgehoben, königlich durch nachtentrissne Luft, 

hoch übern Strom. Biegung der Millionen Lichter, 

stumme Wacht, 
Vor deren blitzender Parade schwer die Wasser abwärts rollen. 

Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht! 
Wie Fackeln stürmend! Freudiges! Salut von Schiffen über 

blauer See! Bestirntes Fest! 
Wimmelnd, mit hellen Augen hingedrängt! Bis wo die Stadt 

mit letzten Häusern ihren Gast entläßt. 
Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille. Nacht. 

Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut und 

Drang 
Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust 

Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang. 

9 129 



THEODOR DÄUBLER: ÜBERRASCHUNG 

Durch Pinien lustwandelt der Mond, durch Glyzinien! 
Ein blauendes Wasser bringt blauere Blätter. 
Ein Windhauch verwiegt und verschmiegt alle Linien, 
Das raschelt und scharrt wie von Ros engekle tter. 

Es scheint, daß der Flieder mit Blüten sich brüste. 
Er wogt seine Düfte, fast atmend, ins Freie. 
Es ist, als ob alles mit Hauchen sich küßte, 
Damit sich die Lust bloß durch Tausche verleihe. 

Auf einmal verwirrt mich die traumblaue Bleiche. 
Doch sehe ich plötzlich ein Wunder erstrahlen: 
Umschimmert von einem kristallklaren Teiche, 
Erblassen und trinken Gestalten aus Schalen. 

Es zieht mich hinüber, wie heimwärts zu Brüdern. 
Ich platsche ins Wasser. Man lacht mir entgegen. 
Man schöpft meine Ringwellen, reicht sie den Müdem, 
Und plötzlich beginnen sich Mädchen zu regen. 

Ich schwimme so leicht, wie beflügelt, zum Eiland 
Und fühle mich dann in verwandelten Landen. 
Dort heißt es : das alles versprach uns der Heiland : 
Wir sind in euch selbst, unsern Gräbern, erstanden I 

Ich sehe geadeltes Bauernvolk lachen. 
Und einer sagt: siehe, es lohnt sich der Mühe! 
Es freut uns, das Mutterland urbar zu machen, 
Kommt, führen wir Büffel! geht, füttert die Kühe! 

Ich bin doch zu Hause und glaube mich ferne. 
Vielleicht in der Vorzeit. Vielleicht bloß am Nile ! 
Dort steigt man in Berge, ich folgte so gerne, 
Doch zeigt mir ein Priester gesonderte Ziele. 

Er spricht: „Wir erbauten dereinst Pyramiden 
Und trachteten stark, uns in Quarz zu vergraben^ 
Doch dann ward ihr Wesen zum seligen Frieden, 
Durch den wir uns wieder ins Dasein ergaben. 



l3o 



Wahrhaftig, dort steigt man für Erz in die Erde, 
Auf einmal erwachen am Boden Kameele. 
Nein, Erdhosen sind es mit Reckungsgebärde. 
Man sprengt unterirdisch: das ist ihre Seele 1 

Der Nilfriede, Nilliebe wirken hienieden. 
Hieratische Ruhe durchdämmert das Leben. 
Es hat uns der Aufbau von Steinpyramiden 
Erst spät unser Grundwurzeln wiedergegeben. 

Es spielen rings Kinder auf silbernen Leiern % 
Zumeist sanftgebräunte, schwarzäugige Dinger, 
In leise verirdischten Mondschimmer schieiern, 
Und Licht überspringt ihre spielenden Finger. 

Nun darf ich die Kaiserin traumhaft gewahren. 
Sie führt ihren lieblichen Sohn zu den Bauern. 
Sie trägt einen Lotos verklärt durch die Scharen 
Beherzter Gemüter, die sprachlos erschauern. 

Man winkt mir, dem mächtigen Weibe zu nahen. 
Ich fühle, es wird mich ihr Wesen befragen. 
Ich fasse den Mut, was sie meint, zu bejahen. 
Da senkt sie die Blume und fängt an zu sagen : 

„Das da sind die Wahrzeichen fürstlicher Güte." 
Nun frage ich, da ich geblendet bin: „Welche?" 
Da sagt sie: „Das Glühwürmchen über der Blüte, 
Der blauende Tautropfen unter dem Kelche!" 

Jetzt glückt noch der Fürstin das gütigste Lächeln. 
Es schimmert in mich, zu den innigsten Bildern. 
Schon kann seine Klarheit Gespinste verfächeln, 
Um sanft mein Erleiden durch Zartheit zu mildern. 

Nun kommen die Boote allmählich nach Hause. 
Es ziehn schon die Fischer rings schimmernde Netze, 
Voll Beute und Tang, aus dem Wassergebrause : 
Und gleich überwimmeln sich sämtliche Plätze. 

Die Weiber erscheinen mit mondbleichen Sicheln, 
Die Mädchen gar häufig beladen mit Gänsen* 
Man kichert im Finstern, beginnt sich zu sticheln, 
Doch Bauern erhellen jetzt alles mit Sensen. 



i3i 



Es helfen Matrosen mit mondweißen Fischen. 
Die krümmen sich zappelnd wie Sicheln zusammen 
Und überall schimmern, entwischen und zischen 
Gebilde, die leise und bleich sich entflammen. 

Doch hocken noch stumme Gestalten am Strande. 
Die wollen den Mondfisch, den Vollmondfisch, haschen! 
Doch ich wandle langsam, zum Fang außerstande, 
Und weiß wohl, es wird mich noch viel überraschen. 

Am Ufer der Träume erzählt mir die Seele 
Das Lied meiner leidenden innersten Stimmen. 
Ich will, daß der Wind alle Sehnsuchten schweele, 
Damit meine Sagen ihr Tagen erklimmen» 

Ägyptische Rätsel, erdämmert im Schwärmer! 
Thebanische Mädchen, ümzaubert uns wieder! 
Ihr Starrheitssymbole, der Wind weht schon wärmer, 
Drum Unterweltnumen, durchzieht unsre Lieder! 

Der tropische Glutenfluß faßt sich im Leben. 
Astrale Gestalten ergreift euch in Bäumen! 
Die menschliche Seele, ein Fieberentschweben, 
Entflattere, entwurzle sich ewig in Träumen. 

Ihr Pflanzen im heiligen Urfriedensgarten, 
Begeistert erscheinend die wirksamen Reiche! 
Die Sterne und Quellenberauscher erwarten 
Den Lothos der Seele im iraumblauen Teiche* 

Orkane am Styxe, durchwittert die Seher! 
Chimären, beginnt im Gegrübel zu nisten ! 
Schon kommen uns zwitschernde Kindslarven näher, 
Als ob rings Gespenster ihr Segel-Ich hißten! 

Du Wesenheit spiele: erspiele dir Bilder! 
Erklimme dir Lieder in Mondgeisterzonen! 
Du Mildheit in mir, werde immer noch milder: 
Entschaue Äonen s die doch bloß betonen. 



02 




O. Th. W. Stein 



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Theodor Däubler 



GEORG TRAKT,: SEBASTIAN IM TRAUM 

Für Adolf Loos 

Mutter trug das Kindleiu im weißen Mond, 

Im Schatten des Nußbaums, uralten Holunders, 

Trunken vom Safte des Mohns, der Klage der Drossel; 

Und stille 

Neigte in Mitleid sich über jene ein bärtiges Antlitz 

Leise im Dunkel des Fensters; und altes Hausgerät 

Der Väter 

Lag im Verfall; Liebe und herbstliche Träumerei. 

Also dunkel der Tag des Jahrs, traurige Kindheit, 

Da der Knabe leise zu kühlen Wassern, silbernen Fischen 

hinabstieg, 
Ruh und Antlitz; 

Da er steinern sich vor rasende Rappen warf, 
In grauer Nacht sein Stern über ihn kam; 

Oder wenn er an der frierenden Hand der Mutter 
Abends über Sankt Peters herbstlichen Friedhof ging, 
Ein zarter Leichnam stille im Dunkel der Kammer lag 
Und jener die kalten Lider über ihn aufhob 

Er aber war ein kleiner Vogel im kahlen Geäst, 
Die Glocke lang im Abendnovember, 

Des Vaters Stille, da er im Schlaf die dämmernde Wendel- 
treppe hinabstieg. 



Frieden der Seele. Einsamer Winterabend, 
Die dunklen Gestalten der Hirten am alten Weiher; 
Kindlein in der Hütte von Stroh; o wie leise 
Sank in schwarzem Fieber das Antlitz hin. 
Heilige Nacht. 

Oder wenn er an der harten Hand des Vaters 

Stille den finstern Kalvarienberg hinanstieg 

Und in dämmernden Felsennischen 

Die blaue Gestalt des Menschen durch seine Legende ging, 

Aus der Wunde unter dem Herzen purpurn das Blut rann. 

wie leise stand in dunkler Seele das Kreuz auf. 

i35 



Liebe; da in schwarzen Winkeln der Schnee schmolz, 
Ein blaues Lüftchen sich heiter im alten Holunder fing, 
In dem Schattengewölbe des Nußbaums; 
Und dem Knaben leise sein rosiger Engel erschien. 

Freunde; da in kühlen Zimmern eine Abendsonate erklang, 

Im braunen Holzgebälk 

Ein blauer Falter aus der silbernen Puppe kroch. 

die Nähe des Todes. In steinerner Mauer 

Neigte sich ein gelbes Haupt, schweigend das Kind, 

Da in jenem März der Mond verfiel. 

■k 

Rosige Osterglocke im Grabgewölbe der Nacht 
Und die Silberstimmen der Sterne, 

Daß in Schauern ein dunkler Wahnsinn von der Stirne des 
Schläfers sank. 

wie stille ein Gang den blauen Fluß hinab 

Vergessenes sinnend, da im grünen Geäst 

Die Drossel ein Fremdes in den Untergang rief. 

Oder wenn er an der knöchernen Hand des Greisen 
Abends vor die verfallene Mauer der Stadt ging 
Und jener in schwarzem Mantel ein rosiges Kindlein trug, 
Im Schatten des Nußbaums der Geist des Bösen erschien. 

Tasten über die grünen Stufen des Sommers. wie leise 
Verfiel der Garten in der braunen Stille des Herbstes, 
Duft und Schwermut des alten Holunders, 
Da in Sebastians Schatten die Silberstimme des Engels erstarb. 

WILHELM KLEMM: BETRACHTUNGEN 

Bäume sättigen sich in schweigendem Grün. 
Und der Himmel dunkelt in einem vergeßnen Grau. 
Die Unendlichkeit des Grases 
.Triumphiert mit tausend kleinen Spitzen. 

Was haben wir eigentlich am meisten geliebt? 

Die Tugenden verblaßten längst unter dem Achselzucken 

Des Verstehens. Ruhm ist so dünn, 

Macht keinen frei. Weisheit versinkt 

i36 



In Schwermut. Erinnerungen verklingen, 
Auch die schönsten. Auch an die Befreiung 
Von Leid. Seltsam und unverständlich 
Erstirbt das ferne Gemurmel der Erschauungen» 

Eine geheimnisvolle Liebe bleibt 

Halb Weib, halb Stern, 

Die in unsagbarer Zartheit über dem dunkelnden Herzen 

Zittert wie ein Tropfen Ewigkeit, 

Während der Winter wieder kühl durch das Land geht, 
Der Himmel einsamer wird über den Bäumen, 
Und die aufatmende Brust sich nach Westen wendet 
Wo der Abend heimkehrt, ein zögernder Träumer, 



FRANZ WERFEL: DIE TRÄNE 

Unter dem vogellosen Himmel wilder Cafes, 

Sitzen wir oft, wenn die Stunde der Schwermut schwebt! 

Wenn der Schwärm der Musik mit raschen Schlägen 

Möwenhaft 

Dicht uns am Ohr vorüber streicht. 

Nirgend, wo sich der Raum in Mauern drängt* 

Tiefer blühet die Pflanze der Fremde auf» 
Schließt du die Augen, so fahren zusammen 
Eise des Pols, 
Und es schluchzt der alte Fjord. 

Öffne dich nunl Was geschieht? Schlage die Augen auf! 

Was zerbricht den Tumult? Was ruft dem Wirbel Halt? 

Dort an dem Tisch die schwarze Dame, 

Plötzlich erklingend 

Weint sich das Fräulein in seine Hände hin«, 

Was noch Alleinheit war, wirft sich einander zu. 

Und die weinende Stimm* bindend wird zum Gesetz. 

Die Menschen stehen alle und weinen, 

Strömen heilig, 

Selbst das Tablett in der Hand des Kellners bebte 



187 



Scherben wir alle, werden im Weinen Gef äß. 

Wer die Träne erkennt, weiß der Gemeinschaft Stoff. 

Ozean sind wir, Brüder, und fahren, 

Ewig fahren 

Barken wir auf dem Weltmeer des Herzens hin. 

Schmerz des Einsamen, du der Unsterblichkeit Kind! 

Der Gottheit liebliches Blut, unsere Träne rinnt. 

Ach wir begießen mit unseren Tränen 

Edene Beete, 

Fruchtbar, Geschwister, wird uns das Paradies» 

FRANZ WERFEL: GESANG 
Einmal einmal — 
Wir waren rein. 

Saßen klein auf einem Feldstein 
Mit vielen lieben alten Fraun. 
Wir waren ein Indenhimmelschaun 9 
Ein kleiner Wind im Wind 
Vor einem Friedhof, wo die Toten leicht sind. 
Sahen auf ein halbzerstürztes Tor, 
Hummel tönte durch Hagedorn, 
Ein Grillen-Abend trat groß ins Ohr. 
Ein Mädchen flocht einen weißen Kranz, 
Da fühlten wir Tod und einen süßen Schmerz, 
Unsere Augen wurden ganz blau — 
Wir waren auf der Erde und in Gottes Herz* 
Unsre Stimme sang da ohne Geschlecht, 
Unser Leib war rein und recht. 
Schlaf trug uns durch grünen Gang — 
Wir ruhten auf Liebe, heiligem Geflecht, 
Die Zeit war wie Jenseits wandelnd und lang. 

GOTTFRIED BENN: GESÄNGE 
i. daß wir unsere Ururahnen wären. 
Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor» 
Leben und Tod, Befruchten und Gebären 
Glitte aus unseren stummen Säften vor, 
Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel, 
Vom Wind Geformtes und nach unten schwer,, 
Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel 
Wäre zu weit und litte schon zu sehr. — 



i38 



2. Verächtlich sind die Liebenden, die Spötter. 
Alles Verzweifeln, Sehnsucht, und wer hofft. 
Wir sind so schmerzliche durchseuchte Götter 
Und dennoch denken wir des Gottes oft. 

Die weiche Bucht. Die dunklen Wälder träume. 
Die Sterne, schneeballblütengroß und schwer. 
Die Panther springen lautlos durch die Bäume. 
Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer. — — 

GOTTFRIED BENN: SYNTHESE 
Schweigende Nacht. Schweigendes Haus. 
Ich aber bin der stillsten Sterne; 
Ich treibe auch mein eignes Licht 
Noch in die eigne Nacht hinaus. 

Ich bin gehirnlich heimgekehrt 
Aus Höhlen, Himmeln, Dreck und Vieb. 
Auch was sich noch der Frau gewährt, 
Ist dunkle süße Onanie. 

Ich wälze Welt. Ich röchle Raub. 
Und nächtens nackte ich im Glück : 
Es ringt kein Tod, es stinkt kein Staub 
Mich, Ich-Begriff, zur Welt zurück. 

IWAN GOLL: KARAWANE DER SEHNSUCHT 

Unsrer Sehnsucht lange Karawane 

Findet nie die Oase der Schatten und Nymphen I 

Liebe versengt uns, Vögel des Schmerzes 

Fressen immerzu unser Herz aus« 

Ach wir wissen von kühlen Wassern und Winden: 

Überall könnte Elysium sein! 

Aber wir wandern, wir wandern immer in Sehnsucht! 

Irgendwo springt ein Mensch aus dem Fenster, 

Einen Stern zu haschen, und stirbt dafür, 

Irgendeiner sucht im Panoptikum 

Seinen wächsernen Traum und liebt ihn — 

Aber ein Feuerland brennt uns allen im lechzenden Herzen, 

Ach, und flössen Nil und Niagara 

Über uns hin, wir schrien nur durstiger auf! 

i3g 



FRANZ WERFEL: 
BALLADE VON WAHN UND TOD 

Im großen Raum des Tags, — 

Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer 

Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt 

Die Wolke fiel. — Erstickten Schlags 

Mein Ohr die Stunde traf, 

Als ich gebeugt saß über mich zu sehr. 

Und ich entfiel mir, rollte hin und schwankte da auf einem 
Schlaf. 

Wie deut' ich diesen Schlaf, — 

Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann 

In Dunkelheit, als mich eine Zeit 

In mein Herz traf! 

Und als ich kam empor, 

In Traum auftauchend Atemgang begann, 

Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs 
winterliche Tor. 

Nun höret, Freunde, es! 

Als ich' im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte 
Hand. 

Ich stand gebannt an kalter Wand. 

schwarzes, schreckliches 

Gedenken, da ich ihn nicht fand, 

Den, Leichten, der mich so ging an, 

Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit 
seiner leichten Hand! 

Es fügte sich kein Schein, 

Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen 
flicht, 

Und unterm Bild verschwimmt und schwillt. 

Das kleine Licht ging ein. 

Es trat kein schwarzer Engel vor, 

Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein! 

Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum 
versank das Tor. 

Und auch kein Wort erscholl. 

Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Or- 
kus tief. 

Und wie am Eichen-Ort ein Blatt war ich verdorrt, 

i4o 



Weh! Trocken, leicht und toll 

Fiel ich an mir herab und fuhr in Hescbst und großem Stoß. 
Mich nahm ein Wort und Wind mit fort, 
Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben 
hieß, das Wort hieß: rettungslos! 

letzte Angst und Schmerz! 

Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau 

mich führte aus! 
Bett, im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur 

Welt! 
Ich stand in schwarzem Erz, 
Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein, 
Und sang ein — Rette mich — in mich ein. 
Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den 

Fluß und fallen, den Fluß : Allein 

Und da es war also; 

Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus 

allem Schoß. 
Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur. 
Und ich erkannte so, 

Warum da leicht und fein die Hand mich schlug, 
Die schwach an meine Stirne fuhr, 
Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte 

mehr und kaum mich selber trug. 

Und als ich ihn erkannt, 

Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre 
Mann, 

Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod. 

Und nahm mir alles unverwandt, 

Und wand es fort aus meiner Hand und hielt's gepackt: — 

Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichte 
kunst zuletzt. 

Und stand entsetzt und ausgefetzt und ohne Wahn und auf- 
getan und völlig nackt. 

Tod, o Tod, ich sah 

Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch 

und Schein, 
Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht. 
— — Er lacht und bleibt sich fern und nah — — 

i4i 



leb! stand erstarrt in erster Gegen- Wart, allein, zu zwein. 

(Ach, was wir sagen, lügt schon, weil es spricht.) 

Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Er- 
wachen ein. 

Im großen Raum des Tags 

Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum und sah auf meinen 
Fensterbaum. 

Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, 

Der Himmel glühte noch kaum. 

Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut, 

Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . . 

Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem 
Blut. 

Ich ging, wie Tote gehn, 

Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn. 

Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl, 

Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn. 

Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang 
den Stock und schrie., 

Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . 

Und ich verstand, was sie verband, und schritt durch ihre; 
Alchimie. 

WILHELM KLEMM: AUFSUCHUNG 
Die Geister der Verfeinerung 
Durchwehen das Fliederparadies, 
Unter der leuchtenden Milchflut des Himmels 
Und tausend strahlenden Nebeln» 
Die Götterschwärme der Farben 
Erfüllen der Welt marmorne Amphitheater» 
Durch Abgründe, silbergrün 
Schweben bleiche ruhige Kugeln. 
Lodernde Schönheit belebt sich zart. 

Großartige Schicksale werden aufgerollt, 

Ströme der Erregung 

Fließen vorüber in rauschenden Passagen, 

Eine große Knospe erscheint. 
Wohin senkt sich der Äther? 
Über Flugsternen, wo suchst du sie, 
Die niegesehene, die Seele? 

1^2 



WILHELM' KLEMM: ERSCHEINUNG 

Die Schatten sitzen beim Gastmahl — 

Schweben wie weiße Felle in der JNacht 

Freunde, stoßt an! Da sind Becher, die nicht tönen! 

Ein vergeßner Stern funkelt mitten in unserem Kreis. 

Tor, wer glaubt zwischen Sohle und Scheitel 

Sei alles beschlossen, was Mensch genannt wird! 

Des Herzens unauslöschlicher Drang, die Geisterarme, 

Die hinausgreifen nach den Ringen an den Pforten Gottes! 

Du mit dem Fabelblick, -— atmest du Ewigkeit? 
Und du schönes Profil voll Schwermut, neigst du die Stirn 
Tiefer lauschend in die Schneckenwindungen des Himmels? 
Herkules, streckst du die Glieder auf den Steinbänken des 
Ewigen ? 

Was ist jetzt Anfang, Ende und Wiederkehr? 

Wir lächeln nicht mehr darüber. Alle Irrtümer versöhnten sich. 

Ganze Welten fallen lautlos herab 

In den dämmernden Furchen unserer Gewänder. 



GEORG HEYM: MIT DEN FAHRENDEN SCHIFFEN 

Mit den fahrenden Schiffen 

Sind wir vorübergeschweift, 

Die wir ewig herunter 

Durch glänzende Winter gestreifte 

Ferner kamen wir immer 

Und tanzten im insligen Meer, 

Weit ging die Flut uns vorbei, 

Und der Himmel war schallend und leer. 

Sage die Stadt, 

Wo ich nicht saß im Tor, 

Ging dein Fuß da hindurch, 

Der die Locke ich schor? 

Unter dem sterbenden Abend 

Das suchende Licht 

Hielt ich, wer kam da hinab, 

Ach, ewig m fremdes Gesicht. 

i43 



Bei den Toten ich rief, 

Im abgeschiedenen Ort, 

Wo die Begrabenen wohnen a 9 

Du, ach, wärest nicht dort. 

Und ich ging über Feld, 

Und die wehenden Bäume zu Haupt 

Standen im frierenden Himmel 

Und waren im Winter entlaubt. 

Raben und Krähen 
Habe ich ausgesandt, 
Und sie stoben im Grauen 
Über das ziehende Land. 
Aber sie fielen wie Steine 
Zur Nacht mit traurigem Laut 
Und hielten im eisernen Schnabel 
Die Kränze von Stroh und Kraut. 

Manchmal ist deine Stimme, 
Die im Winde verstreicht, 
Deine Hand, die im Traume 
Piühret die Schläfe mir leicht ; 
Alles war schon vor Zeiten. 
Und kehret wieder sich um. 
Gehet in Trauer gehüllet, 
Streuet Ascjie herum. 

JOHANNES R. BECHER: 
KLAGE UND FRAGE 

Jagdgründe der Nacht — ! 

Warum warum muß immer und immer wieder anrennen ich 
und mich enthaupten — ?! 

Meuchlings einreißen die lichte Gerade meiner Vollendung ge- 
wisser Fährte — 

Hagel und Schwefel zusammenraffen 

Über der frohlockend keimenden Unschuld meines Weizens — ? ! 

Drüse des Monds 

Magischen Gift-Saft absonderst du hinein 

In das reine Blau meiner wahren Himmels-Speise. 

. . . aber nicht im paradiesischen Gebiet der ewigen Quellen 
heiter wandele ich . . . 

Vom Blut nähre ich mich und vom Salz des Schweißes. 

i44 



Warum warum wieder und immer wieder 

Ungläubig entrückte ich mich von dir 

Ophelia : 

Du meiner harzlosen Wüste unerschöpflichste der Wasser- 
Stellen — ?! 

Zu dir, tyrannische Lydia, hin: 

Du Unmaß an Qual Zweifel Schüttel - Fieber und Nacht- 
Sucht . . . 

Zu euch hin atheistische Barbaren, 

Großstadt-Wüterichen des Elends . . . 

Finsterste der Verlockung: 

Abgrund zu schlürfen, 

Im Keller zu hausen des vermorschten Gebeins. 

. . . Denn wann endlich streife ich ihn erlösend ab den schä- 
bigen Filz der Huren . . . 

Du und du benebeltest mich 

Afra, du trübsinnige Käfig- Wolke der Gefahr, 

Und du fressender Maser hektische Zorn-Röte: 

Zirzische Noa! 

Und deiner entrollten Riesen-Haut brennender Samum ver- 
nichtete mich, 

Gellende Negerini 

Hab. und deiner klirrenden Zunge Schwert 

Zynisch kichernd 
Du kindlicher Würgengel o Lustknabe 

Verroht mich . . . 

Deiner beruhigten Kühle o Gott weltfremder Hirsch' 
Weide ich 

Über feuchten Asphalt-Ufer-Gängen 

Nach dem grausen entpreßten Donner eines Sonnen-Meer- 
Niedergangs 
Unterm Wind des Tods und Stern-Milch- Wirbeln 
Mild im Abend. 
Ameisen - Demut. 

Alter Bauersmann mit weißem Bart. 
Dieses ruchlosen Augs Schießscharte aber entträuft 
Der heiße Märchen - Honig Deines lauteren Sees. 
In einer letzten Sanftmut Kürbis wurzele ich. 
Angst-Falte glättet deiner Gnade ÖL 
Stier-Nacken wiegt Lamm und Maxterhok 

i45 



Zerbeulter Helm heißt Turban deiner Güte. 

Ob meines Hobn-Gelächters Säure und beißender Empörer- 
Schwermut 

Rasenden Trichters klagend 

Dich zündendste nelkenstrenge Harfnerin, 

Du über meiner mörderischen Raubgier unberührtem Him- 
melsscheitel duldsam immer noch Schwingende, 

Keulen-Strahlen Schmetternde! Wölbung der Anmut! 

Mütterliche Geleiterin du zu meinen seraphischen Kindheit- 
Fahrten. 

Du frühe Schwester, Nachtigallen -Erweckerin der tauben 
Verzweiflung unseres Schlaf-Mohns. 

Aller der Hungrigen und der Durstenden du immer wieder 
praller Feuer-Euter. 

Tröstliche Würze du meiner einsamen Trauer-Tanne . . . 

Posaune des Aprils wie schlichte Freundin meines Herbst- 
Traums . . . 

Kristallisch Weinende I Oboen-Lächierin ! 

: Dich Sonne befrage ich 

Herzgrube Gottes du über meinen zersplitterten wurmstichi- 
gen Folter-Bänken, 

Du meiner Iris Sperber-Funken und Quecksilber- Aussaat : 

Wann warum wann — — — 

Warum warum muß immer und immer wieder anrennen ich 
und mich enthaupten?! 

Schmerzhaft mit Peitschen und Stachelkamm mich entlauben?! 

Verregnen mutwillig den Samen meiner Sehnsucht — ? ! 

Wann endlich 

Streife ich ihn erlösend ab den schäbigen Filz der Huren?! 

Wann endlich springt aus den unbestimmten Schatten meiner 
vergeblichst zertasteten Register 

Deiner erlösenden Harmonien 

Einziger festlicher Welt-Ton?! 

Lobsinge gefeit 

Dein dienend Instrument 

Im blökenden Netz der Grimassen?! 

Streue immer-wach 

Göttlicher Frische Tau 

Du Lebens-Müder 

Dir ins Wahn-Gesicht ...PI 

i&8 



Heiter wandelnd im paradiesischen Gebiet der ewigen Quellen. 

Auswische mit Flaum des Schnees Märtyrer krasser Brand- 
wunden Mall 

Und schmölze ein mit fanfarischen Gletscher - Glut - Flüssen 

Dich schroffe Götzen-Hochburg der Pyramiden. 

Aufgrünt der Säufer am Waldgeruch meines unbezwingbaren 
Engels. 

Geleert die ungezählten Eimer des Unrats. 

Getilgt der Sklaven-Fron gespenstische Galeeren. 

Dampfender Kuh-Hürden aufgefüllt ihr kargen Höfe der Ar- 
mut . , . 

Verlorener Sohn dumpfer Macht du klärst dich zum Hirt 
jeder Wandlung. 

Da dehnten grenzenlos zeitlos weit sich die legendären Gezelte 
deiner oasischen Siedelung 

Und es zymbelten wunder-kühn die heiligen Flächen unserer 
Wangen. 

Aller Schenkel läuten und der dürftige Flachs ihres Haars 
braust im Sturm deines Korns. 

Im Harnisch des Gerechten aber sitzen 

Die befreiten Knechte 

Unter den Palmen des Throns, 

Zwischen ihren groben Fäusten des Erdenrests furchtbare 
Muschel-Wage, 

Die melodische Spule des Gerichts. 

ERNST STADLER: DER SPRUCH 
In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort, 
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage 

fort: 
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe, 
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe, 
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge, 
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild 

verschlossne Tore trüge, 
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt, 
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt, 
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht, 
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht, 
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich, 
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich! 

147 



FRANZ WERFEL: 
ICH HABE EINE GUTE TAT GETAN 

Herz frohlocke! 

Eine gute Tat habe ich getan. 

Nun bin ich nicht mehr einsam. 

Ein Mensch lebt, 

Es lebt ein Mensch, 

Dem die Augen sich feuchten, 

Denkt er an mich. 

Herz, frohlocke: 

Es lebt ein Mensch! 

Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam, 

Denn ich habe eine gute Tat getan, 

Frohlocke, Herz! 

Nun haben die seufzenden Tage ein Ende. 

Tausend gute Taten will ich tun! 

Ich fühle schon, 

Wie mich alles liebt. 

Weil ich alles liebe! 

Hinström ich voll Erkenntniswonne I 

Du mein letztes, süßestes, 

Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl 1 

Wohlwollen! 

Tausend gute Taten will ich tun. 

Schönste Befriedigung 

Wird mir zuteil: 

Dankbarkeit! 

Dankbarkeit der Welt. 

Stille Gegenstände 

Werfen sich mir in die Arme. 

Stille Gegenstände, 

Die ich in einer erfüllten Stunde 

Wie brave Tiere streichelte. 

Mein Schreibtisch knarrt, 

Ich weiß, er will mich umarmen. 

Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen, 



i48 



Geheimnisvoll und ungeschickt 
Klingen alle Saiten zusammen. 
Das Buch, das ich lese 
Blättert von selbst sich auf. 

Ich habe eine gute Tat getan. 

Einst will ich durch die grüne Natur wandern, 

Da werden mich die Bäume 

Und Schlingpflanzen verfolgen. 

Die Kräuter und Blumen 

Holen mich ein, 

Tastende Wurzeln umfassen mich schon, 

Zärtliche Zweige 

Binden mich fest, 

Blätter überrieseln mich, 

Sanft wie ein dünner, 

Schütterer Wassersturz. 

Viele Hände greifen nach mir, 

Viele grüne Hände, 

Ganz umnistet 

Von Liebe und Lieblichkeit 

Steh ich gefangen. 

Ich habe eine gute Tat getan, 
Voll Freude und Wohlwollens bin ich 
Und nicht mehr einsam 
Nein, nicht mehr einsam. 
Frohlocke, mein Herz! 

THEODOR DÄUBLER: OFT 

Warum erscheint mir immer wieder 
Ein Abend tal, sein Bach und Tannen? 
Es blickt ein Stern verständlich nieder 
Und sagt mir: wandle still von dannen. 

Dann zieh ich fort von guten Leuten. 
Was konnte mich nur so verbittern? 
Die Glocken fangen an zu läuten. 
Und der Stern beginnt zu zittern. 



i^9 



ELSE LAS KER-S CHOL E R: AiV GOTT 

Du wahrst den guten und den bösen Sternen nicht; 

All ihre Launen strömen. 

In meiner Stirne schmerzt die Furche, 

Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht. 

Und meine Welt ist still — - 

Du wehrtest meiner Laune nicht. 

Gott, wo bist du? 

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen, 

Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen, 

Wenn goldverklärt in deinem Reich 

Aus tausendseligem Licht, 

Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen. 

ELSE LASKER-SCHÜLER: ZEBAOTH 
(Dem Franz Jung) 

Gott, ich liebe dich in deinem Rosenkleide, 

Wenn du aus deinen Gärten trittst, Zebaoth. 

0, du Gottjüngling, 

Du Dichter, 

Ich trinke einsam von deinen Düften. 

Meine erste Blüte Blut sehnte sich nach dir, 

So komme doch, 

Du süßer Gott, 

Du Gespiele Gott, 

Deines Tores Gold schmilzt an meiner Sehnsucht. 

ELSE LASKER-SCHÜLER: ABRAHAM UND IS AAR 
(Dem großen Propheten St. Peter Hille in Ehrfurcht) 

Abraham baute in der Landschaft Eden 
Sich eine Stadt aus Erde und aus Blatt 
Und übte sich mit Gott zu reden. 

Die Engel ruhten gern vor seiner frommen Hütte 

Und Abraham erkannte jeden; 

Himmlische Zeichen ließen ihre Flügelschritte. 

i5o 



Bas sie dann einmal bang in ihren Träumen 

Meckern hörte die gequälten Böcke, 

Mit denen Jsaak opfern spielte hinter Süßholzbäumen. 

Und Gott ermahnte : Abraham ! I 

Er brach vom Kamm des Meeres Muscheln ab und Schwamm 

Hoch auf den Blöcken den Altar zu schmücken. 

Und trug den einzigen Sohn gebunden auf den Rücken 
Zu werden seinem großen Herrn gerecht — 
Der aber liebt© seinen Knecht. 

ERNST STADLER: ANREDE 

Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand. 
Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit 
Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt. 
Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit. 

Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund 
Die großen Bäche alles Lebens gehn, 
Und hinter dessen quellend gold'nem Grund 
Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n. 

Mein Bestes glüht und lischt — ein irrer Stern, 

Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt — 

Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern, 

Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt, 

WILHELM KLEMM: SEHNSUCHT 

O Herr, vereinfache meine Worte, 

Laß Kürze mein Geheimnis sein. 

Gib mir die weise Verlangsamung. 

Wieviel kann beschlossen sein in drei Silben! 

Schenk mir die glüh enden Siegel, 

Die Knoten, die Fernstes verknüpfen, 

Gib den Kampfruf aus den heimlichen Schlachten der Seele, 

Laß quellen den Schrei aus grünen Waldeskehien. 

Feuersignale, über Abgründe geblinkt, 
Botschaften, in fremde Herzen gehaucht, 
Flaschenposten im Meere der Zeit, 
Aufgefangen nach vielen Jahrhunderten. 

101 



PAUL ZECH: ICH AHNE DICH 
I. 

Ich ahne Dich, ich fühle Dich, ja Du Gewalt 
bist wirklich da, und größer wie ich glaubte. 
Und hebst schon her zu mir das sternumlaubte 
Gesicht mit Augen tausend Jahre alt. 

Und fühlst vielleicht : „Dies Staubkorn in dem großen All 

begehrt mich aufzuhalten 

und meint, daß ihm das Händefalten 

bewahre vor dem Fall.*' 

O strenge Prüfung durch und durch gestoßen! 
Ich halte aus und weiß, daß unter meinem Fuß 
das Feste schon entweicht. Ich dreh mit bloßem, 

rudernden Körper mich herum . . . 
Doch Du gehst ohne Gruß, 
abweisend stumm. 



IL 

Wie ein Ertrinkender muß ich in Deine Haare 
mich krallen, daß nicht wieder Du entweichst. 
Und wo Du mir die Hände herzlich reichst, 
sah ich mich schon erfroren auf der Baby©. 

Ich bin mir selbst als Gegner hingebogen, 
um meine Kraft zu prüfen, die zu Dir hinstrebt. 
Doch wenn der Wagebalken sich dann hebt: 
bin ich zu leicht, bin ich zu schwer gewogen? 

So sehr ist noch das Ungewisse laut in mir, 
daß ich nicht einmal Deinen Namen weiß, 
der schon geläufig ist dem stummen Tier. 

Ich weiß nur, daß ich Dich zu dem, was Du 
dem Unvernünftigen bist, zu mir herzu 
erflehe und der letzte bin im Kreis. 



IÖ2 



ERNST STADLER: ZWIEGESPRÄCH 

Mein Gott, Ich suche dich. Sieh mich vor deiner Schwelle 
knien 

Und Einlaß betteln. Sieh, ich bin verirrt, mich reißen tau- 
send Wege fort ins Blinde, 

Und keiner trägt mich heim. Laß mich in deiner Gärten Ob- 
dach fliehn, 

Daß sich in ihrer Mittagsstille mein versprengtes Leben wie- 
derfinde. 

Ich bin nur stets den bunten Lichtern nachgerannt, 

Nach Wundern gierend, bis mir Leben, Wunsch und Ziel in 
Nacht verschwanden. 

Nun graut der Tag. Nun fragt mein Herz in seiner Taten 
Kerker eingespannt 

Voll Angst den Sinn der wirren und ver brausten Stunden. 

Und keine Antwort kommt. Ich fühle, was mein Bord an 
letzten Frachten trägt, 

In Wetterstürmen ziellos durch die Meere schwanken, 

Und das im Morgen kühn und fahrtenfroh sich wiegte, meines 
Lebens Schiff zerschlägt 

An dem Magnetberg eines irren Schicksals seine Planken. — 

Still, Seele! Kennst du deine eigne Heimat nicht? 

Sieh doch: du bist in dir. Das ungewisse Licht, 

Das dich verwirrte, war die ewige Lampe, die vor deines 
Lebens Altar brennt. 

Was zitterst du im Dunkel? Bist du selber nicht das Instru- 
ment, 

Darin der Aufruhr aller Töne sich zu hochzeitlichem Reigen 
schlingt? 

Hörst du die Kinderstimme nicht, die aus der Tiefe leise dir 
entgegensingt ? 

Fühlst nicht das reine Auge, das sich über deiner Nächte 
wildste beugt — 

O Brunnen, der aus gleichen Eutern trüb und klare Quellen 
säugt, 

Windrose deines Schicksals, Sturm, Gewitternacht und sanf- 
tes Meer, 

Dir selber alles : Fegefeuer, Himmelfahrt und ewige Wieder- 
kehr — 

i53 



Sieh doch, dein letzter Wunsch, nach dem dein Lehen heiße 
Hände ausgereckt, 

Stand schimmernd schon am Himmel deiner frühsten Sehn-^ 
sucht aufgesteckt. 

Dein Schmerz und deine Lust lag immer schon in dir ver- 
schlossen wie in einem Schrein, 

Und nichts, was jemals war und wird, das nicht schon immer 
dein. 

AUGUST STRAMM: ALLMACHT 

* Forschen Fragen 

Du trägst Antwort 
Fliehen Fürchten 
Du stehst Mut! 
Stank und Unrat 
Du breitst Reine 
Falsch und Tücke 
Du lachst Recht! 
Wahn Verzweiflung 
Du schmiegst Selig 
Tod und Elend 
Du wärmst Reich! 
Hoch und Abgrund 
Du bogst Wege 
Hölle Teufel 
Du siegst Gott! 

WILHELM KLEMM: REIFUNG 

Ich wuchs hinauf in die hohen Himmel, 

Wo die Sterne sich verdichten zu einer einzigen Mauer, 

Und sah das Grenzenlose so nahe 

Wie das Gesicht einer geheimnisvollen Geliebten. 

Dann versank ich unter die Schwelle des Vorstellbaren, 
Rann silberhell durch die Maschen des Stoffs, 
Wurde kleiner als jede Kleinigkeit — - 
Ich suchte das Nichts und fand es nicht. 

Ich lebte in Äonen des Schweigens, wo die Schöpfung 
Still steht; wo Zukunft und Vergangenheit in eins 
Zusammenfließen, wo die Ewigkeiten vergeblich 
Brüten, und ich lernte das göttliche Warten. 

i54 



Doch, dann wieder wandelt" ich mich in blitzende Geschwindig- 
keit. 
Ich überritt das Licht tausendmal 

Auf der Schneide des Moments die Dinge spielen zu stehen. 
Aber die, glaubt mir, Freunde, waren schneller als ich. 

Und in Jugendschönheit erblickt' ich die Welt. 
Da triumphierten still die ewigen Gesetze! 
Das jubelte empor, und löste sich auf. 
Ich stand überwältigt in den drei Reichen. 

Und wußte alsdann, daß die Seele allein 
Dahinweht in einer geisterhaften Welt. 
Das Bruderhafte umringt mich mit Rätselgefühlen — 
Wo finde ich, o Herr, deine ewigen Hände! 

Ob du sie mir reichen wirst oder versagen, 
Deine große Welt ist meine Heimat! 
Was je ich gesehen habe mit irdischem Auge 
Und was ich lebte — es hat mich gesättigt. 

KARL OTTEN: GOTT 

Ich kann Deinen Namen nicht sagen. 

Gebirge von Gedanken den Mantel ihrer Stärke um dich schlagen. 

Du bist ohne Tiefe. 

Trätest Du den Grund der Ozeane Deine Füße blieben trocken. 

Sage ich Dich 

Bin ich nicht ich, Zacke am Schatten der Unnennbaren 

Die in Deines Atems Baumschaukeln gebaren. 

Bin ich ein Komma in ihren Sprüchen. 

Aber die Nacht Deiner Prüfungen hat mich Eule aufgestört. 

Dein großes Licht hinter allen Fernen blendet meine häutigen 

Augen. 
Wenn ich abschließe Tür und Fenster 
Und nichts ist, auch nichts nicht 
Wenn Du ich so wie Stein ich 
Und Sterncherubim ich 
Und ich Du wie mein Sein Sterben 
Wie meine Ruhe Sturm 
Und mein Denken Traumbetrachtung 
Mein Wille Ablösung 

i55 



Rührt das Klicken Deines silbernen Nagels 
Dein Atem unter dem Urmund 
Inwendig mein Sein — Nichtsein 
Hinter der Stirn meiner Brust 
Ein neues Herz das Dich schlägt. 
Gesammelter Glanz allsehenden Augenballes 
Umpulst den Keim des neuen Menschen 
Den Du zeugtest Lichtvater in Erleuchtung. 

Du bist wo alles ist 

Im warmen Leid, 

Im Büßerkleid der Zeit, 

Wo das Verstreute auf der Flucht sich sammelt^ 

Wo keine Zeit, nicht Freud noch Leid, 

Nur Schweigsamkeit. 

Wo Mensch den eignen Namen stammelt. 

Aufbiete deine Klugheit, deinen Glauben, deine Gesundheit, 
deine Phantasie, deine Stärke, deine Liebe, deine Ge- 
wandtheit. 

Versammle um dich die Gefühle deiner Jugend, die erste heiße 
Inbrunst deiner schwärmerischen Liebe. Rüste dich 
mit allem, was du bist in deiner echten, nur dir er- 
schlossenen Erkenntnis, du Einziger, du Mensch! 

KURT HEYNICKE: LIEDER AN GOTT 
Ich bin hinausgestoßen in die Welt, 
den Gang der Erde kreisend mitzuwiegen, 
ich bin erhellt von Deiner Flamme, 
Herr, ich bin wie Du! 
Ich bin im Kreise wandelnd festgeschlossen, 
ich bin hinausgegossen in das Meer, 
ich reige meinen Tanz an Händen fremder Brüder, 
Dein Willen will mich an mich binden, 
gottüberströmt will ich den Ursprung finden 
Herr, ich bin wie Du! 

Die Nächte rauschen auf mit fernem Urgesicht 
In meine Augen fällt das blaue Licht. 
Stern meiner Seelenheimat glanzumf lossen I 
Du Weltgebärer in den tiefsten Sternen, 
entfernen will ich meinen Schlaf vor Dir 5 
urewig wachend wie die Gottesaugen 1 

i56 



Du hast mich hoch gebaute 

Du gibst mein Haupt in Deinen Schoß, 

tief meine Glieder in den Staub der Erde. 

All meine Stimmen jauchzen Dir entgegen, 
ich fühle tausend Segen niederrauschen, 
am fernsten Ohr der Welt lauscht meine Seele, 
Von Dir erhoben knie ich an der Sternentür: 
Herr, kröne mich mit Dirl 

Gott, 

Bruder, spricht die stille Stimme in der Nacht. 
Mein Bruder, alle Wahrheit ist erwacht, 
aus Schutt und Asche glüht ein Flammenturm empor, 
o Bruder, Menschen knien Dir am Ohr in brausenden Ge- 
beten ! 
Menschen-Gott, 
gib viele Sünden, Dich zu finden! 

KURT HEYNIGKE: GEDICHT 

Aufreißen will ich meinen Gang im Kreise, 

ein klarer Stein, der goldne Kette bricht, 

ich lebe nicht, 

ich bin schon lange tot im Rausch der Tage. 

Hoch heben meine Nächte ihre Stunden in die Ferne, 

aus blauen Schleiern glühen weiße Sterne 

und diamantne Schlangen schwimmen in umsonnten Höhen. 

In mondbeglänzten Gärten tanzen goldne Farben, 

ihr Reigen wird zu süßen Abendmelodien. 

Das sind die Nächte, 

wo mich Liebe überströmt, 

Licht- Liebe, Menschenliebe, Einsamkeiten, 

Das sind die Nächte, 

wo mich Gott zu Gaste hält. 

Das ist die Welt, 

die hinter fernen Toren ihre Heimat hat. 

Das sind die Stunden, 

die sich einsam heben, 

hoch ihre Augen in den Ursprung Gottes, 

das ist das Leben, wenn die Sinne fallen, 

und Gott entsteigt den fernsten Nachtgestirnen. 

107 



RENß SCHICKELE: ODE AN DIE ENGEL 
Ihr wart das erste, was ich sah 
von der großen Welt! 
Kunde von den breiten Strömen, 
von den tiefen Wäldern 
und der Ebene dazwischen, 
die mit ihrer Seelenglut, 
was war und ist, erhellt. 
Dort brannte lichterloh die Liebe 
aller Menschen, 
die je geliebt, 
heller als die Sonne, 
länger als Erde und Sterne, 
in Ewigkeit. 

Dort wart ihr zu Hause, von dort 
kamt ihr zu uns. 
Eure Hand kannte jede Stelle, 
wo ein Herz schlug. 
Eure Flügel deckten jedes Leiden. 
Eure Stirn leuchtete 

von den vielen Geheimnissen der Lebenden, 
die ihr geduldig wußtet, 
und von der Seligkeit der Toten. 
Eine leise Trauer in Euern Augen 
machte Euch besonders schön : 
das Wissen um die Verdammten« 
Ich hab Euch gesehn, 
leibhaftig gesehn I 
Ihr knietet neben mir im Gebet, 
Ihr standet im Zimmer, 
wenn ich nachts erwachte. 
Ich schickte Euch meine Freunde beschützen. 
Ihr setztet Euch mit übergeschlagenen Beinen, 
unendlich ernst, wie eine ältere Schwester, 
auf mein Bett und teiltet 
meine ersten Liebesnöte. 
Wie eine ältere Schwester, ja, aber 
Ihr wart zugleich nicht älter als ich 
und meine kleinen Freundinnen, 
Ihr trugt offenes Haar 
und einen kurzen Rock 



i58 



und gabt mir Eure weichen Hände 
zum Kosten: „Soviel du willst!" 
Ich legte sie unter mich, an mein Herz, 
wie schlief ich ein! 

Später wart Ihr überall, 

wo Taten vollbracht wurden. 

Gewalttaten aller Art, 

Taten, die zum Himmel brannten. 

Ihr zeigtet Euch einem, prächtig gekleidet 

in seinen Entsagungen, die andre nicht kannten. 

Ihr wart furchtbar und wart zart. 

Ihr wart, wo Menschen die wilden Funkern 

aus der Erde zogen, 

wo Samen über die Furchen flogen, 

wo die Schalen von Früchten platzten, 

bei schwellenden Traubenstöcken, 

an reifen Feldern, die rot und schwer 

unter einem nassen Himmel 

wie Sauerteig aufgingen — 

und in allen Frauenröcken. 

Von stählernem Glanz umwittert 

taucht Ihr aus den Staubwolken 

hinter den Automobilen auf, 

man hört Euern Gesang, 

der wie hohe Harfentöne 

im Luftzug zittert. 

Ihr lächelt den Fliegern zu, 

die sich neben Euch erheben, 

Ihr seid da, wenn sie wiederkommen, 

und Euer Mund ist irdisch rot 

vor ihnen, die sich das Licht und den Schrecken 

der Himmel mit beiden Händen 

aus dem Antlitz streichen, 

irdisch rot Euer Mund und halbgeöffnet, 

und Eure Hüften sind gebogen, 

damit sie, noch an ihrem Sitze festgebunden, 

gleich aufatmend froh 

die Früchte der Erde erkennen. 

Ihr seid der Schwung hinauf und hinüber, 

seid alles, was stärker ist, als der Tod. 



i5g 



FRANZ WERPEL: 
ICH BIN JA NOCH EIN KIND 

Herr, zerreiße mich! 
Ich bin ja noch ein Kind. 
Und wage doch zu singen. 
Und nenne Dich. 
Und sage von den Dingen: 
Wir sind! 

Ich öffne meinen Mund, 

Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten. 

Ich bin gesund, 

Und weiß noch nicht, wie Greise rosten. 

Ich hielt mich nie an groben Pfosten, 

Wie Frauen in der schweren Stund*. 

Nie müht' ich mich durch müde Nacht 

Wie Droschkengäule, treu erhaben, 

Die ihrer Umwelt längst entflohn! 

(Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton 

Der Frauenschritte und allem, was lacht.) 

Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben. 

Nie war ich Seemann, wenn das öl ausgeht, 
Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen, 
Wenn die Notschüsse dröhnen, 
Wenn die Rakete zitternd aufsteht. 
Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen, 
Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet. 

Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken 

Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt! 

Nie hab' ich im Asyl gedarbt, 

Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken, 

Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken, 

Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt! 

Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut, 
Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen 
Der Winde, die sich überbauschen, 
Ein Antlitz böse oder gut? 

160 



Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen? 
Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut? 

Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir» 

Und hast die tausendfache Qual gefunden, 

Du hast in jedem Weib entbunden, 

Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier, 

In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden* 

Und Hure warst Du manchem Kavalier! 

Herr, zerreiße mich! 

Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen? 
Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen. 
Begnade mich mit Martern, Stich um Stich! 
Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen. 
Herr, zerreiße mich! 

Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb, 
In jeder Katz' und jedem Gaul verreckte, 
Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb. 
Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge 

schmeckte, 
Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte, 
Nach der Gestalt, die ich Verhöhnt umwarb ! 

Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind, 

In jedem Ding bestehend, ja im Rauche, 

Dann loche auf, Gott, aus dem Dornenstrauche. 

(Ich bin Dein Kind.) 

Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche! 

Gieß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!! 



ißl 



AUFRUF UND EMPÖRUNG 



JOHANNES R. BECHER: VORBEREITUNG 

Der Dichter meidet strahlende Akkorde. 

Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill. 

Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen. 



Ich lerne. Ich bereite vor. Ich übe mich. 

Wie arbeite ich — hah leidenschaftlichst! - 

Gegen mein noch unplastisches Gesicht — : 

Falten spanne ich. 

Die Neue Welt 

( — eine solche : die alte, die mystische, die Welt der Qual aus- 
tilgend — ) 

Zeichne ich, möglichst korrekt, darin ein. 

Eine besonnte, eine äußerst gegliederte, eine geschliffene 
Landschaft schwebt mir vor, 

Eine Insel glückseliger Menschheit. 

Dazu bedarf es viel. (Das weiß er auch längst sehr wohl.) 

Trinität des Werks: Erlebnis Formulierung Tat. 
Ich lerne. Bereite vor. Ich übe mich. 

. . . bald werden sich die Sturzwellen meiner Sätze zu einer 
unerhörten Figur verfügen. 

Reden. Manifeste. Parlament. Das sprühende politische Schau- 
spiel. Der Experimentairoman. 

Gesänge von Tribünen herab vorzutragen. 

Menschheit! Freiheit 1 Liebe I 

Der neue, der Heilige Staat 

Sei gepredigt, dem Blut der Völker, Blut von ihrem Blut, ein-^ 

geimpft. 
Restlos sei er gestaltet. 
Paradies setzt ein. 

— Laßt uns die Schlagwetter-Atmosphäre verbreiten! — 
Lernt! Vorbereitet! Übt euchi 

i65 



WALTER HASENCLEVER: DER POLITISCHE DICHTER 

Aus d«n Zisternen unterirdischer Gruben 
Aufstößt sein Mund in Städte weißen Dampf , 
Im rasend ausgespritzten Blut, der Tuben 
Langheulend Arbeit, Pause, Nacht und Kampf. 

Mit Zwergen, die auf Buckeln riesig tragen 
Der Lasten harte, eingefleischte Schwären, 
Mit Sklaven, denen unter Peitschenschlagen 
Die Beule reißt am Ruder der Galeeren. 

Sein Arm bricht durch gewaltige Kanonaden 
Von Völkerschwarm zum Mord gehetzter Heere, 
Durch Kot und Stroh und faulend gelbe Maden 
Im Kerker aller Revolutionär©. 

Oft hängt sein Ohr an kleinen Dächerfirnen, 
Wenn aus der Stadt die großen Glocken schlagen, 
Mit vielen schweren und gebeugten Stirnen 
Gefangenschaft der Armut z\i ertragen. 

Wenn nächtlich in den Kinos Unglück schauert, 
Der Hunger bettelt hinter Marmorhallen, 
Mißhandelt stirbt ein Kind und zugemauert 
In Kasematten grobe Flüche fallen, 

Wenn Defraudanten sich von Brücken werfen, 
Im Lichtschein der Paläste aufgewiegelt, 
Wenn Anarchisten ihre Messer schärfen, 
Mit einem dunkeln Schwur zur Tat besiegelt, 

Wenn Unrecht lodernd als der Wahrheit Feuer 

Tyrannenhäupter giftig übersprießt, 

Bis aus dem Wurm der Erde ungeheuer 

Der BKtz des Aufruhrs, der Empörung schießt — 

Ah dann: auf höchsten Türmen aller Städte 
Hängt ausgespannt sein Herz in Morgenröte; 
Asphaltene Dämmerung in des Schläfers Bette 
Verscheucht Trompeten ton: Steh auf und töte! 

166 



Steh auf und töte; Sturmattacken wüten. 
Die Ketten rasen von Gewölben nieder. 
An Ufern schweigend Parlamente brüten. 
Die Kuppel birst. Schon lärmen Freiheitslieder. 

Gezückte Rhapsodie berittener Schergen 
Jagt quer durch Löcher, leer von Pflastersteinen. 
Tumult steigt. Hindernis wächst auf zu Bergen. 
Zerstampfte Frauen hinter Läden weinen. 

Doch von den Kirchen donnern die Posaunen, 
Schmettern Häuser dröhnend auf das Pflaster. 
Die Telegraphen durch Provinzen raunen, 
Es zuckt in Dynamit der Morsetaster. 

Die letzten Züge stocken in den Hallen. 
Geschütze rasseln vorwärts und krepier en. 
Zerfetzte Massen sich im Blute ballen. 
Die Straße klafft auf umgestürzten Tieren. 

Aus Fenstern siedet öl in die Alleen, 
Wo Platzmajore aufgespießt verschimmeln. 
Der Abend brennt, auf den Fabriken wehen 
Die roten Fahnen von den grauen Himmeln. — 

Halt ein im Kampf! Auch drüben schlagen Herzen 
Soldaten, Bürger: kennen wir uns wieder? 
Brüderliches Wort in Bauch und Schmerzen. 
Es sammelt sich der Zug. Formiert die Glieder. 

Versöhnte Scharen nach dem Schlosse biegen, 
Bis hoch auf dem Balkon der Herrscher steht: 
„Nehmt vor den Toten, die hier unten liegen, 
Den Hut ab und verneigt Euch, Majestät!" — 

Lichtlose Asche. Nacht auf Barrikaden. 
Gewalt wird ruchbar, alles ist erlaubt. 
Die Diebslaterne schleicht im Vorstadtladen. 
Plünderung hebt das Skorpionenhaupt. 



167 



Gewürm aus Kellern kriecht ins Bett der Reichen; 
Auf weiße Mädchen fällt das nackte Vieh. 
Sie schneiden Ringe ab vom Rumpf der Leichen. 
Dumpf aus Kanälen heult die Anarchie. 

Im Rohen weiter tanzt die wilde Masse 
Mit Jakobinermützen, blutumbändert. 
Gerechtigkeit, Gesetz der höchsten Rasse: 
Vollende du die Welt, die sie verändert! 

Ihr Freiheitskämpfer, werdet Freiheitsrichter, 
Bevor die Falschen euer Werk verraten. 
Von Firmamenten steigt der neue Dichter 
Herab zu irdischen und größern Taten. 

In seinem Auge, das den Morgen wittert, 
Verliert die Nacht das Chaos der Umhüllung. 
Die Muse flieht. Von seinem Geist umzittert 
Baut sich die Erde auf und wird Erfüllung. 

Sie reißt von ihrem Schild die alten Thesen, 
Die Majorate listig sich vermachen. 
Prärieen tragen Brot für alle Wesen, 
Denn alle Früchte reifen auch den Schwachen. 

Nicht in dem Schatten stählerner Emphoren 
Erglühen Trusts, die ihre Beute jagen: 
Ihr Präsidenten, eilt und seid geboren, 
Den tausendköpfigen Moloch zu erschlagen! 

Die Macht zerfällt. Wir werden uns vereinen. 
Wir, schaukelnd auf atlantischen Transporten, 
Auswandrer, denen Heimatwolken scheinen. 
Europa naht. Es sinken Eisenpforten. 

Jünglinge stehn in Universitäten 

Und Söhne auf, die ihre Väter hassen. 

Der Schuß geht los. In ausgedörrten Städten 

Minister nicht mehr an den Tafeln prassen. 

Das Volk verdirbt. Sie reden von Tribünen. 
Schwemmt nicht die Lache Blut in ihren Saal? 
Wann werden sie die Qual der Toten sühnen? 
Schon durch die Länder läutet das Signal. — 



168 



Der Dichter träumt nicht mehr in blauen Buchten. 
Er sieht aus Höfen helle Schwärme reiten. 
Sein Fuß bedeckt die Leichen der Verruchten. 
Sein Haupt erhebt sich, Völker zu begleiten. 

Er wird ihr Führer sein. Er wird verkünden. 
Die Flamme seines Wortes wird Musik. 
Er wird den großen Bund der Staaten gründen. 
Das Recht des Menschentums. Die Republik. 

Kongresse blühn. Nationen sich beschwingen. 
An weiten Meeren werden Ufer wohnen., 
Sie leben nicht, einander zu verschlingen : 
Verbrüdert ist ihr Herz in starren Zonen. 

Nicht Kriege werden die Gewalt vernichten. 
Stellt Generäle an auf Jahrmarktfesten. 
Dem Frieden eine Stätte zu errichten, 
Versammelt sind die Edelsten und Besten. 

Nicht mehr in Waffen siegt ein Volk, du weißt es; 
Denn keine Schlacht entscheidet seinen Lauf. 
So steige mit der Krone deines Geistes, 
Geliebte Schar, aus taubem Grabe auf! 

FRANZ WERFEL: AUS MEINER TIEFE 

Aus meinen Tiefen rief ich dich an. 

Denn siehe, plötzlich war der metallische Geschmack des 

ganzen Irrtums auf meiner Zunge. 
Ich schmeckte über alles Denken Erkenntnis. 
Ich fühlte gleiten das böse öl, womit ich geheizt bin, 
Süßliche Müdigkeit spielte in meinen Knochen, 
Ich war zur Geige worden des ganzen Irrtums. 
Ich fühlte meine Schwingungen auf einem fernsten Traumkap, 
Und wollte auf, mich wehren, mich gewinnen, wahren . . « 
Doch sank ich hin, gespenstisch 
Gelähmt in träge pochende Verzweiflung. 

Aus meinen Tiefen rief ich dich an. 

Ich rief wie aus versunkenen Fiebern tretend : Wo bin ich ? 
Ticftaumelnd stand ich in schwankender Landschaft, im 
Schwindel geheimer Erdbeben, und rief : Wo bin ich ? 

169 



Ich erkannte die Welt. Sie hing an einem letzten zuckenden 

Nerv. 
Ich sah den Todesschweiß der Dinge. Sie schlugen um sich 

in eckiger Agonie. 
Aber wie edle Kinder, die das Weinen bekämpfen, lächelten 

sie demütig von unten empor. 
Da fuhr ich aus meiner Einsamkeit, 
Da fuhr ich aus Krampf und Kammer, 
Da drang ich ein in die) Säle. Sie rauschten wie der Grund 

städteteilender Ströme. 
Über mich schlug das Schleppern der Teller, Getümmel der 

Stimmen, der Schritte Trommel- Verrat und 
Schreibmaschinen -Geläut, 



Ich rief dich an aus meinen Tiefen. 

Aber mein Antlitz trug sein Grinsen umher. 

Mit der rechten Hand strich ich den Kitt meines Lächelns 
zurecht. 

Und alle taten also. 

Wir saßen zueinander, doch jeder gerichtet in (anderen Winkel. 

Mit beiden Händen bedeckten wir eine Stelle unserer An- 
wesenheit, der wir nicht trauten. 

Wir redeten lange Streifen von Worten . . . 

Die aber waren geboren am Gaumen, 

Und nicht gelangen uns Frohsinn und Schmerz, 

Wie unsere Gar gel log« 

Aus meinen Tiefen rief ich: „Wo bin ich, wo sind wir?" 
Umstellt von Unabänderlichkeit, verstoßen in erbarmungslose 

Gelächter, verschlagen aufs Eiland schiffbrüchiger 

Kartenspieler I 
Unsere Ruhe ist Tod, 
Unsere Erregung Fäulnis! 

Wir sind gebeizt, gesalzen, geräuchert von böser Entwöhnung ! 
Verlernt das Daliegen in den Himmel! 
Verlernt der ruhende Blick, 
Verlernt das Daliegen in den Himmel! 
Aus meiner Tiefe rief ich dich an, 

Denn hier rettet kein Wille mehr, hier rettet nur Wunder. 
Tu' Wunder! 



KARL OTTEN: DES TAGDOMES SPITZE 

Des Tagdomes Spitze verflüchtigt sieb, unter der Wolkenbrust 

der Nacht. 
Die großen Häuserkähne treiben steuerlos ihr Leidensglück. 
Aufkreischen die ehernen Himmelstore, es dröhnen die Chöre 

der Cherubim . 
Ihre Sternlippen tönen hellfunkelnd und der Wind aus ihren 

Mondtalaren 
Läßt die Laternen der Kinder flackern. 
Ich bitte die Menschheit, die zum Schlafe rüstet 
Ich bitte die Menschheit, die der Schrei der Sirenen aufruft 

in kohlendonnernde Fabriken 
Ich bitte die Gebärenden, die Zeugenden 
Ich bitte die sterben und abtun ihr Irdisches 
Ich bitte die mit Dolch und Stemmeisen vibrieren im Zug- 
wind der Mörderängste 
Deren Knochen klappern wie Türen, die Gott hinter ihnen 

zuwirft 
Ich bitte euch, die ihr eure Füße fragt wohin sie euch tragen 

zum letzten Male 
Denen der Revolver knackt, der Strick sich reckt, Gift duftet, 

Wasser spiegelt 
Ich bitte euch, die ihr fassungslos die Stäbe am Zellenfenster 

zählt im grinsen dknochigen Mondlicht, 
Ich bitte euch, im Eiter klopfen Aufgeweckte seit Wochen und 

Monaten, 
Die ihr das Fieber ausrast mit dem Erdkugelschädel 
Gegen die Gipswand, gegen die Bettpfosten 
Ich bitte euch, denen die Welt unverständlich' ein Napf ein 

Knopf ein kochender Blutorkankrater wurde 
Der weiß und schwarz wird und Suppe oder kaltes Wasser 

über euren engen Leib bringt 
Euch bitte ich in Not des Sturmes auf Salz wogen umher- 
gekugelte 
Kotzende erstarrende Matrosen. 

Denen die Sterne zwischen die steifen Lider geklemmt wurden 
Und der Mond in der Kehle würgte 



Und euch Brüder im Grabengrab 

Im Lebenshunger der donnernden Gewölbe, 

171 



Um deren Blase und Hoden sich Stachel der Agonie beißt bei 

Verstand 
Vernunft, Gesundheit, Wollust, Sehnsucht nach Glück; voll- 
blütig, klar, witzig» 

Dich Halbtoten zwischen den Gräben unter stinkenden Zisch- 
gasen 

Ersaufend in deinem Blut, verdurstend im Schlamm, tot» 
gehämmert vom eigenen Pulsschlag 

Armseliger als ein Wurm eine Quappe eine Raupe; 

Du Gott schaffender, Gott denkender Bruder^ 

Dich bitte ich. Euch, die ihr anlegt, zielt und Tod loslaßt, 
ahnungslos sein müßt; 

Ich bitte euch alle in dieser Nacht, die anhebt wie die erste 

Die Gott schuf gesenkter Wimper, wie die Trauerweide 

Eigensinniger Demut hingebeugt am Fuße der Gebirge; 

Euch alle bitte ich meine große Schuld ab, meine große 
Schuld. 

Ich lege mich wie Haut, Hemd, Panzer und Böschung 

Zwischen eure Seele und euer Los. 

Ich 1 will abschwören den Schlaf dieser Nacht 

Ich will mich geißeln und auf Disteln wälzen 

Ich' will warnen beten betteln und disputieren mit dem Bösen 

Wie Leuchtraketen und Wasserstrahl soll mein Flehn 

Bereitschaft halten. Wie ein Tal will ich das Bergecho eurer 
Leidensinbrunst 

Auffangen und deutlich, dringend 

Vertausendfacht 

Erddonner gegen Himmelsunfruchtbarkeit 

Zurückbrüllen. 

Rütteln an den steifen Knieen Gottvaters 

Alle Sonnentrommeln ankrachen 

Bis er erwacht und sich erinnert 



WILHELM KLEMM: PHANTASIE' 

Ich sehe die Geister in dunklen Lauben zechen 

Und schimmernde Weiber sich dehnen auf nackten Thronen. 

Ich höre, wie Riesen ihre Fesseln zerbrechen. 

Fahl schimmern die Schlösser, in denen die Greifen wohnen. 



172 



Kolosse schwanken heran. Cherubgestalten, 

Nacht im wilden Auge, schwarz rauscht ihr Gefieder 

Empor. Lodernde Fahnen entfalten 

Sich. Chöre verhallen und wilde Sturmlieder. 

Wohlan! Wohlauf! altes Herz! Mit unzähligen Maschen 
Ziehen die schimmernden Träume über die Welt. 
Wer hat sie gewebt? Wer will ihre Enden erhaschen? 
Strahlender Schmuck* der ins Unendliche fällt» 



ALFRED WOLFENSTEIN: 

GLÜCK DER ÄUSSERUNG 

Bewegungen, des Menschen Blitze! Zeichen 
Des Menschen, die von Aug zu Augen reichen: 
Beim roten Grunde meines Bluts beginnt! 
Erhebt euch wie auf Wellen Wind. 

Das Meer ist leibhaft Meer bis an den Rand, 
Doch freier streckt es noch die Hand 
Der Segel auf — so aus der Tiefe dehnen 
Zum Firmament mich meine Sehnen. 

Gestalt! an deren großer Fahrt die Leere 
Zerschellt, du voll gehißtes Knie, durchquert 
Die Welt, der Hüften und der Schultern Flug 
Ist sichtbar sichtbar nie genug! 

Und morgenrot erhebe sich der Mund, 
Und tue der Gefühle Schweifung kund — 
So zeichnet sich des Innern nebliger Garten 
Blühend hervor, und Arme wie Standarten 

Führen das Wort und heben es hinüber 

Zum Sonnenantlitz unsrer Brüder — 

Und welches Elend weicht? das Schweigen weicht I 

Vom Menschen wird der ferne Mensch erreicht. 

Wie Erde, sausend, niemals still 
Stets höher ausdrückt, was die Tiefe will, 
Drückt alles alles aus! Der Allmacht gleichen 
Bewegungen, des Menschen Zeichen, 



178 



THEODOR DÄUBLER: 
MEIN GRAB IST KEINE PYRAMIDE 

Mein Grab ist keine Pyramide, 

Mein Grab ist ein Vulkan! 

Das Nordlicht strahlt aus meinem Liede, 

Schon ist die Nacht mir Untertan.! 

Verdrießlich wird mir dieser Friede, 

Der Freiheit opfre ich den Wahn! 

Die Künstlichkeit, durch die wir uns erhalten, 

Den Ararat, wird meine Glut zerspalten! 

Der Adam wird zu Grab getragen. 

Und übrig bleiht sein Weltinstinkt. 

Der baut sich auf aus tausend Marmorsagen? 

Ich selbst, ein Schatten, der zur Arbeit hinkt, 

Vermag bloß um den Ahnen tief zu klagen, 

Da er durch mich, im Schacht, um Fassung ringt. 

Das Grab, das er sich aufbaut, ist sein Glaube, 

Daß ihm Vergänglichkeit das Urbild nimmer raube! 



Ich fühle, stolzer Erdenvater, 

Dein Leid, das die Gesetze sprengt: 

Ein Drama denkst du im Theater, 

Das tausendstufig dich umdrängte 

Du atmest Freiheit aus dem Krater, 

Der furchtbar sieh zusammenengt" 

Auf Deine Grabesruhe trachte zu verzichten, 

Dann wird dein Herzenssteril die Welt belichten! 



Ich selber bin ein FreiheitsfunKe, 

Das Gleichgewicht ertrag ich nicht! 

Hinweg mit dem Erfahrungsprunke s 

Ich leiste auf mein Grab Verzicht! 

Die Gnade schäumt im Urgluttrunke«, 

Als Übermaß ins Weltgericht 

Doch das will ich mit meinem Schatten halten; 

Ich träume Euch*, befreit© Erdgewalten! 



infi 



Mein Grab ist keine Pyramide, 

Mein Grab ist ein Vulkan. 

Mein Hirn ist eine Funkenschmiede, 

Das Werk der Umkehr sei getan! 

Kein Friede klingt ans meinem Liede, 

Mein Wollen ist ein Weltorkan. 

Mein Atmen schaffe klare Taggestalten, 

Die kaum erschaut, den Ararat zerspalten! 

KURT HEYNICKE: AUFBRUCH 

Es blüht die Welt. 

Ja, hocherhoben, Herz, wach auf! 

Erhellt die Welt, 

zerschellt die Nacht, 

brich auf ins Licht! 

In die Liebe, Herz;, brich auf. 

Mit guten Augen leuchte Mensch zu Mensch* 

Händefassen. 

Bergentgegen gottesnackt empor. 

O, mein blühend Volk! 

Aus meinen Händen alle Sonne nimm dir zu. 

Erhellt die Welt, 

die Nacht zerbricht. 

Brich auf ins Licht! 

O Mensch, ins Licht! 

WALTER HASENGLEVER: MEIN JÜNGLING, DU 

Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen, 
Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint ! 
Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen ; 
Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint. 
Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergeh ens* 
Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual, 
Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens, 
Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl«, 
Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören ! 
Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein. 
Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören 
Will ich dich rufen und will bei dir sein ! 



J75 



ERNST WILHELM LOTZ : AUFBRUCH DER JUGEND 
igi3 

Die flammenden Gärten des Sommers, Winde, tief und voll 

Samen, 
Wolken, dunkel gebogen, und Häuser, zerschnitten vom Licht. 
Müdigkeiten, die aus verwüsteten Nächten über uns kamen, 
Köstlich gepflegte, verwelkten wie Blumen* die man sich 

bricht. 



Also zu neuen Tagen erstarkt wir spannen die Arme, 
Unbegreiflichen Lachens erschüttert, wie Kraft, die sich staut, 
Wie Truppenkolonnen, unruhig nach Ruf der Alarme, 
Wenn hoch und erwartet der Tag überm Osten blaut. 



Grell wehen die Fahnen, wir haben uns heftig entschlossen, 
Ein Stoß ging durch uns, Not schrie, wir rollen geschwellt, 
Wie Sturmflut haben wir uns in die Straßen der Städte er- 
gossen 
Und spülen vorüber die Trümmer zerborstener Welt. 



Wir fegen die Macht und stürzen die Throne der Alten, 
Vermoderte Kronen bieten wir lachend zu Kauf, 
Wir haben die Türen zu wimmernden Kasematten zerspalten 
Und stoßen die Tore verruchter Gefängnisse auf. 



Nun kommen die Scharen Verbannter, sie strammen die 

Rücken, 
Wir pflanzen Waffen in ihre Hand, die sich fürchterlich 

krampft, 
Von roten Tribünen lodert erzürntes Entzücken, 
Und türmt Barrikaden, von glühenden Rufen umdampft. 

Beglänzt von Morgen, wir sind die verheißnen Erhellten, 
Von jungen Messiaskronen das Haupthaar umzackt, 
Aus unsern Stirnen springen leuchtende, neue Welten* 
Erfüllung und Künftiges, Tage, Sturmüber flaggt! 

176 




Ludwig Meidner 



Ernst Wilhelm Lotz 



RENS SCHICKELE: DER ROTE STIER TRÄUMT 

Dreitausend Menschen standen dicht gedrängt. 

Es roch nach Hunger, Krankheit und Begehren* 

Wie durch trübe Dämpfe starrten in der Luft 

hinauf zur rotbehangenen Tribun© 

brennende, todblasse und zerfressne Mannsgesichter 

unH, in ihrem wilden Haar, halbirre Frauenköpfe, 

Blicke, die sich 1 streiften, schienen aneinander 

aufzuglühn. Sie schauderten und wollten sich umarmen. 

Heisser Atem blies in jeden Nacken. Man war 

eingepreßt in andre Leiber, die sich atmend 

auseinanderdrängten und zusammenzogen. 

Das war ein apokalyptisch Tier, zum Flug bereit 

und riesenhaft, mit tausend Herzen glühend. 

Die Stimme der im Trüben rotgeflammten Ferne sprach : 

„-. . . keine Lügen . . . kein Erweichen . . . Recht 

des Stärkern, der die Arbeit in der Welt verrichtet, 

Mir gehört mein Werk. 

Kein Mitleid und kein Herzerwelchenu 

Es lebe der Krieg l 

Blut muß Gott geopfert seins unserrn Geist 

und dem unsrer Kinder. Alle Menschen verbluten 

täglich, langsam, in den Freuden, in den Schmerzen, 

Arbeit ist Krieg! Wir werden unsr© Signale haben, 

die langen Märsche, die Zusammenstöße, 

wo der Mensch seinen heimlichen grösseren Geist gebiert, 

seinen Gott, den uralten, in den Gewittern 

schreienden Gott! 

Es wird unser Krieg sein 

und unser eignes ehrgeiziges Werk« 

Keine Traurigkeit! 

Menschen müssen als Helden sterben, 

damit andre in ihrem hohen Schatten wachsen, 

der Notdurft entwachsen und Gott, dem Geiste 

zu, für den wir die grossen Worte fanden, 

die grossen Bilder 

in jahrtausendalter Sehnsucht . . . 

So kommt in ewigen Minuten 

unser eignes Bild sieghaft uns entgegen. 

Alles Fleisch muß untergüfca, 

doch dies ist unser Geist. 

*79 



Es lebe die Freiheit, 

die des einen Kräfte 

an die des andern bindet, 

daß ein jed Geschlecht 

im freien Wettbewerb 

sein Parthenon errichtet . . . 

Freiheit: allen Ehrgeiz weckende, 

kraftentzückende, 

krafterfüllende, 

sehnsuchtreckende, 

nach der Vollendung dieser unsrer Hände, 

dieses unsres Herzens! 

Es lebe die Schönheit, 

die aus der Sehnsucht nach Vollendung steigt, 

wie ein Stern aus Abendnebeln . . . 

Seht, die Schönheit ist ja nichts, 

als die sich lächelnd spiegelnde Natürlichkeit. 

Es lächelt, wer sein Werk verrichten kann. 

Das weiss ein jeder, 

der einmal über seiner Arbeit sann . . . 

Es lebe Gott; der Geist. 

Wer der Vollendung dient, empfängt die Schauer 

des Ewigen. 

Es lebe der Ehrgeiz, dem Geiste zu dienen. 

Verflucht sei, wer beherrschen will . . . 

Die Sklaven befreien sich! 

Es sind Könige genug in ihrer Mitte, 

sehnsüchtige Schönheit, Glauben, Sitte 

und die Gerechtigkeit, die unsre Kränze flicht. 

In unsrer Arbeit werden wir unsre Herren sein, 

herztoll und heiter. 

Blickt der eine dem andern ins Gesicht, 

spiegeln wir einander : die Menschen 

Dreitausend Menschen standen dicht gedrängt. 
Die Stimme in der Ferne brach. 
Dreitausend Menschen schrien und weinten. 



180 




Ludwig Meidner 



Rene SchicJcele 



KARL OTTEN: ARBEITER! 

Arbeiter! Dich an Rad, Drehbank, Hammer, Beil, Pflug ge^ 

schmiedeten 
Lichtlosen Prometheus rufe ich auf! 
Dich mit der rauhen Stimme, dem groben Maul. 
Dich Mensch voll Schweiß, Wunden, Ruß und Schmutz 
Der du gehorchen mußt 

Ich will euch nicht fragen was ihr da arbeitet. 
Wozu es dient, ob es recht oder unrecht, gut oder schlecht 

gelohnt, 
Ob überhaupt ein Lohn euch vergelten kann eure finstere 

Arbeit. 
Ob überhaupt Geld ist der Ausdruck oder das Pflaster 
Das diese Arbeit unschuldig sinnvoll eines Lohnes wert macht. 
Diese Nacht währt lang seit Jahren schwärzeste Finsternis 
Ballt sie ihr feuchtes Hemd vor unseren stummen Mund. 
Ich sehe nicht ob ihr errötet. 
Niemand kann in euer Herz schaun. 
Ihr wißt trotz allem trotz allem 
Daß ihr Nummern seid! 
Gleichwo: in der Fabrik im Gefängnis im Lazarett in der 

Kaserne auf dem Friedhof, 
Ihr seid da für eine Statistik deren Summe, deren Steigen, 

Fallen, Stocken 
In jeder Zeitung zu lesen ist. 
Ebenso eure Kinder, eure Frauen, 0ure Eltern, Schwestern 

und Brüder. 
Es geht euch besser man sieht es an der Statistik : 
Ihr seid freier man hört es aus den Vereinen 
Ihr seid satt man merkt es an Fahnen und Musik 
Ihr seid fleißig man fühlt es am guten Tuch eurer Anzüge, 

den Schuhen eurer Frauen. 
Du verstehst mich? Im Herzen, tief im letzten Schacht 
Bist du wach, unzufrieden, philosophisch, aufrührerisch. 
Du hast tief im Blut die Bitternis der Züchtigung, des Zahlen^ 

zwanges. 
Wie einen Engel, unsagbar fremd und unaussprechlich 
Leidest du stumm das Rätsel dieser sinnvollen Knechtschaft. 
Arbeiter, Proletarier, Sohn der Fabrik, des Hinterhofe^, des 
Kinos, Nie Carters und Bordells! 

i83 



Der du von Kartoffeln und Brot lebst, zwölf Menschen auf 

zwei Stuben, 
Dessen Kinderhimmel verdunkelt war von Neid und Prügeln 
Der du brutal und bösartig nur darnach trachtest dich an den 

Deinen zu rächen 
Der du träumst von der Teilung, vom Meer, von den Alpen, 

den Palästen und Gärten der Reichen 
Der du hungrig bist nach den blitzenden Lampen, Spiegeln, 

Locken, Sesseln und Frauen — 
Ihr erwartet den Tag! Das Licht! Die Vergeltung! Den Tag 

da heimgezahlt wird: 
Auge um Auge Zahn um Zahn! 
Strahlend wird er aufgehn, feierlich ewige Sonne über jenem 

Kirchturm 
Und euer Siegesschrei wird üb er tönen* tiefstes Todesröcheln ! 
Ihr habt euer Programm ihr habt eure Propheten euer ist 

der Sieg! 
Er muß kommen denn er läßt sich berechnen! 
Berechnen! Und ich höre eure Schritte 
Jahrtausende um die Maschine poltern 
Die taub ist jedem Beten jeder Bitte. 
Ihr schweigt und wartet laßt euch foltern. 

Und wie das Herz in immer schwächern Schlägen 
Ablaufend Jahr an Jahr gebunden 
Schlug es im Takt der Räder Kolben Sägen 
Da habt ihr freudig mitgeschunden. 

Da hat der Tanz der fauchenden Maschinen 
Euch eingelullt und eingeschraubt 
Der Eisenfeuergeldgott fuhr aus ihnen 
In euer Herz. Er ist es den ihr glaubt. 

Ihn wollt und werdet ihr errichten 

Den gleichen Gott mit Zeitung Zahl und Kriegen 

Der jetzt die Menschheit quält mit blutigen Gesichten 

Gemetzel Brand mit Börse Orden Siegen. 

Es wird geschehn, o war es morgen heute 

Daß euch die Augen aufgehn blutig nüchternem Erwachen 

Der letzte Rest von Herz, des Ekels Beute 

Aus eurer Kehle stürzt, o fürchterlich Erwachen! 

i84 



Dich ruf ich Sohn der dampfenden Galeere 

Ich halte dich auf dieser Insel Schreck 

Im Blutmeer Angstmeer Feuermeere 

Im Sturm der letzten Schreie der Gefallenen 

Der Mütter Bräute Säuglinge 

Der Flüche Schreie Bitten Fieberlallen 

Der Angeschossenen Brennenden Vergifteten 

Der Verschütteten Zerrissenen 

Der Irrsinnigen aus Angst Hunger Gift — 

Du bist Mensch wie ich! 

Du sollst und kannst denken I 

Du hast einzutreten für jeden Hebeldruck 

Jeden Hammerschlag, jeden Groschen den du mehr verdienst, 

Jedes Wort das du verschleuderst verlogen ver schimpf st ! 

Weißt du, daß du die Pflicht hast 

Mensch zu sein, Erdbewohner, eine Seele zu haben, ein Herz! 

Arbeiter, mein dunkler Bruder, du hast ein HerzI 

Dein Herz verpflichtet dich der Menschheit. 

Von deinem Herzen geht alles Leid 

In alle Herzen. 

Allen Herzen ist dein Herz im gleichen Schlag verbunden. 

Dein Herz belebt versöhnt verflucht schlägt _ Todeswunden 

Reiß es aus der Maschine Brustkorb aus dem Netz der Drähte 

Beeile dich, Blut fließt, fließt, beeile dich als träte 

Der Tod dich an. Du kannst die Menschheit retten! 

Du Sohn der Menschheit, dessen Schwielen alle Herren schmei- 
chelnd lecken, 

Von deinem Herzen deiner Güte deinem Sein 

Von dir allein 

Du Sohn der Magd, du Christi Bruder 

Hängt ab ob Licht in dieses Meer von Blut und Mördern 
dringt 1 

Dein Ziel dein Sieg dein Glück ist innen! 

Im Herzen drin, es ist es ist! so wahr dein Herz schlägt, 

Nur das Herz gewinnen 

Kann diesen Kampf der gegen dich erklärt. 

Dein Herz ist jenes das die Kugel spitz durchfährt 

Gleichgültig wer es trägt : es litt und bangte 

Hoffte sang war klein und arm 

Und eines Menschen deines Bruders Herz. 



[85 



Man gab dir Brot Geld Arbeit und Erlaubnis — 

Ich gebe dir dein Herz! 

Glaube an dein Herz, an deine Gefühle, an deine Güte, an 

die Güte, an die Gerechtigkeit! 
Glaube, daß es einen Sinn hat zu glauben s 
Zu glauben an die Ewigkeit der Güte, 
An die Menschheit, deren Hera du bist. 
Nur die Güte wird siegen, die Liebe, Sanftmut 
Der starke unbeugsame Wille zur Wahrheit 
Der steif nackige Entschluß endlich zu sagen was man fühlt 
Und daß nichts seliger beglückt als die Wahrheit. 
Sei Menschenbruder! Sei Mensch! Sei Herz! Arbeiter! 

PAUL ZECH: 
DIE NEUE BERGPREDIGT 
(1910) 
1. 
Ihr blassen Krüppel, sanft von Kindern vorgeschoben, 
und ihr Geschwächten aus dem Hospital, 
ihr Irren von den Straßen aufgehoben 

und ihr Entlauf nen aus dem Arbeitssaal; 
Töchter der Magdalena, Kains robuste Söhne, 
Verwanderte von China her und vom Ural: 

auf daß mein Spruch durch euer Stöhnen töne, 
auf daß mein Spruch durch eurer Stirnen Grind 
sich zwänge, wild wie Wettern heißer Föhne, 

und Adern, die vom Gram verschüttet sind, 

melodisch weite, ward mir diese Stunde 

noch einmal aufgespart, eh Brüder tollwutblind 

sich' hetzen und zerfleischen wie die großen Hunde 

der Strahlgebläse in Kavernen aufgestellt. 

Und spricht auch zorniger Gott nicht mehr aus meinem Munde: 

Der Vater, der mich sandte, heißt noch immer wie die Welt. 



Ihr Männer, sprecht, zerdonnern schon in Rauch' 

die goldenen Paläste, die man aus den Knochen eurer Ahnen 

aufstellte über blauem Strom. Und platzt© schon der Bauch 

i8ff 



des Baals, der di© heranbeschwornen Karawanen 

Unmündiger verschlang wie süßes Gras? 

Und flattern von den Kirchturmspitzen schon die Fahnen 

der Freiheit feurig räudigen Siedlern zu im Haftgelaß? 
Und sprang aus euren Muskeln schon der Schwielen 
verschorftes Ducken wild zurück in Haß? 

Wer zerrt ungläubiges Volk ins Joch der erznen Sielen? 
Und welcher Schlachtruf rauscht, der euch zu Taten treibt, 
Notsegel bläht, den Äther zu durchkielen? 

Das Menetekel, das ihr schwarz mit Wolkenfingern schreibt, 
entsprang es den fünf un verbundenen Wunden 
des Kreuztods, der solange ungerochen bleibt, 

bis Menschen dieser Erde nicht; mehr munden? 



Und ihr belaubten Mütter, fruchtbar ohne Sinn 
und ewig ausgestreckt ein Neues zu empfangen, 
ward eurem Dienen schon ein seliger Gewinn? 

Ein Königreich? Provinzen, korngelb aufgegangen? 
Und Töchter: gläubig Untertan wie Ruth? 
Und habt ihr je in bangen nächtelangen 

Gebeten eurer Männer hingefloßnes Blut 

beweint, und, angestarrt von der Verzweiflung Larven, 

euch stündlich aufgereizt in rächerische Wut? 

Gott gab euch Odem psalmengrüner Harfen 

den Frost der Seelen silbern aufzugiühn, 

die sich zerknirscht Vertiertem in die Blößen warfen. 

Aus euren zauberischen Fingern blühn 

noch immer Rosen, letzte Armut zu versöhnen» 

Um Brücken, über Ströme bogenkühn 

zu schlagen, müssen Harfen über Rosen wunder tönen. 

187 



4. 

Noch immer scbwebt zerräderte Musik um eure Lippen 

ihr Kinder, die ich nie so hilflos sah, 

und so gejagt, gleich in ein Weinen umzukippen. 

Was weit auf Lenzgefilden knospenhaft geschah : 
Marienkäferlied und Schmetterlinge-Fangen, 
ist euch nur in den magern Bilderbüchern nah. 

Nie reizten Glocken, die durch Streikrevolten feurig klangen, 
euch in das selige Getöse einer Schneeballschlacht. 
Zerbrochenes Gefühl ist oft durch euren Traum gegangen. 

Und wenn ihr auf dem Brachfeld wo ein Feuer chen entfacht, 
bricht gleich schon Angst von euren Munden wie zerbißne 

Kreide, 
und immer habt ihr Ruhr und Husten heimgebracht. 

Ich aber will, daß ihr wie tausendfältiges Getreide 
in Sonne reift; denn meine Mühlen gehn schon leer 
und an des Kreuzwegs ungewisser Daseinsscheide 

lauern gebräunte Quäler wie ein Hunnenheer. 

Erlösung breche schier aus meinem Munde 
und fließe weit hinaus wie der Atlant, 
auf daß ihr hingetaucht auf seinem Grunde 

zur letzten Freiheit euch ermannt. 

Mein Same, einmal ausgestreut in Schlachten, 

wie sammelt er sich hier als unfruchtbarer Sand?! 

Reibt aus den Augen euch die wüst verwachten 
Nächte der Qual und wallt in meinem Zug, 
den neuer Quäler Väter schon verlachten 

und Priester schamlos nutzten zum Betrug. 

Ihr Hergeschwemmten mit dem toten Blick der Blinden s 

in mir ist immer Mittagshöh und Sternenflug. 

Sodom und Hellas, Rom zu überwinden, 

schenk ich mich stündlich allem aus, was trinken mag. 

Und groß aus östlich hergewehten Winden 

erbau ich täglich euch' den all er jüngsten Tag. 

188 



6. 

jüngster Tag, aus himmlischem Gedröhn gewittert, 

Strahl, der feurig durch das Morsche fährt, 

Schlag, der jäh des Baales Babelturm zersplittert 

und was verzweifelt gärt, zur Wahrheit klärt: 

Schön höre ich aus Tiefen krummer Hufe Stampfen, 

und wittre Brand, der gelb aus schwarzen Wolken schwärt, 

die Zwielichtkämpfe in den Städten zu verdampfen« 

Und wenn Elias mit dem Flugschiff wiederkehrt, 

dann brechen Augen, die sich schwer in Furcht verkrampfen, 

weißgläubig auf und stürzen in den Feuerherd, 

der aufbrennt, Boden einer neuen Welt zu düngen. 

Und niemand wird dort siedeln, den Vergangenes beschwert; 

erwacht zu schöpferischem Glückaufschwüngen, 
schießt Gottes Blut, das einmal schon vergeblich rann, 
durch aller Menschen Herzen in Kometensprüngen 

und steht — dreifache Sonne — über Kanaan. 



RßNfi SCHICKELE: GROSSSTADTVOLK 

Ja, die Großstadt macht klein . . 

O laßt Euch rühren, ihr Tausende . . 

Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen: 

sie wurzeln fest und lassen sich züchten, 

und jeder bäumt sich anders zum Licht. 

Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste, 

Euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen 

Ihr steht und schafft euch .Zuchthausmauern — 

so geht doch, schafft Euch Land! Land! rührt Euch, 

vorwärts, rückt aus! — 

Richard Dehmel 

,Predigt ans Großstadtvolk.' 

Nein, hier sollt Ihr bleiben! 

in diesen gedrückten Maien, in glanzlosen Okiobern. 
Hier sollt Ihr bleiben, weil es die Stadt ist, 
wo die begehrenswerten Feste gefeiert werden 
der Macht und die blass machenden Edikte erlassen werden 
der Macht, die wie Maschinen — ob wir wollen oder nicht — 
uns treiben. 



i8 9 



Weil von hier die bewaffneten Züge hinausgeworfen werden 

auf mordglänzenden Schienen, 

die alle Tage wieder 

das Land erobern. 

Weil hier die Quelle des Willens ist, 

aufschäumend in Wogen, die millionen Nacken drücken, 

Quelle, die im Takte der millionen Rücken,, 

im Hin und Her der millionen Glieder 

bis an die fernsten Küsten brandet — 

Hier sollt Ihr bleiben! 

in diesen bedrückten Maien, in glanzlosen Oktobern« 

Niemand soll Euch vertreiben! 

Ihr werdet mit der Stadt die Erde Euch erobern, 

PAUL ZECH: MAI-NACHT, 
(igu) 
Noch klappen Paternoster. Fensterfronten schreiten 
weiß wie Flamingos in dßn Lampenozean. 
Versandet aber liegen Ufer, Kran hei Kran, 
aus den Kanälen wachsen Mauern von drei Seiten. 

Die braunen Hügel Armut vor dem Wald der Schlote 

vergaßen, daß hier aufbrach ein Vesuv « . . 

Die Stuben schallen voller Ruf, 

vor Schenken hängt der Mond, die rote Zote. 

Und plötzlich hat der Straßen glattes Einerlei 
das riesig strotzende Gesicht 
apokalyptisch überglänzt von Schrift: 

„Gebt Raum auf Halden, Werften und Glacis, 
gebt Raum auf Rasen, Blumenbeet und Kies 
dem Mai, der unser© Kehlen heimsucht als ein 
Sehr eil" 

LUDWIG RUBINER: DIE STIMME 

O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen 
Stößen über die gewölbten Meere. 

Licht im Menschen an allen Orten der Erde* in den Städten 
f Hegen Stimmen auf wie silberne Speere. 

190 



Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest gegen Gott 
mit fletschenden Tierlegionen, Urwäldern, Säbeln, Schüssen, 
bösem Mißverstand, Mord, Epidemien: 

Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste heraus. In 
den Fabriken heulen Ventile über die Erde hin. Er hat 
seine Stimme in tausend Posaunen geschrien. 

Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein harter Stahl- 
pfeil, der in Glut blank zerknallt. 
Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen Negern, die 

demütig das Weiße der Augen drehen; unter deutschen 

Flüchtlingen, bärtig zerpreßten Bettlern, unter hungerndem 

Juden, die das glitschige Ghetto finster zusammenballt. 

Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei Millionen, 
die alle Jahr einsam absterben nach neuen Fabriksystemen, 

Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten Hemd, 
denen die Bordellmeister das Geld abnehmen. 

Unter starren Chinesen im Ilungergeruch, die Tag und Nacht 
feine Wäsche waschen, 

Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose nach fort- 
geworfenen Speiseresten haschen. 



Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei 
des Dampfs eh die vieltönigen Wasserblasen aufkochen, 

Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie 
glitt wie Flötenkraft müden Schleppern über geduckte 
Knochen. 



Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und Mond, die 
Sterne zogen durch stinkende Tapeten aus rissigen Flecken. 

O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, bevor alle 
zu Aas verrecken I 

Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger Werk- 
stättenzeit, 

Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und der Haß, 
der naß bespeit. 

Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier aus 
bankrottierten Druckexmaschiii©n 9 

191 



Eine Stimme las das Flüsterwort : Streik ! in den roten Schäch- 
ten der Coloradominen. 

Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; mißi- 
trauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; wenn der ge- 
plünderte Bauer sät; 

In Städten schreit sie Signalgeldirr über wirre Versamm^ 
lungen hin, wo Polizei die Türen bespäht. 

Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt! 

trockene Lippen, sechzig] ährig, trauernd schlaff umstoppelt, 
die sich flach öffnen, weil vor dem Tod Einer bekennt. 

irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, die Stimme 
gurgelt im Glücksgesang. 

Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, Volkschoral, 
daß der Saal mitschwang. 

O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit klagt 
und schrill Groschen und Wiegpfunde zählt. 

O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie Eulenaug 
geht, und Effekte wählt. 

Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen hastig Pro-* 
paganda treibte 

sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen Briefe 
und Werbelisten schreibt. 

Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal einem Guten 
die Hand drücken mocht. 

O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in einem Satz 
sich prasselnd verkocht. 

Eine Stimme flammt über Europas gehetzten Menschen, über 
krummen schweigsamen Kulis im Australischen Strauch. 
Strauch. 

Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, und sie 
öffnen sich auchl 

IQ2 




&>&Ll« 



W» Lehmbruck 



Ludwig Rubiner 



JOHANNES R. BECHER: AN DIE ZWANZIGJÄHRIGEN 

Zwanzigjährige!... Die Falle eueres Mantels hält 

Die Straße auf in Abendrot vergangen. 

Kasernen und das Warenhaus. Und streift zuend den Krieg. 

Wird aus Asylen bald den Windstoß fangen, 

Der Residenzen um ins Feuer biegt! 

Der Dichter grüßt euch Zwanzigjährige mit Bombenfäusten, 

Der Panzerbrust, drin Lava gleich die neue Marseillaise wiegt! ! 



ALFRED WOLFENSTEIN: CHOR 

Faßt eure Finger: Fühlet euch denken. 
Tupfend wie Geigen, nervige Singer, 
Aber vom Herzen aufpulsen Pauken, 
Dumpfere Ringer um euer Glück. 

Wünscht nicht zu stehen, hörend zu schmelzen! 
Formet mit Füßen bergiges Gehen, 
.Kämpfend entgegenatmet die Erde, 
Wild bleibt ihr Wehen in euch zurück« 

Sterniges Kühlen, Glühen der Seele, 
Einsamkeit, Liebe, — o beides fühlen! 
Gehende Stimme geht auf zu Stimmen, 
Freunde umwühlen Wüste in Glück. 

Nach dem II. Satz der A-dur- Symphonie 



ALFRED WOLFENSTEIN: KAMERADEN! 

Da eilte ich befreit zur Tür hinaus, 
Schnell flammend half das warme Treppenhaus, 
Und lieber wollt ich zu den Straßensteinen 
Als in der horchend engen Wohnung weinen! 

Das ist die Flucht vor den zu eng Verwandten* 
Die mich berührten, ehe sie mich kannten, 
Noch immer wie in ihrem hohlen Schoß 
Läßt mich Gebornen Elterndruck nicht los„ 

ig5 



Doch lieber Haß und Wüste dieser Stadt 
Als eure Liebe, die mich grundlos hat, 
Wir wählten niemals uns! Daß ihr mich säugtet, 
Wird es Gefühl denn, daß ihr mich erzeugtet? 

Nein, von der Lampe falschem Seelenfrieden, 
Von eurer dichten Sicherheit geschieden! 
Und lieber in die unbekannte Nacht 
Und ohne Bett die Wahrheit durchgewacht 1 

Da kommen, wie die Häuser steil und kalt, 
Die Wagen, nur berührt von kurzem Halt, 
Gefühllos auch und rasch die dunklen Leute, 
Und suchen sich als fremd genoßne Beute. 

Ich wandere mit ihnen wie alleine — 
In grelle Cafes wie in stumme Haine, 
Gleich blätterlosen Stämmen Tisch an Tisch 
Thront jeder Kopf, getrennt und wählerisch» 

Und seh die Paare ohne Harmonien 
In eisig klarem Bund nach Hause ziehn, 
Und schleiche lieber fort zu kleinen Sternen, 
Längs schwarzer Fenster, lebloser Laternen. 

Und endlich heb ich meine wahren Hände — - 
Mein Herz trompetengleich dehnt alle Wände — 
O nieder mit geilkalter Einsamkeit 
Und lau beseelter Sumpf gemelnsamkeit! 

Verwandtes Blut aus Elternliebesnacht, 
Ohn unser Wollen ihnen nahgebracht, 
Geschiednes Blut, gepaart in Straßenliebe — 
Daß beides nun ein neuer Ruf vertriebe! 

Ein Ruf nach Freundschaft! dass in finstern Zimmern 
Die Mauern stürzen und die Nackten schimmern 
Entblößt von Decken dumpf und unsichtbar 
Und von gespenstischen Gefühlen klar. 

Daß Unerfüllte ihrer armen Zeit 
Aus Gräbern wehn in unsre Geistigkeit, 
Und Neue mit gefühlteren Gebärden 
Voll blühnder Herzen nun geboren werden. 



196 



Ein Ruf nach Sonne! statt sich' rauh zu brauchen, 
Einander stolzre Seelen einzuhauchen — 
Ein Ruf nach Freiheit! nicht vermengt zu sein 
Sondern vereinigt wie in Heeresreihn — ! 

Der Platz voll stilles? starker Fliederluft 
Erglüht, wie Echo, das sich weiterruft, 
Aus allen Straßen dämmern rote Strahlen 
Hierher, sich stark in neue Welt zu malen. 

Das sind die Willen, ganz aus Licht getrieben, 
Die sich als Willensangesichter lieben, 
Das ist des Lichtes Aufgangsmelodi©, 
Die süße nahe weite Kameraderie! 



KARL OTTEN : FÜR M ARTINET 



Wir treten vor Wälder, über denen Sommer braust. 
Starren hinab vom Hügel, weich von Fichtennadeln, 
Darunter lauern Erdbeeren und Pilze unschuldsvoll. 
Wiesen sinken unsern Füßen, Kühe, Ziegen; wir lagern ver«* 

liebte Paare. 
Wir lassen den Himmel blau hinwölken Unermeßlichkeit 
Als sei er unser Rlut tauchen wir in seine Sternfalten. 
Wir sitzen am Ufer auf der Bank, die Brücke 
Wölbt Sprung an Sprung donnernd von Karren und Menschen. 
In langen Zügen blitzend saugt der Fluß das Land und duftet 
Heimat, Abendglocken, Schiffe und Kinderlieder, 
Zitternd springen wir aus dem einfältigen Schlaf auf die 

knarrende Diele, 
Zitternd lauscht unser Herz Gewaltschlag Freude, frenetisch 

Jubelbefehl — 
Naht Himmel grün und ganz von Orion, dem Bären, der 

Straße durchflammt 
Wenig erhellt der zackige Rand meiner Stadt, stolze Türme, 

Bürgerdächer, 
Milchige Schlote — ferne ein Zug klagend verrast. 

*97 



II 

Doch im dunklen Glanz der Wälder, Berge, Ströme, 
Streicht der Wind der Ferne, rückwärts hinter unserm Haupt 
Quillt Eiseskälte, sticht Nadelstich, Gewissen brennt. 
Aus Wolken schwang erm Mond beißt Rächerhand, Menschen- 

handkyklop 
Zeigt sein spitzer Finger, bohrt auf Herz und Nieren! 
Von Orient und Okzident glühn Augen uns in Staub! 
Du! brüllt ein kalter Hagelwind 
Du! knirscht Sand im Gebiß! 
Du! hämmert Sommerregen schellend auf alle deine dicken 

Häute! 
Du! fluchen Kinder, schweigen Mütter, lallen Bräute, 
Du, du einziger, jeder, du allein! 
Allein das Ich ist schuld! 
Öffne dich Erde des Sommers, Himmel der Nacht krach uns 

ein, 
Wind des göttlichen Frühlings, Säure werde dein Wehn, gerbe, 

beiße die zwanzig Felle um unsere Seele. 
Sonnenstrahl sei Blitz, er ist Blitz, zündend! 
Niederprassele aufs Pflaster den Kadaver der vergaß! 



in 

Ich habe, Bruder, deinen Gruß gehört. 

Grad gingen Eisenbahnzüge über mich fort, 

Züge vollgepfropft mit neuen Brüdern. 

Man wartete ihr neunzehntes Jahr ab, um sie nach dem Kodex 
zerhacken zu können. 

Man lauert auf die Kinder, prüft ihre Gelenke, ihre Muskeln, 

Und fragt sich ob es bald so weit sei. 

Die Mütter wagen nicht hinzusehen wie sie wachsen und auf- 
begehren. 

Möchten sie verstecken, ihnen verbieten das Haus zu verlassen, 

Sie in Schlaf hypnotisieren. 

Zwei drei Jahre bis — aber das wird nicht gehen — man läßt 
alles laufen. 

Ich krieche mit allen anderen, es muß so sein, daß wir alle 
kriechen. 

Wir können nicht mehr viel sagen, Bruder,, 



198 



Auf allen Plätzen, Gassen lungern Tote, 

In allen Häusern Barrikaden von Toten, 

Alle Flüsse verstopft von Toten, 

Am Himmel wie Wandervogelschwärme dahinsegelnd 

Unter den Blutwolken — Tote. 

daß es nie Abend würde oder Morgen! 

Vielfältige Menge blasser Skelette aus den Schaufenstern und 

Trambahnen, 
Den Kaffeehausgärten, den Parks und Kirchen, die überfüllt 

sind von Trostlosen. 
Aus Kellerluken, Kanalgittern gattern magere Arme, entern 

nach deinen Beinen. 
Du trittst in die leere Kammer: 
Da sitzen drei oder sechs oder zwanzig (aufeinander) und 

wühlen in deinen Büchern 
Sie verachten dich und zeigen mit Schwärenfingern auf dich : 

du! du! 



IV 

Hockend im Mai, Blütenfrühlingspracht, Üppigkeit der Ver- 
wesung, 
Landfilter für Körper, Seele, Idee — nichts bleibt als der 

Dunst 
Faulendes, Moderndes, glitschig von Blut, Eiter, sinnlosem 

Schweiß — 
Läutete in mein mordvergiftetes, oxydiertes Herz, Bruder, dein 

Gruß. 
Ich sehe dich von drüben winken, blaß, lang, hager mit auf-^ 

gerissenem Mund 
Die Augen ganz verdreht, dein Hals ist verrenkt, und heiser — 
Schreie. 

Du schreist uns etwas zu — ich weiß, ich weißl 
Wir alle wissen, wir wissen! 
Scham, Reue, Schuld! 

Du Unzertrennbarer, du Volk an uns gekettet, wir an euch! 
Gott wirbelt uns am Strick der Zeit um seine Achse. 
Gott, dieses wilde Tier mit Hörnern, Messer im Maul, blui>- 

bespeichelt, 
Der haut uns gegeneinander, reißt uns auseinander, hetzt, 

geifert, stichelt. 

J 99 



Wir Menschen, wir Idioten, wir Schurken schweigen 

Und lassen uns hetzen, kitzeln, prügeln. 

Gott, vergib uns, aber wir können deinen starken Arm, 

deine Irrsinnskraft 
Nicht mehr ertragen. 



Ich habe nicht gezweifelt, daß du lebst, 

Daß du dich ängstigst, Bruder, durch die Nacht. 

Deine Gedanken summten gold ne Bienen, 

Schmetterlinge der Nacht um unsere geduldigen Stirnen 

Und es wird Trostnacht, Mutterstille, Kinderblume. 

Dein Gruß hat mich aus den Rädern der Maschine hervor- 
geklaubt. 

(Die Maschine: wie wir dieses Vieh hassen, diese kalte Eisen- 
mordschnauze. 

Nieder mit der Technik, nieder mit der Maschine! 

Wir wollen nichts mehr wissen von euren verdammten hölli- 
schen Erfindungen, 

Euren Strömen, Gasen, Säuren, Pulvern, Rädern und Bat- 
terien ! 

Fluch auf euch ihr Erfinder, ihr eitlen, kindisch mordgierigen 
Konstrukteure! 

Fluch dir, Zeitalter, glorreich lächerliches, der Maschine — 
alles Fabrik, alles Maschine.) 

Ich darf wieder auf meinen Beinen stehn, du öffnest mir die 
Augen, hebst meinen Kopf l 

Du schüttelst mir die Hand, ich erkenne dich! 

Ich habe allen von dir erzählt, daß du lebst und daß es keine 

Feindschaft mehr gibt. 

Daß der Feind eine Erfindung (Maschine), daß der Mensch 
die einzige Wahrheit, 

Daß die Wahrheit, Hoffnung, Glaube, Gerechtigkeit sind! 

Maschine ist nicht! Technik ist nicht! Feind ist nicht! 
Haß ist nicht! 

Er ist — ja — zu vernichten! zu vernichten! zu ver- 
nichten! 

Rottet ihn aus, schmeißt ihn aus euren Augen, Herzen, Mägen, 
Därmen ! 

Gift, Gift! Lüge, Dreck! es gibt keinen Feind I 

Nur Menschen 1 

200 



VI 
Wir sind fortgeschlichen aus den Blätterflügeln der Wälder. 
Wir sind auf den Knieen gelegen, wir schlagen noch an unserer 

Knochenbrust. 
Wir bitten euch um Verzeihung! 
Nicht Ich allein, der blöde Dichter mit der Brille, 
Hintorkelnd durch die Gassen blutbesprüzt — 
Nein, wir alle, Millionen, uns knallt Reue, Scham, Schuld- 
beladensein zu Boden l 
glaubt uns, dieses Flattern hin und her, dieses Lügen, 

Fluchen, Faust auf den Tisch, 
Dieses Geschrei, Reden, Schwören, Zuhauen — Verlegenheit 

Wut auf uns selber: 
Auf unsere Dummheit, unseren Unglauben, unsere Feigheit 

unsere Angst. 
Wir wissen nicht mehr wohin mit uns! 
Wir wissen nicht mehr: Tag, Abend, Gestern, Nacht, Heute? 

Rechts, Links? 
Wir sind im Irrsinn der Scham verhetzt» 
Bruderhand zeig auf den Weg, 
Daß ich dich endlich finde, 
Bruderaug', durchbohr' die Nacht 
Erhelle unsere Pfade. 
Bruderherz, klopf Stunden an 
Stunde der Versöhnung, 
Brudermund, Signal, Signal! 

Wann tönt dein Gruß, dein Lied, dein Glückschoral? 
Wir erwarten, daß die verbündeten Heere der Feinde, Brüder 

und Schwestern, Eltern und Kinder, 
Endlich 1 , endlich einander erkennen, in die Arme sinken und 

den wahren Feind an ihrem Feuer gewärmten in 

Stücke reißen! 

VII 
Den wahren Feind! Es gibt einen Feind! Tag der Wonne, 

Tag der Freiheit, heiliges Rußland! 
Nie sah Europa schöneren Tag, nie unsere Jugend herrlicheres 

Ziel! 
Da stand mit Mond und Sonne 

Mit Stern und Regenbogen hingeschrieben auf das Firmament : 
Der wahre Feind! 

201 



Da riß ein Orkan geheimster Jubelfanfaren 

Alle Herzen alle armen Lippen, sträubte Haar und Hände 
Freude Begeisterung I 

Ganz Europa zuckte auf, wahres Ideal berührte die Haut aller 
geschundenen Männer. 

Sie spien die Lüge aus, die Verhetzung, sie warfen die Mord- 
klingen zu Häuf, 

Ein Sekunde durchtoste Freiheit, Gemeinschaft, Ziel, Nähe 
alle Herzen. 

Der Geist hakte in ihr leeres Leben, in ihr freudloses Höhlen- 
leben. 

Das Glas füllt sich, die Herzen reifen, die Wut reift. 

Es gebiert die Erde, sie spreizt ihre Bergbeine und gebiert den 
Rächer, 

Den Herkules, den Giganten, den Abgott der Rachel 

Ich sage Dir, Bruder Martinet, wir sind alle gleich, wir wissen 
alle wohin wir marschieren müssen. 

Die wahre Front ruft, der wahre Luftsieg, der heilige 
Schützengraben, das erlösende Trommelfeuer! 

Wir sind einig, verbündet, wir erkennen unsere Schuld, wir 
läutern unseren Geist! 



KARL OTTEN: DIE THRONERHEBUNG DES HERZENS 

Schlage dein Herz auf, Bruder: 
Das Buch der Morgenröte, Bruder 
Der neuen Zeit, Bruder 
Den Mantel der Furcht, Bruder 
Das Auge der Erkenntnis, Bruder! 

Dein Herz sieht Erleuchtung 

Durch deine mordgesegneten Hände: 

Blasse jammervolle wetzen sie vergebens 

Den Schorf der Schande vom entweihten Leib. 

Heilig! heilig! heilig! 

Unaussprechliches, deine Schneeschwingen 

Deinen Himmelsatem 

Deine todrasselnde Brust — 

Menschheit! 

202 




Egon Schiele 



Karl Otten 



WALTER HASENCLEVER: JAUR8S TOD 

Sein reines Antlitz in der weißen Klarheit 
Des Irrtums grauenvolle Spur verließ. 
Sie haben ihn gemordet, Geist der Wahrheit, 
Trost der Armen von Paris. 

Ihn traf die Kugel, deren Schlacht er ahnte 
Und geißelte vor seinem Land. 
Der allen Menschen einen Frieden bahnte 9 
Sank hin am Schlag der Bruderhand. 

Gott hob ihn aus dem Ende dieser Zeiten, 
Ließ ihn nicht mehr die Verzweiflung sehn. 
Sein gutes Auge half den Weg bereiten. 
Er ist uns nah. Er wird uns auferstehn. 

WALTER HASENCLEVER: JAURBS AUFERSTEHUNG 

Weinende Frauen in Krämpfe!^ 

Kinder an des Vaters Hals; 

Immer fährt der Zug 

Durch die Städte . . . 

Sendet, ihr Geister der Toten, 

Ein Zeichen der Notl 

Kehrt zurück in der dritten Stunde, 

Wenn sie das Schlachtfeld absuchen, 

Zu leuchten, zu erbarmen, 

Die Kränze der Hoffnung zu streun«, 

Kein Helfer steht auf; 

Keine Menschheit sinkt ihm zu Füßen, 

Beladen mit der Schuld von Legionen., 

Auf dem Markt der Provinzen 

Vor Unwissenden, Verführten 

Schüren sie die Flammen des ewigen Kriegs. 

An euch, ihr Gestalten in der Höhe, 

Ergeht der Ruf: helft diesem Leben! 

Aus verschütteten Gräben 

Steigt des Apostels weiße Gestalt. 

Sie erkennen ihn wieder 

Aus der Versammlung; 

Arme Bauern knien und beten ihn an* 

205 



Soldaten Europas! Verwüstete Kirchen 

Retten eure Länder nicht mehr. 

Soldaten Europas, Bürger Europas! 

Hört die Stimme, die euch Bruder heißte 

Sie kommt geschwommen 

Von singenden Meeren, 

Vom Wrack der Schiffe, 

Ratte und Maus. 

Zum letzten Male donnern die Rohre. 

Zitronen blühen 

Am Ufer des Sees. 

Stürzt hin, Militärs! Beugt euern Scheitel» 

Stockt, Bergwerke, den mörderischen Tag* 

Ihr Fürsten auf Thronen, 

Steigt nieder, 

Weint am Hügel der Toten, 

Friede, Versöhnung bricht an. 

Du aber, mächtiges Volk, geläuterte Menschheit s 

Goldne Banken, Magnatengüter 

Fallen dir zu. 

Heraus aus Kasernen, Galeeren^ 

Engbrüstige, Traumlose ! 

Die Erde liegt vor euch. 

Aufwärts, Freunde, Menschen! 



RUDOLF L'EONHARD: 

DER MONGOLISCHE TOTENKOPF 

Ein mongolischer Totenkopf 

lag, vom Granatsplitter abgerissen, am Grabenrand. 

Die Lider konnten die weißen Augen nicht mehr decken, 

aber aus vergilbten Lippen sah man die trocknen Zähne 

blecken. 
Ein Soldat brachte ihn mit ins Heimatland* 

ao6' 



Dort hat er ihn einem Mädchen gezeigt, 

das hat sich tief darüber geneigt 

und ihn dem Manne wild entrissen. 

Sie legte den gelhen Kopf auf ein seidnes Kissen, 

Er wurde von vielen weißen Frauen 
durch den Lärm der Straßen getragen. 
Kinder drängten heran, an hielten die Wagen. 
Männer schwiegen. Alle vereinten sich, näher und tiefer zu 
schauen. 

In dem langsameren Zuge erklang 

ein Gesang: 

„Einst Blick im Auge, Blut und Leben, Hirn 

und Geist und Tat, und Lächeln, tote Stirn! 

Jetzt — Staub noch nicht. Zerfetztes Haar, das hing. 

Ein weißer Knochen, bald ein Kot. Ein Ding!" 

Vor die leise Singenden schob sich der Rathaus türm. 
Eine sprang vor, schüttelte hell die Haare, und 
küßte den toten Kopf in den breiten Mund, 
glitt über Stirn und Augenhöhlen mit Küssen. 
Alle haben aufschreien müssen. 
Oben begannen die Glocken Sturm. 



ALBERT EHRENSTEIN: 
STIMME ÜBER BARBAROPA 

ihr sonnengoldenen Abende, 
Dämmerung — wo ist die Brücke des Stroms? 
Nebel dräut Graustraße unter der Übernacht, 
verschüttete Gleise, verschwemmt 
die Furten im Überschwall aller Fluten! 
Wir taumeln einher im Blutregenmeer, 
säumen im Sumpfwasser des Schlafs 
und wissen nicht: Ufer. 

207 



Wann endet die Nacht 
euerer Schlacht, 
die Barbaropa, Eurasien durch 
donnert Mordjahre lang! ? 

Ihr ertränkt euch, ersäuft 

yon den Brunnen eures Versiegens, 

matt sinkt Flügelschlag 

dex Schwarzschwäne auf Blutflussesflut. 

Hört ihr die stillen 

Lachen versickernden Eiters himmelhinbrüllen ? 

Hat sein Maul auf getan der Sand 

und kann nicht mehr. 

Weh über das Mutterland, 

gebiert Kampf Mder, wo das Gebein ragt 

— Krieg zu erklären dem Kriegserklärer. 

Ihm grünt das milde Gefild, 

des grünen Vor-Hangs samtnes Fluten. 
In den schallenden Hallen 
prahlt beim Mahle 
Großkönig der Qualen. 

Aas, durch die Weiten und Breiten nur Aas ! 
Anschwebt, Adler, stoßt die Klauen 
kriegsgekröntem, friedenkrähenden Dämon ins Gekrös! 



LUDWIG RUBINER: DIE ENGEL 

Führer, du stehst klein, eine zuckende Blutsäule auf der 
schmalen Tribüne, 

Dein Mund ist eine rundgebogene Armbrust, du wirst schwin- 
gend abgeschnellt. 

Deine Augen werfen im Horizontflug leuchtende Flügel ins 
Grüne, 

Deine Ringerarme kreisen weit hinein ins feindliche Menschen- 
feld. 

Du schwächliche Säule, Gottes Stoß hat deine Krummnase 
in die zitternden Massen geschwungen,, 

208 



Deine Ohren hohl beflügelt schweben wie leichte Vögel rosig 
auf bleiernem Volksgeschrei, 

Die hellen Flügel tragen den Thron deines Kopfes sanft über 
Stein würfe und graue Beleidigungen, 

Dein Kopf schüttelt wie Wolkengefieder goldblitzende Him- 
melskuppeln auf die Menschenschultern herbei. 

Engel, ihr fliegt im leuchtenden Ball des Hauptes durch 

blauen Raum, 
Augen, ihr Engel, pfeilt zu den schwirrenden Brüdern im 

Kreis; 
Zunge, Arme, Gliedersäulen, Engel, ihr umschlingt euch 

wie Zweige im wehenden Baum. 
Führer, sprich! Um dich ringen die Engel auf kristallenen 

Bergen hochstrahlend und heiß., 

LUDWIG RUBINER: DENKE 

Die Nacht im weißen Gefängnis ist mondperl und hoch, 
Glanzbraune Gerüste kreuzen vor der Luke in die Zukunft, 
Der Führer liegt auf der wulstigen Pritsche, 
Ein Spitzelauge haarig schmal witzte durch das Guckloch der 

glatten Eisentür. 
Er liegt ganz still, daß das Blut durch die graden Glieder 

fließt und zurückschießt, 
Der Turm braun bewachsen des Haupts wird auf und herab 

bestiegen eilends von Wachen. 
Tief unten der Wassergraben des Munds liegt in Dürre. 
Draußen warten die dunklen bewegten Felder auf den Feuer- 
schein. 
Mund, bald schwimmen bewaffnete Haufen wie schwarze 

Wellen hervor, 
Braunes Haupt, du schleuderst sie krachend weit ins Land, 
O Schein des Auges, der das Ziel im Brandfeuer trifft. 
Kuppel, darin die neuen Häuser der Erde schweben, flach 

ineinandergehüllt, zahllos, und Bildsäulen, Wälder, 

Sprachen, 

Du kristallenes Haupt! 
Liegst nun schweigend im weißen Würfel der Zelle auf nach-* 

tigern Pritschenrand, 
Die Finger schmal zu den Seiten wie morgen im Grab. 



14 



209 



Aber dein Pulsschlag klopft schon sacht durch die Mauer- 
röhren der Burg, 

Die Wärter flüstern verboten den Gefangenen zu. 

Dein Bruderauge kreist schauend wie bewegter Stein durch 
die wachenden Zellen hin. 

Denke du durch alle Gefangenenhirne, hinaus zu den Wachen, 
über die Höfe, hinaus in die Straßen! 

Der Stein über dir aufgetrieben, schwillt. 

Dein Haar ist die Plattform der schlaflosen Wachen, 

Die Steinmauern in deinem Blut atmen auf und ab von deinem 
Beben, 

Die Gitterfenster rund hoch um das Haus sind dunkel aus 
deinem Blick. 

In Jahrtausenden ist die Burg dein Abbild weit in die Länder 
hin, dein Name schwebt feuergroß auf dem Him- 
mel, über deinem riesenhohen Steinkopf. 

Führer, schlafe heute Nacht nicht. Nur diese Nacht denke 
noch ! 



RUDOLF LEONHARD: DER SERAPHISCHE MARSCH 

Nun soll nicht Frieden kommen, sondern Krieg 

und Ende ohne Ende; 

jeder Tag sei weitere Wende 

und jeder ein Schritt und neuer Sieg. 

Wir werden die Welt nicht ruhen lassen' 

auf allen europäischen Gassen 

an die Ecken dieser Walt 

mit beiden gespreizten Füßen fest in den Äther gestellt, 

die Stirn gespannt in Wind und Wolken, die Lippen verzerrt, 

umschattete Augen starr und schräg im Rasen, 

wollen wir blasen, blasen, blasen : 

in blasse hohle Hände an auf gekrümmten Arms 

Alarm, Alarm! 

Jeder wird uns verwunden, keiner uns schaden : 
wehrlosen geächteten Kameraden! 

210 



Ohne Helme, Gewehre und Trompeten, 
irrsinnig gläubige Zukunftssoldaten, 
ohne Hoffnung, um die wir baten, 
werden wir blasen, blasen und beten, 
wir Ritter des Geistes, wir kleiner Schwärm t 
Alarm, Alarm! 

Ungeduldigste von Euern Rettern, 

in ätherne Sphären 

Euer Leben zu verklären, 

werden wir unaufhörlich Eure Ohren zerschmettern. 

Wer hat die Brocken schwerer schwarzer Erde uns ins Haar 

geschüttet ? 
Unkraut schießt in die Luft. Die dunklen Flügel fühlen 
wir, vom Erleiden Eures Leids zerrüttet, 
sich langsam straff erheben, und erkühlen. 

Seht, wie vom Rufe die erfüllten Sphären widerhallen! 

Da wühlt um unsern Platz, an den er uns verwiesen 

schon einstens hatte, der uns schuf, die himmlischen Gestalten. 

Seht, blonde Kinder laufen schnell und barfuß über strahlende 

Wiesen : 
auf schreien wir die Tore zu den Paradiesen ! ! 

Wie wachsen wir glühend, wie sind wir arm, 
zitternde nackte Kinder, 

gepanzerte Riesen — : 
Alarm, Alarm! 



WALTER HASENGLEVER: 1917, 

Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. 
Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit. 

Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier, 
Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir. 

Glaub nicht wenn du siehst den entsetzlichen Zug 
Einer Mutter, die ihre Kleinen trug 

Sil 



Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht, 
Das Unglück ist nicht von dir gemacht. 

Heran zu dem elenden Leichenschrein, 
Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein. 

Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt, 
Falle nieder, du, sei angeklagt. 

Empfange die ungeliebte Qual 
Aller Verstoßnen in diesem Mal. 

Ein letztes Aug, das am Äther trinkt, 
Den Ruf, der in Verdammnis sinkt; 

Die brennende Wildnis der schreienden Luft, 
Den rohen Stoß in die kalte Gruft* 

Wenn etwas in deiner Seele bebt, 
Das dies Grauen noch überlebt, 

So laß es wachsen, auf erstehn 

Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehh. 

Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts 
Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts! 

Wenn die Schergen dich' schleppen aufs Schafott, 
Halte fest die Macht 1 Vertrau auf Gott: 

Daß in der Menschen Mord, Verrat 
Einst wieder leuchte die gute Tat; 

Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn 
Schweb am gestirnten Himmel hin. 

Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint* - 
Durch soviel Ströme der Welt geweint, 

Gepulst durch unser aller Schlag, 
Einst wieder strahle gerechtem Tag. 

Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. 
Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit« 



212 




Oskar Kokoschka 



Walter Hasenclever 



FRANZ WERFEL: REVOLUTIONS-AUFRUF 

Komm Sintflut der Seele, Schmerz, endloser Strahl! 
Zertrümmre die Pfähle, den Damm und das Tal! 
Brich aus Eisenkehle! Dröhne du Stimme von Stahl! 

Blödes Verschweinen ! Behaglicher Sinn, 

Geh mir mit deinem toten Ich bin! 

Ach nur das Weinen reißt uns zum Reinen hin» 

Laß nur die Mächte treten den Nacken dir, 
Stemmt auch das Schlechte zahllose Zacken dir, 
Sieh das Gerechte, feurig fährt aus den Schlacken dir. 

Wachsend erkenne das Vermaledeit! 

Brüllend verbrenne im Wasser und Feuer-Leid! 

Renne renne renne gegen die alte, die elende Zeit! ! 

JOHANNES R. BECHER: MENSCB STEHE AUF 

Verfluchtes Jahrhundert! Chaotisch! Gesanglos! 
Ausgehängt du Mensch, magerster der Köder, zwischen Qual 

Nebel- Wahn Blitz, 
Geblendet. Ein Knecht. Durchfurcht. Tobsüchtig. Aussatz und 

Säure. 
Mit entzündetem Aug. Tollwut im Eckzahn. Pfeifenden 

Fieberhorns. 
Aber 

Über dem. Kreuz im Genick wogt mild unendlicher Äther. 
Heraus aus Gräben Betrieben Asylen Kloaken, der höllische^ 

Spelunke ! 
Sonnen-Chöre rufen hymnisch auf die Höhlen-Blinden. 
Und 

Über der blutigen Untiefe der Schlachten-Gewässer 
Sprüht ewig unwandelbar Gottes magischer Stern. 

Du Soldat! 

Du Henker und Räuber! Und fürchterlichste der Geißeini 
Gottes ! 

Wann endlich 

— frage ich bekümmert und voll rasender Ungeduld zu- 
gleich — 

Wann endlich wirst du mein Bruder sein?? 

Wenn 

Das mörderische Messer restlos von dir in dir abfällt. 

2l5 



Du vor Gräbern und Feinden waffenlos umkehrst: 

Ein Deserteur! Ein Held! Bedankt! Gebenedeit! 

Zornig du in tausend Stücke das verbrecherische Gewehr zer- 
schmeißt. 

Rücksichtslos dich deiner „verdammten Pflicht und Schul- 
digkeit" entziehst 

Und deinen billigen hundsföttischen Dienst höhnisch offen 
verweigerst allen Ausbeutern, Tyrannen und Lohn» 
herrn. 

Wenn 

Dein zerstörerischer Schritt nicht mehr erbarmungslos stampft 
über die friedlichen Lichtgründe einer kreaturenbe- 
seelten Erde. 

Und du dich wütend selbst zermalmst vor deinen glorreichen 
Opfern am Kreuz. 

. . . dann dann wirst du mein Bruder sein . . . 

Wirst mein Bruder sein: 

Wenn du reumütig vor dem letzten und schlimmsten der er- 
schossenen Plünderer kniest. 
Verzweifelt und gedemütigt 
Stachelfäuste durch deine Panzerbrust hindurch 
In das Innere deines eben erwachten Herzens herabpreßt — 
Zerknirscht und Gelübde schmetternd es herausheulst: 
„Siehe auch dieser da war mein Bruder ! I 
Oh welche, oh meine Schuld! I!" 

Dann dann wirst du mein Bruder sein. 

Dann dann wird gekommen sein jener endliche blendende 

paradiesische Tag unser menschlichen Erfüllung, 
Der Alle mit Allen aussöhnt. 
Da Alle sich in Allen erkennen. 
Da tauen die peitschenden Gestürme machtlos hin vor unserem 

glaubensvollen Wort. 
Euerer Hochmut eigensinniger Ararat setzt sich erlöst und 

gern unter die weichen Gezelte der Demut. 
Verweht der Teuflischen schlimmer Anschlag, Bürde und Auf-^ 

rühr. 
Wie auch gewaltlos überwältigt der Bösen eroberische Gier, 

schranken- und maßlosester Verrat und Triumph. 
Sage mir, o Bruder Mensch, wer bist du!? 
Wüter. Würger. Schuft und Scherge. 

21 6, 



Lauer-Blick am gilben Knochen deines Nächsten. 

König Kaiser General. 

Gold-Fraß. Babels Hure und Verfall. 

Haßgröhlender Rachen. Praller Beutel und Diplomat. 

Oder oder 

Gottes Kind !!?? 

Sage mir o Mensch mein Bruder wer du bist! 

Glücklich 

Umgurgelt von den ruhlosen Gespenstern der unschuldig und 

wehrlos Abgeschlachteten I ? 
Der Verdammten Evakuierten explodierender Sklaven und 

Lohnknechte ! ? 
Trostlose Pyramide rings Wüstenei Gräber Skalp und Leiche. 
Der Hungerigen und Verdursteten ausgedörrte Zunge euch 

Würze des Mahls I? 
Jammer-Röcheln, Todeshauch, der Erbitterten Wut-Orkan 

euch wohlgefällige Fern-Musik? 
Oder aber 

Reicht dies brüllendste Elend alles nicht an euch 
Ihr Satten Trägen Lauen ihr herzlos Erhabenen? 
Euerer Härte Feste, vom Zyklon der Zeit umdonnert, wirklich 

unberührt ! ? 
Bröckelt euerer stolzen Türme Stein um Stein nicht ab, daß 

die schwangeren Eselinnen endlich rasten. 
Euere Früchte modern: Völker seellos und vertiert. 
Herrscher dieser Welt, die euch nur euch belasten 1 ! ! 

Sage mir o Bruder mein Mensch wer bist dul? 

. . . makelloses Sterngebild am kitschigen Himmelswunsch der 

Ärmsten oben. 
Krasser Feuer- Wunde kühler Balsam-Freund. 
Zaubrisch süßer Tau auf Tiger wildes Dorn-Gestrüpp. 
Mildes Jerusalem fanatischer Kreuzzüge. 
Nie je verlöschende Hoffnung. 
Nie trügerischer Kompaß. Gottes Zeichen. 
öl bitterer Zwiebel starrer Zweifel. 
Du tropische Hafenstadt ausgewanderter, der verlorenen 

Söhne. 
Keiner dir fremd, 
Ein jeder dir nah und Bruder • 

217 



Verirrte Bienenschwärme nistend in dir«, 

Im südlichen Zephir- Schlaf deiner Mulden rastet, verstrickt 
iji des Raums labyrinthische Öde 

Ekstatisch singend ein Bettler der besitzlose Dichter, Alias ver, 

der wellfremde weltnahe melancholische Pilger, 
In die Schlumm erlaube und Oase deiner Füße nieder taucht 

der Ohnefrieden. 
Aber an den UraJ-Schläfen deines Haupts aufwärts steigt der 
lichtvoll Nimmermüde : 

Deiner Reinheit Quellen 

Kämpfen sich durch Fluch und Steppen. 

In ver rammte Zitadellen 

Geußt du Würze Lamra und FrühlingshügeL 

Engel sinkst du wo sich Ärmste schleppen» 

Noch in Höllen wirkst du Helfer gut. 

Doch den Bösen klirrt — Gericht — dein Jünglingsflügel : 

Aus der Felsen Schlucht und Brodem 

Reißt du glühend Frucht und Odem. 

Schöpfest himmlisch Blut. 

. . . Grimmer Moloch oder Edens Küste. 
Giftgas-Speier oder Saat des Heils. 
Scheusal der Hyäne oder Palmen Zone» 
Christi Seiten-Wunde oder Essigschwamm. 

Sage mir o mein Bruder mein Mensch: wer wer von den 
beiden bist du?! 

Denn 

Brennende Gezeit brüllt fordernd dich auf; 

Entscheide dich! Antworte dir! 

Rechenschaft will ich und 

Die zerrissene Erde aus der gewaltigen Schleuder deines Ge- 
hirns : Wille Fülle und Schicksal; 

Einer heiligen glückhaften Zukunft kindlicher sorgloser Schlaf 
befragt andämmernd schon dringend dich» 

Schütte dich aus! Bekenne erkenne dich! 

Erhöre dich! Werde deutlich! 

Sei kühu. und denke! 

Mensch: du menschenabgewandler, einsamer Brodler, Sünder 
Zöllner Bruder« wer wer bist du!! 

21 8 



Drehe im Grabe dich! Dehne dich sehne dich! 
Atme! Entscheide dich endlich! Wende dich! 
Limonen-Farm oder Distel-Exil. 
Auserwählte Insel oder Pfuhl der Schacher., 
Ruinen-Keller« Strahl-Prophet und Flammen-Sinai 
Lokomotiven Tempo Bremse kläffend. 
Mensch Mensch mein Bruder wer bist du!? 

Schwefel-Gewitter stopfen ruchlos azurenen Piaum. 

Deiner Sehnsucht Horizont vergittert sich. 

(. . . nieder ins Blut! Brust auf! Kopf ab! Zerrissen! Ge^ 

quetscht. Im Rüssel der Schleusen . . .) 
Noch noch ists Zeit! 

Zur Sammlung! Zum Aufbruch! Zum Marsch! 
Zum Schritt zum Flug zum Sprung aus kananitischer Nacht! ! ! 
Noch ists Zeit — 
Mensch Mensch Mensch stehe auf stehe auf ! ! ! 



WALTER HASENCLEVER: 
SCHON AUS ROTEN KASEMATTEN 

Schon aus roten Kasematten 

Schäumt die Meute sich hervor, 

Pfeift Empörung sich wie Ratten 

In der Promenaden Chor. 

Schwarz im Saal des Dirigenten 

Aufgescjiwungner Arm zerbricht; 

An den scjhön bemalten Wänden 

Löscjht das weiße Zirkuslicht. 

Haß steigt auf aus grünen Dämpfen: 

Dazusein und mitzukämpfen. 

Nicht hindert triumphale Allüren 

Ein Krüppel vor Mahagonitüren — 

Am Spiegel des grenzenlosen Geschehens 

Stürzt sich vorbei der Lebendigen Schein; 

In wenig Jahren unendlichen Sehens 

Werden wir nicht mehr vergänglich sein. 

Kraft, zu wirken und zu vollenden 

Im höchsten Geist, der mein Antlitz flieht! 

Glück — daß wir nicht in Verzweiflung enden! 

Unglück — du Marseillaisenlied! 

219 



ALFRED WOLFENSTEIN' DER GUTE KAMPF 

Die Sonne kommt, ein Glutgeschoß — kommt — schwebt — 

zerkracht — 
Sie trifft, o arme, Erde, nur das Dach der Nacht, 
Und über ihr die Sterne werden blauer Himmel, 
Doch nieder regnet Aschengräue, Sturm und Schlachte 

Millionen Augen, rasend aufgeschlagen, 
Wie Gegensonnen, spiegelnd tragen 
Im Blick die Hölle 1 Sehet jedes Volk 
Vom Kriege rot aus wüstem Sommer ragen. 

Sie stemmen sich, von giftigen Strömen trunken, 

Die unten diese Erde blind durohfunkeln, 

Aus ihrer Länder starrem Schoß empor 

Zur Menschenschlacht, und schlagen sich 1 im Dunkeln. 

O seht den Himmel seine reine Sonne zeigen, 
Doch euch vorüber zur Unendlichkeit sich neigen, 
Und Krieg und Endlichkeit und Tod 
Für euch aus jeder Dämmrung sonnlos steigen — ; 

Die Türen knarren bissig auf, zum Morgen 
Stolpern Gestalten über Müll und Sorgen 
Hinaus, — hinein in einen Haufen Stadt, 
Darin liegt auch am Tage Nacht verborgen., 

In ihren Taschen klimperts alt und kalt, 
Darin liegt Eisen eng mit Gold verkrallt, 
Der Schlüssel harte Barte träumen 
Vom Schoß der Türen, Reichtum und Gewalt. 

Wohin sie treten, hungertoll nach ihresgleichen, 
Entzünden Fenster sich statt Sonne, heulend schleichen 
Büro und Magazin im Kannibalentanz 
Um Kassenfunkeln, Arbeitsroste 5 Bücherbleichen. 

In ihren Kleidern, die von Lüge steinschwer sinken^ 
Warten Dolche starr wie Hunde auf ein Winken, 
Und ihre Augen sind gleich Messern in der Stirn, 
Die plötzlich krumm ins Blut des Nächsten blinken« 

220 



Sie treten dick aus ihrem Park, und bald 
Umwächst sie ihrer Sklaven größrer Wald, 
Aus Kellern galoppieren Herden Kinder 
Und machen zwischen Schloten hager Halt. 

Da gottlos übertönen sich die Glocken. 
Auf zinsdurchzuckten Riesenschultern hocken 
Die Häuser schwankend, tückisch treibt und stößt 
Einander ihr berechnet Bocken. 

Auf Schienen wie Begierde schnell und glatt 

Springt mit den Schädeln der Bahnhöfe Stadt in Stadt, 

Der Grenzen langgekrümmte Hörner zacken 

Land gegen Land, mit Spitzen niemals satt. 

wie die Welt sich weit verfolgt — Dann wieder 
Zieht klein zusammen ihre Glieder 
Des Tages Haßharmonika und irgendwo 
Schlägt eine Tür nur einen Bettler nieder. 

Wird nur ein Mädchen in des Prinzipals Kabinett 

An seinen Schoß gefesselt wie ein Brett, 

Und schleichen Schüler, wild vom Grün des Klassenfensters, 

Wie Zerrbilder der Freiheit aufs Klosett. 

dennoch Sonnü, — die du schwarz und kalt 
Hinweg schwebst über die Erde, o Gestalt 
Des Herzens: Sonne! deinen Weg durchfliegen 
Wie singende Adler Klänge mit Geistergewalt — % 

Herbei ihr alle, die der Seele dienen, 

Aus tönendem Haupt der Kunst, aus bewegenden Mienen 

Im Werk die arme Welt vollkommener baun 

Im Schwung des Worts, im Schwärm der Violinen — 

Und die voll Sorgen in den Kohlengrüften, 

An fremdem Baugerüst in schwindelnden Lüften 

Arbeiten nackt in Armut, Gift und Dampf — 

Zu andrem Kampf 1 zu andrem Kampf hebt Haupt und Hüften ! 

i22I 



Ihr Freunde, wohnend überall! 

Ihr Schaffenden, quer durch den hohlen Schwall, 

Durch Sümpfe Geld, durch Abgrund Krieg, durch Wüste 

Gleichmut, 
Quer durch der Länder falsch zerteilten Ball 

Erscheint! Und kämet ihr aus Schlamm gekrochen, 
Wie aus dem Himmel kommt hervor gebrochen! 
Strahlt nieder auf der Bösen krummes Heer, 
Das anschwillt wie vom Tod gestochen — 

Dumpfhell zusammendonnernder Tumult — 
Da suchen sich die Gegner, Haß und Huld, 
Pfeilregen klirrt, ins Schwarze trifft 
Lichtrüstung aus dem klingenden Katapult. 

Das Rotgesicht der Roheit tauchen 
Die Träume in ihr weißes Meer und hauchen 
Geldpanzer sprengend an mit Engelsglut, 
An ihrem Atem stirbt der Habgier Fauchen. 

Aus Kerkern wirft ein Haupt, wie Freiheit blau, 
Der Rufe Feuer in Tyrannenbau. 
Des Lächelns allen Leib durchflatternde Fahne 
Schwingt über Schwebenden der Liebe Frau. 

Auf Steinschädel der Reichen, Liebefernen, 
Die rings des Zufalls kalte Mietskasernen 
Baun, niedersaust der Jünglinge Gelenk 
Mit hoch um ihre Hand geschwungnen Sternen. 

Und rastlos singt der Mütter Mund Alarm 
Mit Kinderliedern frisch und wühlend warm, 
Der Mütter Arm fällt unzerbrechlich 
Den blutbegossnen Schlächtern in den Arm. 

Ihr Freundesfreunde — Blumen und Tiere laden 
Sich ein zu eurem Heer, elektrischer Faden 
Zieht hilfsbereit zuckend durchs All — 
Kameraden der Erdel Gottes Kameraden! 

322 



Ihr Feindesfreunde — eure Hand ist Streich 
Und ist auch Gruß, wie eines Schöpfers weich I 
Im Kampf gestaltend euren Feind —-! Die linke 
Faßt an das eigne Herz und formt's zugleich. 

Zarte, fiebernd auch um kleinste Dinge, 
In Geist Versogne, schlank wie Schmetterlinge, 
Doch löwenwuchtig durch den tiefsten Waid 
Der Leiden schweifend, der euch voll durchdringe 

Schöne, steigend aus des Herzens Meer 
Auf Muschelschimmern, — watend kreuz und quer 
Durch Kot und Wut und Trübsal — reiner 
Auf immer neue Erde tretend her — 

Klare, die ihr Ätherhaupt durchschauen, 
Doch tiefer schauernd vor der Gottheit Blauen 
Niedersinken, — und auf Knien doch 
Dem starken, nie gesunknen Haupt vertrauen —: 

Den guten Ansturm führen sie! 

Und Finsternis wird fliehn. Denn die noch nie 

Gewesen ist : die Menschensonne runden 

Sie an den Himmel, ihrem Geist entbunden! 



JOHANNES R. BECHER: RW>1G IM- AUFRUHR 
Ewig im Aufruhr 
Wider die Feste 
Wütendster Würger, 
Der Schlächter des Lamms. 
Reißet zerreißet 
Gewaltsame Böen s 
Finsternisse, 
Den Wucherer-Turm I 
Die Tyrannen 
Zerplatzten auf Thronen, 
Bah es zerschmolz 
Wahn-Gewölk schon der Nachte 
Sehet auch schrumpfen 
Die Kannibalen der Erben» 
Nichtmehr den Reichen nur 
Schenkt sich die Welt, 



22% 



Wälder umzwitschern 

Den Mittag der Guten. 

Die Gerechten 

Ruhen in Gott. 

Arg in den Bergen 

Zerschellen die Sünder. 

Sklaven, steigt auf 

Aus giftiger Schlucht. 

Sterne grünen 

Die toten Propheten, 

Gekreuzigt einst 

Von den Schergen des Baal. 

Unten im Lawa-Trichter 

Die Heuchler, 

Der Brüder Verräters 

Gespenstischer Traum. 

Selig ihr Armen, 
Zersprengt und erblindet I 
Denn der Unschuldige 
Lebt ohne Besitz. 
Nur der Böse 
Vergräbt sich in Erde, 
Hängend grundlos 
Im qualvollen Sund. 
Über Gezeiten aus Moder 
Sich spannen . . . I 
In Gefängnisse 
Quelle des Baums ... I 
Euere verschütteten 
Höfe erwachen! 
Aufgefegt 
Im panischen Sturm. 

Immer noch strotzen 
Die Plätze von Henkern, 
Messergegürtet. 
Gewehre im Arm. 
Ihre Kolben zerstampfen 
Die Psalter. 
Bomben-Gewitter 
Ruchlos im Räume 



2^4 



Aber bald endet solch Werk sieh; 

Da stürzen 

— Fieber brüllen 

Im Ölbauch der Tanks — 

Sich verreckend 

Die Mörder aufs Pflaster. 

Fahnen hissen sich 

Heilig in Rot. 

RUDOLF LEONHARD: 

PROLOG ZU JEDER KOMMENDEN REVOLUTION 

Ausatmeten die Sümpfe ihren Frieden. 
Wieder ersteht der Menschheit Feind: die Zeit. 
Die Städte dunsten, Länder schwellen breit. 
Zuckte der Strahl zurück in Wolken? Noch ist nichts ge- 
schieden. 

Noch glotzen starr die Ebenen hienieden, 

gewittrig schon, zum Absturz und zum Aufstieg schon bereit. 

Gefährlich wittert Leid aus der Geschäftigkeit. 

Tod ward erlebt l Ihr fühlt das Blut schon sieden, 

so lebt, und wißt, daß bald aufwärts die Flamme speit. 

Entschwamm der ölige Lobestrom plärrender bärtiger Barden : 

die Tore klaffen des entfesselten Verstandes, 

der nackte Jüngling dringt, der Kaiser unsres Morgenlandes, 

und schwingt die rote Fahne mit dem Leoparden. 

Sie schäumt im Schwall gebogen über Grenzen des Verstandes. 

Wir werden mehr, wir stehn vor Bataillonen, 

auf Carmens Hochzeit, hört, beginnen wir, entlohnen 

mit dem aufzackenden Dröhnen unsres Brandes. 

Die Toten stürzen in die Hügelkammern ein. 

Fallt in die Knie, Entgeisterte, wir lachen, 

kaltblütig Gläubige wir, und werden Euch verschonen, 

wir Skeptiker, die stumm zur Glut erwachen. 

Denn wir sind da! in Chören, Keilen, Scharen, Reihn 

ins helle Land hindringend, das wir heller übers chrein : 

Der erste Chor 

springt aus den Häusern der Geduckten vor, 

in den Wind, der über die Stirnen strich, 

und besinnt sich : 

15 225 



Seht, meine Füße gehn, wohin ich will. 

Ich biege mich, ich kniee kindlich auf die Erde hin. 

Da ich es weiß : wie schnell erlöst ich bin ! 

Da ich es weiß und bin, werde ich still. 

Ich bin ein Mensch, zum Menschlichen bereit, 

ich kann die Finger überall bewegen, 

nur leibgebunden : kann über die bluterfüllte Schläfe streichen. 

Vorbei. Das Unerfüllte. Luft und Menschheit noch. Vorbei. 

Ich steh in Menschheit. Bin zur Freiheit frei, 

Freiheit! 

Eine andre Gruppe erhob zu ihrem Gang 

groß den alten Gesang : 

Ich kenne Dich nicht. 

Aber, Bruder, Du gehst im gleichen Licht l 

Ich 1 kann die Hand an Deine Hüfte, Schwester, legen, 

meine Hand kann jede Hand erreichen. 

Gehn wir, schneller, in wechselndem Tritt? 

alle gehn mit Menschenschritt! 

Wir wissen, daß wir uns nicht gleichen, 

aber wir atmen einen Wind. 

Da wir alle auf der Erde sind 

und mit Menschenlippen uns bestellen, 

gleich und ungleich zu gesellen! 

Keiner ist dem andern gleich, 

aber jeder um den andern reich, 

jedes Du wie ich sagt „Ich". 

Ausgezeichnete, in Demut fürchterlich', 

Einzelne, sind wir in Menschheit gleich: 

Gleichheit! 

Aber die dritten Scharen begannen vor Glück zu weinen: 

Freunde! die wir in Menschengestalt erscheinen; 

die wir alle zu leben wagen, 

alle tragen Menschengeschick — 

helfen wir uns, das Leben zu ertragen! 

Freunde, drängen wir Blick in Blick: 

gegen den Hasser, gegen die Toten, gegen den Feind, 

seht, es geht doch, Leib an Leib vereint! 

Alle im Gefühl der Menschenhaut 

leuchtend über dunkle Erde weit 

eine Menschenphalanx aufgebaut; 

Brüderlichkeit ! 

ss6 



Wahrt Euch! Ihr habt nicht Zeit, Euch zu besinnen: 

Gestern geschah es, daß ein Mädchen aus dem Wagen sprang 

und mir die nackten Arme um die Schultern schlang* 

Die Welt lag nackt, die Lüfte dröhnten fort. 

Wir hielten uns. Wir hielten uns bereit, 

wir wußten, viele sind bereit, die Zeiten 

hinter den unerfüllten Jammer dieser zu bereiten! 

Uns sang das Blut. Wir strebten, ein Akkorde 

Dein Mund, Dein Scheitel, — - daß die Flamme aufwärts speit! 

Wir stöhnten, wie die Menschheit in uns schreit, 

jubelten: Menschheit I Liebe 1 und das Donnerwort: 

Gerechtigkeit l 



JOHANNES R. BECHER: EROIGA 

Aber tief tief auch in meiner Wüste Gobi brennendem Dorn-« 
Gestrüpp, 

Atemlosen mexikanischen Taxus-Hecken 

Meiner zerklüfteten Ufer, Kretas Labyrinth und Insel-Exil, 

Meiner immer noch unendlicher Alpen-Hänge 

Lagertet 

Wild wie mild ineinandergefügt 

Reihenweise 

— Bis ins letzte Glied der Welten züngelnd, 

Körperkrampf und dionysische Orgie — 

Ihr Hellas athletische Knaben. 

Hymnische Hirten (Olymp euere Brust) glänzend und eng- 
hüftig; 

Im erzmaschigen Panzerhemd — - Päan - Gewitter — kampf- 
süchtig. 

Durch der Zonen Winter-Dürre, brüchige Kadaver-Poren fie- 
berte ihr heiliger Regen. 

Malaien -Lippen -Küsten sogen wühlend dich inbrünstig an 
meinen innersten Raubtier !-Gehegen. 

Jäh aus Riesen -Phallus schoß Lawa- Samen kataraktisch in 
mein Blut. 

Wange: Distel und entwässert 

Grünte weich, betaut vom Schnee des Flaums. 



227 



Brüllte ich 

Visionenschwanger er S tier , 

Mit einem Bauch prall von der Bespringung eines Dämon auf- 
getrieben — 

Zerstörerischen Blitz schleudernd gegen die triste Endlich- 
keit euerer alltäglichen Landschaft — 

Gefräßig würgend Frucht Saat Baum und an der elegischen 
Quelle den unschuldigen Leib eines Gotts . . . 

Riß ich, zerstampfte und malmte und boxte — 

Sintflut und unbarmherziger Wüterich — 

Barbarischer Eroberer ausschreitend über die verseuchten 
Gründe und unfruchtbaren Äcker euerer armseligen 
Erde - 

Kroch ich schnaubend herauf durch die Lorbeerhaine und 
Limonenwälder der antiken Epochen 

Zwischen Latschen- Wildnis und Gießbach hindurch 

Heran die trostlosen, die spärlich mit den Blausternen des 
Enzians durchsetzten, beizenden Geröll-Felder 

Empor zum erlösenden Schoß-Trichter des Ätna — 

Empedokles fiebernd vor tödlichem Lawa-Sprung — 

Geätzt von Schweiß und den dicken Wut-Brei ohnmächtiger 
Empörung ums zerbissene Maul — 

Mich verzweifelst aufbäumend hilflos brutal und zu einem 
letzten Mal (gegen den frechen Ausschlag der Sonne — 

Immer wieder meiner Tierheit Härte 

In Asphodelen-Milde verzauberte sich. 

Immer wieder meines Wahnsinns Schwerter 

Mit seraphischem Kindheit-Lächeln belaubten sich. 

Immer wieder niederbog mich, wehrlos und gebändigt, 

In des Lichtes letzten Rest, 

Auf den kargen Schlaf der Herden 

: Würze euerer Flöten-Frucht o Knaben; 

Meiner Hufe Mord und Höllen - Taifun stillte Wunder -Öl 
himmlischer Tauben 

Und Geschmack des bitteren Mittags löste sich in Leichen- 
Rachen. 

Schlimmen Schlund kühlten süß Zitronen und Kristall-Ge- 
wässer. 

. . . Würze euerer Flöten-Frucht ö Knaben. 



Eingespannt in sengenden Schicksal-Joch der Welt. Gepeinigt. 
Meiner Wildheit Falte löschte. Meine Sphäre zeitlos und ge- 
reinigt. 
Und aus Pforten verschütteter Augen bricht 
Lange gedämmt 

Magischer Glanz zurück in die Schluchten der Räume. 
Und vom Bug meiner Lippen aus, verfluchten einst, spricht 
Der Gott den Segen über das verworrenen Netz meiner ufer- 
losen ursündlichen Träume 

: Worte unaufhaltsam, 

Nicht mehr zu tilgen aus den Reihen der Nächsten«, 
Unerschütterlich 1 Zentrum. Der heiligen Engel 
Gerechtes Erbteil und einzig sicherer Besitz. 

* 
Einst werden Männer über der Erde sein 
Ausfüllend ihre Fernen und Breiten. 
Durch der Gewölke Triangel stößt 
Ihr Haupt in der Himmel innerste Schlucht. 
Der Herrlichen Pfad befiederten Schwäne, 
Fische frohlockend um Kurven des Nackens. 
Mütter-Oboen zerzwitschern dich Tod. 
Wimpern gebieten euch schlaflosen Sonnen. 
Ewiges Frühjahr säen Poren der Hand. 
Männer regenbogengegürtet. Männer 
Östlichen Glut-Balls Säule im Sturz. 
Männer der Jagd um die Mitte der Erde. 
Nackt und verkohlt hinter heiligem Pflug. 
Um ihre Hütten rauschen die Büffel. 
Tänzerinnen schwebend neben dem Mahl. 
Männer des Strahls. Berg Sesam der Schwachen. 
Männer Beschließer des höllischen Tags. 
Unter Ohnmächtigen, im Blut-Bad der Schlachten 
Kindliche Spender himmlischen Trosts. 
Männer der Rache! Dolch in Tyrannen, 
. . . Zwischen Messern blüht ihre Brust. 
Doch um den Scheitel schrumpft schon der Schatten, 
An allen Mauern stehn die Erschossenen auf. 

* 
Heroische Aufbrüche 1 Himmelfahrten I Tragische Untergänge ! 

Und Elektrische Spiralen - Sprünge kreuzweis durchs 

schweflichte Chaos. 

229 



Zyklopen 1 Turm-Bauer i Werktätige I Mit trillernden Gletscher- 
Böen über südlichem Laub-Haar. 

Aus eueres Herzens Mitte stob zischend der glühende Quader 
des Styx. 

Im weißglühenden Brennpunkt euerer politischen Rede zer- 
malmt sich endgültig das stinkende Ungeheuer der 
Fäulnis. 

Unwiderstehlichstes Sperrfeuer aber zog euer Atem voraus 
geheiligter Front. 

Am Abzug steht ihr wunderbarer Geschütze. 

Und die Bestie im Tyrannen erwartet zitternd das wüste 
Abenteuer ihrer letzten Nacht. 

Denn der Dolch, der Dolch in eueren Fäusten wuchs wuchs 
wuchs unendlich. 

JOHANNES R. BECHER: KLÄNGE AUS UTOPIA 
Sie dringen langsam schon heran, bald gleiten 
Sie milde Stöße auf und ab im Blut. 
Die Adern tönen, Nets gespannter Saiten. 
Moorsee der Gellos zwischen Bergen ruht* 
Darob die Inseln der Gestirne hängen. 
Verweste Tiere blühn in Wäldern auf. 
Es steigen Prozessionen nieder in Gesängen. 
Der Fluß beleuchtet seinen schwarzen Lauf. 
Mutterstadt im freien Mörgenraum! 
Es f lügein Fenster an den Häuserfronten. 
Aus jedem Platz erwächst ein Brunnenbaum. 
Veranden segeln mondbeflaggte Gondeln. 
Sie künden Männer an, elastisch schwingen 
Die durch der Straßen ewig blaue Schlucht. 
Ja — : Frauen schreitende! Mit Palmenfingern. 
Geöffnet weit wie Kelche süßester Frucht. 
Und Freunde strahlen an dem Tor zusammen. 
Wie hymnisch schallt purpurener Lippen Braus. 
Nicht Söhne mehr, die ihre Väter rammen. 
Umarmte ziehen, Sonnen,, sie nach Haus. 
Zu weiches tem Park verschmölzen die Gefilde. 
Die Ärmsten schweben buntere Falter dort. 
Goldhimmel sickert durch der Wolken Filter 
Den Völkern zu. — Lang dröhnender Akkord. 

s3o 




Ludwig Meidner 



Johannes R. Becher 



KURT HEYNICKE: VOLK 

Mein Volk, 
blüh ewig, Volk. 

Strom, ausgespannt von Mitternacht zu Mitternacht, 
Strom, groß und tief von Meer zu Meer, 
aus deiner Tiefe stürzen Quellen, 
urewig speisend dich 9 
das Volk. 

Mein Volk, 

blüh ewig, Volk. 

Du träumst dir Zukunft an die Brust. 

Einst wird kein Tag mehr deinen Traum zerschlagen, 

Die Berge deiner Seele werden in den Himmel ragen 

und uns erheben, 

uns, 

das Volk. 

Ich bin ein Baum im Walde Volk. 

Und meine Blätter speist die Sonne. 

Doch meine Wurzeln schlafen ihren Schlaf der Kraft 

in dir, 

mein Volk. 

Mein Volk, 

einst werden alle Dinge knien 

vor dir. 

Denn deine Seele wird entfliegen 

hoch über Schlote, Städte in dein eigenes Herz. 

Und du wirst blühn, 

mein Volk. 

Mein Volk, 
In dir. 



ELSE LASKER-SCHÜLER: MEIN VOLK 

(Meinem geliebten Sohn Paul) 

Der Fels wird morsch, 

Dem ich entspringe 

Und meine GottesLLeder singe . . . 

233 



Jäh stürz ich vom Weg 
Und riesele ganz in mir 
Fernab, allein über Klagegestein 
Dem Meer zu. 

Hab mich so abgeströmt 
Von meines Blutes 
Mostvergorenheit. 

Und immer, immer noch der Widerhall 
In mir, 

Wenn schauerlich gen Ost 
Das morsche Felsgebein, 
Mein Volk', 
" Zu Gott schreite 

IWAN GOLL: NOEMl 

I 
Icli trage so schwer an der Schicksalseubschaft 
Meiner Bibelmütter, 
Meiner Prophetinnen, 
Meiner Königinnen. 

Es rauschen so mächtig aus dunklen Jahrhunderten 
Die Gottesjahre s 
Die Tempeljahre s 
Die Ghetto] ah re. 

Es singen so wirr in meiner geborstenen Seele 
Die Jahraeitenfeste, 
Die Himmelsfeste, 
Die Totenfeste. 

Es schreien so tief in meinem tollen Blut 

Die Patriarchen^ 

Die Helden s 

Die Söhne I 

Hör, Israel, Adonoi war dein Gott, Adonoi war einzig! 

II 

Ich bin die Tochter des Frühlingsvolks! 
Andacht und Opfer vergeudend, 
Riß ich die Erde in meinen Wirbel. 
Mein Gebet war das menschliche Echo 
Der Asphodelengesänge» 

2 34 



Und ölbauinsymphonien« 
Mein Himmel war wolkig erbaut 
Über den weiß erblühten Gebirgen, 
Und die goldenen Sternenz eichen 
Tief in dunklen Seen nachgebildet. 
Jeder Mann trug stolz sein Zedernhaupt 
Jeder Jüngling eine wandelnde Akazie, 
Israel so fromm wie ein Fmhlingshügel I 
Salben und öle dufteten um seine Glied er , 
Und in seinen großen Augen 
Lächelte Gott 

Opfer war die Sprache der Patriarchen, 
Und die EngeJ die Antwort des Himmels. 
Jede Mädchenklage wie ein Taubenpaar, 
Jede Frauenbitte blondes Läramehen, 
Und des Kriegers unwirsch Kampfgelübde 
Rauchte dumpf im Blute der Stiere auf» 
Und die Tänze im süßen Weinberg, 
Zimbeljubelnd kränzten sie das Jahr» 

III 
Ich bin die Tochter des Talmud volks! 
Tempel, in dem die Kupferleuchter 
Wie Bäume ihre Siebenzweige entfalteten p 
Wo statt der Märchensterne 
Ewige Ampeln die mystische Nacht 
Beunruhigten. 

In goldenen Bechern hielt man Gott gefangen* 
Brokat und Purpur ziemte seinen Priestern. 
In Porphyrarkaden versargt 
Lag der sterbende Himmel. 
Als Israel von seinen Hügeln gestiegen , 
Zerschlug es sich an Felsenschluchten 
Sein grauendes Lockenhaupt, 
Zerrieb an Fliesen seine verflachten Knie. 
Die Sonne hing verkohlt und schwarz in der Straße 9 
Ein Lämpchen nur bestrahlte das Tempelvolk. 
O Israel, verwitterndes Gebirg, 
Alternder Gletscher, 
In Schrift und Zeichnung und Kabbala 
Erörtertest du kalt 



235 



Den Prozeß des Himmels. 
Aber versteint war deine Seele, 
Vereist dein Herz ! 

IV 

Ich bin die Tochter des Ghettovolks ! 

Der schnarrenden und schnorrenden Rabbis „ 

Der Waisenkinder und Totengräber. 

In dumpfen Kellern, triefenden Gewölben, 

In spanischen Türmen, rumänischen Höhlen 

Hab ich geschmachtet 

Wo ist Elohim, 

ihr Kodoschim? 

Oi, oi, oi, 

Und wo ist Adonoi? 

Am morschen Altar schüttelt ihr die Palmen* 

Mit faulen Zähnen kräht ihr Klagepsalmen. 

Mit Litaneien und Schreien 

Wollt ihr Gott befreien, 

In klebrigen Kaf tanen 

Imitiert ihr die Geste der Ahnen, 

Beim blutigen Pogrom, in der Kerkerkette, 

Im Mordviertel der Zyklopenstädte 

Nennt ihr euch Erben 

Und wollt nicht sterben! 

Volk der duftenden Schwestern und denkenden Brüder, 

Auferstehe, mein Volk, und lasse die Lieder 

Und lasse den Gott der Schriften und Klagen 

Begraben! 

Hör, Israeli 

Höre! 

Du hast einen Geist, 

Du hast einen Geist, mit Blut und Gott gespeist, 

Du hast einen Geist, in allen Feuern der Schöpfung rein ge- 
schweißt, 

Du hast einen Geist, auf allen Meeren und Landstraßen weit- 
gereist, 

Du hast einen Geist, von allen Philosophien, Poesien, Geo- 
metrien, Industrien der Menschheit umkreist, 

Du hast den einen, einzigen, ewigen Geist. 

286 



Hör, Israel! 

Dein Geist erleuchte die fünf Kontinente, 
Dein Geist bemeistre die vier Elemente, 
Dein Geist erobre die drei Reiche, 
Dein Geist befreie die zwei Menschen, 
Dein einer Geist I 

Hör, Israel! 

Mit deinem Geiste wirst du alle Tode der Welt verlebendigen: 

Dein Geist ist die Pforte zum Eden, 

Dein Geist ist die Flucht nach Nirwana, 

Dein Geist ist die Barke gen Elysium! 

Dein Geist! Deine Erkenntnis! Dein Alleswissen! 

Hör, Israel! 

Dein Geist ist die glänzende Neugeburt, 

Dein Geist ist der alte Gott, 

Zum Sohne der Menschheit verjüngt. 

Dein Geist ist das Leben! 

Hör, Israel, dein Geist ist dein Gott, dein Geist ist einzig! 



VI 

Zu Neumond will ich auferstehen! 

Die schwarzblauen Flechten salben mit dem Öl der Nuß. 

Und den Geliebten empfangen mit sternklarem Kuß. 

Zu Neumond will ich wandern gehen! 

Und über den Himmel das Glück meiner Liebe verkünden, 

Und auf der Erde den Sieg meiner Liebe gründen. 

Zu Neumond will ich tanzen gehen. 

Die Menschen aus ihrem Traume wecken, 

Über den Städten das neue Licht anstecken. 

Zu Neumond will ich auferstehen! 

Den hohen Geist wie Phönix aus der Asche heben, 

Dem alten Glauben den Namen Erkenntnis geben. 



287 



LUDWIG RUBINER: DER MENSCH 
Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden Drehen 
der rollenden Erde, unter hockenden Bauern, stumpfen Sol- 
daten, beim rasselnden Drängen der runden Städte 
Sprang der Mensch in die Höh. 

schwebende Säule, helle Säulen der Beine und Arme, 
feste strahlende Säule des Leibs, leuchtende Kugel des Kopfes! 

Er schwebte still, sein Atemzug bestrahlte die treibende! 
Erde. 

Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus und herein« 
Er schloß die gebogenen Lider, der Mond zog auf und unter. 
Der leise Schwung seiner Hände warf wie eine blitzende Peit- 
schenschnur den Kreis der Sterne. 

Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie die Nässe 
an Veilchenbünden unter der Glasglocke. 

Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf. 

Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen durch die 

Welt, 
Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, Mensch, 

feurig durchscheinender I 
In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende Kugeln. 
Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn. 
Das lohende Denken zuckt durch ihn, 
Schimmernder Puls des Himmels, Mensch! 
O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer im hellen 

Kristall. 
Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende Riesenaugen 

schwimmen wie kleine hitzende Spiegel durch ihn, 

Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, er 
schluckt und speit die blauen, her üb erschlagenden Wellen 
des heißen Himmels. 

Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des Himmels,, 
Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine Glaskugel 

auf dem schimmernden Springbrunnen. 
weiß scheinende Säulen, durch die das Denken im Blutr- 

funkeln auf und nieder vmiit 

Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft um sich 
wildes Ausschwirren von runden Horizonten hell wie die 

Kreise von Schneeflocken! 

s38 



Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um die Sterne 

des Himmels, 

Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen Kur- 
ven umher in der Welt, sie kehren zu ihm zurück, wie dem. 
dunklen Krieger, der den Bumerang schnellt« 

In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend wie Puls~ 

schlag schwebt der Mensch, 
Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn rinnt^ 
Er wiegt auf seinen strahlenden Leih den Schwung, der 

wiederkehrt, 

Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich die ab-* 
gesandten, die sinkend hinglühenden Linien auf schwarze 
Nacht: 

Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf wie Blumen- 
blätter, zackige Ebenen im Feuerschein rollen zu schrägen 
Kegeln schimmernd ein, spitze Pyramidermadeln steigen aus 
gelben Funken wie Sonnenlichter. 

Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht seine 
Fackelglieder und gießt seine Hände weiß über die Erde aus, 
Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolzneä 

Metall. 

Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt sich ge- 
bäumt), 

Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut hinauf, 
beschwert mit Erdraum: 

Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt auf tanzen- 
der Blumenstaub, Sonnenfarben im Regenfall. Lange Töne 
Musik. 

KURT HEYNICKE: MENSCH 

Ich bin über den Wäldern, 

grün und leuchtend, 

hoch über allen, 

ich, der Mensch. 

Ich bin Kreis im All, 

blühend Bewegung, 

getragenes Tragen» 

289 



Ich bin Sonne unter den Kreisenden, 

ich, der Mensch, 

ich fühle mich tief, 

nahe dem hohen All-Kreisenden, 

ich, sein Gedanke. 

Mein Haupt ist sternbelaubt, 

silbern mein Antlitz, 

ich leuchte, 

ich, 

wie Er, 

das All; 

das All, 

wie ich! 

FRANZ WERFEL: DER GUTE MENSCH 

Sein ist die Kraft, das Regiment der Sterne, 
Er hält die Welt, wie eine Nuß in Fäusten, 
Unsterblich schlingt sich Lachen um sein Antlitz, 
Krieg ist sein Wesen und Triumph sein Schritt. 

Und wo er ist und seine Hände breitet, 
Und wo sein Ruf tyrannisch niederdonnert. 
Zerbricht das Ungerechte aller Schöpfung, 
Und alle Dinge werden Gott und eins» 

Unüberwindlich sind des Guten Tränen, 
Baustoff der Welt und Wasser der Gebilde« 
Wo seine guten Tränen niedersinken, 
Verzehrt sich jede Form und kommt zu sich'. 

Gar keine Wut ist seiner zu vergleichen. 
Er steht im Scheiterhaufen seines Lebens, 
Und ihm zu Füßen ringelt sich verloren 
Der Teufel, ein zertretner Feuer wurm. 

Und fährt er hin, dann bleiben ihm zur Seite, 
Zwei Engel, die das Haupt in Sphären tauchen, 
Und brüllen jubelnd unter Gold und Feuer, 
Und schlagen donnernd ihre Schilde an. 



lllO 



LIEBE DEN MENSCHEN 



FRANZ WERFEL: AN DEN LESER 
Mein einziger Wunsch ist, dir, o Mensch verwandt zu sein! 
Bist du Neger, Akrobat, oder ruhst du noch in tiefer Mutterhut, 
Klingt dein Mädchenlied über den Hof, lenkst du dein Floß 

im Abendschein, 
Bist du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut. 
Trugst du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge? 
Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf. 
Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe, 
Sei nicht hart, und löse dich mit mir in Tränen auf! 

Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß 

Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen, 

Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Fa- 
milienkreis, 

Das Gefühl von Debütanten, di& sich zitternd vor den Souff- 
leurkasten stellen. 

Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt, 

Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige 
Gäste. 

Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt, 

Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenrest©, 

So gehöre ich dir und Allen! 

Wolle mir, bitte, nicht widerstehn! 

0, könnte es einmal geschehn, 

Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen ! 

WILHELM KLEMM: EINLEITUNG 
Was sich ausdehnt in der schmalen Sekunde, 
Was auftaucht im gleichgültigen Licht 
Und im Schatten unverständlich versinkt, 
Was wandert und sich dauernd verändert, 

Die Wiederkehr und das Abschiednehmen, 

Das Neue und die Wiederholung, 

Das Begreifen einzelner Formen und das Vergessen; 

AU das, was beschlossen ist zwischen Anfang und Ende, 

Die Erregungen und die Beruhigungen, 
Die Sehnsüchte und ihre Erfüllungen, 
Was uns Endlichen als Welt entgegenströmt: 
Will ich fassen in sterbliche Worte, 

243 



Damit ich lesend doppelt weiß, daß ich lebe. 
Damit du es lesen kannst, Bruder, Mensch, 
Damit auch du fühlst: Ja, so ist es, so bin ich auch! 
Denn wir sind alle doch nur ein einziges Gewächs! 

PAUL ZECH: AN MEINEN SOHN 
(i9i4) 
Der schöne Sommer, der durch deinen Reifen sprang, 
die blaue Dampferfahrt und waldiger Abendgang: 
sind ausgeblasen wie ein Altar-Licht, mein Sohn. 

Dein Mund, der schwer bewölkt in Fragen hängt, 
dein Auge, das ein Meer von Qual nach außen drängt: 
ich finde nicht mehr dein Gesicht, mein Sohn. 

Daß sich im Räderspiel unschuldiger Kinderwelt 

ein Sturm hineinhakt, der die Zeiger rückwärts schnellt: 

dem Sturm bin ich im Feld steil aufgestellt, mein Sohn. 

Mein Arm, von Mühsal ausgerenkt, von Sorgen abgezehrt, 

muß sich nun straffen für Gewehr und Schwert, 

daß niemand mordet, was uns bindet, was uns hält, mein Sohn. 

Daß helle Zeit noch immer die ergrimmte Kriegslust liebt, 
nicht seliges Verbrüdern liebt und diese Liebe weitergibt: 
wo wird mir diese Schuld verziehn, mein Sohn? 

Im blutigsten Gefecht noch hör ich Flügel über mir; 

die heben mich schlafwandelnd fort von hier 

wie Bäume, die vor rasenden Laternen fliehn, mein Sohn. 

Doch wenn mich die, die ich verließ, in Gräbern meint, 
und sich durch Witwennacht und Waisenfremdheit weint: 
wachs wipfelbreit ins Blau! Brich Sternenbahn, mein Sohn! 

Denn Du bist vorbestimmt; bist letzter Strich im Plan; 
da ist kein Tor, wo wir uns nicht im Traum schon sahn, 
den Weg zu runder Einheit sahn, mein Sohn. 

Bist vorbestimmt, fünftausend Jahre schon: zu sein, 

der, dessen Namen ich hineinbeiß' in den Stein, 

wenn mich die Häscher treffen Stich für Stich, mein Sohn. 

Ja, dann wird Sterben mir erst zum durchfühlten Wort. 
Mein Tod löscht Feind und bunte Ländergrenzen fort, 
und alles Leben kennt nur „Welt" und „Bruder" —: Dich, 
mein Sohn! 

244 




Ludwig Meidner 



Paul Zech 



FRANZ WERFEL: VATER UND SOHN 

Wie wir einst im grenzenlosen Lieben 
Spaße der Unendlichkeit getrieben 
Zu der Seligen Lust — - 
Uranos erschloß des Busens Bläue, 
Und vereint in lustiger Kindertreue 
Schaukelten wir da durch seine Brust. 

Aber weh! Der Äther ging verloren, 
Welt erbraust und Körper ward geboren s 
Nun sind wir entzweit. 
Düster von erbosten Mittagsmählern 
Treffen sich die Blicke stählern, 
Feindlich und bereit. 

Und in seinem schwarzen Mantelschwunge» 

Trägt der Alte wie der Junge 

Eisen hassenswert. 

Die sie reden, Worte, sind von kalter 

Feindschaft der geschiedenen Lebensalters 

Fahl und aufgezehrt. 

Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe 

Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe! 

Daß der Orkus widerhallt. 

Und schon klirrt in unseren wilden Händen 

Jener Waffen — kaum noch abzuwenden — 

Höllische Gewalt. 

Doch auch uns sind Abende beschieden 
An des Tisches hauserhabenem Frieden, 
Wo das Wirre schweigt, 
Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes, 
Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes^ 
Träne auf- und niedersteigt. 

Wie wir einst in grenzenlosem Lieben 
Spaße der Unendlichkeit getrieben, 
Ahnen wir im Traum. 

Und die leichte Hand zuckt nach der greisen 
Und in einer wunderbaren, leisen, 
Rührung stürzt der Raum* 



^7 



WALTER HASENCLEVER: DIE TODESANZEIGE 
Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekümmertem 

Traum, 
Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum. 
Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind: 
„Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind." 
Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin: 
Ich weiß, daß ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin. 
Da sah ich den Scheitel des Andern, der hilflos ins Elend sank. 
Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz 

kränk. 
Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein, 
Hat aus heißen Augen geweint in den Fluß hinein? 
Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grünes glüht, 
Fröhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen müd. 
Mußte in Häusern essen mit Menschen, feindlich und fremd, 
Schlafen in kalten Gemächern, frierend, ohne Hemd — 
Die Mutter hat ihm geholfen mit Wäsche und etwas Geld; 
Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt. 
Mein Bruder unter den Sternen ! Ich hab deine Armut erkannt. 
Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt. 
Nun strömt dein lächelnder Atem nicht mehr in Gold und 

Polar, 
Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzündet sich kindlich 

dein Haar ; 
Sieh — in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort; 
Es trägt auf silbernen Flügeln dich, aus der Vergessenheit 

fort 
Eb/ ich nun öffne die Läden nach schwerer, trauriger Nacht: 
Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glücklich 

gemacht. 

WILHELM KLEMM: DER BETTLER 
Sein Hut war mürber Schwamm. Sein Bart 
Sinterte über die graue Brust, 
Sein Stelzfuß trat sich am Ende breit, 
Durch die Fetzen des Kleides irrten die Sterne, 
Dornen und Schnecken trug er im Haar, 
Seine Augen entzündeten sich, sein herbes 
Zerspaltenes Antlitz blutete still, 
Metallen surrten die Fliegen um ihn, 

2/48 



In seinen Knochen nagten die Winter, 

Ewigkeit gärte durch sein Gedärm, 

Faulig krankte sein Blut, in seiner 

Seele versteinten Erinnerungswälder. 

Wer hat dich als Kind gewiegt? Wer hat dich gelieb l? 

Komm Alter, ich will dich hegen. Der aber öffnet 

Stumm seiner Hände bittende Abgründe, 

Schwarz und leer wie der Tod, groß wie das Leid. 

ALBERT EHRENSTEIN: HOFFNUNG 
Nicht habe ich Gewalt, 
Augen zu geben blinden Steinen. 
Leicht aber einem verachteten, 
Armen, alten Sessel, 
Dem ein Fuß fehlt, 
Bringe ich Freude, 
Mich zart auf ihn setzend. 
Seid sanft, o ihr Starken! 
Und, Macht versammelnd im Mut, 
Bald werden, Seligen gleich, die Menschen 
Entrauscht sein fahlkranker Armut 
Und in ihrem Dasein, 
Die Götter starben, 
Finden den Himmel. 

ELSELASKEB.-SGUtJLERtUN D SUCHE GOTT 

(Meinem Paul) 
Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen, 
Nie den Morgen gesehen, 
Nie Gott gesucht. 

Nun aber wandle ich um meines Kindes 
Goldgedichtete Glieder 
Und suche Gott. 
Ich bin müde vom Schlummer, 
Weiß nur vom Antlitz der Nacht. 
Ich fürchte mich vor der Frühe, 
Sie hat ein Gesicht 
Wie die Menschen, die fragen. 

Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen, 
Nun aber taste ich um meines Kindes 
Gottgelichtete Glieder. 

2^9 



FRANZ WEBFEL: EINE ALTE FRAU GEHL 

Eine alte Frau geht wie ein runder Turm 
Durch die alte Hauptallee im Blättersturm, 
Schwindet schon, Indern sie keucht, 
Wo um Ecken schwarze Nebel wehen, 
Wird nun bald in einem Torgang stehen. 
Laute Stufen langsam aufwärts gehen, 
Die vom trägen Treppenlichte feucht. 

Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt, 

Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit. 

Ach, sie zittert bald an Hand' und Bein'* 

Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen 

Aufgehobene Kost von alten Tagen 

Auf des Kochherds armes Rot zu tragen» 

Bleibt mit ihrem Leib und sich allein. 

Und sie weiß nicht, wie sie schluckt und kaut, 
Daß in ihr sich Söhne aufgebaut« 
(Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh') 
Was aus ihr kam, steht in andern Toren, 
Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren, 
Manchmal nur im Straßendrang verloren, 
Nickt ein Mann ihr freundlich „Mütter" zu* 

Aber Mensch, gedenke du in ihr, 
Ungeheuer auf der Welt sind wir,, 
Da wir brachen in die Zeiten ein. 
Wie wir in dem Unbekannten hängen, 
Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen 
Die ins letzte uns zusammendrängen. 
Diese Welt ist nicht die Welt allein«, 

Wenn die Greisin durch die Stube schleift, 
Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift« 
Es vergeht ihr brüchiges Gesicht. 
Ja, sie fühlt sich wachsender in allem 
Und beginnt auf ihre Knie zu fallen, 
Wenn aus einem kleinen Lampen wallen 
Ungeheuer Gottes Antlitz bricht. 

2ÖO 



JOfl. R. BECHER: 'HYMNE AUF ROSA LUXEMBURG 

Auffüllend dich, rings mit Strophen aus Oliven« 
Tränen Mäander umwandere dich! 
Stern-Genächte dir schlagend als Mantel um, 
Durchwachsen von Astbahnen hymnischen Scharlachhluts . . » 
Würze du der paradiesischen Auen: 
Du Einzige I Du Heilige! O Weib! — 

Durch die Welten rase ich — : 

Einmal noch deine Hand, diese Hand zu fassen °, 

Zauberisches Gezweig an Gottes Rosen-Öl-Baum. 

Wünschel-Rute dem Glück-Sucher. 

... In dich, o mütterlichste der Harfen träuft unser aller 
Heimat Klang . . . 

Fünfzack diktatorisch über misre Häupter gespannt. 

Blut-Quell dieser Finger Millionen Ärmster Gitter durch- 
feilte er. 

Durch die Welten rase ich — : 

Einmal noch deinen Mund, diesen Mund zu fühlen: 

Lieht- A tmer , Schmetterlings-Grund, 

Oboen Gewalt-Strom, Ambrosia~Hügel-Land s 

Seligster Speise . . . 

Prophetische Schwermut dämmernd am Lippen-Schwung« 

Alle tragen, 

Einen jeden süßt dein Kuß* 

Schimmernde Dolde der Feuchte. 

Milde Milch Ohnmächtigen tödlichen FalJs s 

Verlorene Söhne Befragende ihn — 

! Du Silber-Tau im Steppen-Brand! 

— Du Himmels-Trost im Höllen-Schmerz! 

-— Du Lächel-Mond am Mord-Zenith! 

-— Du tiefste Purpur-Pause im Antlitz-Krampf! 

Notschrei Jeremias 

Ekstatischer Auftakt. 

Gewitter-Sätze versammelt in dir. 

Blanke unschuldsvolle 

Reine jungfrauweiße 

Taube Glaubens-Saft 

Ob Tribünen-Altar schwebend Hostie hoch. 

2ÖI 



Welten durchrase ich — : 

Hin gegen die Elfenbein-Küsten deines Ohrs, 

An die gigantischen Ur-Trichter, die Tulpen-Kelch-Rohre der 
sibyllinischen Mütter hin, 

An euch hin, gigantische Urtrichter, 

Aufsaugend sie alle die erdhaften Geräusche, 

Die kindlichen Wunsch- wie die fieberichten Angstträume der 
Ärmsten, 

Bettler und Strolche Wehgeheul, 

Die schlechte, zusammengeflickte Tirade der Angeklagten, 

Die Abschieds-Arie erschossenen Häsleins, 

Brombeer-Strauch trillernd einen Feuertod, 

Die phraseologische Programm-Fanfare des Kriegs . . • 

Fabrik-Sirenen verkündend Empörungs-Stundc 

Gigantischer Ur-Trichter: 

Mich tiefst hineinflüsternd mit schmählichster Sünden 
Beichte, 

Millionen o haften mit ihrem innersten (berstenden!) Be- 
kenntnissen an ihm, 

Beätzt und gefleckt die Membrane von tausenden (zer-, 
rissensten!) Nöten dir! 

Und und: 

Beglänzt von den unendlichen (Flöten- und Posaunen-) Weisen 
der Seraphims, 

Ja: denn auch der Sphären Elan verzückte dich: 

Musik zu Musik l 

Melodie! 

Welten durchrasend -— : 

Deine Stirn! diese Stirn! 

Lilien-Schnee-Gemäuer hüllend ewigen Gedanken, 

Acker-Furche bergend sichere Saat. 

Ernte knospet schon aus Stoß und Wunde. 

Geistes Wall. Heiliger Thron. 

Aus des Orkus Hintergründen 

Schlagen Taifun-Falten, 

Aber Engel glätten dich, 

Lösen aus und salbend dich, 

Deren Herzens Flammen-Reiche Palmenwald enthalten. 

Welten, ja Welten durchraste ich — -: 
252 



Deine Augen, diese Augen, 

Krater-Aug mit Azur Licht zu stillen. 

Gletscher-Bläue in den Dolch-Grund, 

In die wüst zerzackte Mitternacht, 

In der Wangen Peitschen Aufruhr 

Kühlend magischen Mond zu tauchen. 

Augen — : Späher aus der Arche ausgeschickte. 

Selten kehrten sie zurück. 

. . . Daß ihr Eiland sie erblickten. 

Paradiesische Früchte pflückten 

Flügelnd schlössen sich im Glück . . . 

Bürger! Würger! Faust und Kolben 
Stampften kotwärts deinen Kopf. 
I Doch du gewitterst. Deine Himmel platzen. 
Ob allen Ländern steht dein Morgen-Rot. 

Durch die Welten rase ich — -: 

Den geschundenen Leib 

Abnehmend vom Kreuz, 

In weicheste Linnen ihn hüllend 

Triumph dir durch die Welten blase ich: 

Dir, Einzige!! Dir, Heilige!! Weib!!! 

RUDOLF LEONHARD : DER TOTE LIEBKNECHT 

Seine Leiche liegt in der ganzen Stadt, 
in allen Höfen, in allen Straßen. 
Alle Zimmer 
sind vom Ausfließen seines Blutes matt. 

Da beginnen Fabriksirenen 

unendlich lange 

dröhnend aufzugähnen, 

hohl über die ganze Stadt zu gellen. 

Und mit einem Schimmer 
auf hellen 
starren Zähnen 
beginnt seine Leiche 
zu lächeln. 



253 



IWAN GOLL: SCHÖPFUNG 

I 
Irgendwo zerbrach die Himmelsschale 9 
Und die Sonne, wie verwundet, 
Flatterte, Gold und Lava blutend, 
Um die aufgerissene Erde, 
Rosa Meere 

Leuchteten im Frühling ihrer Wellen, 
Rauschende Palmen stiegen, 
An den Korallen reiften 
Die Sternenfrüchte. 

Irgendwo erbebte ein Gebirg 

Bis in seine starren Gletscher, 

Und der erste Tropfen, der sich löste, 

Eine Träne zu Tal, 

War das erste Lächeln Gottes* 

II 
Sprühender Dreizack, 
Brach das Wort aus stummem Ozean; 
Dunkel schillerte der Grund der Erde. 

Und die blauen Hämmer des Geistes 

Und die Flöten der Engel 

Schollen um den entzündeten Himmel. 

An des Dunkels eroberten Ufern 

Stand der Mensch, einen Pfeil in der Stirn, 

Den roten Mund 

Offen groß wie einen Triumphbogen : 

Hier und da, wenn es ihm einfiel, 

Befahl er der kreisenden Sonne zu stehen. 

III 
Zur Hügelhochzeit 
Stürzten Fiiederfontänen zu Tal, 
Bäume waren voll Weltumarmung, 
Und dem Frühling schlugen die Schläfen, 
Da, aus dunkler Erdenhütte 
Brach ein goldener Orgelsturm: 
Zwischen Himmel und Erde gestemmt, 
Säule irdischen Gesanges, 
Stand der Mensch, 



a5/i 



Aus dem steinernen Leid, 

Tief im rauschenden Schoß der Liebe, 

War der Herrliche auferstanden] 

ALFRED WOLFENSTEIN: 
HINGEBUNG DES DICHTERS 

Wie die Wolke durchflammt, Wolke durchdröhnt zwischen 

Haupt und Boden 
Zuckt eines Menschen sprechender Mund, 
Blitzende Zähne roden 
Dickichte nieder: da schnellen die Blumen hoch, luftig und 

bunt. 
Höre die Stimme, taubeste Trauer, 
Schwarz wie Gestrüpp unterm Ozeangrund! 
Klangloser Vogel, zu singen beginne im rundlichen Bauer, 
Es singe dich freier des Menschen Mund. 
Doch wie im Traume, ©in blautrockner Himmel überm Dach 

seiner Donner, 
Über den eigenen Lippen noch unerlöst wartet der Dichter — 
Sturm, von der Sonne versammelt, regnet nicht auf in die 

Sonne, 
Über den Wolken glühn unsichtbar weiter und lechzen die 

Lichter. 
O ihn selbst — auch Gewitter beglückt nicht genug! 
Worte, entfesselte Sklaven, mit eigener Schwere hinab 
Fließend in horchender Menschen Krug, 
Auferstanden aus ihm, verlassen ihn fremd wie ein Grab. 
Wahrheit, so blicke von oben in seine Seele, 
Nie wird sie leer, verkünde es, menschlicher möchte sie sein, 
Ruft er die Liebe mit Worten aus, ruft seine hellere Kehle 
Liebe noch wirklicher zeugend in sich herein. 
Atmet er Verse, nur noch lebendiger schwillt seine Brust! 
Daß er vor Scham und Freude inmitten der Sprache aufstehen 
Möchte, um fort in die Wüste — 
Nein, den Menschen noch näher zu gehen! 
Bis es am Schlüsse von unten 
Regnet, von unten nun: Du! 
Antlitze nun, gerührte Gedichte, 
Blitzen dem Rührenden, seiner Entschleierung, zu! 

s55 



Erdenwind reicht ihm die Hände 

Durch das ganz offene Tor. 

Sprache verrollt, die Arme erhebt er, nun erst am Ende 

Geht sein schwerer Vorhang vor ihm selbst empor. 

FRANZ WERFEL: LÄCHELN ATMEN SCHREITEN 

Schöpfe du, trage du, halte 

Tausend Gewässer des Lächelns in deiner Hand! 

Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt 

All übers Antlitz«, 

Lächeln ist keine Falte, 

Lächeln ist Wesen vom Licht. 

Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht* 

Nicht die Sonne ist Licht, 

Erst im Menschengesicht 

Wird das Licht als Lächeln geboren. 

Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren* 

Aus den Toren der Augen wallte 

Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt, 

Lächelns nieglühender Brand. 

Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand, 

Schöpfe du, trage du, halte! 

Lausche du, horche du, höre! 

In der Nacht ist der Einklang des Atems los s 

Der Atem, die Eintracht des Busens groß. 

Atem schwebt 

Über Feindschaft finsterer Chöre. 

Atem ist Wesen vom höchsten Hauch, 

Nicht der Wind, der sich taucht 

In Weid, Wald und Strauch, 

Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . . 

Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren. 

Aus den Lippen, den schweren, 

Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren, 

Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren* 

Auf dem Windmeer des Atems hebt an 

Die Segel zu brüsten im Rausche, 

Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn* 

Horche du, höre du, lausche! 

256 



Sinke hin, kniee hin, weine! 

Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt! 

Schwinge dich hin, schwinde ins Schreiten mitl 

Schreiten entführt 

Alles ins Reine, alles ins Allgemeine. 

Schreiten ist mehr als Lauf und Gang, 

Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang, 

Mehr als des Raumes tanzender Überschwang. 

Im Schreiten der Menstchen wird die Bahn der Freiheit geboren. 

Mit dem Schreiten der Menschen tritt 

Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren. 

Lächeln, Atem und Schritt 

Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn, 

Die Welt fängt irn Menschen an. 

Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke! 

Weine hin, kniee hin, sinke! 



RENfi SCHICKELE: HEILGE TIERE.. A 

In den Jahrtausenden haben 

Die Menschen gebetet: sei still, Gewalt, 

All die Herzen und die Hände, die sich gaben, 

Sie begruben die Gewalt. 

Ist der Kampf um Güte zwischen 

Dir und mir 

Vor den Betten, vor den Tischen, 

Menschentier, 

Nicht urschwer und voller Grauen 

Und der Zorn des Stolzen vor dem Lauen 

Und die Schmach des Schwachen und die Not 

Armer Armen, Tod im Feuchten, 

Tod im Heißen, und das Weiß und Rot 

Einer Liebe noch im Kronenleuchten 

Spiegelnder Salone, ist nicht jeder Schlag 

Unsrer Herzen aller: Kämpfe, Siege, 

Märsche, Wunden, Auf- und Niederstiege, 

Qualen, Fieber, Jubel, hell und dunkler Tag? 

Heiige Tiere, wie erscheint ihr groß und gut 
Traumhaft wandelnd durch den Nebel Menschenblut! 



i? 



267 



GEORG HEYM: DIE SEEFAHRER 

Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen, 
Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag, 
Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen 
Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag. 

Die zerf lackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen, 
Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut, 
Untergehend, schon fern. Wie ub&r sterbenden Herzen 
Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut. 

Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere» 
Unsere Hände brannten wie Kerzen an. 
Und wir sahen die Adern darin, und das schwere 
Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann. 

Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen 
Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus. 
Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen, 
In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus. 

Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange, 
Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum, 
Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesänge 
Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum. 



IWANGOLL: 

DER PANAMAKANAL 

I. 

Noch lagen die Jahrhunderte des Urwalds mitten zwischen 
den Meeren. Mit goldenen Zacken ausgeschnitten die Golfe 
und Buchten. Mit zähem Hammer zerschlug der Wasserfall 
die gestemmten Felsen. 

Die Bäume schwollen in den sinnlichen Mittag hinein. Sie 
hatten die roten Blumenflecken der Lust, Schierling schäumte 

s58 



und zischt© auf hohem) Stengel. Und die schlanken Lianen 
tanzten mit weitoffenem Haar. 

Wie grün© und blaue Laternen huschten die Papageien 
durch die Nacht des Gebüsehs. Tief im fetten Gestrüpp rodete 
das Nashorn. Tiger kam ihm bruderhaft entgegen vom Fluß- 
lauf. 

Feurig kreiste die Sonne am goldenen Himmel wie ein 
Karussell. Tausendfältig und ewig war das Leben. Und wo 
Tod zu faulen schien: neues Leben sproßte mit doppeltem 
Leuchten. 

Noch lag das alte Jahrhundert zwischen den Menschen der 
Erde. 



IL 

Da kamen die langen, langsamen Arbeitertrupps. Die Aus- 
wanderer und die Verbannten. Sie kamen mit Kampf und 
mit de{r Not. 

Mit keuchenden Qualen kamen die Menschen und schlugen 
die dröhnenden Glocken des Metalls. 

Sie hoben die Arme wie zum Fluch und rissen den Himmel 
zürnend um ihre nackten Schultern. 

Ihr Blut schwitzte in die Scholle. Wieviel magere Kinder, 
wieviel Nächte, angstvolle, wurden an solchem Tag vergeudet! 

Die Fäuste wie Fackeln aufgereckt. Zerschrieene Häupter. 
Aufgestemmte Rümpfe. Es war Arbeit. Es war Elend. Es 
war Haß. 

So wanden sich die Spanier einst am Marterpfahl. So 
krümmten sich die Neger einst in verschnürtem Kniefall. 

Das aber waren die modernen Arbeitertrupps. Das waren 
die heiligen, leidenden Proletarier. 

Sie hausten in Baracken und in Lattenhütten stumpf. Ge- 
ruch des Bratfischs und der Ekel des Branntweins schwälten. 
Die hölzernen Betten stießen sich an wie Särge im Friedhof. 

Am Sonntag sehnte sich eine Ziehharmonika nach Italien 
oder nach Kapland. Irgendein krankes Herz schluchzte sich 
aus für die tausend andern. 

Sie tanzten zusammen mit schwerem, schüchternem Fuß. 
Sie wollten die Erde streicheln, die morgen aufschreien mußte 
unter der Axt. Dann schlürften sie für fünf Gents Himbeereis. 

Und wieder kam das Taghundert der Arbeit. 



269 



III. 

In ein Siechbett verwandelten sie die Erde. Die roten Fieber 
schwollen aus den Schlüften. Und die Wolken der Moskitos 
wirbelten um die Sonne. 

Kein Baum mehr rauschte. Kein Blumenstern blühte mehr 
in dieser Lehmhölle. Kein Vogel schwang sich in den ver- 
lorenen Himmel. 

Alles war Schmerz. Alles war Schutt und Schwefel. Alles 
war Schrei und Schimpf. 

Die Hügel rissen sich die Brust auf im Dynamitkrampf. 
Aus den triefenden Schluchten heulten die Wölfe der Sirenen. 
Bagger und Kranen kratzten die Seen auf. 

Die Menschen starben in diesem unendlichen Friedhof. Sie 
starben überall an der gleichen Qual. 

Den Männern entfuhr der tolle Ruf nach Gott, und isie 
bäumten sich wie goldene Säulen auf. Den Weibern ent«* 
stürzten erbärmliche, bleiche Kinder, als ob sie die Erde strafen 
wollten mit soviel Elend. 

Von der ganzen Erde waren sie zum knechtischen Dienst 
gekommen. Alle die Träumer von goldenen Flüssen. Alle Ver-^ 
Zweifler am Hungerleben. 

Die Aufrechten und die Wahrhaftigen waren da, die noch 
an ein Mitleid des Schicksals glaubten. Und die dunklen Tölpel 
und die Verbrecher, die tief ins Unglück ihre Schmach ver- 
wühlten. 

Die Arbeit aber war nur Ausrede. Jener hatte zwanzig ver- 
bitterte Generationen an seinem Herzen zu rächen. Dieser hatte 
die Syphilismutter in seinem Blut zu erdrosseln« 

Sie alle schrien im Kampf mit der Erde. 



IV. 

Sie wußten aber nichts vom Panamakanal. Nichts von der 
unendlichen Verbrüderung. Nichts von dem großen Tor der 
Liebe. 

Sie wußten nichts von der Befreiung der Ozeane Und der 
Menschheit. Nichts vom strahlenden Aufruhr des Geistes. 

Jeder einzelne sah einen Sumpf austrocknen. Einen Wald 
hinbrennen. Einen See plötzlich aufkochen. Ein Gebirge zu 
Staub hinknien. 

2ÖO 



Aber wie sollte er an die Größe der Menschentat glauben! 
Er merkte nicht, wie die Wiege eines neuen Meers entstand. 

Eines Tages aber öffneten sich die Schleusen wie Flügel 
eines Engels. Da stöhnte die Erde nicht mehr. 

Sie lag mit offener Brust wie sonst die Mütter. Sie lag ge« 
fesselt in den Willen des Menschen. 

Auf der Wellentreppe des Ozeans stiegen die weißen Schiffe 
herab. Die tausend Bruderschiffe aus den tausend Häfen. 

Die mit singenden Segeln. Die mit rauchendem Schlot. Es 
zirpten die Wimpel wie gefangene Yögel. 

Ein neuer Urwald von Masten rauschte. Von Seilen Und 
Tauen schlang sich ein Netz Lianen. 

Im heiligen Kusse aber standen der Stille Ozean und der 
Atlantische Aufruhr. O Hochzeit des blonden Ostens und des 
westlichen Abendsterns. Friede, Friede war zwischen den Ge- 
schwistern. 

Da stand die Menschheit staunend am Mittelpunkt der Erde. 
Von den brodelnden Städten, von den verschütteten Wüsten, 
von den glühenden Gletschern stieg der Salut. 

Das Weltgeschwader rollte sich auf. Es spielten die blauen 
MatrosenkapeEen. Von allen Ländern wehten freudige Fahnen. 

Vergessen war die dumpfe Arbeit. Die Schippe des Prolet 
tariers verscharrt. Die Ziegelbaracken abgerissen. 

Über den schwarzen Arbeitertrupps schlugen die Wellen 
der Freiheit zusammen. Einen Tag lang waren auch sie 
Menschheit. 

Aber am nächsten schon drohte neue Not. Die Handels-* 
schiffe mit schwerem Korn und öl ließen ihre Armut am 
Ufer stehn. 

Am nächsten Tag war wieder Elend und Haß. Neue Chefs 
schrien zu neuer Arbeit an. Neue Sklaven verdammten ihr 
tiefes Schicksal. 

Am andern Tag rang die Menschheit mit der alten Erde 
wieder, 

KARL OTTEN: AN DIE BESIEGTEM 

Der blutige Schlamm der saugenden Gebirg© 
Ward euer Brot. Die Himmel klebten ihre 
Gifthäute vor das maskenheiße stiere 
Gesicht, stoßzuckend über Zahn und Backeneck. 

261 



An eure Sohlen kitzelte die Donnerfaust 

Der Distelspeer verlebter Sagen, Niedertracht 

Vergällter Kindertage schlug durchs Herz die Schlacht s 

Die schon an euren leeren Locken maust. 

Von Schuß zu Schuß umzingelt von Gendarmen 

Verhaftet von der Angstmegäre blutig tollem Griff 

Platzt euer Zwerchfell, das versammelt Schliff 

Mut Grazie der Waffen Väter Tugend ewigwarmen. 

Die Gräberhäuser eurer Brüder schlucken euch ein 
Helden des Geistes Krone Lilie Palmenheilige 
Ich küsse eure trotzig flatternden Hände 
Verheiße euch allen Ruhm alle Gnade alles Sein* 

All euer Leid: Euer Sturz von Grab zu Grab 

Nicht sterben können, trotz Feuerkuß, vermeidet 

Der Tod euch, Eis Schnee Eisen Cholera kleidet 

Euch ein wie Bräute des Herrn — an euch wird Mensch 

Der tolle Feind und alles Elend ist in ihm angekreidet! 

Gott zieht vor euch her, gen Himmel geht die Flucht 

In Tropfen singende Barmherzigkeit ■— 

Jeder Tropfen Blut! Jeder Schuß! Fluch! Sieg sei verleidet 

Verdorrt in seiner feigen Mörderhand, die bar 
Der Würde Gottes euch wie Wild ausweidet. 
Ihr Großen im Verlust! Ihr Helden: wer leidet 
Ist der Sieger! Im Schöße Abrahams wunderbar 
Seh ich euch eure guten Wunden pflegen 
Indes der Feind um Gnade bettelt und erzählt. 
Ihr Ungebrochenen, ihr Ungezählten, vermählt 
Den wilden Börsenschreien, Zeitungsgeifer — 

Euer herrlicher Sieg macht Gottes Herz erzittern! 
Legt ab die falsche Scham, tretet auf die Plätze! 
Im Licht der freien Güte wollen wir euch preisen 
Niemand wird wagen sein Hörn an euch zu wetzen — ~ 

Hier den besiegten Soldaten glutvoll meine Hand! 

Den Freunden des Todes 1 , wir bitten euch um Verzeihung! 

Vergebt uns, die ihr blaß von Leid, narbenentstellt 

Auf Krücken, Wägen, im Bett, blind und stumm uns flucht I 

262 



Ihr werft auf einen Damm mit euren Flüchen und Krücken 
Wir wollen ihn fortspülen mit Reue Güte und Gehet 
Wir wollen euch 1 pflegen, dienen bis dieser Haß verweht 
Bis wir uns erkennen und den, der im Wege steht. 
du besiegter Sieger, den Gottes Hand mit Feuer badete 
Weißer als Schnee, du Flammensohn 
Wir wollen warten bis uns vor Gottes Thron 
Gemeinsam, Hand in Hand, 

Als Brüdei, als Brüder, ja als Brüder Flammen der Liebe 
entzücken. 



ALFRED WOLFENSTEINs 

ANDANTE DER FREUNDSCHAFT 

Du bist es — ! Und ich schließe schon 
Wie gern das Buch, den geisterfeinen Ton, 
Mein Zimmer auch, das schwer durchrauchte, 
Von allzuviel Verkörperung gebauchte. 

Die Straße wiegt sich nun in unserm Gang© 
Wie eines Vogels enge Stange, 
Wenn ihn ein Menschenmund zum Singen bringt. 
Der Sternenhimmel wie entgittert winkt. 

Den Schritten öffnet endlos sich die Nacht, 

Zur Höhe endlos ragt der Häuser Macht, 

Die endlos tief in Bäume sinken, 

Die Blätter, gleich Gestirn und Fenster, blinken« 

Die Wiesen wölben sich, ein Himmel 
Der Erde, bunt ins Horizontgewimmel, 
Das Dunkel blüht und trägt, Sehn über Sehn! 
Und dennoch mit der Erde Füßen Gehn. 

Und es verstummt, was aus mir pochte: Welt, 
Eröffne dich! — O hier ists schon erhellt, 
Was sucht ich draußen irrer Leere zu: 
Die weitere Welt, o Freund, bist du! 



26$ 



So fahre, Äther, hin alleine, 
Venus und Mars und Jupiter sind Scheine, 
Hier kreist ein Stern nicht nach Gesetzen fest 9 
An dessen freies Reich sich fliegen läßtl 

Du Dunkel, das ich nie durchbrach: 

Hier kommt ein Nachtklang zu mir, den er sprach, 

Geheimnis regt in ihm die Lippen, sendet 

Die Hand den Brüdern, stirngeblendet. 

Stark zuckt der Strom hindurch ■— wir hören 
Die vielen, die in gleichen Ganges Chören 
Nun dasind und die schwere Erde weihn 
In ihre klaren Takte ein. 

Und unser Knie stellt pfeilerhaft 
Zahllose Dome vor uns auf, und rafft 
Sie weg. Denn wir sind luftiges Werden, 
Des großen Geistes Kolonie auf Erden. 

O daß er in das Chaos nicht nur Einen 
Pflanzte — wie fühlen wirs! Und Lachen, Weinen 
Nicht in die Wüste rieseln läßt 
Und unsern Ruf in Andrer Ohren faßt, 

Daß wieder darin ausgebreitet er 
Ströme weiter im Geist — Daß unser Mehr 
Kein Zufall ist, ein Tanz auf vollem Balle — 
Wie schlagens unsre Herzen alle! 

Von tiefem Schlage donnern unsre Brüste, 
Und unsrer Erde zweifelhaft Gerüste 
Zertanzen wie auf Gipfelspitzen wir, 
Ein jeder stark von sich und dir und dir. 

Doch über aller Freude Kraft! 
Wie zwischen Sternen sich der Himmel strafft, 
Wölbt Freundschaft Tat — wölbt über uns die Tat! 
Haucht immer neuem Stern den Pfad. 

So dehnt sich Welt, durch euch hindurch geführt — 
Entladet euren Raum der Geister, rührt 
Einander an — und Funke springt, springt weiter 
Aus euch hervor, ihr Gluthaupt tragenden Schreiter ! 

264 




Ludwig Meidner Alfred Wolfenstein 



KURT HEYNICKE: FREUNDSCHAFT* 

Freund, 

wenn du lächelst, 

lächelt mein Herz, 

und die Freude hebt ihre Fackel, 

unsere Straße ist ein lächelnder Tag ! 

O, daß wir DU sind einander, 

daß wir dieses Du 

tragen dürfen in jedes Herz — 

das ist, was uns eint. 

Wohl baut sich manchmal der Tempel Stille auf, 
und die Berge der Einsamkeit hüllen uns ein, 

°/ 

tief in sich ist jeder allein. 

Doch das Lächeln schlägt Bogen von mir zu dir, 

und die Türen sind weit zum Tempel der Seele. 

Heilig 

ist der Mensch! 

Knieen sollen wir einander vor dem Leid, 

erheben soll uns die Freude, 

wir schenken einander das Ich und das Du — 

ewig eint uns das Wort: 

MENSCH. 

Immer 

können wir glücklich sein, 



LUDWIG RUBINER: DIE ANKUNFT 

Ihr, die Ihr diese Zeilen nie hören werdet. Dürftige Mäd- 
chen, die in ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären, 

Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren. 
Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm stehen müssen, 
Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und Träumemt 
von Maschinengewehrschüssen, 

Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn Ihr 

dem Fremden ins Menschenauge seht, 
Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen 

schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht, 



267 



Ihr, die Ihr nichts wißt, mir daß Euer Leben das Letzte ist, 
Eure Tage sind hungrig und kalt : 

Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten derl 

Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst 

des Asphalt. 
Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer 

in Euer Bleichblut schien. 
Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus au$ 

der neuen gewölbten Erde Berlin. 
Ihr feinere Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter 

Bibliothektischen, 

Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick 

schwitzend witzelt in Sprachgemischen. 
Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr 

Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen 

Aasbarrikaden, 

Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden; 
Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind, 
Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche 
Frauen ohne Kind, 

Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den 
kommenden Krieg lehren : Japan- Amerika, 

Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche 
Mensch. Und das himmlische Licht ist nah. 

Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch! 
die Erde war ein wildes verdauendes Tier. 

Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber 
aus Seuche und Mord stiegt Ihr. 

Ihr söget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid 
Säulen von Blut und sternscheinendem Diamant. 

Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu 
die Erde aus Eurer Hand. 

Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt 'rück Euer 
riesiger Menschenrnund, 

268 



Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im 
Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund. 



Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. wenn Sie wüßten, 
wie wir geliebt werden! 

Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind 
Sternbrüder auf den himmlischen Erden. 

wir müssen den Mund auf tun und laut reden für alle Leute 

bis zum Morgen. 
Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder, 
Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder I 
Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder! 

Zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit! 
springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten am 
Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen! 

Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer 

runder Mund zum Licht! 
Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atem* 

schlag des Geistes in Sonnenstaub! 

Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten, 
schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört! 

O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem 
Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte! 

sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge wie 
Wolldocken bläst! 

Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeits^ 
losen, der unter den Brücken schläft, daß aus ihrem Mund! 
der himmlische Brand lächelnd quillt! 

Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wander«* 
dirne, sie dürfen nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund 
schrillt! 



Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf 
tun. O träumen Sie, wie Menschen Sie betrogen j Ihre Freunde 
verließen Sie scheeL 

269 



Traumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie 
den Krieg, das Bluten der Erde, den millionens timmigen Mord- 
befehl, 

Träumen Sie Ihre Angst; Ihr« Lippen schlössen sich eng, 
Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben an erschreckten 
Ziergesträuchen. 

Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im 
eisernen Keuchen! 

Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund 
in Kometen und Feuerbränd. 

Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie 
bauen das neue irdische Land. 

Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, 
wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß. 

O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr 
Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß. 

ALFRED WOLFENSTEIN: 

DIE FRIEDENSSTADT 

Die Nacht verdunkelt tiefer sich in Bäume, 
Der Boden schwankt wie Schädel voller Träume, 
Wir wandern langsam, wissen kaum, warum 
Wir aufgebrochen sind, und harren stumm. 

Wir haben paradiesisch lau gelebt, 
In Wäldern, Ebenen farblos eingeklebt, 
Aus weiter Landschaft blickte jeder stille, 
In ruhigen Körpern hauste klein der Wille. 

Durch kleine Teiche schwammen unsre Pläne, 
Gleichgültig leicht und einsam wie die Schwäne, 
Auf unsrer ahnungslosen Jugend lag 
Der Alten Zeit, der Ordnung glatter Tag. 

Kein Herz, kein Blick, kein Kampf ward in ihr groß, 
Aus Wurzeln stieg die Landschaft regungslos 
In einen Schein des Friedens, halb verdunkelt 
— Und plötzlich wie ein Schein von Größe funkelt 

270 



Von Ungeheuern unser Weg, und Brände 
Und Waffen drücken sich in unsre Hände, 
Zweischneidig, in die Seele drückend Wunden, 
Und wir, umtrommelt rings, gepreßt, gebunden, 

Stehn in der Erde ältestem Geschick, 
Im Krieg, — - ein Späherheer fängt unsern Blick, 
Wald wächst voll unnatürlicher Gewalten, 
Voll Mauern, die uns grau in Waffen halten: 

Mit kahlem Steingesicht, unnahbar böse, 

In seinen Händen gellendes Getöse, 

Den Stahl im Munde und im Herzen stumm 

Geht ein Gespenst durch Menschenreihen um. 

Es schlägt die Erde dröhnendes Zerstören, 
Und nirgends ist ein Herzschlag mehr zu hören, 
Wir stehen eingereiht ins Heer des Nichts 
Und werden ausgesandt zum Mord des Lichts. 

Doch plötzlich in dem allfeindseligen Land — 

Mit wem zusammentastet meine Hand? 

O — etwas mutigeres Weiterstrecken 

Und dich bei mir und mich bei dir Entdecken! 

Mensch bei dem Menschen — Und die Welt ist wieder! 

Gewalt erblaßt, Gewalt sinkt vor dir nieder, 

O Freund — ! Kaserne flieht um unser Haupt, 

Um Schönheit, die sich plötzlich gleicht und glaubt! 

Die Erde fällt, doch Geister sind noch da, 
Um sie zu halten! Komm und bleibe nah, 
In ihre Wüste werde eingetürmt 
Die Friedensburg, die keiner wieder stürmt» 

Aus Donner Spannung unsrer Hände bricht 
Die Stadt! voll Stirnen, Himmeln, Wucht und Licht, 
Der Kuß sich ewiglich umschlingender Straßen, 
Die Glücklichkeit an Hellem ohne Maßen. 

Die Sonne nimmt durch unsre Stadt den Flug! 

Und nie ist ein Verräter dunkel genug, 

Sich hinzuwühlen unter diesen Frieden, 

Kein Winkel wird hier Waffen heimlich schmieden. 

271 



Dring weiter, Strahl der Stadt, in alle Reiche, 
Wir speisen dich, wir tief im Geiste Gleiche, 
Aus endloser Berührung brennt ein Meer 
Hervor, zurück und heißer, höher her. 

Du Friede, Kampf der Stadt I du roter Stern, 
Mach über Krieg, Nacht, Kälte dich zum Herrn, 
Von uns verbunden tiefer uns verbünde, 
Geliebt und liebend leuchte und entzünde! 

WILHELM KLEMM: ERGRIFFENHEIT, 

Die Ausrufe des Erstaunens 
Wer lehrte sie dich, du kindliches Herz, 
Und die Schauer der Einsamkeitsstunden 
Wer säte sie in dich, irrende Seele? 

Wo du auch stehst, die Hälfte der Welt 

Liegt vor dir, die andre hinter dir, 

Und weil du flüchtig bist und begrenzt 

Deshalb kannst du das Unbegrenzte nicht fassen. 

Aber Körper, blitzend im Feuer der Gottähnlichkeit, 
Leuchten auf, Gatten und Brüder von dir! 
Jn deine Arme, Menschheit, geliebte, 
Blühende Wunderheimat des Unvergänglichen. 

WILHELM KLEMM: ERFÜLLUNG 

In der Seele geht es auf wie eine Sonne — 

Rosenrot und warm flutet das Blut, 

Leicht sind die Glieder. Von raschen Gefühlen durchströmt 

Aufblühen die fernen und die nahen Erinnerungen. 

Landschaften treiben vorüber und Menschengesichter, 

Die Geliebten erscheinen in Jugend und Schönheit getaucht. 

Tausend glitzernde Kammern öffnen sich — 

Nenne mir den Gedanken, auf den man nicht antworten kann ! 

Wir spüren den Schlüssel im Herzen, der die Welt öffnet, 
Wir kommen uns so nahe, wie sich nur Engel kommen 

können, 
Die sich erst in unendlicher Ferne küssen, 
Aber dann auf ewig zusammen wachsen. 

272 



RENE SGHICKELE: PFINGSTEN 

Die Engel unsrer Mütter 
sind auf die Straße gestiegen. 
Das Raufherz der Väter 
stiller schlägt. 
Feurige Zungen fliegen 
oder sind wie Kränze 
auf Stirnen gelegt. 

Gehör und Gesicht kennen keine Grenze, 
wir sprechen mit Mensch und Tier. 
iWas unser Blick trifft, antwortet: „Wir". 
Die Kiesel am Weg sind schallende Lieder, 
jeder Pulsschlag kommt von weither wieder, 
Blühendes strebt, von kleinen Flammen beschwingt. 

Die Fische schaukeln den Himmel auf ihren Flossen 

und sind von blitzenden Horizonten umringt, 

Sonne tanzt auf dem Rücken der Hunde. 

Jedes ist nach Gottes Gesicht in Licht gegossen 

und weiß es in dieser einzigen Stunde 

und erkennt Bruder und Schwester und singt. 



RENE SGHICKELE: ABSCHWUR 

Ich schwöre ab: 

Jegliche Gewalt, 

Jedweden Zwang, 

Und selbst den Zwang, 

Zu andern gut zu sein. 

Ich weiß: 

Ich zwänge nur den Zwang. 

Ich weiß: 

Das Schwert ist stärker, 

Als das Herz, 

Der Schlag dringt tiefer, 

Als die Hand, 

Gewalt regiert, 



18 



Was gut begann. 

Zum Bösen« 

Wie ich die Welt will, 

Muß ich selber erst 

Und ganz und ohne Schwere werden* 

Ich muß ein Lichtstrahl werden s 

Ein klares Wasser 

Und die reinste Hand, 

Zu Gruß und Hilfe dargeboten« 

Stern am Abend prüft den Tag, 

Nacht wiegt mütterlich den Tag« 

Stern am Morgen dankt der Nacht, 

Tag strahlte 

Tag um Tag 

Sucht Strahl um Strahl, 

Strahl an Strahl 

Wird Licht, 

Ein helles Wasser strebt zum andern, 

Weithin verzweigte Hände 

Schaffen still den Bund. 



FRANZ WERFEL: DAS MASS DER DINGE 

Alles ist, wenn du liebst! 

Dein Freund wird Sokrates, wenn du's ihm gibst. 
Herz, Herz, wie bist du schöpferisch! 
Du schwebst! Die Erde wird himmlisch. 
Einst kamst du, ein Kind, zu grünem Waldweiher. 
. Sahst schaudernd den geheimnisvollen Algen-Schleier. 
Du streichtelst der Weidenkatzen tierisch-süßen Samt 
Wie tiefsinns-selig bebte deine Knabenhand! 
In deinem Aufschwung, Mensch, wird alles groß! 
In deinem Abschwung alles hoffnungslos! 
Und nur dm Seele, die sich liebend selbst vergaß, 
Ist aller Dinge Maß und Übermaß. 



27/5 



ERNST STADLER: FORM IST mOLLUST. 

Form und Riegel mußten erst zerspringen, 

Welt durch aufgeschlossne Röhren dringen: 

Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen, 

Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen. 

Form will mich verschnüren und verengen, 

Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen — 

Form ist klare Härte ohn Erbarmen, 

Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen, 

Und in grenzenlosem Michverschenken 

Will mich Leben mit Erfüllung tränken. 



THEODOR DÄUBLER: 
DER STUMME FREUND 

Vermenschter Stern, mit allen deinen Fluten 

Verlangst und bangst du blaß hinan zum Mond. 

Wir können bloß die Mondsehnsucht vermuten 

Und wissen wohl, kein Mondgespenst hat uns verschont. 

Begebnisse, die nie ein Wunsch ersann, 

Entwallen deinen Tiefen, die auf uns beruhten, 

Und schmeicheln sich zum leichten Mond hinan. 

Geschlechter fangen an, sich leiblich einzubluten, 

Und streben schon zum Stern, der mit dem Tod begann. 

Wir träumen uns hinweg nach einem Heime, 

Wo unser Aufgang starr und frostig sei. 

Im ange träumten Schlummerebbungsschleime 

Erscheint des Sterbens Silberstickerei; 

Der Mond verstreut die bleichen Todeskeime : 

Sein Mitleid keimt bereits in jedem Ei. 

Vermenschter Stern, zu deinem freundlichen Genossen 
Will unvermutet auch das frohste Sonnenkind. 
Was überraschend rasch am Tag ersprossen, 
Bleibt innerlich doch mild und mondhaft lind. 

Dem Monde ist ein Wort vor seinem Tod entflössen, 
Das alle hörten, dessen niemand sich besinnt. 
Empor zum Mond! Nun ist sein Mund verschlossen. 
Zum Silbermond, dem keine Silbe mehr entrinnt. 



2 7 



K 



JOXL R. BECHER: DIE INSEL DER VERZWEIFLUNG 

: — Wie sehne ich mich Fels-Geschwür nach Meer, 
Darin ich untertauchend mich versenke. 
Auf meinem Rücken bluten Völker schwer» 
Die Enziantiefen aber lieb ich sehr : 
Paläste zaubrischer Korallgeschenke. 

Daß ich, gelöst vom Grund, ein Schiff mich aufwärtsschwenke, 
Der Äther erzene Stürme durch . . . o immer näher 1 
Schon blüht mein Fleisch. Es tönen die Gelenke. 
Gestirne schweben Engel um mich her. — 
Ich darf mich leicht im ewigen Tanze drehen. 

Des Mundes Schwefelrauch entquoll zur Fahne, 
Die sich verbreiternd — welche Süßei — weht!!! 
Die Stirngemäuer blitzen Licht-Altane. 
Der Augen Trichter reinster Heimat-See. 

Ich ward gerissen fort zum Strom der Gnade, 

Da Tier lobt Mensch. Und Mensch an Mensch verglüht. 

In meinem Glanz die Kreaturen baden. 

Brüder alle heißen sie...!!! 



IWAN GOLL: WASSERSTURZ 

Wasser und Mensch, 

Ihr seid die ewige Bewegung I 

Ihr seid der Trieb von allen Trieben: ihr seid der Geist! 

Da steht kein Felsen starr und keine Gottheit hoch: 

Vor eurem Strahl zersplittern die Blöcke Granit, 

Vor eurer Stimme birst das Schweigen des Todes. 

Wasserfall, du Perlentänzer, 

Aus deinem steilen, einzigen Wasserstamm 

Blühst du Millionen Wasserzweige an die Erde! 

Der giftigen Nessel am Straßengraben gibst du dich hin, 

Du treibst den grünen Springbrunnen der Palmen empor; 

Vergißmeinnicht fröstelt in deinem Tau, 

Und der fette Ölbaum saugt dich mit kupfernen Pumpen auf. 

Du bist der unendliche Geliebte der Erde! 



276 



So will ich, dein unsterblicher Geliebter, 

Über die Menschheit strömen und überströmen* 

Hinunter, hinunter aus der Einsamkeit 

Schäumend von Liebe niederschmelzen, 

(An den Gipfeln ermaß ich die Tiefe der Täler)^ 

Zurück zur Menschheit will ich mich ergießen, 

Zu den dunklen Schluchten der Besiegten und Geknechteten, 

Zu den grauen Wüsten der Streber und Unfruchtbaren, 

Zu den endlosen Ebenen der Armen und der Tölpel, 

Zu den rauchigen Häfen der Vertriebenen und Gezwungenen-— 

Hinab, hinab, dem ewigen Trieb muß ich gehorchen, 

Wer sich verschenkt, bereichert sich am meisten. 

Ich will mit sprudelndem Mund und lachenden Augen 

Die große Liebe dieser Nacht vergeuden, 

Mich geben und geben, da ich weiß : 

Unversiegbar sind die Gletscher der Erde, 

Unversiegbar sind die Quellen des Herzens I 

THEODOR DÄUBLER: 

ES SIND DIE SONNEN UND PLANETEN 

Es sind die Sonnen und Planeten, alle, 

Die hehren Lebensspender in der Welt, 

Die Liebeslichter in der Tempelhalle 

Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt. 

Nur Liebe sind sie, tief zur Rast gedichtet, 

Jhr Lichtruf ist urmächtig angespannt, 

Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet: 

Was er erreicht, ist an den Tag gebannt I 

Ein Liebesband hält die Natur verkettet; 

Die Ätherschwelle wie der Feuerstern, 

Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet, 

Ersehnt in sich den gleichen Ruhekern. 

Durch Sonnenliebe wird die Nacht gelichtet, 

Durch Glut und Glück belebt sich der Planet, 

Die Starre wird durch einen Brand vernichtet, 

Vom Meer ein Liebeswind verweht. 

Wo sich die Eigenkraft ab Stern entzündet, 

Wird Leben auch sofort entflammt, 

Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet, 

So weiß das Leid, daß es dem Glück entstammt. 

277 



So muß die Erde uns mit Lust gebären, 
Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt, 
Können doch Sterne uns vom Grund belehren 
Und sagen, daß kein Liebesband zerreißt. 

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben, 
Es ängstigt uns das Alter und der Tod, 
Drum wollen wir an einen Anfang glauben 
Und schwören auf ein ewiges Urgebot. 

Doch ist die Ruhe bloß ihr Ruheleben, 
Nichts ist verschieden, was sich anders zeigt; 
Und vollerfüllt ist selbst der Geister Beben, 
Ja, alles die Natur, die sprechend schweigt! 

Beständigkeit ist der Gewinn der Starre, 
Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwut, 
Und bloß der Geist ist da, daß er beharre, 
Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht. 

Es sucht die Welt zwar immerfort zu dauern 
Und sie umrundet drum den eignen Kern, 
Sie kann zum Schutz sich selber rings umkauern, 
Doch ist ihr Wunsch nicht ewig, sondern fern., 

Es mag die Welt das Weiteste verbinden, 
Der Geist jedoch, der aus sich selber drängt, 
Kann solche Riesenkreise um sich winden, 
Daß überall sein Wirken sich verschenkt. 

So sind die Welten immerfort entstanden, 
Doch da isich Ewiges jedem Ziel entreißt, 
Entlösten Sterne sich von Sternesbanden. 
Was die Unendlichkeit im Sein beweist! 

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen, 
Bloß Liebe ohne Zweck und ohne Ziel, 
Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen, 
Und jung, zu jung, bleibt drum ihr ewiges Spiel. 

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen, 
So hätte Eine Welt sich ausgebaut, 
Und traumlos würden Geister heller Schollen, 
Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut. 



278 



RUDOLF LEONHARD: ABENDLIED 

Als Abend schon vom Licht erschütterte Straßen wärmte, 
sagte die Frau — fast sang sie — die ohne mich anzustreifen 

neben mir ging: 
„Nun schließen sich alle Leben in einen Ring, 
dessen Mitte und Sinn 
ich bin. 

Mir sind Gesichter aller Kommenden hingegeben, 
und sieh doch, daß sie, glühende und verhärmte, 
sich alle abendlich neu beleben! 

Hier hinter diesen Scheiben wird lachend genossen. 

Hier wurde Blut, dort werden Tränen vergossen. 

Der drüben ist morgen bankerott, 

der andre — siehst Du ihn — lächelt und jspricht mit dem 

lieben Gott. 
Die beiden werden ihr Fleisch in Küssen erweichen und 

schmelzen 
und tierisch wie auf dichten Pelzen übereinanderwälzen. 
O fühle, wie wir alle auf harten Thronen 
zwischen der Kneipe und unsern starrenden Kirchen wohnen! 

Sieh diesen Briefträger an. Glaube, er wird noch viele Treppen 

ersteigen, 
an den Spalten wartenden Männern und Mädchen von weitem 

nicken, 
alle blind austeilend mit Freude und Qual beschicken, 
unwissend weiter steigen 
und schweigen. 

Mit elastischen Schenkeln und Knien und gewöhntem Blicke 
vier, fünf Treppen hoch in die Himmel der Menschengeschicke ! 

Die blanken Pfützen zwischen den Steinen beglücken mich, 

die alle Lampen zu schwankenden Sträußen pflücken, 

die Pappeln um den Brunnen entzücken mich, 

die ihre magern Zweige zusammenrücken; 

und diese schmutzigen, weinenden Kinder bedrücken mich. 

Alle Taten, die mit dem Tage entwichen, 

hat der Abend in meine hoch getragne Stirn gestrichen. 

279 



Oh!, dennoch den Kopf leicht hinein in den warmen Abend 

heben, 
und über die Betäubungen in den Bars und Tanzlokalen, 
über Dich und meine eigenen Qualen 
hinweg um Dächer und Fenster schweben — " 
Ich wollte zart und bittend ihre geliebte Schläfe beschauen ; 
es stand eine steile Falte zwischen ihren verdunkelten Brauen. 



WALTER HASENCLEVER: GEDICHTE 

Wenn der Tod 
Die Musik verschlingt: 
Werden wir uns erkennen? 
Lebst Du 

Im Zimmer, wo Männer stehn? 
Aus dem Meer steigt die Insel, 
Ein Leben, das uns gegolten hat. 
Vögel fliegen auf. 
Weine nicht I 
* 

Mond. 

Gazellen rufen; 

Die Öde der Täler, bedeckt von Schnee. 

Sieh, ich wandle, 

Ein Mensch der Liebe. 

Ein Herz voll Hoffnung 

Hat mich erreicht. 

•k 

Wo bist Du? 
Ein Stern fällt. 
Dein Gesicht! 
Du bist da! 

•k 

Wenn Du den Becher leerst, 

Wo jenseits 

Weiße Schwalben trinken: 

Vergiß nicht die Träne, 

Den Kuß, den Du träumtest, 

Am Himmel der Toten. 

Du bist geliebt! 

280 



WALTER HASENCLEVER: 
AUF DEN TOD EINER FRAU 

Wenn Du Dich 1 neigst am Saum des Himmel.% 

Sommerentlaubt : 

Wir bleiben zurück, 

Wir öffnen die Augen, 

Wir sehen Dein ewige® Bild; 

Nun weißt Du alles, 

Träne und Hoffnung, 

Die Welt des Leides, die Welt des Glücks. 

Erlöste Seele, geliebte Seele, 

Schwester unser, 

Die Heimat ist da! 



ELSE LASKER-SCHÜLER: GEBET 
(Meinem teuren Halbbruder, dem blauen Reiter) 

Ich suche allerlanden eine Stadt, 
Die einen Engel vor der Pforte hat. 
Ich trage seinen großen Flügel 
Gebrochen schwer am Schulterblatt 
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel. 

Und wandle immer in die Nacht . . „ 
Ich habe Liebe in die Welt gebracht, —- 
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag, 
Und hab ein Leben müde mich gewacht, 
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag. 

O Gott, schließ um mich 1 deinen Mantel fest; 
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest, 
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt, 
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt 
Und sich ©in neuer Erdball um mich schließt. 



a8r 



FRANZ WERFEL: VENI CREATOR SPIRITUS 

Komm, heiliger Geist, Du schöpferisch! 
Den Marmor unsrer Form zerbrich! 
Daß nicht mehr Mauer krank und hart 
Den Brunnen dieser Welt umstarrt, 
Daß wir gemeinsam und nach oben 
Wie Flammen ineinander toben 1 

Tauch auf aus unsern Flächen wund, 
Delphin von aller Wesen Grund, 
Alt allgemein und heiliger Fisch ! 
Komm, reiner Geist, Du schöpferisch. 
Nach dem wir ewig uns entfalten, 
Kristallgesetz der Weltgestalten! 

Wie sind wir alle Fremde doch! 
Wie unterm letzten Hemde noch 
Die Schattengreise im Spital 
Sich hassen bis zum letztenmal, 
Und jeder, eh* er ostwärts mündet, 
Allein sein Abendlicht entzündet. 

So sind wir eitel eingespannt, 
Und hocken bös an unserm Rand, 
Und morden uns an jedem Tisch. 
Komm, heiliger Geist, Du schöpferisch, 
Aus uns empor mit tausend Flügen 1 
Zerbrich das Eis in unsern Zügen! 

Daß tränenhaft und gut und gut 

Aufsiede die entzückte Flut, 

Daß nicht mehr fern und unerreicht 

Ein Wesen um das andre schleicht, 

Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren, 

Und in uns selbst Dein Attribut erfahren! 

Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt, 
Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält, 
Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt 
Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt, 
Daß alle wir in Küssens Überflüssen 
Nur Deine reine heilige Lippe küssen! 



282 




Ludwig Meidner 



Franz Werfel 



THEODOR DÄUBLER: 
DER MENSCH IST EINE WELKE KLETTE 

Der Mensch ist eine welke Klette: 
Schmarotzerrot keucht der Kaukasier hin 
Und haut sich emsig gelb violette Städte. 

Doch geht sein Wille über seinen Sinn! 
Der Erdermüdung weiße Friedensschwingen 
Sind schon im Leben unser Lichtgewinn. 

Die Arbeit muß den warmen Leib bezwingen. 
In der Erschlaffung Armen ruhn wir aus: 
Im Traume kann der erste Flug gelingen! 

Die Seele baut sich hier ein Glastwaldhaus, 

Ihr blasses, unberührtes Sehnsuchtseden: 

Wenn schrecklich auch, doch fern vom Erdgebraus! 

Entleibt, bemerkt der Geist des Traumes Schäden 
Und führt dann Kampf um Christi Licht, 
Denn Erdgespenster muß er noch befehden! 

Im Wollustwahnsinn suchst du kein Gericht. 
Gereinigt wirst du selbst vor Christum treten, 
Denn Gnade strahlt in jede Zuversicht. 

Die Menschen, die am Werktag lichtwärts beten, 
Sehn hoch im Sonnenrot ihr Weltsymbol, 
Den Sieg über die Angst der Nachtplaneten. 

Der Tod ist nur die Furcht vor unserm Wohl, 
Das Fleisch hat Angst sich ewig wahrzunehmen, 
Doch holde Hoffnung überstrahlt den Pol. 

Das Urfeuer will sich des Endes schämen 
Und wirkt als Ewigkeit, die sich erweist. 
Tief überwunden sind des Zweifels Schemen: 



Die Welt versöhnt und übertönt der Geist! 



285 



KURT HEYNICKE: GESANG 

In mir ist blauer Himmel; 

ich trage die Erde, 

trage die Liebe, 

mich 

und die Freude« 

Sonne kniet vor mir, 

aufsteigt das Korn, 

ewiger Born fließt über die Lenden der Erde. 

'"Werde ! 

Aufjubelnde Seele des All! 

Ich bin ein Mensch im Arme des ewigen Werdens ^ 

Geheimnis ist selig erschlossen, 

ich bin in mich selber hell ausgegossen, 

mit blauem Riesenfittich schweb' ich gen Sonne! 

Stürzt die Ferne in meine Seele, 

singt süßer Sang in mir, 

ich fühle, 

endelos, 

daß ich nicht einsam bin . . . 

So nahe du bist, 

Bruder Mensch, 

die Ferne, die den Bogen um uns schlägt, 

eint unsern Traum, 

wenn das Angesicht Gottes sich über uns wölbt 

und donnernd der Raum unser ex Gedanken 

über die gleichen Gebete unserer Freundschaf t stürzt. . . 

Eine 

Sehnsucht ist der Kreis unserer Hände! 

O, laßt uns lächeln über den Tälern der Menschen — 

wie die Seele des Monds, 

die silbern träumt . . . 

FRANZ WERFEL: EIN GEISTLICHES LIED 

Wir drehen uns vorüber 

An einem Lämpchen, einem Mann» 



Uns reißt etwas hinüber, 

Und letzte Sehnsucht faßt uns an, 



286 



Wir werden nie uns haben, 

Denn Formsein packt uns herrisch ein. 

Und sind wir einst begraben, 

Wird Staub dem Staub noch feindlich sein. 

Am Gitter der Slowake 

Spuckt aus und wischt sich seinen Mund«, 

Ein andrer hebt die Hacke, 

Und näher schwebt ein brauner Hund«, 

Wenn sie vor üb er spülen, 

Bestürzt uns Lieb' zu Fleisch und Stein, 

Doch wie wir Körper fühlen, 

Muß Ekel unsre Antwort sein. 

Verheißung letzter Treue 
Ist unserer Augen Bruderlicht, 
Aus dem die Winterbläue 
Der ungedämmten Himmel bricht. 
Daß wir dereinst uns finden 
In den Gefühlen ohne Sprung, 
Durch uns in uns verschwinden, 

Und Schwung sind, nichts als Schwung und Lieb' und jagende 
Begeisterung» 



FRANZ WERFEL: DIE LEIDENSCHAFTLICHEN 

WLßin Gott, es werden sein zu deiner Rechten 

Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten! 

Nein alle, die in dreizehn Dezembernächten 

Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich rächten 

Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten, 

Die Eifersüchtigen all, die ihr Blut stauten, 

In Droschken weinten, in Sälen sich erfrechten! 

Die durchgefallnen tiefen Atmer, 

Sänger, die mit bezechten 

Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen, 

Sie werden sein zu dir emporgerissen, 

Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten l 



287 



Es werden wandeln in deinen Gärten 
Nicht nur die Demütigen und Beschwerten, 
Nein alle, die leuchteten und verehrten I 
Mädchens die in Konzerten erkrankten, 
Weil ihre Wangen zu bleich sich verklärten. 
Blicke aus Augen, die dankten — 
Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten 
Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben, 
Werden sie lodern weiter und loben, 
Leichte Feuer wandelnd in deinen Gärten! 

Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen 

Nicht die allein, die deinen Namen riefen, 

Nein alle, die in den Nächten nicht schliefen! 

Die am Morgen ihr Herz mit beiden Händen häuften 

Wie Flamme, und liefen 

Tiefatmend, blind, in unbekannten Lauften. 

Ein Küsten- Wind zuckt in Selbstmörderbriefen. 

Die Knaben haben Meere nicht verstanden, 

So brannten sie sich ab in Hieroglyphen. 

Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen 

Eisernen Kreuzen der Konfirmanden. 

Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden — 

Die hier unruheten aus deinen Tiefen, 

Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen. 



PAUL ZECH: DAS IST DIE STUNDE 

L 

Du kniest, Du betest vor — : wie dieser Gott 
sich überreden läßt trotz tausend Lügen 
und weichgewordner Päpste Spott. 

Es sammelt sich Dein Wort in Zügen, 

es zweigt der Strom sich siebenfach im Raum; 

die Jungfrauen tragen wieder öl in Krügen. 

Schallmeien schallen lockend Zimbelschaum 
und Engelscharen blau auf goldnem Grunde. 
Ich küß von Deinem Kleid den Saum 

und eine Taube schwebt und spricht: Das ist die Stunde! 

288 



IL 

Das ist die Stunde: Heimat überall 
und noch in der Geliebten Sakrament. 
Nie wieder wird ein Sündenfall 

die Erde fluchen, bis sie brennt. 
Das Du in mir, das Ich in Dir 
lebt ungetrennt 

fortzeugend noch, bis wir 
vorwärts in heiligen Scharen 
gemündet sind als Waldung oder Tier, 

und wiederkehren nach Millionen Jahren. 



WILHELM KLEMM: EINHEIT 

Laß fallen, was fällt. 
Auch die Vernichtung ist göttlich, 
Auch der Irrtum und die Sünde, 
Auch Frevel und Unglück. 

Ist in dir der Trieb zum Guten, 
Laß ihn mächtig treiben. 
Das Trübe verzehrt sich von selbst. 
Aber mindere es nach Kräften. 

Geht der Tag zur Rüste, 

Wie viele harren im Schoß der Zeit! 

Wird dir die Erde eng, 

Wie weit sind die Himmel! 

Um die Winzigkeit des Daseins 
Wölben sich ewige Schalen, 
Sie sind unermeßlich. 
Sollten sie dir nicht genügen? 

Du darfst frei sein. Lerne also 
Von den Elementen, die dich tragen. 
Du bist auch nur eine Bewegung, 
Aber der Friede ist dir gewiß. 



'9 



289 



GEORG TRAKL: GESANG DES ABGESCHIEDENEN 
An Karl Borromäus Heinrich 

Voll Harmonien ist der Flug der Vögel. Es haben die grünen 

Wälder 
Am Abend sich zu stilleren Hütten versammelt; 
Die kristallenen Weiden des Rehs. 
Dunkles besänftigt das Plätschern des Bachs, die feuchten 

Schatten 

Und die Blumen des Sommers, die schön im Winde läuten. 
Schon dämmert die Stirne dem sinnenden Menschen. 
Und es leuchtet ein Lämpchen, das Gute, in seinem Herzen 
Und der Frieden des Mahls; denn geheiligt ist Brot und Wein 
Von Gottes Händen, und es schaut aus nächtigen Augen 
Stille dich der Bruder an, daß er ruhe von dorniger Wander- 
schaft. 

das Wohnen in der beseelten Bläue der Nacht. 



WALTER HASENCLEVERi 

DU GEIST, DER MICH VERLIESS 

Du Geist, der mich verließ, den ich gewinne, 
Der tausendfältig meines Werkes harrt: 
Erkämpf mich bis zum letzten meiner Sinne, 
Auf einem andern Stern beginn, o Fahrt I 
Ich bin von neuem in die Welt geboren, 
Die meinem Leid und meinen Freuden quillt* 
Was ich besaß, das hab ich nicht verloren, 
Nur größer und nur klarer ward mein Bild. 
Ich sah den Bruder, wenn ich die Erscheinung 
Des eignen Herzens mich verklären sah; 
Doch bin ich mehr als Sehnsucht und Beweinung: 
Ich bin Verheißung! Ich bin ewig dal 

KURT HEYNICKE: PSALM 

Meine Seele ist ein stiller Garten, 

ich weine, 

umschlossen von den Mauern meines Leibes, 

gelb sitzt die Welt vor meiner Seele Tür. 

290 



Meine Seele ist ein Garten, 
eine Nachtigall meine Sehnsucht, 
Liebeslieder singt die junge Nachtigall, 
und mein Herz sehnt sich nach Gott. 

Gott ist ein Name, 

namenlos ist meine Sehnsucht, 

sie hat ein Kind geboren, 

Willen, 

jung 

und von Gewalt durchbrausten Willen, 

hin zu ihm, 

Ein Garten ist meine Seele» 

Ich knie nicht im Garten. 

Weit breiten meine Arme in den weiten Teppich blauer Nächte, 

ich fliege, 

namenloses Weltgesicht, 

ich bin dein Bruder, 

geboren aus Sternennebeln an erstem Tag. 

Mein Willen blüht einen Altar aus Mai und junger Sonne, 

vieltausend Blüten flammen auf, 

und meine Sehnsucht flattert singend hin zu deinem Munde, 

Gott, 

oder Mutterschoß, 

Herz meines Bruders im Weltall, 

ich weine, 

denn kein Gedanke schickt einen Namen, 

ich singe 

meiner Sehnsucht Psalm, 

gewiegt von der Harfe unendlicher Liebe. 

FRANZ WERFEL: EIN LEBENS-LIED 
Feindschaft ist unzulänglich. 
Der Wille und die Taten, 
Ein erdbewußtes Leben 
In sich, was sind sie, Welt? 
Es schwebt in jedem Schicksal, 
Im Schritt der Lust und Schmerzen, 
Im Morden und Umarmen, 
Anmut des Menschlichen! 

291 



Nur das ist unvergänglich! 
Sahst du die wilden Augen 
Buckliger Bauernmädchen ? 
Sahst du, wie sie sich langsam 
Weltdamenhaft verschleiern, 
Sahst du in ihnen blinken, 
Das Grün von Festestraden, 
Musik und Lampennacht? 

Sahst du den Bart von Kranken, 
/Ihr Wolken über Pappeln/ 
Wie er an Gott erinnert, 
Getaucht in einen Sturm? 
Sahst du die große Güte 
Im Sterben eines Kindes? 
Wie uns der holde Körper 
Mit Zärtlichkeit entglitt? 

Sahst du das Traurigwerden 
Von Mädchen an, am Abend? 
Wie sie die Küchen ordnen 
Und fern, wie Heilige sind. 
Sahst du die schönen Hände 
Durchfurchter Nachtgendarme, 
Wenn sie den Hund liebkosen 
Mit grobem Liebeswort? 

Wer handelnd sich empörte, 

Bedenke doch!! Unsagbar 

Mit Reden und Gestalten 

Sind wir uns fern und nah! 

Daß wir hier stehn und sitzen, 

Wer kann's beklommen fassen?! 

Doch über allen Worten 

Verkünd' ich, Mensch, wir s i n d 1 ! 



292 



NACHKLANG 

Dies Buch, im Herbst 19 19 zusammengefügt, fand rasch die 
Anteilnahme der Zeit, deren Ausgeburt es darstellt. Schnell 
mußten die Auflagen aufeinander folgen . . . , und jetzt, fast 
drei Jahre später, im Frühling 1922, da es gilt, das zwan- 
zigste Tausend der „Menschheitsdämmerung" vorzubereiten, 
erhebt sich die Frage, ob ich das Werk umarbeiten soll: Ver- 
modertes herausstoßen, Später-Entstandenes einkomponieren, 
neue Motive erklingen machen, andere Gruppierung, anderen 
Aufbau anstreben. 

Ich entschloß mich, das Werk unverändert zu lassen. Nicht 
nur, weil die Beurteiler aller Gesinnungen und Richtungen 
äußerten, daß der Hauptwert dieses Buches in seiner Einheit- 
lichkeit, in seiner symphonischen Wirkung bestünde; nicht 
nur, weil man — - was beabsichtigt war — fühlte, daß hier ein 
geschlossenes Dokument für das aufgewühlte Gefühl und die 
dichterische Ausdrucksform einer zeitgenössischen Generation 
vorlag. Sondern, unsere Zeit und Dichtung kritisch betrach- 
tend, muß ich einsehen, daß die „Menschheitsdämmerung" 
nicht nur ein geschlossenes, sondern ein abgeschlossenes, ab- 
schließendes Dokument dieser Epoche ist. Klar herausgesagt: 
es ist nach Abschluß dieser lyrischen Symphonie nichts ge- 
dichtet worden, was zwingenderweise noch in sie hätte ein- 
gefügt werden müssen. 

Wer, abstreifend den revolutionären Furor, offenäugig in 
die Gegenwart blickt, weiß, daß diese Jahre bedeutsamer sind 
im Zusammenbruch des Alten als im Erwachsen des Neuen, 
gleichviel ob wir von den Geschehnissen im Politischen, im 
Gemeinschaftsleben, im Wirtschaftlichen oder in der Kunst 
sprechen. Freilich: es geschieht viel . . . , aber was geschieht, 
sind nur die Auf lösungsvorgänge der langsam, aber unaufhalt- 
sam zusammenstürzenden Vergangenheit Europas. Was uns als 
neu und verwirrend gilt, sind stets nur die konzentriert und 
übersteigert sich zu Tode hastenden Elemente des Alten. Die 
Fundamente der wirklichen Zukunft sind noch nicht ersichtlich. 

Das gilt auch im Bezirk der Kunst. Was hier so neuartig 
und trächtig schien, waren im wesentlichen Zerstörungs- 
formen des Alten, vom gestaltauflösenden Kubismus der 
Malerei bis zur ekstatischen Ein -Wort-Lyrik. Mochten die 
Künstler selbst fühlen, daß ihr Werk mehr oppositionell als 
schöpferisch war, oder geschah es, daß ihre Kraft nicht aus- 

293 



reichte, Reifes, Zukunftswertiges zu schaffen, — es ist bereits 
zehn Jahre nach dem gewaltigen und gewaltsamen Aufbruch 
dieser Jugend eine allgemeine Stagnation in den Gefilden der 
Kunst festzustellen. 

Von den dreiundzwanzig Dichtern dieses Buches sind sieben 
nicht mehr unter den Lebenden. Die anderen haben in den 
letzten Jahren entweder überhaupt nichts Wesentliches mehr 
geschaffen, oder jedenfalls nichts, was über das bisher Ge- 
leistete als neu oder qualitativ besser emporragt. Sie wieder- 
holen sich oder tasten qualvoll weiter. Selbst wenn man, nüch- 
tern-sachlich gesprochen, die unheilvollen Zustände in Betracht 
zieht, die dem Dichter und dem Verleger die Produktion un- 
endlich erschweren, muß man den Mut haben, zu sagen, daß 
die junge Dichtung unserer Zeit fruchtlos und unfruchtbar 
zu werden droht» 

Was von der kleinen Schar dieses Buches zu sagen ist, das 
gilt in verstärktem Maße von der großen Menge der mit- 
lebenden Dichter. Viele sind gestorben . . ., viele sind im bür- 
gerlichen Leben verschollen, aufgesaugt vom praktischen Beruf 
oder skeptischen Müßiggang . . . , und die Unzahl der anderen 
begnügt sich damit — bald blasser, bald überreizter — , das 
zum tausendsten Mal zu stöhnen, zu stammeln, zu schreien, 
was die Führenden bereits im zweiten Jahrzehnt dieses Jahr- 
hunderts in ihren Büchern niedergelegt haben. Schon muß 
ich mit Bewußtsein feierlich sagen „niedergelegt haben", denn 
schneller als jede andere Generation ist diese in die Literatur- 
geschichte eingegangen, ist historisch geworden; zum Para- 
digma, zum Schema sind für die Nachfolgenden ihre Ge- 
dichte erstarrt. 

Frühzeitig erstarb die Dichtung dieser Jugend, denn weder 
die voranschreitenden noch die nachrückenden Dichter ver- 
mochten dies Werk weiterzuführen. Es scheint, für Deutsch- 
land ein geistiges Gesetz zu sein, daß jede künstlerische Be- 
wegung alsbald eine Reaktionsbewegung wachruft, denn schon 
beginnen Bestrebungen zu triumphieren, die klassischen und 
romantischen Vorbildern folgen. Manchem Leser wird dies 
Buch, dessen Dichtung als Fanfare und Fanal gewollt war 
und für kurze Zeit auch so wirken konnte, bereits als ein 
Herbarium erscheinen. Es ist wahr: manches ist für immer 
tot . . ., manches zündet nicht mehr . . ., manches ist Übergang 
und Wirrsal . . ., einiges jedoch ist so vollendet und schön, wie 

2g4 



es nur einmal gedichtet werden kann . . ., manches Gute ist 
schon in die Lesebücher übergegangen. Alles aber ist Zeugnis 
für die Glut einer inneren und äußeren Bewegung, die fast 
gänzlich wieder erloschen ist. Die Glut dieser Generation hatte 
sich aus Opposition gegen das Gewesene, Verwesende ent- 
zündet und konnte für Augenblicke in die Zukunft leuchten, 
aber nicht die Menschheit zur großen Tat oder zum großen 
Gefühl entflammen. 

So ist, nochmals sei es gesagt, dies Buch, mehr als ich beim 
Zusammenfügen ahnen konnte, ein abschließendes Werk ge- 
worden, — und deshalb soll es bleiben, wie es damals war: 
ein Zeugnis von tiefstem Leid und tiefstem Glück einer Gene- 
ration, die fanatisch glaubte und glauben machen wollte, daß 
aus den Trümmern durch den Willen aller sofort das Para- 
dies erblühen müsse. Die Peinigungen der Nachkriegszeit 
haben diesen Glauben zerblasen, wenn auch noch der Wille 
in vielen lebt. Von der kleinen lyrischen Schar dieses Buches 
blieb nichts als der gemeinsame Ruf von Untergang und Zu- 
kunftsglück. Und dennoch beginnen schon einige, wie, neben 
Däubler und Else Lasker-Schüler, der tote Heym und der 
lebende Wer fei über die Zeit hinauszuragen. 

Mächtig, doch nicht allmächtig haben die Ereignisse eines 
Jahrzehnts die Seelen, Geister und die äußeren Lebens- 
umstände der Zeitgenossen zerpflügt. Aber die große all- 
gemeine neue Dichtung, von vielen als Stab und Weiser er- 
sehnt, ist nicht entsprossen, weder den Nachkommen des alten 
Bürgertums, noch den anrückenden Massen der Proletarier, 
weder dem Glanz der über die Erdoberfläche hemmungslos 
schweifenden Neubeglückten, noch der Qual des neugewor- 
denen Proletariats. Im Dunkel der Jugend, die jetzt aufwächst, 
sind kaum einige Lichtlein für die Dichtung zu erblicken. , 

Lasset uns deshalb verehrende Erinnerung der Dichterschar 
wahren, die Großes und Zukunft enthusiastisch zumindest 
gewollt hat und zuversichtlich glaubte, Erste einer neuen 
Menschheitsepoche zu sein. Man verhöhne sie nicht und be- 
schuldige sie nicht, daß sie nur aufrührerische Letzte ge- 
wesen seien, die sich von der Untergangsdämmerung hinweg 
zum Glühen vermeintlicher Morgendämmerung wandten, aber 
erlahmen mußten, bevor sie an der Spitze ihrer Zeitgenossen 
gereinigt ins Licht treten konnten, 

Berlin, April 1922. K. P. 

2 9 5 



DICHTER UND WERKE 



BIOGRAPHISCHES UND BIBLIOGRAPHISCHES 

Diese biographischen Notizen sollen keineswegs literarhistorisches 
Material bieten. Da aber jeder Dichter in diesem Buche nur mit einer 
kleinen Anzahl von Gedichten erscheinen kann, so sollte die Möglich- 
keit gegeben sein, das Bild der Dichter nach ihrem Willen (und — bei 
den Toten — nach Aufzeichnungen der ihnen Nahestehenden) durch 
biographische und prinzipielle Bemerkungen zu vervollständigen. Wenn 
die Angaben nicht von dem Dichter selbst stammen, so ist der Name 
des Mitteilenden unter die Notiz in [ ] Klammern gesetzt. 

Die bibliographischen Notizen enthalten nur die in Buchform er- 
schienenen Werke der Dichter. Die Jahreszahl zeigt das Erscheinungs- 
jahr des Buches an. Sind mehrere Bücher eines Dichters hintereinander 
in einem und demselben Verlag erschienen, so ist der Verlag nur einmal 
angegeben, und zwar nach dem letzten Buch, das in diesem Verlag 
herauskam. 

JOHANNES R. BECHER. Geboren 22. Mai 1891 in 
München. 

Verfall und Triumph, 191 4- Band I und IL (Insel- Verlag, 
Leipzig.) An Europa, 1916. Verbrüderung, 1916. Paean gegen 
die Zeit, 1918. Zion, 19 19. (Kurt Wolff, München.) Die 
Heilige Schar, 19 18. Das Neue Gedicht, 191 9. Gedichte für 
ein Volk, 19 19. Gedichte um Lotte, 19 19. (Insel- Verlag, Leip- 
zig.) An Alle, 191 9. (Verlag „Aktion", Berlin.) Ewig im Auf- 
ruhr, 19 19. (Ernst Rowohlt, Berlin.) Um Gott, 192 1. (Insel- 
Verlag, Leipzig.) 

GOTTFRIED BEN N. Geboren 1886 und aufgewachsen 
in Dörfern der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwick- 
lungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin, 

Morgue; Gedichte, 1918. Söhne; Gedichte, 191 4. (A. R. 
Meyer, Berlin - Wilmersdorf .) Fleisch; Gesammelte Lyrik, 
1917. Diesterweg; Erzählung, 1917. (Verlag „Aktion", Ber- 
lin.) Gehirne; Novellen, 1918. (Kurt Wolff, München.) Der 
Vermessungsdirigent; Drama, 1919. Etappe, 1919. (Verlag 
„Aktion", Berlin.) Das moderne Ich, 1920. Gesammelte 
Schriften, 1922. (Erich Reiß, Berlin.) 

THEODOR DÄUBLER. Geboren zu Triest am 17. Au- 
gust 1876, lebte dort und später, nach dem 22. Lebensjahr, in 
Neapel, Wien, Paris, Florenz, Rom, Dresden und Berlin. 

Das Nordlicht; Epos in drei Teilen, 19 10. Wir wollen nicht 
verweilen; autobiographische Fragmente, 191 4. Der Stern- 

2 99 



helle Weg; Gedichte, 191 5. Hymne an Italien, 1916. Hesperien; 
eine Symphonie, 19 16. Mit silberner Sichel; Prosa, 19 17. Der 
Neue Standpunkt; ein Buch über moderne Kunst, 191 7. Das 
Sternenkind; eine Sammlung von Gedichten, 191 7. Luci- 
darium in arte musicae; ein Buch über Musik, 1918. Die 
Treppe zum Nordlicht, 1920. Perlen von Venedig, 192 1. 
(Insel- Verlag, Leipzig.) Im Kampf um die moderne Kunst, 

19 18. (E. Reiß, Berlin.) Der Hahn; eine Anthologie fran- 
zösischer Dichtungen, 19 16. (Verlag „Aktion", Berlin.) 

ALBERT EHRENSTEIN. Am 2 3. Dezember 1886 ge- 
schah mir die Wiener Erde. — 

Lyrik: Die weiße Zeit, 191 (\. (Insel- Verlag, Leipzig.); Der 
Mensch schreit, 191 6. (Kurt Wolff, München.); Die rote Zeit, 
191 7. (S. Fischer, Berlin.); Den ermordeten Brüdern, 1918. 
(Max Rascher, Zürich.); Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920. 
(Eduard Strache, Wien.); Dem ewigen Olymp, 1921. (Reclam, 
Leipzig.); Wien, 1921. (E. Rowohlt, Berlin.); Prosa: Tu- 
butsch, 1911. (Insel-Verlag, Leipzig.); Der Selbstmord eines 
Raters, 191 2. (Georg Müller, München.); Nicht da nicht dort, 
191 6. (Kurt Wolff, München.); Bericht aus einem Tollhaus, 

191 9. (Insel - Verlag, Leipzig.); Zaubermärchen, 1920. (S. 
Fischer, Berlin.); Karl Kraus, 1920. (Genossenschaf tsverlag, 
Wien.); Briefe an Gott, 1921. (Waldheim- Verlag, Leipzig- 
Wien.). 

IWAN GOLL hat keine Heimat: durch Schicksal Jude, 
durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier 
als Deutscher bezeichnet. 

Iwan Goll hat kein Alter: seine Kindheit wurde von ent- 
bluteten Greisen aufgesogen. Den Jüngling meuchelte der 
Kriegsgott. Aber um ein Mensch zu werden, wie vieler Leben 
bedarf es. 

Einsam und gut nach der Weise der schweigenden Bäume 
und des stummen Gesteins: da wäre er dem Irdischen am 
fernsten und der Kunst am nächsten. 

Requiem für die Gefallenen von Europa, 1917. (Max 
Rascher, Zürich.) Der Torso; Stanzen und Dithyramben, 19 18. 
(Roland- Verlag, München.) Dithyramben, 1918. (Kurt Wolff, 
München.) Der Neue Orpheus; eine Dithyrambe, 19 18. (Verlag 
„Aktion", Berlin.) Die Unterwelt; Gedichte, 19 19. (S. Fischer, 
Berlin.) Felix; eine Dithyrambe, 1919. (Verlag von 19 17, 

3oo 



Dresden.) Die drei guten Geister Frankreichs; Essays, 1919. 
(Erich Reiß, Berlin.) Le Coeur de l'ennemi; Französische 
Übersetzungen aus i4 neuen deutschen Dichtern, 19 19. (Ver- 
lag „Les Humbles", Paris.) Die Unsterblichen; 2 Überdramen, 
1920. Astral; ein Gesang, 1920. Die Ghapliniade, 1920. (R. 
Kämmerer, Dresden.) Methusalem; Drama, 192 1. (G. Kiepen- 
heuer, Potsdam.) Paris brennt, 192 1. (Verlag Zenith, Zagreb.) 

WALTER HASENCLEVER, Nachdem Presse, Zunft 
und Professoren den nötigen Anstoß an meiner Biographie 
in der ersten Auflage dieses Buches genommen haben, (die 
mehr als ein Witz und weniger als eine Absicht war und nur 
den Zweck hatte, den Leser irrezuführen, um den Autor vor 
seiner Neugierde zu schützen, begnüge ich mich, in der neuen 
Auflage dieses Buches festzustellen, daß ich am 8. Juli 1890 
in Aachen geboren bin und folgende Bücher geschrieben habe: 

Der Jüngling; Gedichte, 1913. Das Unendliche Gespräch; 
eine nächtliche Szene, 191 4« Der Sohn; Drama, 191 4- Tod 
und Auferstehung; Neue Gedichte, 191 7. (Kurt Wolff, Mün- 
chen.) Antigone; Tragödie, 191 7. Die Menschen; Schauspiel, 
1918. Die Entscheidung; Komödie, 19 19. (Paul Gassirer, Ber- 
lin.) Der Retter; Dramatische Dichtung, 1919. Der Politische 
Dichter, 1919. Jenseits; Drama, 1920. Gedichte an Frauen, 
1922. Gobseck; Drama, 1922. (Ernst Rowohlt, Berlin.) 

GEORG HE YM, aus einer alten Beamten- und Pastoren- 
familie stammend, ist am 3o. Oktober 1887 in Hirschberg 
(Schlesien) geboren. Dreizehnjährig kam er nach Berlin. Als 
er das Gymnasium absolviert hatte, widmete er sich in 
Würzburg, später in Berlin dem juristischen Studium. Beim 
Eislaufen auf der Havel brach er ein und ertrank mit seinem 
Freunde, dem Lyriker cand. phil. Ernst Balcke, am 16. Januar 
1912, nachmittags, beiSchwanenwerder; sein Grab ist auf dem 
Friedhof der Luisengemeinde in Charlottenburg. [Die Heraus- 
geber des Nachlasses.] 

Der ewige Tag; Gedichte, 191 1. Umbra vitae; Nachgelassene 
Gedichte, 1912. Der Dieb; Novellen, 1913. Dichtungen, 1922. 
(Kurt Wolff, München.) 

K U R T H E Y N I G K E , 1 89 1 in Liegnitz geboren, Arbeiter- 
kind, Volksschiller, Bureaumensch, Kaufmann. 

Lächelst Du, Mensch, der Du fühlst dies gesegnete Dasein? 

3oi 



0, wir sind nichts. Ein Tier im Stall. Nur unsere Seele ist 
manchmal ein Dom, darin wir zueinander beten können. 

Rings fallen Sterne; Gedichte, 1918. (Verlag „Der Sturm", 
Berlin.) Gottes Geigen; Gedieh te, 191 8. (Roland - Verlag, 
München.) Das namenlose Angesicht; Rhythmen aus Zeit und 
Ewigkeit, 1919. (Kurt Wolff, München«) Der Kreis, ein Spiel 
über den Sinnen, 1920. Die hohe Ebene; Gedichte, 192 1. 
Ehe; ein Bühnenwerk', 192 1. (Erich Reiß, Berlin.) 

JACOB VAN HODDIS. Geboren 1884 in Berlin, lebt 
in Thüringen. 

Weltende 191 8. (Verlag „Aktion", Berlin.) 

WILHELM KLEMM, geboren i88x in Leipzig, lebt 
daselbst. 

Gloria; Gedichte aus dem Felde, 191 5. (Albert Langen, 
München.) Verse und Bilder, 1916. Aufforderung, 1917. (Ver- 
lag „Aktion", Berlin.) Ergriffenheit, 191 8. (Kurt Wolff, 
München.) Traumschutt; Gedichte, 1920. (Paul Steegemann, 
Hannover.) 

ELSELASKER-SCHÜLER. Ich bin in Theben (Ägyp- 
ten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im 
Rheinland. Ich ging bis 1 1 Jahre zur Schule, wurde Robinson, 
lebte fünf Jahre im Morgenlancle, und seitdem vegetiere ich. 

Styx; Gedichte, 1902. Das Peter - Hille - Buch, 1906. Die 
Nächte der Tino von Bagdad; Novellen, 1907. Die Wupper; 
Schauspiel, 1908. Meine Wunder; Gedichte, 191 1. Mein Herz; 
Roman, 19 12. Gesichte; Essays, 191 3. Hebräische Balladen, 
1913. Der Prinz von Theben; Geschichten, 191 4- Sämtliche 
Werke 1920. Der Wunderrabiner von Barcelona; Novelle, 
192 1. (Paul Gassirer, Berlin.) Die gesammelten Gedichte, 19 17. 
(Kurt Wolff, München.) 

RUDOLF LEONHARD. Geboren am 27. Oktober 1889 
zu Lissa in Posen. In einer Zeit, in der es mir als ein phan- 
tastisches Wagnis erscheint, länger als für vierzehn Tage vor- 
auszudisponieren, ist mir neben anderm der Sinn (wenn auch 
nicht das Gefühl) für die Kontinuität des eignen Lebens so 
weit verloren gegangen, daß ich auch nach rückwärts eine 
Selbstbiographie nicht zustande bringe. Auch scheint es mir 
eine schwer zu lösende Aufgab© und ein nicht ratsames Unter- 

802 



nehmen, fest- und klarzustellen, was richtig war. Wenn sich 
jemand ernsthaft für diese Angelegenheit interessieren sollte, 
den bitte ich bis zu meinem Tode zu warten, nach dem meine 
ausführlichen Tagebücher verfügbar sein werden. 

Der Weg durch den Wald, 1918. (Saturn- Verlag, Heidel- 
berg.) Angelische Strophen, 1918. Barbaren, 191/i. Über den 
Schlachten, 191 4- (A. R. Meyer, Berlin - Wilmersdorf .) Be- 
merkungen zum Reichs] ugendwehrgesetz, 1917. (Der Neue 
Geist-Verlag, Leipzig.) Polnische Gedichte, 1918. Äonen des 
Fegefeuers, 191 9. (Kurt Wolf f, München.) Beate und der große 
Pan, 1918. (Roland- Verlag, München.) Briefe an Margit, 191 9. 
(Paul Steegemann, Hannover.) Kampf gegen die Waffe, 191 9. 
(Ernst Rowohlt, Berlin.) Katilinarische Pilgerschaft, 191 9. 
(Georg Müller, München.) Das Chaos, 191 9. (Heinrich Böhme, 
Hannover.) Alles und Nichts! 19 19. (Ernst Rowohlt, Berlin.) 
Spartacus-Sonette, 192 1. (G. Woerle, Konstanz.) — Vor dem 
Erscheinen sind: Das Buch Gabriel oder die Verwandlungen. 
— Die Insel; Gedichte einer italienischen Reise. 

ALFRED LICHTENSTEIN wurde am 2S. August 
1889 in Berlin geboren. Er besuchte dort das Luisenstädtische 
Gymnasium und studierte an der Universität Berlin Jura. 
Sommer 1913 erlangte er in Erlangen mit einer Arbeit über 
Theaterrecht die Doktorwürde. Im Oktober 1918 trat er in 
München als Einjähriger in das 2. bayrische Infanterieregi- 
ment Kronprinz ein und zog bei Kriegsbeginn mit dem Regi- 
ment ins Feld. Am 2 5. September 191 4 fiel er bei Vermando- 
villers (in der Nähe von Reims). [Kurt Lubasch.] 

Die Dämmerung, 1918. (A. R. Meyer, Berlin.) Gedichte 
und Geschichten, 191 9. (Georg Müller, München.) 

ERNST WILHELM LOTZ wurde 1890 in Culm an 
der Weichsel geboren, lebte in Wahlstadt, Karlsruhe, Plön 
und im Kadettenkorps Groß - Lichter felde. Mit 17 Jahren 
wurde er Fähnrich im Infanterie-Regiment Nr. i43 zu Ham- 
burg. Anderthalb Jahre war er Offizier, dann nahm er den Ab- 
schied. Am 26. September 191 4 fiel er als Leutnant und Kom- 
pagnieführer auf dem westlichen Kriegsschauplatz. [Henny 
Lotz.] 

Wolkenüberflaggt, 19x7. (Kurt Wolff, München.) 

!3o3 



KARL OTTEN. Geboren 1889 in Aachen. 

Von meinem Leben kann ich nur sagen, daß es dem Kampf 
um Glück und Sieg der Armen, des Proletariats, geweiht war. 
Und jetzt verhüllt ist von Trauer über die Schmach, der dasi 
deutsche Proletariat durch eigene Schuld unterworfen ist: Das 
stärkste Hindernis auf dem Wege der Weltrevolution, ja der 
erbittertste Saboteur der kommunistischen Idee zu sein. Ich 
gestehe, daß ich die Deutschen nie geliebt habe, daß ich nichts 
so hasse wie die deutsche Bourgeoisie — seit ich denken kann. 
Und ebensolange liebe ich Rußland und ich verlange von jedem 
revolutionären Dichter zunächst, daß er diese Liebe teile. Er- 
kennt er die russische Idee, so erkennt er die Fehler unseres 
Volkes. Der Kampf für jene und gegen diese wird die Zwie- 
spältigkeit des deutschen Dichters aufheben und sein Leben 
die Synthese von Person und Tat verwirklichen: Revolutionär 
und Dichter! 

Fürchtet Euch nicht vor den Gefängnissen — sie sind lächer- 
lich und die geschlossenen Tore Triumphbögen für Euren Mut ! 
Gewehre — sie töten den Leib — der Geist, die heilige Sache 
leben! Nie war das Objekt des dunklen Kampfes der Unter- 
drückten so klar vor aller Augen ... es gibt nur eins : Frei- 
heit und Leben für alle Ewigkeit . . . oder Tod — für alle 
Ewigkeit! Das Heil kommt von Osten. Ich habe gewählt. 

Reise durch Albanien, 1912. (H. S. F. Bachmaier, München.) 
Thronerhebung des Herzens, 19 18. (Verlag „Aktion", Berlin.) 
Der Sprung aus dem Fenster, 191 9. (Kurt Wolff, München.) 
Lona, 1919. (Verlag Ed. Strache, Wien.) 

LUDWIG RUBINER wünscht keine Biographie von 
sich. Er glaubt, daß nicht nur die Aufzählung von Taten, 
sondern auch die von Werken und von Daten aus einem hoch- 
mütigen Vergangenheits-Irrtum des individualistischen Schlaf - 
rock-Künstlertums stammt. Er ist der Überzeugung, daß von 
Belang für die Gegenwart und die Zukunft nur die anonyme, 
schöpferische Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ist. 

Das himmlische Licht, 191 6. (Kurt Wolff, München.) Der 
Mensch in der Mitte, 191 7. (Verlag „Aktion", Berlin.) Die 
Gewaltlosen; Drama, 191 9. Kameraden der Menschheit; Dich- 
tungen zur Weltrevolution, 191 9. (Gustav Kiepenheuer, Pots- 
dam.) 

R E N fi S G H I G K E L E. Geboren am 4- August 1 883. Gym- 
nasium: Zabern und Straßburg. Universitäten: Straßburg, 

3o4 



München, Paris. Reisen durch ganz Europa westlich der Elbe, 
Griechenland, Palästina, Ägypten, Indien. Wo ich gerade bin, 
ist es immer am schönsten. Jetzt in einem Schweizer Fischer- 
dorf am Bodensee. 

Ich bin ein deutscher Dichter, gallisch - alemannischen Ge- 
blüts, das in den Formen der deutschen Sprache austreibt, 
ein Fall wie Gottfried von Straßburg auch — dreifache Ver- 
beugung vor dem unerreichbaren Ahnen! — den doch auch 
keiner zu „annektieren* ' und zu „desannektieren" gedenkt. 
Gestern deutscher, heute französischer Staatsangehöriger: ich 
pfeife darauf. Es gibt Menschen (und dazu gehören die meisten 
meiner Landsleute), die sich sogar ihre Henker aussuchen 
wollen. Soweit geht mein ästhetisches Gewissen nicht. Was 
kümmerts mich, wohin die Eroberer ihren Fußball schieben! 
Für mich gehören Grenzverschiebungen wie alle andern natio- 
nalen Transaktionen zum Börsenspiel. Ich bin nicht daran 
beteiligt, sie gehn mich nichts an. Weil ich es mit solchen 
Ketzereien ernst genommen habe von jeher und gar erst im 
Krieg, stehe ich in schlechtem Ruf beim livrierten Gesindel 
diesseits wie jenseits des Rheins. Die Psychologen darunter 
enthüllen mich jahraus jahrein als einen „unsichern Kan- 
tonisten", obwohl ich nie abgeleugnet habe. Gott erhalte mir 
meine Unsicherheit! 

Immerhin gehöre ich zur deutschen Literatur, die ich — 
wie sich allmählich zeigt: mit Recht — für eine größere 
Realität ansehe, als die gepanzerten, pulvergeladenen, ge- 
schliffenen und schaumlügenden Äußerungen der deutschen 
Öffentlichkeit. Keiner meiner Kameraden wird mich durch 
meine Schuld verlieren. Und begänne der Krieg von neuem, 
und welche Militarismen einander auch ablösen mögen. Ich 
weiß: Der Mensch, bisher das traurigste der Tiere, hat seine 
Lage erkannt, und nichts wird ihn hindern, für seine Be- 
freiung einen Ruck zu tun, wie die Geschichte noch keinen 
vermerkt hat. 

Lyrik: Sommernächte, 1901. Pan, 1902. Mon Repos, igo5. 
Weiß und Rot, 1911. Die Leibwache, 1914. Mein Herz, mein 
Land (Ausgewählte Gedichte), 1915. Prosa: Der Fremde; 
Roman, 1907. Das Glück; Erzählung, 19 13. Benkai, der 
Frauen tröster; Roman, 1914- Trimpopp und Manasse; Er- 
zählung, 191 4. Aissee; Erzählung, 191 5, Schreie auf dem 
Boulevard; Aufsätze, 1918. Die Genfer Reise, 1918. Der neunte 

20 3o5 



November, 191 9. Die Mädchen; Gesammelte Erzählungen, 
1921. Dramen: Hans im Schnakenloch, 1915. Am Glocken- 
turm, 1919. Der Volksbeauftragte, 1919. Die Neuen Kerle, 
1921. (Alle Bücher bei Paul Cassirer, Berlin, mit Ausnahme 
von: Das Glück [Axel Juncker, Berlin.], Aisse [Kurt Wolff, 
München.], Der neunte November [Erich Reiß, Berlin.]), 

ERNST STADLER. Geboren am 11. August i883 in 
Colmar i. Eis., war in Straßburg Dozent für deutsche Sprache 
und Literatur, fiel zu Anfang des Weltkrieges im Westen. 

Präludien, 1904. — Der Aufbruch; Gedichte, 1914. (Kurt 
Wolff, München.) 

AUGUST STRAMM. Geboren am 29. Juli i8 7 4 zu 
Münster in Westfalen, besuchte das Gymnasium in Eupen 
und Aachen. Trotz innerem Widerstreben ergriff er auf 
Wunsch seines Vaters den Postberuf. Nach Beendigung des 
Studiums wurde er Postinspektor in Bremen, später in Berlin, 
und dort wurde er ins Reichspostministerium versetzt. Neben- 
bei promovierte er in Halle zum Dr. phil. Bei Ausbruch des 
Krieges wurde er als Hauptmann der Reserve eingezogen. Er 
fiel am 1. September 1915 als Letzter seiner Kompagnie bei 
einem Sturmangriff in Rußland, nachdem er über siebzig 
Schlachten und Gefecht© mitgemacht hatte. Begraben liegt 
August Stramm auf dem Friedhof bei Horodec in Rußland, 
[Herwarth Waiden.] 

Dramatische Dichtungen: Sancta Susanna, 1914. Die 
Unfruchtbaren, 191 4- Rudimentär, 191 4- Die Haidebraut, 
1915. Erwachen, 1916. Kräfte, 191 5. Geschehen, 191 5. — 
Gedichte: Du; Liebesgedichte, 191 4- Die Menschheit, 1915. 
Tropf blut; Nachgelassene Gedichte, 191 9. — Die gesammelten 
Dichtungen in drei Bänden. 191 9. (Sämtliche Dichtungen im 
Verlag „Der Sturm", Berlin.) 

GEORG TRAKL war am 3. Februar 1887 in Salzburg 
geboren. Er kam als Fünfundzwanzigjähriger im Jahre 191 3 
als Medikamentenakzessist ans Garnisonhospital nach Inns- 
bruck, gab aber diese und andere Tätigkeit bald auf und 
lebte bis zum Kriegsausbruch ip. Innsbruck im Hause Ludwig 
Fickers. „Er fand sich im äußeren Leben immer schwerer zu- 
recht, während sich der Born seiner dichterischen Schöpfung 
immer tiefer erschloß . . . Ihn, der ein starker* Trinker und 
Drogenesser war, verließ nie seine edle, geistig ungemein ge- 

3o6 



stählte Haltung; es gibt keinen Menschen, der ihn im Zustand 
der Trunkenheit jemals auch nur hätte schwanken oder vorlaut 
werden gesehen, obschon sich seine sonst so milde und wie um 
eine unsägliche Yerstummtheit kreisende Art des Sprechens 
in vorgeschrittener Nachtstunde beim Wein oft seltsam ver- 
härten und ins Funkelnd-Böse zuspitzen konnte. Aber darunter 
hat er oft mehr gelitten als die, über deren Köpfe hinweg er 
die Dolche seiner Rede in die schweigende Runde blitzen ließ; 
denn er schien in solchen Augenblicken von einer Wahrhaftig- 
keit, die sein Herz förmlich bluten machte. Im übrigen war 
er ein schweigender, in sich verstummter, aber keineswegs 
verschlossener Mensch; er konnte sich im Gegenteil mit ein- 
fachen, ungezwungenen Menschen, sofern sie nur das Herz 
„auf dem rechten Fleck" hatten — von den höchsten bis zu 
den niedersten sozialen Schichten — , insonderheit auch mit 
Kindern auf die gütigste, menschlichste Art verständigen. Hab 
und Gut besaß er kaum mehr, Besitz von Büchern erschien 
ihm immer überflüssiger, und schließlich „verkitschte" er 
auch noch seinen ganzen Dostojewski, den er aufs inbrün- 
stigste verehrte ... Da brach der Krieg aus, und Trakl mußte 
in seiner alten Charge als Medikamentenakzessist mit einem 
fliegenden Spital ins Feld. Nach Galizien. Erst schien er auf- 
getaut und seiner Schwermut entrissen. Dann aber — nach dem 
Rückzug von Grodek — erhielt ich aus dem Garnisonsspital 
in Krakau, wohin er zur Beobachtung seines Geisteszustands 
gebracht worden war, ein paar Karten, die wie seelische Hilfe- 
rufe klangen. Kurz entschlossen machte ich mich auf und 
reiste nach Krakau. Dort hatte ich die letzte, erschütternde 
Begegnung mit dem unvergeßlichen Freund. In Krakau und 
auf der Rückreise in Wien bot ich alles auf, um ihn zurück 
in häusliche Pflege zu bekommen. Aber kaum hierher zurück- 
gekehrt, erhielt ich die Nachricht seines Todes. Er ist in der 
Nacht vom 3. auf 4* November 191 4, nachdem er einen Tag 
in Agonie gelegen — vermutlich an der Wirkung einer zu 
starken Dosis Gift, die er zu sich genommen — , gestorben; 
doch ist sein Ende immerhin in Dunkel gehüllt, da man seinen 
Diener in seinen letzten Lebensstunden nicht mehr zu ihm ließ. 
Dieser — ein Bergarbeiter aus Hallstatt, zugeteilt der Sanität, 
namens Mathias Roth — war der einzige Mensch, der bei 
Trakls Begräbnis als Leidtragender augegen war." [Aus Mit- 
Mlungen Ludwig Fickers.] 



Gedichte, 1914. Sebastian im Traum, 191 4* Die Dichtungen, 
1919. (Kurt Wolff, München.) 

FRANZ WERFE L. Geboren 1890 in Prag, gelebt in 
Hamburg, Leipzig und jetzt in Wien. 

Der Weltfreund ; Gedichte, 1 9 1 1 . Wir sind ; Neue Gedichte, 
1918. Die Versuchung, 1913. Die Troerinnen, 191 4- Einander; 
Oden, Lieder, Gestalten, 1915. Gesänge aus den drei Reichen, 
191 7. Der Gerichtstag, 1920. Spiegelmensch; magische Tri- 
logie, 1920. Nicht der Ermordete, der Mörder ist schuldig; 
Roman, 1920. Spielhof; eine Phantasie, 192 1. Bocksgesang; 
Drama, 1921. (Kurt Wolff, München.) 

ALFRED WOLFENSTEIN. Geboren wurde ich an 
vielen Tagen. Wer dennoch das Licht der Welt nicht erblickte, 
kann im Dunkeln sein Leben nicht beschreiben. Daß ich mit 
sechs Jahren ins Gefängnis kam, später hinaus in den toten 
Wald eines Holzplatzes und wieder zurück zur Schule ge- 
schickt wurde (nur ein Beispiel für unseres Schicksals 
frühen Befehl: freut euch, ein Nichts mit dem andern ver- 
tauschen zu dürfen — ); daß ich mich neu unter Jünglingen 
befand, deren Freundschaft die trübe Liebesfreiheit hinweg- 
strahlte, bis ein Jünglingmädchen erscheinen wird; daß ich 
von Leichtheit nach Paris, von Schwere zurück in die halt- 
lose Mitte Europas und in jede Diaspora der Blut- und Geld- 
welt getrieben wurde; daß ich im südlichsten Deutschland, 
die Geistglut unbekannter Arbeiter und dort auf der schnell 
versinkenden, seltsam hohen Insel den zur Ewigkeit fortleuch- 
tenden, fortkeimenden Kampf traf, wo aus Versammlungen 
der Scheinrevolution wirkliche Stimmen, Stimmen aus dem 
Unbekannten laut wurden und gegen verfolgende Dumm- 
heit — Brüderlichkeit, diese Tagesphrase, einmal rührend sich 
verwirklichte und der Mord an zwei beseelten Männern aus 
dem Allgemeinen ins Herz schlug, als seien mir Väter ge- 
storben: dies alles bleibt doch im Dunkeln. 

Denn es gibt nur die Lichter der Welt, die wir selbst ent- 
zünden. Biographie gibt es nicht; stumm vergewaltigt ist jedes 
Wort, das nicht gezeugt wird. Nur was ein Mensch formt, hat 
Sprache; um den Menschen zu formen! Das Werk. Niemand 
wird geboren, ehe nicht von ihm geboren wird. Er bleibt 
Gespenst, seine Geburt war kein Anfang, und der Tod hat da 
nichts zu beenden. Das ist unsere Sternenfreiheit — und des 

3o8 



Scheinlebens gleichewige Gefahr. Aber der Gefahr spottet jede 
Dichtung und verkündet: Wir selbst bringen uns hervor! Zu 
unserem Grabe werden nur kommen, die unsere Gestalten 
nicht sehen. 

Die gottlosen Jahre; Gedichte, 191 4. Die Freundschaft, 
Neue Gedichte, 191 7. Menschlicher Kämpfer; Ein Buch aus- 
gewählter Gedichte, 1919. (S. Fischer, Berlin.) Die Nackten; 
Eine Dichtung, 1917. (Kurt Wolff, München.) Der Lebendige; 
Novellen, 191 8. (Roland- Verlag, München.) 

PAUL ZECH. Lieber Leser, verlange von einem Selbst- 
bildnis nicht immer abgeklärte Objektivität. Irgendwo bleibt 
stets der Reflex des Spiegels als Schminkfleck stehn. Aber was 
geht Dich im Grunde die Form meines Schädels an? Oder die 
Linie des Oberarms, wenn er sich athletisch hebt, wo er zu 
Gott will? Oder gar mein häuserumsaustes Erleben? Jedes 
Leben wird tausendmal von tausend Leben gelebt. Manchmal 
in Terzinen. Manchmal mit Fäusten. Manchmal auf Wald- 
bäumen. Manchmal im Bordell. Was darüber ist, ist Legende. 
Ich zerstöre sie. Denn ich bin nicht „Jüngste Dichtung", son- 
dern beinah vierzig Jahre (alt). Und den „Wald" beschrieb ich 
um 1904. Auch nicht Weichselianer bin ich (obwohl bei Thorn 
geboren), vielmehr Dickschädel aus bäurisch - westfälischem 
Blut. Einige meiner Väter schürften Kohle. Ich selber kam 
(nach Leichtathletik, Griechisch und schlechten Examina) 
nicht über den (vom Innen geforderten) Versuch hinaus. Doch 
diese zwei (reichsten) Jahre — : Bottrop, Radbod, Mons, Lens, 
bestimmten: von Machthabern, von Schwerhörigen und Blin- 
den — : Hellhörigkeit und Güte für Alle auf Erden zu for- 
dern. Lange bevor die Affäre November 1918 war. 

Dennoch paßt es mir nicht, daß Du mich „Politischer Dich- 
ter" (in Deinem Sinn) schimpfst. Jede Dichtung ist, sofern 
sie weniger denn Blut (also belanglos) ist, politisch. Wenn 
Du also in meinen acht Versbüchern Dich durch Acker, Wald, 
Abend und staubige Straßen blätterst, von Gott und Weib 
(dieses zuletzt!) hörst, sollen die agrarische Gebundenheit, das 
Sehnige, Verrußte, die Unzucht und der Glaube Dich durch- 
einander schütteln zum besseren, zum lebendigen Menschen. 

Oder ich verdiene: zum alten Eisen geworfen zu werden. 
Nur bestrafe mich nicht: in Museen zu verstauben. 

Entscheide ! 

809 



Und nicht nur Dich! 

Waldpastelle, 1910. Schollenbruch, 191 2. Das schwarze Re- 
vier, 191 3. (A. R. Meyer, Berlin - Wilmersdorf .) Die eiserne 
Brücke; Gedichte, 191 3. Der schwarze Baal; Novellen, 19 16. 
Das Terzett der Sterne; Gedichte, 1920. (Kurt Wolff, Mün- 
chen.) Das Grab der Welt; Novellen, 1920. Golgatha; Gedichte^ 
1919. Verbrüderung; Drama, 192 1. (Hoff mann & Campe, 
Berlin-Hamburg.) Das schwarze Revier, 1920 (Neue Ausgabe). 
Das Ereignis; Novellen, 1920. Die Gedichte an eine Dame in 
Schwarz, 1920. (Musarion - Verlag, München.) Gelandet; ein 
dramatisches Gedicht, 1920. (Roland- Verlag, München.) 



NACHBEMERKUNGEN 

Orthographie und Interpunktion aller Gedichte wurden ge- 
nau nach dem Willen der Dichter gewahrt, 

Der Verlag und der Herausgeber danken den Dichtern und 
den in den bibliographischen Bemerkungen genannten Ver- 
legern für die Genehmigung zur Aufnahme der Gedichte in 
diese Sammlung. 

Der Verlag Axel Juncker, Berlin, gestattete die Reproduktion 
zweier Zeichnungen Meidners, der Verlag Paul Cassirer die 
Reproduktion einiger Porträts Kokoschkas und Meidners. 



3io 



VERZEICHNIS 

NACH DER 

REIHENFOLGE DER GEDICHTE 



STURZ UND SCHREI 

Jakob van Hoddis, Weltende 3 

Georg Heym, Umbra vitae 3 

Wilhelm Klemm, Meine Zeit 4 

Johannes R. Becher, Verfall 4 

Georg Heym, Der Gott der Stadt 6 

Johannes R. Becher, Berlin 7 

Alfred Wolfenstein, Städter . io 

Jakob van Hoddis, Die Stadt io 

Alfred Wolfenstein, Bestienhaus io 

Alfred Lichtenstein, Die Dämmerung 1 1 

Ernst Stadler, Abendschluß 12 

Theodor Däubler, Diadem i3 

Theodor Däubler, Flügellahmer Versuch i3 

Georg Heym, Die Dämonen der Städte i4 

Gottfried Benn, Kleine Aster i5 

Jakob van Hoddis, Tristitia ante 16 

Ernst Stadler, Tage 16 

Alfred Wolfenstein, Verdammte Jugend 19 

Paul Zech, Fabrikstraße tags 19 

Paul Zech, Sortiermädchen 20 

Paul Zech, Fräser 21 

Alfred Lichtenstein, Nebel 22 

Alfred Lichtenstein, Der Ausflug 22 

Theodor Däubler, Hätt' ich! ein Fünkchen Glück ... 22 

Albert Ehrenstein, So schneit auf mich die tote Zeil . . 23 

August Stramm, Untreu 24 

Theodor Däubler, Was? 24 

Theodor Däubler, Einsam 2 5 

Alfred Lichtenstein, Sommerfrische 26 

Alfred Wolfenstein, Nacht im Dorfe 26 

Georg Trakl, De Profundus 27 

Georg Trakl, Ruh und Schweigen 28 

Georg Trakl, In den Nachmittag geflüstert ..... 28 

Albert Ehrenstein, Verzweiflung 28 

3n 



Albert Ehrenstein, Leid 29 

Albert Ehrenstein, Auf der hartherzigen Erde .... 29 

Gottfried Benn, Der junge Hebbel 3o 

Alfred Wolfenstein, Die gottlosen Jahre 33 

Albert Ehrenstein, Der Wanderer 33 

Kurt Heynicke, Erhebe die Hände ........ 34 

Franz Werfel, Fremde sind wir auf der Erde alle . . 34 

Walter Hasenclever, Tritt aus dem Tor, Erscheinung . 35 

Wilhelm Klemm, Philosophie 35 

August Stramm, Schwermut 36 

Albert Ehrenstein, Schmerz 36 

Albert Ehrenstein, Ich bin des Lebens und des Todes müde 37 

August Stramm, Verzweifelt 38 

Wilhelm Klemm, Lichter 38 

Kurt Heynicke, Gethsemane 38 

Albert Ehrenstein, Unentrinnbar 3 g 

Georg Heym, Der Krieg ... 39 

Ernst Stadler, Der Aufbruch 4o 

Walter Hasenclever, Die Lagerfeuer an der Küste . . 4i 

Albert Ehrenstein, Die Nachtgefangenen 4i 

Franz Werfel, Der Krieg 43 

Albert Ehrenstein, Der Kriegsgott 45 

Kurt Heynicke, Das Bild 46 

Wilhelm Klemm, Schlacht an der Marne 47 

August Stramm, Wache 48 

August Stramm, Patrouille 48 

August Stramm, Sturmangriff 48 

Alfred Lichtenstein, Die Schlacht bei Saarburg ... 48 

Albert Ehrenstein, Der Dichter und der Krieg ... 49 

Paul Zech, Musik der Sterne 49 

Georg Heym, Die Heimat der Toten 5i 

Franz Werfel, Der Ritt .... 53 

Gottfried Benn, Mann und Frau gehn durch die Krebs- 
baracke 55 

Georg Heym, Die Morgue 56 

Albert Ehrenstein, Julian 59 

Georg Trakl, An den Knaben Elis 60 

Georg Trakl, Elis 61 

Else Lasker-Schüler, Senna Hoy 62 

Else Lasker-Schüler, Meine Mutter 62 

Jakob van Hoddis, Der Todesengel ....... 63 

o 
012 



Georg Heym, Ophelia 64 

Albert Ehrenstein, Der ewige Schlaf 66 

Franz Wer fei, Trinklied . . ' 69 

Georg Trakl, Helian 70 

Albert Ehrenstein, Die Götter 73 

Franz Werfel, Warum mein Gott 76 

Franz Werfel, Wir nicht 77 

ERWEGKUNG DES HERZENS 

Alfred Wolfenstein, Das Herz 81 

Franz Werfel, Der dicke Mann im Spiegel .... 81 

Paul Zech, Aus den Fenstern eines Kesselhauses ... 82 

Alfred Lichtenstein, Spaziergang 84 

Ernst Wilhelm Lotz, Glanzgesang 84 

Franz Werfel, Der schöne strahlende Mensch .... 85 

Ernst Wilhelm Lotz, Ich flamme das Gaslicht an . . . . 86 

Walter Hasenclever, Gasglühlicht summt 86 

Walter Hasenclever, Die Nacht fällt scherbenlos ... 87 

Walter Hasenclever, Oft am Erregungsspiel . . . 87 

Walter Hasenclever, Kehr mir zurück, mein Geist . . 88 

Gottfried Beim, D-Zug 88 

Rene Schickele, Bei der Einfahrt in den Hafen von Bombay 8 9 

Walter Hasenclever, Der Gefangene 89 

Rene Schickele, Die Leibwache 90 

Walter Hasenclever, Der Schauspieler 92 

Franz Werfel, Hekuba 92 

Gottfried Benn, Karyatide 93 

Alfred Lichtenstein, Mädchen 94 

Johannes R, Becher, Aus den Gedichten um Lotte . . 94 

Ernst Wilhelm Lotz, Wir fanden Glanz 95 

Ernst Wilhelm Lotz, Und schöne Raubtier flecken .... 96 

Else Lasker-Schüler, Ein Lied der Liebe 96 

Else Lasker-Schüler, Ein alter Tibetteppich 97 

August Stramm, Blüte . 97 

August Stramm, Wunder 98 

Ernst Stadler, In der Frühe 98 

Wilhelm Klemm, Bekenntnis 99 

August Stramm, Dämmerung 99 

August Stramm, Abendgang 100 

Johannes R. Becher, Abendgebet um Lotte . . . . . 101 

Kurt Heynicke, In der Mitte der Nacht 102 

3i3 



Else Lasker-Schüler, Doktor Benn 102 

Albert Ehrenstein, Verlassen . . io3 

Else Lasker-Schüler, Ein Lied io4 

Else Lasker-Schüler, Abschied io4 

Else Lasker-Schüler, Versöhnung 107 

Walter Hasenclever, Begegnung 107 

Georg Heym, „Deine Wimpern, die langem . . ." . . . 108 

Franz Werfel, Als mich dein Wandeln an denTod verzückte 109 

Theodor Däubler, Der Atem der Natur 110 

Johannes R. Becher, Der Wald 110 

Iwan Goll, Wald 112 

Paul Zech, Der Wald n3 

Theodor Däubler, Die Buche e . 1 1 3 

Wilhelm Klemm, Der Baum . . 1 1 4 

Georg Heym, Der Baum .....n4 

Theodor Däubler, Der Baum u5 

Theodor Däubler, Millionen Nachtigallen schlagen . . 117 

August Stramm, Vorfrühling 118 

Ernst Stadler, Vorfrühling 119 

Wilhelm Klemm, Herbst 119 

Georg Trakl, Der Herbst des Einsamen 120 

Ernst Wilhelm Lotz, In gelben Buchten 120 

Theodor Däubler, Winter 121 

Wilhelm Klemm, Ausgleich .121 

Jakob van Hoddis, Morgens 121 

Ren6 Schickele, Sonnenuntergang 122 

Rene Schickele, Der Knabe im Garten 128 

Theodor Däubler, Dämmerung 128 

Alfred Lichtenstein, In den Abend 123 

Paul Zech : Die Häuser haben Augen auf getan 124 

Georg Trakl, Abendlied 124 

Georg Heym, Alle Landschaften haben 125 

Albert Ehrenstein, Abendsee 126 

Albert Ehrenstein, Friede 12 5 

Rene Schickele, Mondaufgang 126 

Georg Heym, Mond 126 

Gottfried Benn, 0, Nacht — :. 127 

August Stramm, Traum 128 

Ernst Stadler, Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei 

Nacht 12J) 

Theodor Däubler, Überraschung i3o 

3i4 



Georg Trakl, Sebastian im Traum i35 

Wilhelm Klemm, Betrachtungen . . i36 

Franz Werfel, Die Träne i37 

Franz Werfel, Gesang i38 

Gottfried Benn, Gesänge i38 

Gottfried Benn, Synthese i3o, 

Iwan Goll, Karawane der Sehnsucht . i3o, 

Franz Werfel, Ballade von Wahn und Tod i4o 

Wilhelm Klemm, Aufsuchung 1A2 

Wilhelm Klemm, Erscheinung i43 

Georg Heym, Mit den fahrenden Schiffen i43 

Johannes R. Becher, Klage und Frage i44 

Ernst Stadler, Der Spruch . . . 147 

Franz Werfel, Ich habe eine gute Tat getan . . . . i48 

Theodor Däubler, Oft i49 

Else Lasker-Schüler, An Gott i5o 

Else Lasker-Schüler, Zebaoth . . i5o 

Else Lasker-Schüler, Abraham und Isaak i5o 

Ernst Stadler, Anrede iöi 

Wilhelm Klemm, Sehnsucht i5i 

Paul Zech, Ich ahne dich IÖ2 

Ernst Stadler, Zwiegespräch i53 

August Stramm, Allmacht . . . i54 

Wilhelm Klemm, Reifung . . i54 

Karl Otten, Gott . i55 

Kurt Heynicke, Lieder an Gott i56 

Kurt Heynicke, Gedicht 167 

Rene" Schickele, Ode an die Engel . . . . . . . . i58 

Franz Werfel, Ich bin ja noch ein Kind . . . . . 160 

AUFRUF UND EMPÖRUNG 

Johannes R. Becher, Vorbereitung i65 

Walter Hasenclever, Der politische Dichter 166 

Franz Werfel, Aus meiner Tiefe 169 

Karl Otten, Des Tagdomes Spitze 171 

Wilhelm Klemm, Phantasie 172 

Alfred Wolfenstein, Glück der Äußerung 178 

Theodor Däubler, Mein Grab ist keine Pyramide . . . 174 

Kurt Heynicke, Aufbruch 176 

Walter Hasenclever, Mein Jüngling, du 176 

Ernst Wilhelm Lotz, Aufbruch der Jugend 176 

3i5 



Rene Schickele, Der rote Stier träumt I 79 

Karl Otten, Arbeiter! i83 

Paul Zech, Die neue Bergpredigt 186 

Rene Schickele, Großstadtvolk 189 

Paul Zech, Mai-Nacht 190 

Ludwig Rubiner, Die Stimme 190 

Johannes R. Becher, An die Zwanzigjährigen . . . . 195 

Alfred Wolfenstein, Chor 196 

Alfred Wolfenstein, Kameraden! * . 195 

Karl Otten, Für Martinet 197 

Karl Otten, Die Thronerhebung des Herzens . . . . 202 

Walter Hasenclever, Jaures Tod 2o5 

Walter Hasenclever, Jaures Auferstehung . . . . . 2o5 

Rudolf Leonhard, Der mongolische Totenkopf . . . 206 

Albert Ehrenstein, Stimme über Barbaropa . . . . 207 

Ludwig Rubiner, Die Engel 208 

Ludwig Rubiner, Denke 209 

Rudolf Leonhard, Der seraphische Marsch 210 

Walter Hasenclever, 1917 211 

Franz Werf ei, Revolutions-Auf ruf 2 1 5 

Johannes R. Becher, Mensch stehe auf 2i5 

Walter Hasenclever, Schon aus roten Kasematten . . 219 

Alfred Wolfenstein, Der gute Kampf . . . . . . 220 

Johannes R. Becher, Ewig im Aufruhr 2 23 

Rud. Leonhard, Prolog zu jeder kommenden Revolution 2 25 

Johannes R. Becher, Eroica 227 

Johannes R. Becher, Klänge aus Utopia 23o 

Kurt Heynicke, Volk 233 

Else Lasker-Schüler, Mein Volk 233 

Iwan Goll, Noemi 234 

Ludwig Rubiner, Der Mensch 238 

Kurt Heynicke, Mensch 239 

Franz Werfel, Der gute Mensch 2^0 

LIEBE DEN MENSCHEN 

Franz Werfel, An den Leser 2 43 

Wilhelm Klemm, Einleitung . . 243 

Paul Zech, An meinen Sohn 2 44 

Franz Werfel, Vater und Sohn 247 

Walter Hasenclever, Die Todesanzeige 248 

Wilhelm Klemm, Der Bettler 248 

3i6 



Albert Ehrenstein, Hoffnung 249 

Else Lasker-Schüler, Und suche Gott 249 

Franz Werfel, Eine alte Frau geht 260 

Johannes R. Becher, Hymne auf Rosa Luxemburg . . 2Öi 

Rudolf Leonhard, Der tote Liebknecht 2 53 

Jwan Goll, Schöpfung 2 54 

Alfred Wolfenstein, Hingebung des Dichters . . . . 2 55 

Franz Werfel, Lächeln Atmen Schreiten 2 56 

Rene Schickele, Heilige Tiere...! 257 

Georg Heym, Die Seefahrer 2 58 

Iwan Goll, Der Panama-Kanal 2 58 

Karl Otten, An die Besiegten ...261 

Alfred Wolfenstein, Andante der Freundschaft . . . 2 63 

Kurt Heynicke, Freundschaft 267 

Ludwig Rubiner, Die Ankunft 267 

Alfred Wolfenstein, Die Friedensstadt 270 

Wilhelm Klemm, Ergriffenheit 272 

Wilhelm Klemm, Erfüllung .........272 

Rene Schickele, Pfingsten „..273 

Rene Schickele, Abschwur . . 273 

Franz Werfel, Das Maß der Dinge . . . . . . . 274 

Ernst Stadler, Form ist Wollust 275 

Theodor Däubler, Der stumme Freund 275 

Johannes R. Becher, Die Insel der Verzweiflung. . . 276 

Iwan Goll, Wassersturz 276 

Theodor Däubler, Es sind die Sonnen und Planeten . .277 

Rudolf Leonhard, Abendlied 279 

Walter Hasenclever, Gedichte . 280 

Walter Hasenclever, Auf den Tod einer Frau . . . . 281 

Else Lasker-Schüler, Gebet 281 

Franz Werfel, Yeni creator spiritus 282 

Theodor Däubler, Der Mensch ist eine welke Klette . 2 85 

Kurt Heynicke, Gesang 286 

Franz Werfel, Ein geistliches Lied 286 

Franz Werfel, Die Leidenschaftlichen . . . . . . 287 

Paul Zech, Das ist die Stunde . 288 

Wilhelm Klemm, Einheit ... 289 

Georg Trakl, Gesang des Abgeschiedenen 290 

Walter Hasenclever, Du Geist, der mich verließ . . . 290 

Kurt Heynicke, Psalm 290 

Franz Werfel, Ein Lebenslied , ; . . 291 

317 



VERZEICHNIS DER GEDICHTE 

NACH DER 

ALPHABETISCHEN FOLGE DER DICHTER 



BECHER, JOHANNES R. 

Verfall 4 

Berlin 7 

Aus den Gedichten um Lotte 94 

Abendgebet um Lotte ............ 101 

Der Wald 110 

Klage und Frage i44 

Vorbereitung i65 

An die Zwanzigjährigen 195 

Mensch stehe auf! 2i5 

Ewig im Aufruhr 223 

Eroica ....227 

Klänge aus Utopia 2S0 

Hymne auf Rosa Luxemburg ..25i 

Die Insel der Verzweiflung 276 

BENN, GOTTFRIED 

Kleine Aster i5 

Der junge Hebbel 3o 

Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke ... 55 

D-Zug 88 

Karyatide 98 

Nacht—: 127 

Gesänge i38 

Synthese ' . . . 139 

DÄUBLER, THEODOR 

Diadem .... .......... 1 3 

Flügellahmer Versuch i3 

Hätt' ich ein Fünkchen Glück 3 3 

Was? 24 

Einsam 20 

Der Atem der Natur 110 

Die Buche n3 

Der Baum ...n5 

Millionen Nachtigallen schlagen 117 

3i8 



Winter . . ....121 

Dämmerung 123 

Überraschung . i3o 

Oft i49 

Mein Grab ist keine Pyramide ......... 174 

Der stumme Freund 275 

Es sind die Sonnen und Planeten 277 

Der Mensch ist eine welke Klette 2 85 

EHRENSTEIN, ALBERT 

So schneit auf mich die tote Zeit 28 

Verzweiflung 28 

Leid 29 

Auf der hartherzigen Erde 29 

Der Wanderer 33 

Schmerz 36 

Ich bin des Lebens und des Todes müde 37 

Unentrinnbar 39 

Die Nachtgefangenen 4i 

Der Kriegsgott 45 

Der Dichter und der Krieg 49 

Julian . 59 

Der ewige Schlaf 66 

Die Götter 73 

Verlassen io3 

Abendsee i2Ö 

Friede 125 

Stimme über Barbaropa 207 

Hoffnung 249 

GOLL, IWAN 

Wald .112 

Karawane der Sehnsucht 139 

Noemi 234 

Schöpfung 254 

Der Panamakanal 2 58 

Wassersturz 276 

HASENCLEVER, WALTER 

Tritt aus dem Tor, Erscheinung 35 

Die Lagerfeuer an der Küste 4i 

S19 



Gasglühlicht summt 86 

Die Nacht fällt scherbenlos 87 

Oft am Erregungsspiel 87 

Kehr mir zurück mein Geist 88 

Der Gefangene 89 

Der Schauspieler 92 

Begegnung ......... . 107 

Der politische Dichter 166 

Mein Jüngling, Du 175 

Jaures Tod 2o5 

Jaures Auferstehung 2o5 

1917 211 

Schon aus roten Kasematten 219 

Die Todesanzeige 248 

Gedichte 280 

Auf den Tod einer Frau ........... 281 

Du Geist, der mich verließ .......... 290 

HEYM, GEORG 

Umbra vitae .«•••• 3 

Der Gott der Stadt 6 

Die Dämonen der Städte. . . v • . .... . i4 

Der Krieg . . . . 39 

Die Heimat der Toten . . . . 5i 

Die Morgue 56 

Ophelia 64 

„Deine Wimpern, die langen 4 ' 108 

Der Baum ... .u4 

Alle Landschaften haben ........... i2Ö 

Mond 126 

Mit den fahrenden Schiffen i43 

Die Seefahrer %58 

HEYNICKE, KURT 

Erhebe die Hände 34 

Gethsemane 38 

Das Bild ................ 46 

In der Mitte der Nacht ........... 102 

Lieder an Gott i56 

Gedicht 167 

Aufbruch . . . . 17 5 

820 



Volk . . . . 233 

Mensch . 239 

Freundschaft . . . . . . . . . 267 

Gesang 286 

Psalm . 290 

HODDIS, JAKOB VAN 

Weltende '3 

Die Stadt 10 

Tristitia ante ...„...„..- 16 

Der Todesengel 63 

Morgens 121 

KLEMM, WILHELM 

Meine Z t eit 4 

Philosophie 35 

Lichter 38 

Schlacht an der Marne 48 

Bekenntnis , 99 

Der Baum n4 

Herbst 119 

Ausgleich . . . 121 

Betrachtungen i36 

Aufsuchung . . i42 

Erscheinung i43 

Sehnsucht i5i 

Reifung i54 

Phantasie 172 

Einleitung 2 43 

Der Bettler 248 

Ergriffenheit 272 

Erfüllung 272 

Einheit 289 

LASKER-SCHÜLER, ELSE 

Senna Hoy 62 

Meine Mutter fia 

Ein Lied der Liebe 95 

Ein alter Tibetteppich 97 

Doktor Benn 102 

Ein Lied io'4 



21 



321 



Abschied io4 

Versöhnung . 107 

An Gott i5o 

Zebaoth i5o 

Abraham und Isaak . . , i5o 

Mein Volk 2 33 

Und suche Gott 249 

Gebet ......281 

LEONHARD, RUDOLF 

Der mongolische Totenkopf ,.206 

Der seraphische Marsch ,.».210 

Prolog zu jeder kommenden Revolution. . . . . . 226 

Der tote Liebknecht 2 53 

Abendlied .... 279 

LICHTENSTEIN, ALFRED 

Die Dämmerung .............. 11 

Nebel 22 

Ausflug 22 

Sommerfrische 26 

Die Schlacht bei Saarburg 48 

Spaziergang 84 

Mädchen 94 

In den Abend ia3 

LOTZ, ERNST WILHELM 

Glanzgesang 84 

Ich flamme das Gaslicht an 86 

Wir fanden Glanz 95 

Und schöne Raubtierflecken 95 

In gelben Buchten 120 

Aufbruch der Jugend 176 

OTTEN, KARL 

Gott . . . . i55 

Des Tagdomes Spitze 171 

Arbeiter! . . . . i83 

Für Martinet 197 

Die Thronerhebung des Herzens . . . . . . . , 202 

An die Besiegten 261 

332 



RUBINER, LUDWIG 

Die Stimme . 190 

Die Engel . 208 

Denket 209 

Der Mensch 238 

Die Ankunft 267 

SGHIGKELE, RENfi 

Bei der Einfahrt in den Hafen von Bombay .... 89 

Die Leibwache . 90 

Sonnenuntergang .............122 

Der Knabe im Garten 123 

Mondaufgang ,....126 

Ode an die Engel i58 

Der rote Stier träumt 179 

Großstadtvolk' . . , 189 

Heilige Tiere.,.! 257 

Pfingsten . . . . „ .... 273 

Abschwur ..».•• 273 

STADLER, ERNST 

Abendschluß . 12 

Tage 16 

Der Aufbruch * . 4o 

In der Frühe 98 

Vorfrühling ..119 

Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht . . . . 129 

Der Spruch 1^7 

Anrede i5i 

Zwiegespräch i53 

Form ist Wollust ., 275 

STRAMM, AUGUST 

Untreu 24 

Schwermut . 36 

Verzweifelt 38 

Wache 48 

Patrouille 48 

Sturmangriff . 48 

Blüte 97 

Wunder. 98 

323 



Dämmerung , 99 

Abendgang 100 

Vorfrühling ..,, 118 

Traum ....128 

Allmacht i54 

TRAKL, GEORG 

De Profundus 27 

Ruh und Schweigen 28 

In den Nachmittag geflüstert 28 

An den Knaben Elis 60 

Elis 61 

Helian 70 

Der Herbst des Einsamen ,120 

Abendlied 124 

Sebastian im Traum i35 

Gesang des Abgeschiedenen .......... 290 

WERFEL, FRANZ 

Fremde sind wir auf der Erde alle 34 

Der Krieg 43 

Der Ritt 53 

Trinklied 69 

Warum, mein Gott 76 

Wir nicht 77 

Der dicke Mann im Spiegel 81 

Der schöne strahlende Mensch 85 

Hekuba 92 

Als mich dein Wandeln an den Tod verzückte .... 108 

Die Träne 137 

Gesang i38 

Ballade von Wahn und Tod. . i4o 

Ich habe eine gute Tat getan ,i48 

Ich bin ja noch ein Kind 160 

Aus meiner Tiefe 169 

Revolutions-Aufruf 2i5 

Der gute Mensch 240 

An den Leser 243 

Vater und Sohn 247 

Eine alte Frau geht 2Öo 

Lächeln Atmen Schreiten 2 56 

3s4 



Das Maß der Dinge . 274 

Veni creator spiritus ............ 282 

Ein geistliches Lied ............. 286 

Die Leidenschaftlichen ..,.287 

Ein Lebenslied . ..... 291 

WOLFENSTEIN, ALFRED 

Städter 10 

Bestienhaus 10 

Verdammte Jugend ............. 19 

Nacht im Dorfe 26 

Die gottlosen Jahre 33 

Das Herz 81 

Glück der Äußerung 173 

Chor ..... 195 

Kameraden! 195 

Der gute Kampf 220 

Hingebung des Dichters 2 55 

Andante der Freundschaft . 2 63 

Die Friedensstadt 270 

ZECH, PAUL 

Fabrikstraße tags 19 

Sortiermädchen . 20 

Fräser 21 

Musik der Sterne 49 

Aus den Fenstern eines Kesselhauses 82 

Der Wald n3 

Die Häuser haben Augen auf getan 124 

Ich ahne Dich IÖ2 

Die neue Bergpredigt 186 

Mai-Nacht ................ 190 

An meinen Sohn. . 2 44 

Das ist die Stunde ............. 288 




GEDRUCKT BEI 

POESGHEL & TREPTE 

IN LEIPZIG 



ERNST ROWOHLT VERLAG / BERLIN W 55 

DIE ENTFALTUNG 

Novellen an die Zeit 

Herausgegeben von 
MAX KRELL 

Novellen von Adler, Beim, Brod, Buber, Däubler, Döblin, 

Edschmid, Ehrenstein, Frank, Jung, Kafka, Kolb, Lasker- 

Schüler, W. Lehmann, H. Mann, Meidner, Sack, Schickele, 

Steffen, Sternheim, E. Weiß, Werfel. 

Gebunden M 90. — » Halblederband M 150. — 

* 

Königsberger Hartungsche Zeitung: Die in der „Entfaltung" zusam- 
mengefaßten Novellen rühren von den besten Namen und Köpfen 
her, die die moderne deutsche Literatur aufweist: sich mit ihnen zu 
befassen, ist also die Pflicht aller, denen die Kunst am Herzen liegt. 



Zwiebelfisch, München: Glänzende Einleitung des Herausgebers, ein 

stilistisches Meisterwerk. Die Auswahl könnte unmöglich noch 

charakteristischer, interessanter und wertvoller sein. Die denkbar 

klarste Einführung in die moderne Literatur. 



Weser-Zeitung, Bremen: Alles, was über die innere Notwendigkeit 
dieser Novellensammlung zu sagen wäre, die zum ersten Male einen 
abschließenden Ring in die erzählende Literatur schlägt, hat der 
Herausgeber in seiner Vorbemerkung zur Gestalt gebracht . . . 
Mit feiner kundiger Hand ist das Beste des Besten zusammen- 
getragen. Der Name „Entfaltung", den der Novellenband trägt, 
lenkt den Blick auf sein Wesentliches: auf ein wurzelecht Ge- 
wachsenes, das hier seine erste volle Blüte offenbart. 



ERNST ROWOHLT VERLAG / BERLIN W 55 
Johannes R. Becher 

EWIG IM AUFRUHR 

Geheftet M. 5.— 

Albert Ehrenstein 

WIEN 

Gebunden M 54. — In Halbldr. geb. (numeriert u. signiert) M 85.— 

Walter Hasenclever 

GEDICHTE AN FRAUEN 

Handpressendruck der Officina Serpentis in 200 numerierten 
und signierten Exemplaren • Kartoniert M 250. — 

GOBSECK 

Drama in fünf Akten 
Geheftet M 50.— • Gebunden M 60.— 

JENSEITS 

Drama in fünf Akten 
Geheftet M 50.— - Gebunden M 60. — - Halblederband M 95. — 

DER POLITISCHE DICHTER 

Geheftet M. 5.— 

DER RETTER 

Dramatische Dichtung 
Geheftet M 20.— • Halbleinenband M 50 — 



Rudolf Leonhard 

ALLES UND NICHTS! 

Aphorismen 
Geheftet M 9.50 - Gebunden M 50.— 



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2004 



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